FÜR SPONTANE: 8 x 8

FÜR SPONTANE: 8 x 8

Tbilisi, Schachpalast (Bild: Ausstellungsprojekt "The Future never happened")
Tbilisi, Schachpalast (Bild: Ausstellungsprojekt „8×8. The Future that Never Happened“)

In der frühen Sowjetunion wurde das Schachspiel gefördert, da man in ihm eine utopische Idee zur allseitigen Vervollkommnung eines neuen Menschen sah. In nur wenigen Jahren entwickelte sich das königliche Brettspiel zum Massensport. Seine Anziehungskraft hat in der gesamten Zeit der Sowjetunion nie nachgelassen, auch wenn das Spiel bald zum Instrument des politischen Kampfes geworden war: Internationale Erfolge sollten die Überlegenheit des sowjetischen Systems demonstrieren.

 
Hervorragende Leistungen der georgischen Schachspielerin Nona Gaprindaschwili nahm man 1973 zum Anlass, einen ihr gewidmeten Schachpalast in der Hauptstadt Tbilisi zu errichten. Es entstand ein leichter transparenter dreigeschossiger Beton-/Glasbau mit umlaufender Terrasse, der sich stimmig in den umliegenden Park einfügte. Im Inneren gruppieren sich die Funktionsräume um einen theaterähnlichen Zuschauerraum mit einer Bühne, der für 540 Besucher ausgelegt war. Großformatige Holz- und Steinschnitzereien sowie Holzinkrustationen schmücken das Innere des Gebäudes. Die Ausstellung “8×8. The Future that Never Happened” findet im Schachpalast selbst statt und beinhaltet neben einem reichen Archivmaterial zur Baugeschichte auch Werke internationaler zeitgenössischer Künstler, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. Juli 2016. Eine Publikation sowie eine erweiterte Version der Ausstellung in Berlin sind in Planung. (kb, 26.7.16)

Jenga auf Georgisch

Jenga auf Georgisch

Ehem. Gerorgisches Straßenbauministerium (Bild: Ausstellungszentrum am Ringturm)
Das ehemalige  Georgische Straßenbauministerium (Bild: Ausstellungszentrum am Ringturm)

Der georgische Hauptstadt Tiflis kam traditionell durch ihre geografische Lage eine besondere wirtschaftliche und politische Bedeutung zu. Dies schlug sich auch in Architektur und Planung nieder, die von Baumeistern aus ganz Europa geprägt wurde und verschiedene Baustile rezipierte. Die Ausstellung „Tiflis. Architektur am Schnittpunkt der Kontinente“ im Wiener Ringturm (Schottenring 30, 1010 Wien) porträtiert Tiflis noch bis zum 27. April 2016.

Neben den Bauten des 19. Jahrhunderts, die bis heute für die Erscheinung der Stadt konstitutiv sind, widmet sich die Schau auch dem bewegten 20. sowie dem 21. Jahrhundert, die der Stadt mehrere Bebauungspläne und eine heterogene Auswahl an Bauten bescherten. Neben Stalinbarock, Ostmoderne und brandneuer Repräsentationsarchitektur finden sich so skurrile Beispiele wie das ehemalige georgische Ministerium für Straßenbau. Das Gebäude aus dem Jahr 1975 wirkt, als hätten kaukasische Riesen Jenga gespielt und die Lust verloren, bevor der Turm eingestürzte. Das Ergebnis ist ein aufgeständerter Bau in Hanglage, der einen kleinen Bach überspannt und aus mehreren übereinander gestapelten Gebäuderiegel besteht. Der Architekt, George Tschachawa, musste trotz des gewagten Entwurfs nicht mit Gegenwind rechnen: Zum Zeitpunkt des Baus war er praktischerweise Verkehrsminister und somit auch Bauherr. (jr, 24.4.16)

Urban Diaries

von Katharina Sebold

Eka Bugianishvili: leeres Haus (Foto: © Eka Bugianishvili)
Eka Bugianishvili: leeres Haus (© E. Bugianishvili)

In Tbilisi wurde Anfang Oktober in der neuen Galerie „Artaeria“ eine Fotoausstellung eröffnet: Vier junge georgische Kunstschaffende haben sich mit den städtebaulichen Veränderungen ihres Landes in den letzten 25 Jahren auseinandergesetzt. Dabei ging es ihnen um das Besondere der georgischen Stadtlandschaft, die den allgemeinen Problemen der postindustriellen bzw. informationsorientierten Stadt- und Regionalentwicklung ausgeliefert ist. Bereits der Titel der Ausstellung „Urban Diaries“ verweist neben dem dokumentarischen auf den persönlichen Aspekt der Arbeiten. Die Fotografinnen und Fotografen nähern sich der Vielfalt ihrer Städte als Eingeweihte, als Vertraute. Damit gleichen ihre Bilder persönlichen Tagebüchern, die auch aktuelle politische, wirtschaftliche und städtebauliche Entwicklung einfangen.

 

Erinnerungen

Eka Bugianishvili: Plattenkiosk (Foto: © Eka Bugianishvili)
Eka Bugianishvili: Plattenkiosk (© E. Bugianishvili)

Die ausgestellten Lichtbilder zeigen die vielschichtigen Strukturen gebauter und meist menschenleerer Landschaften. Irakli Andguladze, Eka Bugianishvili, Zuka Chachanidze und Magda Lobjanidze begaben sich in ihren Motiven auf die Spur städtischer Gestaltung der Sowjetzeit und der Umwälzungen der nachfolgenden Jahre. Doch ihre Aufnahmen sind ganz auf das Jetzt ausgerichtet. Aus dieser Position heraus thematisieren die Fotografien, wie Wirklichkeit, Erfahrungen und Erinnerungen erschaffen, symbolisch gedeutet und materiell umgedeutet wurden. Erinnerungen, wie sie in städtischen Räumen und Landschaften gespeichert sind.

Die Lichtbilder zeigen die flimmernde materielle Veränderung in ihrer unfassbaren Ungleichzeitigkeit. Dabei werfen sie die Frage auf, wie sich Macht und Machtstreben in Objekten wiederspiegeln, wie sie sich visuell politische Geltung verschaffen und zu sozialer Wirklichkeit werden. So wird sichtbar, wie die sowjetische Vergangenheit und der darauf folgende Bürgerkrieg in manchen Stadträumen erstaunlich nachhaltig greifbar ist. Hier bleibt das Neue stecken. Stattdessen  nagt die Zeit Stück für Stück aus der Wand der Zukunft und hinterlässt Fotomotive von großer Kraft.

 

Spuren

Zuka Chachanidze: Fassade (Foto: © Zuka Chachanidze)
Zuka Chachanidze: Wand (© Z. Chachanidze)

Menschliche Errungenschaften stehen in der Bildkomposition oft im Kontrast zum vermeintlich natürlichen Hintergrund und heben sich deutlich von diesem ab. Vor allem Zuka Chachanidze visualisiert diese Spannung zwischen Menschen und Natur, zwischen Stadt und Landschaft, indem er architektonische Formen abstrahiert. Damit lassen sich seine Fotografien lesen als Atlanten der materiellen menschlichen Anwesenheit, obwohl sie auf jede menschliche Anwesenheit verzichten.

Auch hinter der Kamera begegnet man stets diesem „sich wundernden Blick“. In ihrer realistischen Darstellung spiegeln die fotografischen Arbeiten zugleich deren Erschaffungs- und Wahrnehmungsprozess, rücken die Bildproduktion selbst in den Fokus. Die Aufnahmen entlarven sich als Konstruktion, weil sie das Fotografieren selbst offenlegen: Viele Motive werden durch Zäune, dreckige Scheiben oder Autofenster in leichter Unschärfe „geschossen“. In dieser Darstellung des vermeintlich Gewöhnlichen wirken die analog erstellten Fotografien ehrlich und real.

 

Poesie

Irakli Andguladze: Aussicht (Foto: © EIrakli Andguladze)
Irakli Andguladze: Aussicht (© I. Andguladze)

Leise, wundersam und teils sehr melancholisch ist dieser entfremdende Blick auf das Eigentümliche. Als Studien einer unvollkommenen räumlichen Identität zeigen sie städtische Veränderungsprozesse auch mittels Licht. Sind es verbaute Ausblicke oder doch Möglichkeitsträume? Die Bilder umspielen die Momente des Übergangs zutiefst poetisch. In Westeuropa blickt man einerseits auf das Skurrile sozialistischer Architektur, andererseits schaudert man kollektiv vor den Wohnmaschinen der „Schlafstädte“. Doch die georgischen Künstler zeigen unprätentiös die Normalität jenseits dieser Stereotype. Gleichwohl sind ihre Motive voll geistreicher Irrationalismen. Faszinierend machen sie vielschichtige städtische Veränderungen durch Bilder verständlich – über alle Sprachgrenzen hinweg. Ihre Fotografien sind daher eine willkommene poetische Ergänzung zur bereits vorliegenden Literatur. Sie laden ein zu „Kopfreisen“ zu den versickerten Modernitätsströmen Georgiens. (14.11.16)