Topographie des Widerstands

Anlässlich des 75. Jubiläums der Befreiung Österreichs vom NS-Regime forschten Lehrende und Studierende am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz ein Semester lang intensiv zur Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus in der Steiermark. Vier ausgewählte Case Studies – in Deutschlandsberg, Leoben, Eisenerz und Graz – bilden den Ausgangspunkt der umfangreichen Recherche mit den Mitteln der forensischen Architektur. Die aus den Archivrecherchen gewonnenen Erkenntnisse wurden im Sommer 2020 in einer Ausstellung im öffentlichen Raum der jeweiligen Städte präsentiert, visuell aufbereitet in Form von 3D-Visualisierungen, Plandarstellungen, Diagrammen und Graphen. Die Ergebnisse dieser Forschungs- und Gestaltungsarbeit werden in der vorliegenden Publikation zu den Ausstellungen durch Beiträge facheinschlägiger Wissenschaftler:innen ergänzt, die die vier behandelten Case Studies in einen nationalen und internationalen Forschungszusammenhang einordnen und kontextualisieren.

Das Buch bündelt Beiträge von Janika Döhr, Lisa-Marie Dorfleitner, Ema Drnda, Florian Eichelberger, Christian Fleck, Flora Flucher, Max Florian Frühwirt, Daniel Gethmann, Nicole-Melanie Goll, Heimo Halbrainer, Georg Hoffmann, Matthias Hölbling, Thomas Hönigmann, Waltraud P. Indrist, Thomas Lienhart, Lung Peng, Anna Sachsenhofer, Alice Steiner, Milan Sušić, Katharina Url, Viktoriya Yeretska, Armin Zepic. Die Grafik stammt von SOYBOT (Marie Fegerl, Gerhard Jordan). (kb, 4.2.22)

Gethmann, Daniel/Indrist, Waltraud P. (Hg.), Topographie des Widerstands in der Steiermark 1938–1945. Eine Ausstellung (architektur + analyse 8), Jovis Verlag, Berlin 2022, Broschur, 16,5 × 22,5 cm, 176 Seiten, ISBN 978-3-86859-722-6.

Topographie des Widerstands in der Steiermark (Bild: Buchseiten, Jovisverlag, Foto: © GAM.Lab TU Graz)

Grazer Moderne in Bedrängnis

In Österreich fallen qualitätvolle Bauten der jüngeren und jüngsten Vergangenheit allzu oft der Spitzhacke zum Opfer. Denn noch immer begegnet der Denkmalschutz der Architektur nach 1945 sehr zögerlich, die 1980er und 1990er Jahre genießen nahezu keinen Schutz. Das gilt auch im schönen Graz, der Hauptstadt der Steiermark. Anselm Wagner und Sophia Walk vom Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften (akk) der TU Graz haben gemeinsam mit Studierenden nun die Zeitung „SOS Grazer Schule“ erarbeitet. Sie dokumentiert in Text und Bild 127 Grazer Bauwerke aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die (noch) nicht unter Denkmalschutz stehen, sich außerhalb der Altstadt-Schutzzonen befinden und die es wert sind, als wichtige Elemente des Stadtbildes und bedeutende Dokumente der Baukunst erhalten zu werden. Die Publikation geht aus einer Lehrveranstaltung am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz im Wintersemester 2020/21 hervor. Und schon zur Veröffentlichung ist das erste Gebäude bereits abgerissen: Das Haus Fuchs, ein Konglomerat aus 150 Jahren Architektur- und Umbaugeschichte, das seine letzte, postmoderne Form 1986-88 erhalten hatte. “SOS Grazer Schule”, erschienen im Verlag der TU Graz, ist als Open Access E-Book konzipiert und kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Der Sammlung der bedrohten Bauten ging die Arbeit am Architekturführer Graz voraus, den Anselm Wagner und Sophia Walk in Zusammenarbeit mit dem Haus der Architektur (HDA) Graz 2019 bei DOM Publishers veröffentlicht haben. Graz gilt als Österreichs Hauptstadt der Architektur: Die zweitgrößte Stadt der Alpenrepublik wartet sowohl mit dem UNESCO-Weltkulturerbe ihrer Altstadt als auch mit den experimentellen Bauten der Grazer Schule des späten 20. Jahrhunderts auf. Im Jahr 2003 Kulturhauptstadt Europas und seit 2011 UNESCO “City of Design” , besticht Graz durch herausragende Beispiele historischer und zeitgenössischer Architektur. (db, 7.9.21)

Graz, Bürogebäude (Atelier Schiefer, 1987–1990) (Bild: Jakob Bock/Darlene Pudil)

Das Modell Steiermark

Zu wenig bezahlbarer Wohnraum, das betrifft immer mehr Städte – von Berlin über Freiburg und Jena bis zu Wien und Graz. In Österreich lieferte das sog. Modell Steiermark neue Lösungswege im Massenwohnungsbau der Nachkriegsmoderne. Vor diesem Hintergrund findet die Abendveranstaltung “Der Wohnbau des Modell Steiermark und dessen Wohnzufriedenheit” von Helle Panke e. V. Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin findet am 21. November 2019 im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt (Bat-Yam-Platz 1, 12353 Berlin) statt. Der Abend mit der Grazer Architektin und Wohnbauforscherin will das Modell Steiermark zunächst geschichtlich in seine politischen Voraussetzungen einordnen.

Mittels einer publizierten Studie wurde der Grad der Wohnzufriedenheit erhoben, mit dem Ergebnis: In den partizipativen Wohnbauten waren die Bewohner leicht zufriedener als in konventionellen Bauten. Die Ergebnisse der Studie anhand einer österreichischen Modellvergabe soll die Grundlage für ein stadtpolitisches Gespräch über die Vergabeverfahren der Stadt Berlin und partizipative Stadtentwicklung geben. (kb, 9.11.19)

Graz, St. Peter, Terrassenhaus (Bild: Moschitz S.Partl, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2008)