Großbauten

Berlin, Staatsbibliothek Lesesaal (Bild: da Flow, CC BY-SA 3.0)

WDWM in Duisburg

Bis zum 26. September beschäftigt sich die Kulturkirche Liebfrauen mit der Frage „Welche Denkmale welcher Moderne?“ oder kurz: WDWM. Der Titel klingt kryptisch, ist aber schlüssig: Kirchen, Schlösser und Fachwerkhäuser gelten unbestritten als Baudenkmale. Wie aber wird der Wert von Großwohnsiedlungen, Einkaufszentren oder Campus- Universitäten beurteilt? Zwei Drittel des deutschen Gebäudebestands wurden zwischen 1949 und 2000 errichtet. Die häufig als „Betonklötze“ geschmähten Nachkriegsbauten sind heute Zeugnisse einer abgeschlossenen Epoche. Als solche nimmt sie die Denkmalpflege in zahlreichen europäischen Ländern seit gut zwei Jahrzehnten immer mehr in den Blick.

Der Forschungsverbund „WDWM“ ist ein Kooperationsprojekt der Bauhaus-Universität Weimar und der Technischen Universität Dortmund. Er wurde 2014–2017 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und brachte Wissenschaftler aus den Bereichen Architektur, Denkmalpflege, Kunstgeschichte und sozialwissenschaftlicher Stadtforschung zusammen. Die resümierende Ausstellung „BIG HERITAGE. Welche Denkmale welcher Moderne?“ gibt anhand ausgewählter Beispiele einen Einblick in die Denkmal-Debatten um die Nachkriegsmoderne. Zu sehen sind Fotografien von Walter Danz, Gerald Große, Otto Hainzl, Herbert Lachmann, Bernd Walther, Raumlabor. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 13.00 bis 18.00 Uhr bei freiem Eintritt. Begleitend ist 2017 im Jovis Verlag der Sammelband „Welche Denkmale welcher Moderne? Zum Umgang mit Bauten der 1960er und 70er Jahre“ erschienen. (db, 7.9.18)

Berlin, Staatsbibliothek Lesesaal (Bild: da Flow, CC BY-SA 3.0)

Ulm, Universumcenter (Bild: Peter Liptau)

Eine Verjüngungskur fürs Universum

Ein Vorzeigeprojekt der modernen Stadt: Das Universumcenter am Ehinger Tor in Ulm. 1971 fertiggestellt, geplant vom Architekten H. M. Wein, der wenig später auch das Neu-Ulmer Pendant, das Donaucenter planen durfte, galt es zur Bauzeit als Musterbeispiel der Stadt-in-der-Stadt-Lösung. Im 22 Stockwerke zählenden, knapp 60 Meter hohen Gebäude finden sich 121 Wohnungen und 41 Ladengeschäfte. Hinzu kommen ein Atrium mit Brunnen und eine Terrasse oberhalb.

Vieles ist verschwunden oder zumindest nicht mehr zugänglich: eine Kegelbahn, ein Panoramarestaurant, eine Tankstelle mit Autohaus. Heute ist das Gebäude, wie viele seiner Artgenossen, in Verruf geraten. „Wohnung zu vermieten. Auch für erotisch-gewerbliche Nutzung“, hieß es jüngst in einer Annonce. Nicht der einzige, aber einer der Startschüsse, die das Augenmerk der Eigentümer der Einzelparteien, aber auch die Ulmer Sanierungstreuhand auf den Plan ruft. Ein Bewohner-Arbeitskreis ist bereits gegründet, und die städtische Treuhand will das Universumcenter ebenfalls wieder zu einem attraktiven Ort zu machen – vor allem als Eingang zum dahinter in Sanierung befindlichen und weiter auszubauenden „Dichterviertel“. Welche gestalterischen Maßnahmen genau getroffen werden, das ist noch unklar. Aktuell wurden, unter Anwendung des Landesglücksspielgesetzes, bereits vier der fünf Spielotheken zur Schließung aufgefordert. Wer sich einen Eindruck machen möchte, kann hier eine 2016 entstandene Multimedia-Story zum Gebäude ansehen. (pl, 26.5.18)

Ulm, Universumcenter (Foto: Peter Liptau)

Marl (Big Beautiful Buildings, Marl, Foto: Tania Reinicke)

Big is Beautiful – es geht los!

Das Landesprojekt NRW zum Europäischen Kulturerbejahr „Big Beautiful Buildings – Als die Zukunft gebaut wurde“ wird Anfang April feierlich gestartet. Die Initiative rückt die Bauwerke der Wirtschaftswunderjahre in ein neues Licht. Große und kleine, bekannte und unbekannte, auffällige und unscheinbare Gebäude können dann wiederentdeckt werden. Ein Jahr lang werden im Ruhrgebiet besondere Gebäude ausgezeichnet, begleitet durch umfangreiche Informationen und ein Programm aus Kunst, Kultur und Unterhaltung.

„Big Beautiful Buildings“ ist ein gemeinsames Projekt von StadtBauKultur NRW und der TU Dortmund, Fachgebiet Städtebau, Stadtgestaltung und Bauleitplanung in Zusammenarbeit mit vielen Partnern aus Kultur, Immobilienwirtschaft, Politik und Verwaltung. Der feierliche Auftakt findet am 11. April um 18 Uhr im Musiktheater im Revier (Kennedyplatz, Gelsenkirchen) statt. Anmelden kann man sich online hier. (kb, 2.4.18)

Marl (Big Beautiful Buildings, Marl, Foto: Tania Reinicke)

Großbauten in ihrer Gesellschaft

Das Berliner ICC schließt seine Pforten (Bild: Avantique)
Wie beautiful ist big? Seit den 1970ern – hier das Berliner ICC – denkt die deutsche Architektur wieder gerne groß (Bild: Avantique)

Mit den Nachkriegsjahrzehnten wurde die Architektur in Deutschland immer mutiger, (wieder) groß zu denken und zu bauen. Städtebauliche Riesen der 1970er Jahre wie das Berliner ICC gipfeln heute in – gelingenden oder stagnierenden – Blütenträumen wie der Berliner Großflughafen, die Elbphilharmonie oder Stuttgart 21. Wie lässt sich diese Tendenz erklären? Welche ideelle Bedeutung besitzt „Größe“ in der Architektur heute, und welchem historischen Wandel unterliegen die entsprechenden Zuschreibungen seit der Antike? Ist eventuell auch das Scheitern am Großbau altbekannt?

Die Vortragsreihe „Großbauten in ihren Gesellschaften. Zwischen praktischer Nutzung und symbolischer Bedeutung“ (jeden Dienstag im Wintersemester zwischen 18:15 und 20 Uhr an der FU Berlin, ‚Holzlaube‘, Fabeckstraße 23-25, Raum 1.2009, 14195 Berlin-Dahlem) verortet das Phänomen architektonischer Monumentalität in einem weiten historischen Kontext vom alten Ägypten bis zur Architekturmoderne des 20. Jahrhunderts. Die Blickwinkel von Archäologen und Architekturforschern werden ergänzt durch diejenigen zeitgenössischer Architekten, Schriftsteller und Architekturkritiker. Mit Blick auf die Nachkriegsmoderne sind zwei Termine hervorzuheben: Am 17. November 2015 spricht Prof. Dr. Hans-Georg Lippert/Dresden zum Thema „Zauberwürfel. Monumentalität in der Architekturmoderne“. Am 9. Februar 2016 referiert Carsten Ruhl/Frankfurt am Main über „Figur, Symbol, Bild. Monumentalität und Architektur im 20. Jahrhundert“. (kb, 20.10.15)

Petitionen fürs ICC Berlin

Das Berliner ICC schließt seine Pforten (Bild: Avantique)
Gleich mehrere Petitionen – von ICOMOS bis zur Online-Initiative – setzen sich für das Internationale Congress Centrum (ICC) in Berlin ein (Bild: Avantique)

„In Berlin aufgewachsen, war mir von klein auf bewusst, dieses gigantische Bauwerk ist etwas Besonderes.“ Mit diesen Worten wendet sich Michael Stekowski mit einer Online-Petition an die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Er fordert darin nicht weniger als „Denkmalschutz für das ICC Berlin“.

Das ICC, dessen Anfänge bis in die 1960er Jahre zurückreichen, wurde – nach Plänen der Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte errichtet – 1979 feierlich eingeweiht. Aktuell befindet sich die Anlage im funktionalen Umbruch. Für die Online-Petition verdient das das monumentale Gesamtkunstwerk ähnlich wie seine großen Geschwister – das Klinikum Aachen und das Centre Pompidou in Paris – daher besondere Fürsorge. Oder, wie es Kerstin Wittmann-Englert in ihrem Leitartikel zum moderneREGIONAL-Sommerheft 2014 über das ICC ausdrückte: „Der Ruf nach Denkmaleintragung, getragen von Institutionen wie der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger, der Architektenkammer Berlin und dem Landesdenkmalrat Berlin, wird immer lauter. Ihm sollte man folgen, denn das ICC ist […] als Unikat ein über alle Maßen gelungenes Zusammenspiel von zeitgemäßer Konstruktion und Materialität, gestalterischer Qualität, baukünstlerischem Ausdruck und erwiesener Funktionalität.“ Bereits die ICOMOS Generalversammlung in Florenz hatte sich im November 2014 für das ICC stark gemacht, wie der ICOMOS-Präsidenten Gustavo Araoz in seinem Schreiben an den Regierenden Bürgermeister von Berlin unterstrich. Wenn sich die Fachwelt schon einmal so einig ist … (kb, 23.3.15)

Das neue Heft ist da

Die Pfeilerhalle am Kulturhaus Zinnowitz mischt Formen der NS- und Barockarchitektur (Bild: D. Bartetzko)
Das Kulturhaus Zinnowitz konnte 1.700 Menschen fassen (Bild: D. Bartetzko)

“Mentale Aufbauprojekte” nennt sie die Architekturkritikerin Karin Wilhelm in ihrem Beitrag über das Berliner Bikini-Haus. Im Sommerheft von moderneREGIONAL (Redaktion: Daniel Bartetzko/Julius Reinsberg) geht es um große Bauten mit kleinen Chancen. Mal standen sie für politische Utopien, mal verkörperten sie die hoffnungsvolle Wirtschaftswunderzeit. Mit viel Optimismus packte man Kultur und Kommerz, Verwaltung und Wohnen in ein einziges Gebäude. Heute fordert uns diese schiere Größe heraus: (zu) viel Raum und (zu) viele Nutzungen unter einem Dach.

In ihrem Leitartikel fragt Kerstin Wittmann-Englert – am Beispiel des ICC – nach der Zukunft dieser Großbauten. Karin Wilhelm lässt die Aufbruchsstimmung der Nachkriegsjahre  wieder aufleben. Wie rasch die modernen Kolosse aufeinander folgten, umreißt Olaf Gisbertz anhand des Kröpcke-Centers Hannover. Die ungebaute sozialistische Utopie zeichnet Julius Reinsberg nach. Peter Cachola Schmal begeistert sich im Interview für das charmant überdimensionierte Gothaer-Haus in Offenbach. Und Karin Berkemann gräbt sich durch die moderne Baugeschichte des monumentalen Kulturhauses Zinnowitz. (kb, 18.8.14)