Thilo Schoder auf der Spur

Thilo Schoder (1888-1979) gehörte zu den erfolgreichsten Architekten des Neuen Bauens in Thüringen. Anfang 1933 kehrte er nicht mehr aus dem Weihnachtsurlaub in Norwegen nach Deutschland zurück. Schon längere Zeit hatte er keine Aufträge mehr erhalten, die Folgen der Weltwirtschaftskrise zwangen ihn, sein Büro in Gera zu schließen. „In Deutschland habe ich leider den Eindruck gewinnen müssen, dass es in absehbarer Zukunft vorbei ist mit der modernen Architektur. In der Deutschen Allgemeinen Zeitung habe ich gelesen, dass der Antrag gestellt worden ist, ein Gesetz zu erlassen, wonach das flache Dach als ‚orientalisch und nicht in die deutsche Landschaft passend‘ verboten werden soll“, schrieb er an Henry van de Velde.

Nachdem Schoder eine Arbeitserlaubnis bekam, schuf er in Norwegen zahlreiche Bauten in mehreren Städten. Briefe, Dokumente und der bis in die 1950er Jahre anhaltende freundschaftlich-künstlerische Austausch mit seinem Lehrer Henry van de Velde zeigen die Situation von Thilo Schoder in seiner neuen Wahlheimat, in der er bis zu seinem Lebensende blieb. Im Geraer Henry-van-de-Velde-Museum im Haus Schulenburg kann man noch bis 15. März eine Ausstellung über Thilo Schoder besuchen; Der Fotograf Jean Molitor hat seine erhaltenen Bauwerke in Deutschland und Norwegen hierfür besucht und dokumentiert. (db, 29.1.20)

Gera, Privatklinik Schäfer (Bild: Steffen Löwe, CC BY SA 3.0)

Gera ostmodern

Als Gera 1952 zur Bezirksstadt aufsteigt, hält auch die moderne Architektur Einzug. In den folgenden Jahrzehnten wurden Neubauten gefeiert und auf Postkarten verewigt. Heute sind es es teils nur noch diese Postkarten, die ein Bild vom einstigen Stolz auf die Ostmoderne vermitteln.

Im November veröffentlicht der Designer und Autor Liepach sein neues Buch zur Ostmoderne in Gera. Anhand seiner Sammlung von Echt-Foto-Postkarten aus den 1950er bis 1980er Jahren sollen die damaligen Architekturen, Inneneinrichtungen und Bildkunstwerke in Gera wieder lebendig werden. Die Texte dazu fertigte kein Geringerer als Ben Kaden. Am 25. November 2019 wird die Publikation um 14 Uhr im Stadtmuseum Gera (Museumsplatz 1, 07545 Gera) vorgestellt. (kb, 1.11.19)

Liepach, Christoph/Kaden, Ben, Gera Ostmodern, Sphere Publishers, Gera 2019, 128 Seiten, 100 Schwarz-Weiß- und Farbabbildungen, 28 × 24 cm, Hardcover, ISBN 978-3-9821327-0-9.

Titelmotiv: „Gera ostmodern“ – Postkartenbuch von Christoph Liepach und Ben Kaden (Bild: Detail aus der Publikation bei Sphere Publishers)

Petticoat und Nierentisch in Gera

Die Stadt Gera ist dem Freund klassisch-moderner Kunst in erster Linie wegen ihres berühmten Sohnes Otto Dix bekannt. Doch auch für Fans der Nachkriegsmoderne lohnt sich derzeit ein Ausflug nach Thüringen: Das Museum für Angewandte Kunst Gera widmet dem Alltagsdesign der 50er unter dem Namen „Tütenlampe, Petticoat und Nierentisch“ eine eigene Sonderausstellung.

Zu sehen sind Möbel, Kleidung und Alltagsgegenstände der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte. Dabei stoßen Produkte der westdeutschen Wirtschaftswunderjahren auf die Formgestaltung der DDR, die bis zur berüchtigten Formalismusdebatte gerne an die Tradition von Werkbund und Bauhaus ansknüpfte. In beiden Staaten avancierte Design bald zum Massenprodukt, die Gestalter blieben hinter der Bekanntheit ihrer Entwürfe zurück. Die Ausstellung versammelt unter anderem Arbeiten von so prominenten Designern wie Mart Stam, Horst Michel, Tea Ernst, Erna Hitzberger und Raymond Loewy. Sie ist bis zum 3. Juni zu sehen. (jr, 1.5.18)

Bild: Stadtverwaltung/Steffen Weiß