Gottfried Böhm

Paul Böhm mit seinem Vater Gottfried, dessem älteren Bruder Paul Böhm (*1918) und seinem eigenen Bruder Stephan bei der Filmpremiere von „Die Böhms – Architektur einer Familie“ in Köln (Bild: Shedow373, CC BY SA 4.0, 2015)

Einen Schnaps auf Gottfried Böhm

Sie können wahlweise auch ein Glas Kinderpunsch erheben, aber gratulieren sollten Sie unbedingt: Gottfried Böhm wird heute 99 Jahre alt. Geboren wurde er am 23. Januar 1920 in Offenbach. Nach Kriegsende arbeitete der ausgebildete Architekt und Bildhauer gemeinsam mit seinem Vater, dem Baumeister Dominikus Böhm. Als erstes eigenständiges Werk gilt die Kölner Kapelle „Madonna in den Trümmern“ (St. Kolumba, 1947/57, erweitert 2007 von Peter Zumthor zum Diözesanmuseum). Es folgten über die Jahrzehnte betonplastische Ikonen wie der Mariendom in Neviges (1968) oder das Rathaus in Bensberg (1972). Nicht zuletzt setzte er mit seiner Frau, der Architektin Elisabeth Haggenmüller (1921-2012) und seinen Söhnen Stephan, Peter und Paul erfolgreich die künstlerische Familientradition fort.

Schon lange genießt Gottfried Böhm hohes internationales Ansehen: 1986 etwa erhielt er den renommierten Pritzker-Preis. Doch selbst seine Kirchen blieben nicht völlig verschont von Schließung und Umnutzung: Das Gesamtkunstwerk St. Ursula in Hürth-Kalscheuren (1956, mit Dominikus Böhm) wurde 2006 profaniert, dient heute als Kultur- und Ausstellungsraum. In Bochum wurden gleich zwei seiner Gottesdiensträume geschlossen, in Oberhausen diskutiert man aktuell die Aufgabe der Klosterkirche Zu unserer Lieben Frau (1957). (kb, 23.1.19)

Oben: Gute Gene – Paul Böhm mit seinem Vater Gottfried, seinem Onkel Paul (* 1918) und seinem Bruder Stephan bei der Filmpremiere von „Die Böhms“ (Bild: Shedow373, CC BY SA 4.0, 2015)

Neviges, Mariendom (Bild: seier+seier, CC BY SA 2.0, 2008)

50 Jahre Mariendom Neviges

Im Sommer 1968 wurde das Böhmsche Betongebirge in Neviges geweiht, kurz darauf eröffnete Erzbischof Joseph Kardinal Frings die Wallfahrt zur Kirche „Maria, Königin des Friedens“. Den Anfang nahm der brutalistische Bau mit einem Modell, das den halb erblindeten Frings beim Ertasten überzeugt haben soll. Er ließ den eigentlich schon entschiedenen Wettbewerb zu Gottfried Böhms Gunsten neu auflegen. Daraufhin schuf der Kölner Baumeister einen Raum für bis zu 6.000 Pilger. Manche erinnert die Großform an ein Kristall, andere an ein Gebirge oder Zelt.

Von Böhm stammen auch weite Teile der Ausstattung wie die farbstarken Fenster, die u. a. das Mariensymbol der Rose aufgreifen. Zurückgeführt wird die Wallfahrt auf eine Marienerscheinung im 17. Jahrhundert. Bis heute kommen Menschen aus vielfältigen Gründen, zunehmend auch wegen der architektonischen Reize der begehbaren Plastik – vor allem zum 50. Jahrestag, der mit der aktuellen Wiederentdeckung des Brutalismus als Kunstform zusammenfällt. Wer den Jubiläumsgottesdienst verpasst hat, kann ihn online nachholen. Am 8. Juli begeht der Domchor sein 50. Jubiläum um 10 Uhr mit einem musikalischen Festgottesdienst, am 26. August wird die „Äußere Feier des Patronatsfests“ ausgerichtet. Das Feierjahr wird beschlossen durch eine Licht- und Toninstallation am 8., 10. und 11. November jeweils um 20 Uhr. (kb, 5.6.18)

Neviges, Mariendom (Bild: seier+seier, CC BY SA 2.0, 2008)

Saarbrücken, St. Albert (Bild: Maren Dittmann)

Die langen Wellen der Utopie

Für eine kurze Zeit verfügte das Saarland nach dem Krieg – im Weichgebiet zwischen Frankreich und der sich formierenden BRD – über eine Art von Selbständigkeit. Damals entstanden bemerkenswerte Bauwerke, die das Beste aus beiden Traditionen zu verbinden wussten: der Langwellensender „EUROPE 1“ bei Saarlouis, der Pingusson-Bau (ehemalige Französische Botschaft) in Saarbrücken, Fertigteil-Wohnungsbauten der Forbacher Werk der Firma Dietsch wie Behren bei Forbach und die Folsterhöhe in Saarbrücken oder jüngere Siedlungsprojekte wie Le Wiesberg von Émile Aillaud in Forbach – und nicht zuletzt Kirchenbauten wie St. Albert in Saarbrücken von Gottfried Böhm oder Maria Königin von Rudolf Schwarz, beide in Saarbrücken.

Dieses grenzüberschreitende Kulturerbe nehmen der Werkbund, das Ministerium für Bildung und Kultur Saarland sowie K8 Institut für strategische Ästhetik forschend, inszenierend und vermittelnd zum Thema ihres Echy-Beitrags „Resonanzen – Die langen Wellen der Utopie“. Sie werden mit einer Veranstaltungsreihe gewürdigt, wie z. B.: eine Performance im Pingusson-Bau am 9. August und im Sender Europe am 11. August, eine Ausstellung im Pingusson-Bau vom 29. September bis zum 30. November, die Ringvorlesung „Erinnerung und Aufbruch“ im Pingusson-Bau in diesem Sommersemester (jeweils mittwochs 18 Uhr, freier Eintritt). (kb, 1.6.18)

Titelmotiv: Saarbrücken, St. Albert (Bild: Maren Dittmann)

Die Architekten Böhm am Modell der Wallfahrtskirche von Neviges. Gottfried Böhm mit seinen Söhnen Stephan, Paul und Peter Böhm (Foto: Jan Klein)

„Die Böhms“ gehen

Denken Sie jetzt nichts Falsches – die zweite und dritte Generation der großen Kölner Kirchbau-Dynastie sind wohlauf. Nur mit ihrer virtuellen Anwesenheit in Stuttgart ist bald Schluss. Noch bis zum 15. April 2018 ist die Ausstellung „DIe Böhms“ noch in der dortigen architekturgalerie am weißenhof zu sehen. Die Präsentation widmet sich den Architekten Dominikus Böhm, seinem Sohn Gottfried Böhm und dessen Söhnen Stephan, Peter und Paul Böhm. Ausgewählte Beispiele – Handzeichnungen und Fotografien – veranschaulichen ebenso die Gemeinsamkeit in der Familientradition wie die Eigenständigkeit der einzelnen Persönlichkeiten und ihrer Architektur.

Die Bauten der Böhms wurden zu Beginn häufig in Beton, später in Stahl und Glas ausgeführt – alle wirken sie wie begehbare Skulpturen. In der Fachliteratur werden dafür gerne Begriffe wie Expressionismus oder Brutalismus bemüht. Wolfgang Pehnt spricht vom „Böhm-Touch“ geprägt. Stephan Böhm selbst sieht das Typische der drei Generationen darin, „dass sie alle etwas neben der allgemeinen Architekturrichtung (Mainstream) liefen. Und das war nicht gewollt oder gar erzwungen, es hatte sich einfach so ergeben.“ Die Finissage zur Ausstellung findet am 15. April um 16 Uhr in der architekturgalerie am weißenhof (Am Weißenhof 30, 70191 Stuttgart) statt. (kb, 26.3.18)

Die Architektendynastie – Gottfried Böhm mit seinen Söhnen Stephan, Paul und Peter Böh m- am Modell der Wallfahrtskirche von Neviges (Foto: Jan Klein)

Bonn: Museum mit Chlor-Geruch?

Fenster_Viktoriabad (Bild: Hagmann, CC-BY-SA 3.0)
Die Fensterfront des Viktoriabades wurde von Gottfried Böhm gestaltet und steht seit 2013 unter Denkmalschutz (Bild: Hagmann, CC BY SA 3.0)

Seit 1998 sitzt das Bonner Stadtmuseum im Obergeschoss des alten Viktoriabades im Zentrum der Stadt. Das Schwimmbad steht seit der Schließung im Jahr 2010 leer, ein großangelegtes Bauprojekt für den umliegenden Wohnblock scheiterte jüngst. Nun schlägt Gisbert Knopp, der Direktor des Stadtmuseums, nach Informationen des Bonner Generalanzeigers eine neue Nutzung der verwaisten Schwimmhallen vor: Die ehemalige Badeanstalt soll gänzlich zum Museum umfunktioniert werden. Momentan ist den Besuchern auf Grund der beengten Platzverhältnisse nur ein Bruchteil der Sammlung des Stadtmuseums zugänglich.

Stadthistorisches Potential hat der Bau allemal. 1906 wurde er feierlich in Beisein der Namenspatronin Viktoria zu Schaumburg-Lippe, der Schwester Wilhelms II., als erstes Hallenbad der Stadt eröffnet. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Bad zwar beschädigt, konnte jedoch wieder aufgebaut werden. In den 1960ern entschied man sich schließlich, den historischen Bau abzureißen und an seiner Stelle das heutige Viktoriabad zu errichten. Es wurde 1971 eröffnet. Highlight des nüchternen Baus ist die 30 x 7,60 Meter große Fensterfront, die von Gottfried Böhm gestaltet wurde. Seit 2013 steht sie unter Denkmalschutz. (jr, 12.4.16)

Berlin: Böhm-Haus unter Schutz

Berlin, Fasanenstraße 62 (Bild: Uli Borgert)
Gerettet? Das Berliner Böhm-Haus (Bild: Uli Borgert)

Diesmal kommen gute Nachrichten aus der „Wir haben die Lage im Griff“-Hauptstadt: Die Berliner Denkmalpflege hat in der Fasanenstraße 62 alles im Griff, genauer gesagt unter Schutz. Hier steht ein Werk von Gottfried Böhm. Der rheinische Baumeister und Pritzker-Preisträger hatte mit Rob Krier für die Internationale Bauausstellung 1987 in der Fasanenstraße ein Platzensemble geschaffen.

Der Böhm-Bau (1984) zeigt sich als trutzige Wohnbebauung mit turmähnlichen Erkern. Im Sommer wurde laut, dass die Anlage einer Neubebauung weichen müsse. Ein Abriss sei genehmigt und somit eine großzügige Neuarrangierung in vielversprechender Lage durch die Primus Immobilien AG möglich. So fürchtete der Mieterverein eine Wohnraum-Überteuerung und mahnte die Architektenkammer zur Wertschätzung großer Architektenwerke – wie ebenjenem IBA-Ensemble von Gottfried Böhm. Doch die Denkmalpflege nutzte die Sommerpause und stellte per Gutachten die Denkmalwürdigkeit des Böhm-Hauses aus stadtgeschichtlichen, städtebaulichen und wissenschaftlichen Gründen fest: „Das Haus zeichnet sich nicht nur durch besonders innovative Wohnformen aus, es besitzt auch Zeugniswert für das zeitgenössische Bauverständnis, aber vor allem für die eigenständige Formensprache von Gottfried Böhm.“ Ein leichtes Unbehagen bleibt: Die grüne Bezirksverordnete Nadia Rouhani meldet auf Ihrer Homepage: „Danke, Landesdenkmalamt! – Primus AG will dennoch klagen“. (kb, 14.11.15)

Berlin: Sind jetzt die 80er dran?

Berlin, Fasanenstraße 62 (Bild: Uli Borgert)
In der Berliner Fasanenstraße 62 gestaltete Gottfried Böhm 1984 dieses Wohnhaus – jetzt droht dem Bauwerk der Abriss und das Landesdenkmalamt prüft die Denkmalwürdigkeit (Bild: Uli Borgert)

„Jetzt werden die 1980er aus dem städtebaulichen Gedächtnis Berlins ausradiert“, so zumindest deutete der Tagesspiegel am 4. Juli die jüngsten Entwicklungen in Charlottenburg-Wilmersdorf. Diesmal soll es einen Gottfried Böhm-Bau treffen. Der rheinische Baumeister und Pritzker-Preisträger hatte mit Rob Krier für die Internationale Bauausstellung 1987 in der Fasanenstraße ein Platzensemble geschaffen.

Der Böhm-Bau, 1984 fertiggestellt, zeigt sich als trutzige Wohnbebauung mit turmähnlichen Erkern. Und nun könnte die gerade erst 30 Jahre alte Anlage einer Neubebauung weichen müssen. Zu den Planungen gehören eine bislang als Tiefgarage genutzte Freifläche und ein Gelände mit Baubestand aus den 1960er Jahren. Dessen Abriss sei bereits genehmigt und somit eine großzügige Neuarrangierung in vielversprechender Lage möglich. In deren Folge fürchtet der Mieterverein eine Überteuerung von Wohnraum und mahnt die Architektenkammer zur Wertschätzung großer Architektenwerke – wie ebenjenem IBA-Ensemble von Gottfried Böhm. Heute, am 9. Juli 2015, meldet die Berliner Morgenpost, dass das Landesdenkmalamt auf Initiative der Mieter zugesagt habe, „die Denkmalwürdigkeit des jungen Bauwerks“ zu prüfen. (kb, 10.7.15)

Gauck ehrt Böhm, Jahn und von Gerkan

Ab Ende Januar gibt es (Architektur-) Geschichten aus dem Hause Böhm im Kino (Bild: Peter Gerloff)
Nur eines der vielen geehrten Erzeugnisse deutscher Architektur: die Wallfahrtskirche Neviges von Gottfried Böhm (Bild: Peter Gerloff, und hier gibt es Infos zum FIlm zum Bild)

Am 3. Juli 2015 ehrte Bundespräsident Joachim Gauck die deutschen Architekten bei einer Matinée im Schloss Bellevue. Keine Bauaufgabe sei zu unbedeutend, „um nicht mit Witz und Ideen, mit Anmut und Charme gestaltet zu werden“. Besonders hob Gauck die Leistungen der Architekten der Nachkriegsgeneration hervor. Unter den Ehrengästen wurde der im März verstorbene Pritzker-Preis-Träger Frei Otto, der die gewagte Dachkonstruktion des Münchener Olympiastadions mitprägte, durch seine Frau und seine Tochter vertreten.

Besondere Ehrung wurde dem 95-jährigen Gottfried Böhm (rheinischer Kirchenbauer und ebenfalls Pritzer-Preis-Träger), dem 80-jährigen Meinhard von Gerkan (flughafen- und bahnhoferprobter Kopf des Büros gmp) und dem 75-jährigen Helmut Jahn (internationaler Hochhauskönner) anlässlich ihrer runden Geburtstage zuteil. In seiner Ansprache unterstrich Gauck zudem die wichtige Rolle eines guten Architekturjournalismus, um Qualität auch für Nichtfachleute verständlich zu machen. In diesem Zusammenhang erinnerte er an die „leidenschaftlichen Plädoyers für gutes Bauen“ des kürzlich im Alter von 66 Jahren verstorbenen Architekturkritikers und langjährigen FAZ-Feuilletonisten Dieter Bartetzko. (kb, 4.7.15)

Ins Kino zu den Böhms

Ab Ende Januar gibt es (Architektur-) Geschichten aus dem Hause Böhm im Kino (Bild: Peter Gerloff)
Ab Ende Januar gibt es (Architektur-) Geschichten aus dem Hause Böhm im Kino – und natürlich darf die Wallfahrtskirche in Neviges nicht fehlen (Bild: Peter Gerloff)

Am 23. Januar feiert der Architekt Gottfried Böhm seinen 95. Geburtstag. Und noch immer ist der erste deutsche Pritzker-Preisträger (1986) aktiv in der Bauplanung tätig. Die Leidenschaft des Entwerfens liegt in der Familie: Das Handwerk lernte Böhm bei seinem Vater Dominikus (1880-1955). Doch längst haben sich auch Gottfried Böhms Söhne Stephan, Peter und Paul der Baukunst verschrieben und führen zusammen mit dem Vater dessen Lebenswerk fort.

In der Dokumentation „Die Böhms – Architektur einer Familie“ begibt sich Gottfried Böhm zu den bedeutendsten Stationen und Bauten seines Lebens. Der Film des Schweizer Filmemachers Maurizius Staerkle-Drux feiert an Böhms Geburtstag in Köln Deutschland-Premiere und läuft ab 29. Januar in diversen Kinos. „Die Böhms“ zeichne ein ebenso intimes wie prägnantes Portrait über die Untrennbarkeit von Leben, Liebe, Glaube und (Bau-)Kunst – so die Pressemitteilung. Man darf gespannt sein auf dieses Werk über eine Familie von Baumeistern. (db, 23.1.15)

FACHBEITRAG: Unter der Laterne

von Karin Berkemann (16/1)

Langen, Albertus-Magnus-Kirche (Bild: K. Berkemann)
Hier leuchten nicht nur die Farben: die Albertus-Magnus-Kirche (J. Kepser, 1985) im hessischen Langen (Bild: K. Berkemann)

Die Schönheit und das Göttliche sind bekanntermaßen Geschwister: Beide lassen sich schwer finden, aber leicht erkennen, denn die Begegnung mit ihnen tut weh. Man könnte es vornehmer als schmerzhafte Grenzerfahrung beschreiben, weil sie Räume eröffnen, die sich vom heimischen Wohnzimmer unterscheiden. Kirchenbauer wählten dafür entweder ein barockes „Mehr“ (Blattgold mit Gedöns) oder ein modernes „Weniger“ (Kunststein ohne Alles) – wobei spätere Nutzer selten der Versuchung widerstanden, Gott darin mit Tüll und Yuccapalme ein besonders behagliches Plätzchen anzubieten. Und dann gibt es jene Räume, die uns einen wohligen Schauer über den kulturbourgeoisen Rücken jagen. Die uns zu sehr an das Wohnzimmer unserer Jugend erinnern, um sie vorbehaltlos „schön“ zu nennen. Die uns aber noch eine ganze Weile beschäftigen, wenn wir jede Inkunabel längst als solche verbucht haben. Ein ebensolcher Raum ist auch die katholische Albertus-Magnus-Kirche im hessischen Langen aus dem Jahr 1985 – die wundervoll überbordende Frucht eines lang gehegten Wunsches.

 

Schnörkel oder klare Kante

Langen, Stadtkirche (Bild: E-W, CC BY SA 3.0)
Die Marburger Elisabethkirche lässt grüßen: ein Blick auf die neugotische evangelische Stadtkirche von Langen (J. C. Horst, 1883) (Bild: E-W, CC BY SA 3.0)

Bereits 1526 war Langen mit Landgraf Philipp zum Protestantismus gekommen. Als Gottesdienstraum diente weiterhin die mittelalterliche Kirche im Ortszentrum, die 1883 durch einen Neubau ersetzt wurde. Oberbaurat Johann Christian Horst stellte seinen neugotischen Entwurf mit Fensterrose und steinernem Turmhelm programmatisch in die Nachfolge der Marburger Elisabethkirche, der Mutterkirche der hessischen Landgrafen und ihrer Reformation. Obendrauf erhielt Langen durch Großherzog Ludwig IV. von Hessen-Darmstadt zur Einweihung noch die Stadtrechte. Die Katholiken hingegen blieben eine Minderheit, die erst 1893 in damaliger Ortsrandlage eine Marienkapelle errichten konnte. In der Frankfurter Straße schuf der Mainzer Dombaumeister Joseph H. A. Lucas einen maßstäblichen, jedoch in seinen neugotischen Formen deutlich sakralen Backsteinbau. 

Die Zahl der Katholiken wuchs nach 1945 durch Flüchtlinge und Zuzüge sprunghaft an, was auch die neue „Wohnstadt Oberlinden“ südwestlich von Altstadt und Bahnlinie prägte. Für beide Konfessionen stellte die Wohnungsbaugesellschaft „Nassauische Heimstätte“ städtebaulich prominente Grundstücke bereit und drängte auf künstlerisch anspruchsvolle Kirchenbauten. So wurde 1963 die evangelische Martin-Luther-, 1968 die katholische Thomas-von-Aquin-Kirche eingeweiht. Während man hier das Beste der Klassischen Moderne (Materialsichtigkeit und geometrische Grundformen) mit einigen spätmodernen Flausen (Faltdach und Farbakzente) verband, spielte man in der Innenstadt mit der Geschichte: In der Bahnstraße bekam das Evangelische Gemeindehaus 1926 eine klassi(zisti)sche Fassadenordnung, die neue katholische Albertus-Magnus-Kirche 1956 ein stilisiertes Rosettenfenster – als kleiner konfessioneller Nadelstich in Richtung evangelische Stadtkirche.

 

Warum kleckern, wenn man …

Langen, Albertus Magnus (Bild: E-W, CC BY SA 3.0)
Ein Hauch von Schlumpfhausen: Hutartige Kupferdächer in Stehfalz-Deckung überfangen das Pfarrzentrum der Langener Albertus-Magnus-Kirche (Bild: E-W, CC BY SA 3.0)

Gut 20 Jahre nach ihrer Weihe wurde die erste Albertus-Magnus-Kirche im März 1979 baupolizeilich geschlossen, da man die Betonbinder als schadhaft und damit den gesamten Bau als einsturzgefährdet einstufte. Bereits im November desselben Jahres folgte der Abriss, 1982 die Genehmigung für einen Neubau. Für das neue Pfarrzentrum schöpfte man selbstbewusst aus dem Vollen: Zwischen 1983 und 1985 entstand ein großzügiges Ensemble aus Kirche mit Turm, Gemeindesaal, Gruppenräumen, Jugendheim und Kindertagesstätte.

Nach Norden, zur belebten Bahnstraße hin, öffnet sich die weitläufige Anlage mit all ihren Funktionen um den „Brunnenhof“. Überragt wird das backsteinsichtige Ensemble mit hutartigen Kupferdächern vom 27 Meter hohen Turm, der stolze fünf Glocken trägt. Kommt der Besucher von Süden, vom ruhigen Albertus-Magnus-Platz her, lässt das Pfarramt links liegen und überquert den kleinen Vorplatz, gelangt er zur Kirche über einen separaten Zugang im Turm. Vom annähernd quadratischen, mehrfach verkröpften Kirchengrundriss bleibt – zieht man das langgestreckte Foyer ab – für den Gottesdienstraum eine längsrechteckige Grundfläche. Dieser Querrichtung folgt die Firstlinie der kupferverkleideten Deckenkonstruktion, die sich mittig nochmals zu einem Oberlicht aufbäumt. An den Kirchenbau ist im Osten ist eine Apsis, im Norden die Kapelle „Maria vom Frieden“ angegliedert.

 

Viel Farbe und einige Straßenlaternen

Langen, Albertus-Magnus-Kirche (J. Kepser, 1985) (Bild: K. Berkemann)
Ein postmodernes Feuerwerk: Klinkerrot und Kupfergrün werden im Gottesdienstraum der Langener Albertus-Magnus-Kirche vielfach aufgegriffen (Bild: K. Berkemann)

Spätestens im Inneren kann man der Albertus-Magnus-Kirche kaum den Vorwurf der Unscheinbarkeit machen, denn hier steigert sich der Farbklang aus Klinkerrot und Kupfergrün zum postmodernen Feuerwerk: Die schiffsbugartige Deckenkonstruktion setzt grüne neben rote Holzelemente und dazwischen eine ebensolche Kassettierung – ein Motiv, das die seitliche Orgelempore wieder aufgreift. In der Apsis, die eine stilisierte Fenstergestaltung des rheinischen Glasmalers Georg Meistermann rahmt, steht die Tabernakelstele vor einem grün-goldenen Wandgemälde mit Engelsmotiven, das der Kölner Kirchenmaler Klaus Balke schuf. Die Altarinsel und die hufeisenförmig darum gescharten Bankblöcke werden von rot-grünen „Straßenlaternen“ beleuchtet …

Dieses Farben- und Formenwunder wurde vom Architekten Johannes W. M. Kepser entworfen. Geboren 1935 in Goch am Niederrhein, konnte er seiner Liebe zur Malerei nicht zum Brotberuf machen. Stattdessen studierte er an der Werkkunstschule in Krefeld bis 1962 Architektur – und blieb der Kunst als Gasthörer treu. Nach ersten Berufsjahren in Köln zog Kepser 1973 nach Dreieichenhain, arbeite als freier Architekt mit Schwerpunkt im Kirchenbau. Ab 1980 leitete er zudem eine kunsthistorische Exkursionsreihe des katholischen Bildungswerks Südhessen. Auch in seinen Bauprojekten legte Kepser Wert auf einen sensiblen Umgang mit der Geschichte und eine ausdrucksstarke farbliche Ausgestaltung. So gab er z. B. der Langener Stadtkirche bei der Restaurierung von 1996/97 ihre bauzeitliche Ausmalung samt „Sternenhimmel“ zurück.

 

Abschied von der Dekosperre

Velbert-Neviges, Mariendom (Bild: Frank Vincentz, GFDL oder CC BY SA 3.0)
Nennen wir es mal „starkfarbig“: die Tabernakelstele von Elmar Hillebrand vor den Fenstern von Gottfried Böhm im Mariendom zu Neviges (G. Böhm, 1968) (Bild: Frank Vincentz, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Kepsers Albertus-Magnus-Kirche lebt vom Spiel der Oberflächen: Aus der natürlichen Färbung der vorherrschenden Baustoffe leitete er die weitere Gliederung des Innenraums ab. In Klinkerrot und Kupfergrün strukturierte er einzelne Bauteile wie die hölzerne Deckenkonstruktion. Die backsteinsichtigen Wände erhielten zudem einen stufengiebelartigen Reliefabschluss. Hier spielt Architektur mit ihren Notwendigkeiten und wird zu ihrer eigenen Schmuckform. Würde es nicht zu sehr nach Hochzeitstorte und Wandtattoo klingen, man könnte von Dekor sprechen.

Damit brachte Kepser ein Stück rheinische Kirchbaugeschichte an den Main. „Gewölbe“ und Apsis lassen nicht nur an die mittelalterlichen Kirchen in und um Köln denken. Hier kannte auch die Nachkriegsmoderne mehr als kantiges Kunststeingrau: von den kühnen Schwüngen eines Hans Schilling über den „Historismus“ eines Karl Band bis zur Opulenz der Böhm-Dynastie. Nicht umsonst zeigte Gottfried Böhm bei einer Inkunabel der Kirchbaumoderne, seiner Wallfahrtskirche von Neviges (1968), keinerlei Scheu vor Tradition und Farbe. Unter seiner vielfach gefalteten Betondecke, zwischen seinen glühenden Fenstergestaltungen, leuchten monumentale Laternen auf die Pilgerschar herab.

 

Postmoderne Piazza

Stuttgart, Calwer-Passage (Bild: Bundesarchiv B 145, Bild F078962-0029, 1988)
Künstliche Erlebniswelten: die denkmalgeschützte „Calwer-Passage“ (Kammerer, Belz und Partner, 1978) in Stuttgart, die heute vom Projekt „Fluxus“ mit Leben gefüllt wird (Bild: Bundesarchiv B 145, Bild F078962-0029, 1988)

Mit der profanen Straßenlaterne verschränkten Kirchenbauer wie Gottfried Böhm nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) gerne den liturgischen mit dem öffentlichen Raum. Zeichenhaft zogen sie den Pflasterbelag vom Vorplatz bis ins Kircheninnere. Aus dem geschützten Bezirk der Gottesdienstgemeinde sollte ein Ort der Begegnung und der „tätigen Teilnahme“ werden. Um den Kirchenbau gruppierten sich die weiteren Funktionen des Pfarrzentrums. Und auf der Suche nach Vorbildern ging der Blick auch in den profanen Raum, zu den „Marktplätzen“.

Mit dem ihr eigenen Überschwang stilisierte die Postmoderne jede Mall zur italienischen Piazza. So formte man z. B. die „Calwer Passage“ (Kammerer, Belz und Partner, 1978) nach dem Vorbild der Mailänder Galeria Vittorio Emanuele II (1867) mit Marmor, Stahl und Glas zur glitzernden Erlebniswelt. Was in Stuttgart mit der Aufenthaltsqualität den Konsum heben sollte, stand für Kepser im Dienst des kirchlichen Gemeinschaftsgedankens. So steigerte er in Langen die feierliche Raumwirkung zum liturgischen Zentrum hin: Die Außenlaternen des Brunnenhofs unterscheiden sich von ihren farbstarken Schwestern im Kirchenraum. Über dem Altar verweist der monumentale Radleuchter auf das himmlische Jerusalem. Bei ähnlichem Muster wird auch das Material des Bodenbelags vom Vorhof bis zum Altarraum immer edler.

 

Fleischgenuss im Dienst der Kirche

Langen, Albertus-Magnus-Kirche (Bild: K. Berkemann)
27 Meter, 5 Glocken und 1 Gockel: der Turm der Langener Albertus-Magnus-Kirche wurde gerade saniert (Bild: K. Berkemann)

Bis heute blieb die Albertus-Magnus-Kirche fast unverändert erhalten. In den letzten Jahren wurde ihre Ausstattung angereichert, so dass sie nun gleich zwei Grandseigneurs der Glaskunst versammelt: Das bauzeitliche Fensterband von Georg Meistermann und neuere Einzelfenster des Langener Glasmalers Johannes Schreiter. Gerade hat die Gemeinde, die wieder mit der Liebfrauen- und Thomas-von-Aquin-Kirche zur St. Jakobus-Gemeinde zusammengelegt wurde, ihren Kirchturm und das ihn bekrönende Schmuckwerk saniert. Der finanzielle Eigenanteil wurde engagiert und kreativ beigebracht, u. a. durch den Verkauf von „Gockelwurst“.

Seien wir ehrlich: Als Kind der 1980er Jahre schaut man sich in der Albertus-Magnus-Kirche instinktiv nach Papa Schlumpf um. Nach einer Weile wird alles zu nah, zu viel, zu schön. Dieser Reflex wird in den kommenden Jahren erlahmen und einer klärenden Distanz weichen. Trotzdem lohnt es schon jetzt, den am Scan-Design geschulten Geschmack abzuschütteln, denn hier wusste jemand, was er tat: Auf dem Boden der rheinischen Kirchbautradition stellte Kepser seine Formzitate in den Dienst eines zeitgenössischen theologischen Raumkonzepts und entfaltete seine überbordende Farbwelt konsequent aus den Baustoffen.

 

Wohin mit so viel Schönheit

Niederreifenberg, St. Johannes (Bild: Karsten11, CC0)
Eine von vielen: St. Johannes d. T. (E. Hofmann, 1980) im hessischen Niederreifenberg (Bild: Karsten11, CC0)

Wie die staatliche Denkmalpflege künftig mit solch jungen überschwänglichen Baukunstwerken umgeht, bleibt spannend. So wurde beispielsweise die Verfasserin mit der Inventarisation modernen Kirchen in Offenbach Stadt und Landkreis beauftragt – bis zum Baujahr 1979. Schon für diese vor-postmodernen Jahre sind noch längst nicht alle Kämpfe ausgefochten. Die Arbeitsgemeinschaft Inventarisation der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlichte 2009 eine – wie sie es nannte – „Stichwortsammlung“ zur Bewertung von Kirchen nach 1945: von der historischen über die städtebauliche, architekturgeschichtliche, künstlerische und liturgiegeschichtliche Bedeutung bis hin zum Erhaltungszustand. Ein hilfreicher Leitfaden, der immer wieder aufs Neue vor Ort individuell und fachkundig auf die jeweilige Kirchenlandschaft heruntergebrochen werden muss.

In den vergangenen Jahrzehnten setzte die denkmalfachliche Auseinandersetzung logischerweise immer dann ein, wenn eine Baugattung, wenn eine Stilepoche akut bedroht war. Demnach sind jetzt (!) die Bauten der Spät- und Postmoderne an der Reihe, denn im Niemandsland zwischen neu und historisch zählen sie besonders häufig zur „Verschiebemasse“ der – durch Mitgliedschafts-, Finanz- und Sinnkrise ausgelösten – kirchlichen Umstrukturierungsprozesse. Umso leidenschaftlicher nehmen sich gerade die virtuellen Communities ihrer an. Vielleicht ist es die radikalste Form des Widerstands, sich bei all den notwendigen Kämpfen nicht den Spaß an diesen fast kindlich heiteren, überschwänglich fantasievollen und überfordernd schönen Kirchenräumen verderben zu lassen. Denn: Auch wenn sich die Verfasserin Gott eher als Nomaden vorstellt – sollte dieser einmal den Hang zu Teilzeitsesshaftigkeit verspüren, steht für ihn in Langen schon ein ebenso kunstvolles wie behagliches Plätzchen bereit.

 

Rundgang

Ein Blick auf einige der Kirchenschönheiten im hessischen Langen …

 

Literatur (in Auswahl)

Betzendörfer, Eduard, Geschichte der Stadt Langen, Langen/Hessen 1961.

Kirchbauverein St. Albertus Magnus, Langen/Hessen.

Katholische Kirche Langen, Pfarrgemeinde St. Jakobus, Langen/Hessen.