Petticoat und Nierentisch in Gera

Die Stadt Gera ist dem Freund klassisch-moderner Kunst in erster Linie wegen ihres berühmten Sohnes Otto Dix bekannt. Doch auch für Fans der Nachkriegsmoderne lohnt sich derzeit ein Ausflug nach Thüringen: Das Museum für Angewandte Kunst Gera widmet dem Alltagsdesign der 50er unter dem Namen „Tütenlampe, Petticoat und Nierentisch“ eine eigene Sonderausstellung.

Zu sehen sind Möbel, Kleidung und Alltagsgegenstände der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte. Dabei stoßen Produkte der westdeutschen Wirtschaftswunderjahren auf die Formgestaltung der DDR, die bis zur berüchtigten Formalismusdebatte gerne an die Tradition von Werkbund und Bauhaus ansknüpfte. In beiden Staaten avancierte Design bald zum Massenprodukt, die Gestalter blieben hinter der Bekanntheit ihrer Entwürfe zurück. Die Ausstellung versammelt unter anderem Arbeiten von so prominenten Designern wie Mart Stam, Horst Michel, Tea Ernst, Erna Hitzberger und Raymond Loewy. Sie ist bis zum 3. Juni zu sehen. (jr, 1.5.18)

Bild: Stadtverwaltung/Steffen Weiß

Gera?

Gera?

Gera-Lusan: "Die Birkenstraße blieb"
Für moderneREGIONAL ging Christoph Liepach, einer der Podiumsteilnehmer der Veranstaltung, im Herbst schon einmal auf Spurensuche in Gera-Lusan (Foto: privat)

Noch in den 1920er Jahren eine der wohlhabendsten Städte Deutschlands, wurde Gera in der DDR zur sozialistischen Bezirksstadt umgebaut und erprobte nach der Wiedervereinigung einen Neuanfang. Zwischen Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Relevanzverlust sucht die Stadt nach Anknüpfungspunkten, um ihre eigene Identität wieder zu erlangen. Ob und wie das gehen kann, soll am 6. Mai auf der Tagung „Gera? Hier ist Gera!“ ebendort (Gedenk- und Begegnungsstätte im Torhaus der politischen Haftanstalt, Amthordurchgang 9, 07545 Gera) diskutiert werden.

Der Programmpunkt „Gera als sozialistische Großstadt. Architektur und Städtebaupolitik“ untersucht daher, wie sich der ostmoderne Stadt-Umbau zum industriellen Platten-Bauen entwickelte. Im Spannungsfeld zwischen Erhalt und Abriss soll gefragt werden: Wie will Gera zukünftig mit dem sozialistischen Bauerbe umgehen? Kay Richter (Architekturhistoriker, Perleberg) ist als „Impulsgeber geladen, im Anschluss diskutieren Christoph Liepach (Designer und Buchautor über Gera-Lusan, Leipzig), Dr. Hans-Georg Tiedt (Stadtarchitekt der Stadt Gera 1972-89) und Juliane Richter (Kunsthistorikerin, Leipzig) unter der Moderation von Dr. Mark Escherich (Bauhaus-Universität Weimar). Wer noch zögern sollte, dem verheißen die Veranstalter: „Der Eintritt ist frei. Getränke und Speisen stehen zur Verfügung. Die Programmpunkte können auch einzeln besucht werden!“ (kb, 16.4.17)

Lusan, zum Beispiel

von Ben Kaden

Der Fotograf Christoph Liepach schenkte seinem Heimatort Gera-Lusan binnen zwei Jahren gleich zwei Bücher, die genaugenommen eins sind. Aber eben doch nicht ganz. Dass der „Stadtbilderklärer Gera-Lusan“ von 2016 und das soeben erschienene „Gera-Lusan – Vom Leben in der Trabantenstadt“ so ähnlich und doch unterschiedlich nebeneinanderstehen, ist im deutschen Verlagswesen begründet. Das erste Buch war überraschend schnell ausverkauft und so eigentlich vorbestimmt für eine zweite, erweiterte Auflage. Andererseits vielleicht auch nicht. Denn oberflächlich betrachtet erscheint das Thema so eingegrenzt, dass man sich beim Mitteldeutschen Verlag möglicherweise sagte: Alle, die sich für Gera-Lusan interessieren, müssten nun versorgt sein.

 

Unpacking Ostmoderne

Christoph Liepach ließ sich davon nicht entmutigen und nun liegt die überarbeitete Fassung des Stadtbilderklärers mit abgewandeltem Titel im kompakteren Format mit deutlich mehr Seiten in einem anderen Verlag zum exakt gleichen Verkaufspreis vor. Kennt man den einen Titel und blättert im anderen, dann stellt sich also eine Art fremd-vertrautes Gefühl ein, das erstklassig zum Gegenstand passt.

Lusan, ab 1972 im Süden von Gera auf die braune Ackerkrume gebaut, entstand in der für die DDR typischen industriellen Bauweise mit Komplexgliederung um drei Zentren (Süd, Laune, Brüte), die den Lebensrhythmus des Alltags wohlorganisiert auffangen sollten. Das teilt Lusan mit zahllosen anderen Neubauvierteln der DDR. Wer länger in einem solchen wohnte, erfährt meist unweigerlich ein Déjà-vu, wenn man in einem anderen dieser Viertel aus der Straßenbahn steigt. Diese Fremd-Vertrautheit ist ein kurioses Erbstück der Erinnerungskultur der DDR. Zugleich könnte es die wachsende Popularität der Ostmoderne in Popkultur und Architekturfotografie erklären. Ein Phänomen, das keinesfalls nur Ostdeutsche und Ostdeutschland betrifft, sondern dem man überall in Osteuropa begegnet. Darin ist viel Nostalgie, Faszination an der Utopie einer vermeintlichen Idealstadt, mitunter auch Heimweh nach einer Kindheit. Und dies alles steckt natürlich auch hinter dem Erfolg von Büchern wie dem Stadtbilderklärer.

 

Dicht mit Fakten

Freilich ist das vorliegende Buch in beiden Fassungen weit mehr als ein Erinnerungsbildband. Vielmehr eine sehr gelungene Fallstudie dafür, wie man sich empathisch Stadträumen wie dem von Lusan nähern kann. Und ähnlich diesen Räumen, erweist es sich als sonderbares, ein bisschen ungewöhnliches Hybrid, als Versprechen, das sich irgendwie einlöst und irgendwie nicht, weil es immer etwas anderes ist, als man zunächst zu sehen glaubt.

Das Buch ist dicht mit Fakten, zeigt Grundrisse und Modelle, benennt Stadtarchitekten, die Heimatfabrik der Straßenbahnen und die Schöpfer der baugebundenen Kunst bis hin zu den Hauseingangszeichen. Bei aller Detailliertheit ist es nirgends wissenschaftlich, denn es fehlen Forschungsfrage, Bibliografie und leider auch Begründung dafür, warum die Chronik 1986 abbricht.

 

Ein besonderes Heimatbuch

Die Auswahl der Bilder erinnert dagegen im positiven Sinne an auf Wiedererkennen gerichtete Heimatbücher. Auch der Klappentext spricht von einem „Bildband“. Aber zugleich ist das Buch mehr als ein solcher, da es versucht, mittels anekdotischer Eckpunkte und Zeitzeugenzitaten eine sozialhistorische Perspektive zu eröffnen. So verwischt, ob die Texte die Bilder beschreiben oder die Bilder die Texte illustrieren. Gab die erste Fassung des Buches mit dem Stichwort „Stadtbilderklärer“ einen Orientierungspunkt, führt „Vom Leben in der Trabantenstadt“ die Erwartung deutlich breiter. Ein Vorwort zur Motivation und zum Konzept wäre durchaus hilfreich gewesen.

Will man eine Kategorie für das Buch finden, so dürfte „Inventarisierung“ am besten treffen. Christoph Liepach trägt in Bild und Text zusammen, was zusammentragbar war und listet und beschreibt diese Fragmente – buchstäblich vom Kindergarten bis zum Pflegeheim. Das Ergebnis ist ein indirekt hochpersönliches und sehr schönes Dossier zur Geschichte des Neubaugebiets. Für die Zielgruppe „Erinnerung“ und besonders für die Menschen, die Lusan er- und belebt haben, entsteht so ein erstaunliches Panorama der Vergangenheit des Stadtteils – fast in Gestalt eines annotierten Fotoalbums. Für die Zielgruppe „Experten“ eröffnen sich zahlreiche Einstiegspunkte für weitere Recherchen, für die Suche nach Parallelen mit anderen Neubaugebieten der DDR und für die Verortung in der Städtebau-, Sozial-, Architektur- und eventuell auch Kunstgeschichte der DDR.

 

Es trifft

Man spürt, wie sehr Christoph Liepach selbst zwischen diesen beiden Polen schwankt: dem warmen Blick der teilnehmenden Erinnerung und dem abstrakten der fachlichen Analyse. Das Resultat hätte leicht beide Positionen verfehlen können. Ist man aber bereit, eine konkrete Vorerwartung zurückzustellen und das Buch als das Unbestimmte anzunehmen, was es ist, trifft es. Und es hinterlässt den Wunsch, dass schon aus Gründen der Materialsicherung viele andere dieser Neubaugebiete ihren Christoph Liepach finden würden und dass diese Christoph Liepachs einen Verlag finden, damit diese Dokumentationen zu oft übersehener Räume ihr Publikum finden. Gera-Lusan, das steht schon mal fest im Regal, ist dank Christoph Liepach in dieser Hinsicht glücklicherweise bereits gerettet. (25.10.18)

Liepach, Christoph, Gera-Lusan. Vom Leben in der Trabantenstadt, Sutton Verlag, Erfurt 2018, 128 Seiten, ca. 115 Abbildungen, 17 x 24 cm, Hardcover, ISBN 978-3-96303-034-5.