Grazer Moderne in Bedrängnis

In Österreich fallen qualitätvolle Bauten der jüngeren und jüngsten Vergangenheit allzu oft der Spitzhacke zum Opfer. Denn noch immer begegnet der Denkmalschutz der Architektur nach 1945 sehr zögerlich, die 1980er und 1990er Jahre genießen nahezu keinen Schutz. Das gilt auch im schönen Graz, der Hauptstadt der Steiermark. Anselm Wagner und Sophia Walk vom Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften (akk) der TU Graz haben gemeinsam mit Studierenden nun die Zeitung „SOS Grazer Schule“ erarbeitet. Sie dokumentiert in Text und Bild 127 Grazer Bauwerke aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die (noch) nicht unter Denkmalschutz stehen, sich außerhalb der Altstadt-Schutzzonen befinden und die es wert sind, als wichtige Elemente des Stadtbildes und bedeutende Dokumente der Baukunst erhalten zu werden. Die Publikation geht aus einer Lehrveranstaltung am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz im Wintersemester 2020/21 hervor. Und schon zur Veröffentlichung ist das erste Gebäude bereits abgerissen: Das Haus Fuchs, ein Konglomerat aus 150 Jahren Architektur- und Umbaugeschichte, das seine letzte, postmoderne Form 1986-88 erhalten hatte. „SOS Grazer Schule“, erschienen im Verlag der TU Graz, ist als Open Access E-Book konzipiert und kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Der Sammlung der bedrohten Bauten ging die Arbeit am Architekturführer Graz voraus, den Anselm Wagner und Sophia Walk in Zusammenarbeit mit dem Haus der Architektur (HDA) Graz 2019 bei DOM Publishers veröffentlicht haben. Graz gilt als Österreichs Hauptstadt der Architektur: Die zweitgrößte Stadt der Alpenrepublik wartet sowohl mit dem UNESCO-Weltkulturerbe ihrer Altstadt als auch mit den experimentellen Bauten der Grazer Schule des späten 20. Jahrhunderts auf. Im Jahr 2003 Kulturhauptstadt Europas und seit 2011 UNESCO „City of Design“ , besticht Graz durch herausragende Beispiele historischer und zeitgenössischer Architektur. (db, 7.9.21)

Graz, Bürogebäude (Atelier Schiefer, 1987–1990) (Bild: Jakob Bock/Darlene Pudil)

Das Modell Steiermark

Zu wenig bezahlbarer Wohnraum, das betrifft immer mehr Städte – von Berlin über Freiburg und Jena bis zu Wien und Graz. In Österreich lieferte das sog. Modell Steiermark neue Lösungswege im Massenwohnungsbau der Nachkriegsmoderne. Vor diesem Hintergrund findet die Abendveranstaltung „Der Wohnbau des Modell Steiermark und dessen Wohnzufriedenheit“ von Helle Panke e. V. Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin findet am 21. November 2019 im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt (Bat-Yam-Platz 1, 12353 Berlin) statt. Der Abend mit der Grazer Architektin und Wohnbauforscherin will das Modell Steiermark zunächst geschichtlich in seine politischen Voraussetzungen einordnen.

Mittels einer publizierten Studie wurde der Grad der Wohnzufriedenheit erhoben, mit dem Ergebnis: In den partizipativen Wohnbauten waren die Bewohner leicht zufriedener als in konventionellen Bauten. Die Ergebnisse der Studie anhand einer österreichischen Modellvergabe soll die Grundlage für ein stadtpolitisches Gespräch über die Vergabeverfahren der Stadt Berlin und partizipative Stadtentwicklung geben. (kb, 9.11.19)

Graz, St. Peter, Terrassenhaus (Bild: Moschitz S.Partl, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2008)

Nach Graz zum Superstudio

Wenn Sie etwas Zeit entbehren können und den (möglicherweise) goldenen Oktober nutzen wollen, hätten wir einen Vorschlag für Sie: Fahren Sie doch mal ins schöne Graz. Dort läuft im Rahmen des Kulturfestivals steyerischer herbst ’19 und der Future Architecture Platform im HDA noch bis zum 8. November 2019 die Ausstellung „Sorry, the file you have requested does not exist. Liebe Grüße aus Graz von Superstudio“. Die Architektuen- und Künstlergruppe Superstudio existiert zwar seit Ende der 1970er nicht mehr und hat auch nie gebaut, doch sie schuf Bilder und Ideenskizzen, deren Einfluss bis in die Architektur der Gegenwart anhält.

Die Grazer Schau stellt das Werk des 1966 in Florenz gegründeten Superstudio den Positionen von zeitgenössischer Kunst und Architektur gegenüber. Heute würde man die Gruppe wohl „Think-Tank“ nennen – ähnlich wie ihre Zeitgenossen von Archigram (1960-74) und den ebenfalls in Italien gegründeten Archizoom (1966-74). Sie alle hinterfragten provokant die Rolle der Architektur in der Gesellschaft und übten dabei mal mehr mal weniger deutlich Konsum- und Kapitalismuskritik. In Graz hinterfragen nun auch die aktuellen Künstler die Rolle der Architektur und suchen nach Zukunftspotentialen. (db, 8.10.19)

Superstudio, „Frühjahrsputz“, 1971 (Bild: MAXXI National museum of 21st century arts, Rom)