Ein unfreiwilliger Einzelgänger wird 30

Bevor die evangelische Kirche in Gießen-Vetzberg errichtet werden konnte, musste ihre Größe mit einem 1:1-Holzmodell simuliert werden. Denn als Standort für die neue Predigtstätte hatte man sich den inzwischen stillgelegten Friedhof ausgesucht. Und hier wollte die Denkmalpflege sicher gehen, dass das Bauvorhaben den historischen Charakter nicht beeinträchtigen würde. Schon in der Planung war man ungewöhnliche Wege gegangen. Für den Entwurf hatten die Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und die Otto-Bartning-Stiftung einen Wettbewerb ausgelobt: In der Tradition der Bartning-Notkirchen suchte man Gemeindehaustypen, die sich seriell an unterschiedlichen Orten umsetzen ließen. Die späteren Darmstädter Architekten Rolf Hempelt und Manfred Bernhardt konnten das Rennen für sich entscheiden konnten – und fügten ihre Einzelentwürfe schließlich zu einem gemeinsamen Gesamtkonzept zusammen. Am Ende waren Gemeinde und Denkmalpflege gleichermaßen von diesem experimentellen Vorhaben überzeugt.

Vor dem Neubau musste die Gemeinde in Vetzberg die Schule für Gottesdienste nutzen. Nun stand ihr ein flexibel bestuhlter Raum zur Verfügung, den man mit einer Schiebewand zum Foyer hin vergrößern konnte. Dafür wurden die Wände von der Skelettkonstruktion getrennt, damit hätte man den Innenausbau an unterschiedlichen Orten auf die jeweiligen Bedürfnisse anpassen können. Streng genommen steht der 30. Geburtstag erst in einigen Monaten an, denn die Einweihung wurde damals 1992 begangen. Doch in diesem Jahr feiert die Gemeinde „50 Jahre Biebertal“ – und rückt damit gleich auch die Vetzberger Kirche (1992) ins Rampenlicht. Aus den Plänen, mit der experimentellen Kleinkirche in Serien zu gehen, wurde nichts – was aus der Vetzberger Predigtstätte heute ein qualitätvolles Einzelstück macht, das seinerzeit mit der Simon-de-la-Ruy-Plakette des BDA ausgezeichnet wurde. (kb, 17.3.21)

Gießen-Vetzberg, Ev. Kirche (Bild: GF Third Life, CC BY SA 3.0, 2016)

Identitätskrise in Gießen

Gießen entschied sich nach der schweren Zerstörung im Zweiten Weltkrieg für eine radikale nachkriegsmoderne Umgestaltung – mit Cityring, autogerechter Überbauung („Elefantenklo“) und Behördenhochaus. Dies brachte der Stadt viele Spötter ein, prägte aber auch ihre Identität. In den letzten Jahren bemühte man sich aber zunehmend um ein neues Image und eine Umgestaltung des Zentrums. Das Behördengebäude am Berliner Platz ist längst abgeräumt, das Rathaus aus den 1960ern wurde durch einen Neubau ersetzt. Nun steht auch die gegenüberliegende, 1966 eröffnete Kongresshalle zur Disposition.

Ein Abriss des denkmalgeschützten Baus ist wohl nicht zu befürchten. Die regierende Jamaika-Koalition in der Gießener Stadtverordnetenversammlung teilte jedoch jüngst mit, einen „hochbaulichen Realisierungswettbewerb“ auszuloben. Dabei könnte die Kongresshalle umgebaut oder erweitert werden. Bereits beschlossen ist der Abbruch eines Anbaus aus den 1980er Jahren, der bislang die Tourist-Info beherbergt. Die Kongresshalle wurde nach Plänen des schwedischen Architekten Sven Markelius‘ entworfen. Der multifunktionale Gebäudekomplex setzt sich aus mehreren kubischen Baukörpern zusammen und bildete ein nachkriegsmodernes Gegenstück zum nahen Jugendstiltheater. (jr, 19.10.17)

Kongresshalle Gießen (Bild: Ralf Lotys (Sicherlich), CC BY SA 3.0)

Gießen genießen!

Zugegeben, der Kalauer hat einen Bart. Seit Jahrzehnten dient er Studenten, die es in die mittelhessische Universitätsstadt verschlagen hat, als selbstironische Durchhalteparole angesichts der scheinbar ästhetisch reizlosen städtischen Umgebung. Tatsächlich sucht man hier Fachwerkgiebel und Barockkirche vergebens. Dass auch die Gießener Nachkriegsmoderne mit anspruchsvoller Architektur und zu ihrer Zeit hochmoderner Planung verbunden war, verdeutlicht am 13. Mai um 18 Uhr ein Vortrag des Architekten Paul-Martin Lied im ZIBB (Hannah- Arendt-Straße 8-10, 35394 Gießen).

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Gießener Innenstadt zu 90 % zerstört. Dies war die Grundlage einer städtebaulichen Anlage, die den letzten Erkenntnissen des Städtebaus entsprach und Gießen durch weiträumige Fußgängerzone, autogerechtes Verkehrssystem und Behördenhochhaus zur archetypischen 50er-Stadt transferierte. Teile dieser Bebauung wurden inzwischen wieder abgerissen, andere, wie die elegante und denkmalgeschützte Universitätsbibliothek von 1959, harren der Sanierung. Der Vortrag lädt Neu-Gießener und Alteingesessene zu einem differenzierten Blick auf die jüngste Baugeschichte der Stadt ein. Das Sahnehäubchen: Der Gießen-Genuss hat auch eine kulinarische Dimension, es gibt zeittypische 50er-Snacks! (jr, 9.5.17)

Gießen, Alte UB (Bild: Landesamt für Denkmalpflege Hessen, via Deutsche Digitale Bibliothek, © Rechte vorbehalten – freier Zugang)