Die Kongresshalle Gießen

von Dagmar Klein

Das erste große Bürgerhaus Hessens entstand in Gießen (1961–1965). An der prominentesten Kreuzung der Innenstadt (Berliner Platz, Anlagenring) liegt es gegenüber vom Rathaus auf der einen und vom Stadttheater auf der anderen Seite. Der Verwaltungsneubau der Nachkriegszeit ist längst durch einen 2009 eröffneten Neubau ersetzt worden. Dagegen hatte das Theater von 1907 die Kriegsbombardierung überstanden und erfreut auch heute noch mit seiner Jugendstil-Architektur. Das Bürgerhaus selbst, das heute unter Kongresshalle firmiert, wurde unter der Leitung des renommierten schwedischen Architekten Sven Markelius (1889–1972) errichtet. Unter dem Motto “Hessen vorn” förderte die damalige SPD-geführte Landesregierung den Bau von Bürgerhäusern: Ende der 1960er Jahre verfügte das Bundesland über so viele Bürgerhäuser wie kein anderes Bundesland – Nummer 500 wurde 1969 in Marburg eröffnet.

Kongresshalle Gießen (Bild: historische Postkarte)

Kongresshalle Gießen – errichtet von April 1962 bis Dezember 1965 unter Bauleitung der Stadt Gießen (Bild: historische Postkarte)

Gemeinschaftshäuser für Hessen

Ende der 1950er Jahre boomte in der Bundesrepublik der Bau von Bürgerhäusern und Dorfgemeinschaftshäusern. Mancherorts wurden sie “Kongreßhalle” genannt, wie in Gießen, später bezeichnete man größere Komplexe als Stadthallen. Die Kombination der Nutzungsmöglichkeiten variierte – von Vereinsräumen über Jugendzentren und Bibliotheken, bis zu sportlichen und kulturellen Veranstaltungen. In Gießen kamen erste Forderungen nach einem Bürgerhaus 1957 auf, da der Raumbedarf für Tagungen und Veranstaltungen stark gewachsen war. Im Oktober 1958 fasste die Stadtverordnetenversammlung unter Leitung von Oberbürgermeister Albert Osswald, dem späteren hessischen Ministerpräsidenten, den Beschluss zum Bau einer „Kongreßhalle auf dem Berliner Platz“.

Das Stadtbauamt hatte bereits erste Entwürfe gefertigt, Bürgergruppen ihre Bedarfswünsche eingereicht, als im Herbst 1959 die Aufnahme in das „hessische Förderprogramm für Bürger- und Gemeinschaftshäuser“ beantragt wurde. Ab dieser Zeit ist die offiziell gewählte Bezeichnung in den Akten „Bürgerhaus“, womöglich in Anpassung an die Formulierung im Förderprogramm des Landes Hessen. Architekten wurden um Vorschläge gebeten, auch in der Partnerstadt Gießens, in Versailles. Eine Kommission reiste in Deutschland umher und sah sich bereits gebaute Bürgerhäuser an.

Im August 1960 kam aus dem Ministerium der Vorschlag, einen skandinavischen Architekten zu suchen, da deren Arbeit vorbildhaft sei. Zunächst hatte man den finnischen Architekten Alvar Aalto im Auge. Doch nach einer Anfrage beim schwedischen Konsulat stand der Name Sven Markelius im Raum. Der langjährige Stadtbaudirektor von Stockholm hatte sich bereits im Städtebau und bei der Planung von Bürgerhäusern einen Namen gemacht. Schnell kam die Zusage seines Büros, die erste Besprechung mit Markelius fand bereits im November 1960 statt. Sein Team richtete bald ein kleines Baubüro in Gießen ein.

Kongresshalle Gießen (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Kongresshalle Gießen, Modenschau – die Grundsteinlegung für den Bau erfolgte am 3. Juli 1962, das Richtfest feierte man am 2. Oktober 1964 und die Einweihung am 5. März 1966 (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Ein Architekt aus Schweden           

Der Architekt, Designer und Stadtplaner Sven Markelius zählt zu den wichtigen Vertretern des „schwedischen Funktionalismus“. In Stockholm studierte er an der Technischen Hochschule und der Hochschule der freien Künste (1910–1915), absolvierte seine Lehre im Architekturbüro von Ragnar Östberg und eröffnete 1920 ein eigenes Architekturbüro. Waren seine Entwürfe anfangs vom Klassizismus inspiriert, machte sich zunehmend der Einfluss der Moderne bemerkbar, vor allem von Le Corbusier. Bei einem Besuch in Dessau lernte er Walter Gropius kennen, auch die Ideen des Bauhauses flossen in die Arbeit von Markelius ein.

Sein erstes Großprojekt bildete das Konzerthaus in Hälsingborg (1932–1934), für das er neben der Architektur auch stapelbare Stühle entwarf. Ein weiterer Marksteine war 1939 der schwedische Pavillon für die New Yorker Weltausstellung. 1945 wurde er in die Baukommission für das UNO-Hauptquartier in New York und zum Mitglied des Kunst- und Baukomitees für die UNESCO-Gebäude in Paris berufen. Hinzu kamen diverse Mitgliedschaften in Akademien sowie Preise.

1944 wurde Markelius Stadtbaudirektor in Stockholm und leitete das Planungsbüro bis 1954. Sein Aufgabenbereich umfasste die Umgestaltung der Innenstadt und einiger Vororte von Stockholm. Zu seinen Einzelgebäuden zählen Studenten- und Appartementhäuser, Hotels und Restaurants sowie mehrere Folkets Huset (Volksheime, Bürgerhäuser). Seine einzige Arbeit in Deutschland, die 1966 in seinem Beisein eingeweihte Kongresshalle in Gießen, zählt zu seinem Alterswerk. Noch zum Hessentag 1979 in Gießen wurde mit dem Bau und seinen neuen Räumen, vor allem mit der modernen Gastronomie, intensiv geworben.

Kongresshalle Gießen (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Kongresshalle Gießen – entworfen vom Stockholmer Architekten Sven Markelius, durchgeführt von der Gießener Hauptbaufirma Abermann (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Der Stil der Demokratie

Die Gießener haderten eher mit dem Gebäude, weder der Architekt noch sein Werk wurden in der hiesigen Öffentlichkeit gewürdigt. In Schweden hingegen werden seine Designs “timmer” und “pythagoras” bis heute als Tapete, Vorhang oder Decke produziert. Für den deutschen Geschmack scheinen sie zu großmustrig und starkfarbig – die Vorhänge im Veranstaltungssaal der Kongresshalle Gießen, der einzige materielle Import aus Schweden, wurden nach wenigen Jahren entfernt.

Schweden galt in der Nachkriegszeit als das Musterland der Sozialdemokratie. Die dort von der Politik geförderte Bauweise war der ebenso zweckmäßige wie kostengünstige Funktionalismus. Zu den Vorbildern zählte die deutschen Bewegungen Neues Bauen und Bauhaus. Für das Deutschland der Wiederaufbaujahre war Schweden in mehrfacher Hinsicht ein Vorbild, man sprach sogar vom „demokratischen Baustil“. Die Beauftragung des schwedischen Architekten Sven Markelius war somit auch ein politisches Zeichen. In Gießen ist der Demokratie-Gedanke körperlich erfahrbar, denn das Gebäude muss selbständig erlaufen werden. Es gibt keinen Standort, von dem es sich vollständig erschließt.

Kongresshalle Gießen (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Kongresshalle Gießen – die geplanten Kosten lagen bei 5,2 Millionen DM, der Landeszuschuss betrug 2,2 Millionen DM, die Endkosten stiegen bis auf 9 Millionen DM (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Vom Vorhang bis zur Topfpflanze

Die Architektur der Kongresshalle lebt von ihren durchdachten Details: Raumbezüge und Blickachsen, wertige Materialien, fein aufeinander abgestimmte Einrichtungsstücke, Deckengestaltungen, Lampen, Fußböden und Vorhänge, Topfpflanzen und Sitzmöbel, bis hin zum Geschirr im Restaurant – bei allem traf Markelius die letzte Entscheidung. Der Komplex zeichnet sich durch mehrere zwei- bis dreigeschossige Kuben mit Flachdächern aus, die um einen Innenhof angeordnet sind. Das größte und höchste Gebäude, das dem Rathaus gegenüber liegt, beherbergt die Veranstaltungssäle. Auf der Seite zum Parkplatz dienen die niedrigen Kuben der Verwaltung, als Vortrags- und Versammlungsräume. Die Fassade zur Südanlage weist eine Art Wandelgang auf, dessen lange Fensterreihe den Blick auf das Stadttheater gegenüber ermöglicht. Von außen betrachtet wirkt dies wie ein transparentes Band im steinernen Kubus.

Die Rückseite des Ensembles ist dem Flüsschen Wieseck zugewandt. Dort liegt an der Seite zum Berliner Platz der erhöhte Eckbau mit Hausmeisterwohnung, daran anschließend das Restaurant. Eine kleine Brücke über die Wieseck ermöglicht von der Löberstraße (parallel zur Wieseck) den Zugang zum Innenhof. Anfangs befand sich hier die Außenterrasse des Cafés, die aktuell noch vorhandene Felsenlandschaft im Innenhof stammt aus den 1980er Jahren. Vom Hof aus führt ein Seiteneingang in die einst als Stadtbibliothek genutzten Räume, deren offizieller Eingang zur Lonystraße (neben dem Parkplatz) weist. Dieser Gebäudeblock ist auf Stützten im Bachbett der Wieseck verankert.

Kongresshalle Gießen (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Kongresshalle Gießen – seit 2016 unter Denkmalschutz (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Unter Schutz

Das Äußere der Kongresshalle ist geprägt vom gedeckten Gelb der Klinkerfassaden. Bei diesem vom Architekten gewünschten Material musste die heimische Firma Gail passen, den Auftrag erhielt schließlich die Firma Dörentrup aus dem Kreis Lippe. Die Fugen der niedrigen Gebäudeteile verlaufen horizontal, durchbrochen von kleinen quadratischen Fenstern. Der Veranstaltungssaal hingegen wird durch vertikale Strukturen mit Spaltklinkern in seiner Höhenwirkung betont. Hinzu kommen die schmalen hochrechteckigen Fenster an den Seiten zum Berliner Platz und zum Innenhof. Ungewöhnlich sind davor die quasi freischwebenden Betonblöcke als Schattenspender sowie die markanten Rundfenster in den Decken einiger Flure und im ehemaligen Bibliotheksraum (heute Ausstellungsraum KiZ). Die frühere Kunsthalle (heute Vortragsraum) erhielt zusätzlich breite Atelierfenster, die bei Kunstpräsentation für ein gleichmäßiges Tageslicht sorgten. Ganz zuletzt wurde der geplante ‘Schilderständer” über dem Eingang Südanlage noch künstlerisch aufgewertet: Dargestellt sind die kulturellen Errungenschaften der Menschheit und das Gießener Wappen mit dem stehenden Löwen.

Die Wieseck-Seite hat verschiedene Nutzungsänderungen erfahren, das Restaurant wurde 2013 geschlossen. Seit 2009 ist die Stadtbibliothek ins neue Rathaus gezogen, der zweistöckige Raum mit Freitreppe und umlaufender Galerie wurde renoviert und zum städtischen Ausstellungsraum KiZ (Kunst im Zentrum) umgestaltet. Die Räume des Jugendamts dienen heute als Literarisches Zentrum, der Raum für die Senioren ist schon lange Treffpunkt für Vereine. Einzig die Volkshochschule ist in ihren (Keller)Räumen zur Parkplatzseite geblieben. Auf Antrag des städtischen Denkmalbeirats wurde die Kongresshalle 2016 unter Denkmalschutz gestellt. Seit 2020 erfolgen schrittweise Sanierungsmaßnahmen, die auch den Rückbau von Sichtbeton-Anbauten der 1980er Jahre einschließen. (10.2.22)

Kongresshalle Gießen (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Kongresshalle Gießen (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Kongresshalle Gießen (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Kongresshalle Gießen (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Kongresshalle Gießen (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Kongresshalle Gießen (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Kongresshalle Gießen (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Kongresshalle Gießen (Bildquelle: Bauakten/Broschüren der Stadthallen GmbH Gießen (SHG))

Kongresshalle Gießen (Bild: Dagmar Klein)

Kongresshalle Gießen (Bild: Dagmar Klein)

Kongresshalle Gießen (Bild: Dagmar Klein)

Kongresshalle Gießen (Bild: Dagmar Klein)

Kongresshalle Gießen (Bild: Dagmar Klein)

Kongresshalle Gießen (Bild: Dagmar Klein)

Literatur

Bürgerhaus (bauwelt 44, November), 1969.

Rudberg, Eva, Sven Markelius. Arkitekt, Arkitektur Förlag, Stockholm 1989.

Ray, Stefano, Sven Markelius 1889-1972, Rom 1989.

Budzynski, Scott, Eine neue ‚Stadtkrone’. Das Bürgerhaus Gießen von Sven Markelius. Architektur der Nachkriegsmoderne, in: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins 94, 2009.

Klein, Dagmar, Kongresshalle Gießen. Beispielhafte Architektur der 60er Jahre, in: Hessische Heimat 2021, 2.

Titelmotiv: Kongresshalle Gießen (Bild: historische Postkarte)

Ein unfreiwilliger Einzelgänger wird 30

Bevor die evangelische Kirche in Gießen-Vetzberg errichtet werden konnte, musste ihre Größe mit einem 1:1-Holzmodell simuliert werden. Denn als Standort für die neue Predigtstätte hatte man sich den inzwischen stillgelegten Friedhof ausgesucht. Und hier wollte die Denkmalpflege sicher gehen, dass das Bauvorhaben den historischen Charakter nicht beeinträchtigen würde. Schon in der Planung war man ungewöhnliche Wege gegangen. Für den Entwurf hatten die Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und die Otto-Bartning-Stiftung einen Wettbewerb ausgelobt: In der Tradition der Bartning-Notkirchen suchte man Gemeindehaustypen, die sich seriell an unterschiedlichen Orten umsetzen ließen. Die späteren Darmstädter Architekten Rolf Hempelt und Manfred Bernhardt konnten das Rennen für sich entscheiden konnten – und fügten ihre Einzelentwürfe schließlich zu einem gemeinsamen Gesamtkonzept zusammen. Am Ende waren Gemeinde und Denkmalpflege gleichermaßen von diesem experimentellen Vorhaben überzeugt.

Vor dem Neubau musste die Gemeinde in Vetzberg die Schule für Gottesdienste nutzen. Nun stand ihr ein flexibel bestuhlter Raum zur Verfügung, den man mit einer Schiebewand zum Foyer hin vergrößern konnte. Dafür wurden die Wände von der Skelettkonstruktion getrennt, damit hätte man den Innenausbau an unterschiedlichen Orten auf die jeweiligen Bedürfnisse anpassen können. Streng genommen steht der 30. Geburtstag erst in einigen Monaten an, denn die Einweihung wurde damals 1992 begangen. Doch in diesem Jahr feiert die Gemeinde “50 Jahre Biebertal” – und rückt damit gleich auch die Vetzberger Kirche (1992) ins Rampenlicht. Aus den Plänen, mit der experimentellen Kleinkirche in Serien zu gehen, wurde nichts – was aus der Vetzberger Predigtstätte heute ein qualitätvolles Einzelstück macht, das seinerzeit mit der Simon-de-la-Ruy-Plakette des BDA ausgezeichnet wurde. (kb, 17.3.21)

Gießen-Vetzberg, Ev. Kirche (Bild: GF Third Life, CC BY SA 3.0, 2016)

Identitätskrise in Gießen

Gießen entschied sich nach der schweren Zerstörung im Zweiten Weltkrieg für eine radikale nachkriegsmoderne Umgestaltung – mit Cityring, autogerechter Überbauung (“Elefantenklo”) und Behördenhochaus. Dies brachte der Stadt viele Spötter ein, prägte aber auch ihre Identität. In den letzten Jahren bemühte man sich aber zunehmend um ein neues Image und eine Umgestaltung des Zentrums. Das Behördengebäude am Berliner Platz ist längst abgeräumt, das Rathaus aus den 1960ern wurde durch einen Neubau ersetzt. Nun steht auch die gegenüberliegende, 1966 eröffnete Kongresshalle zur Disposition.

Ein Abriss des denkmalgeschützten Baus ist wohl nicht zu befürchten. Die regierende Jamaika-Koalition in der Gießener Stadtverordnetenversammlung teilte jedoch jüngst mit, einen “hochbaulichen Realisierungswettbewerb” auszuloben. Dabei könnte die Kongresshalle umgebaut oder erweitert werden. Bereits beschlossen ist der Abbruch eines Anbaus aus den 1980er Jahren, der bislang die Tourist-Info beherbergt. Die Kongresshalle wurde nach Plänen des schwedischen Architekten Sven Markelius’ entworfen. Der multifunktionale Gebäudekomplex setzt sich aus mehreren kubischen Baukörpern zusammen und bildete ein nachkriegsmodernes Gegenstück zum nahen Jugendstiltheater. (jr, 19.10.17)

Kongresshalle Gießen (Bild: Ralf Lotys (Sicherlich), CC BY SA 3.0)