Cremonbrücke gefährdet

Bauwerke, die einst als innovativ gefeiert wurden, gelten später oft früher als andere als unpassend, wartungsintensiv oder schlicht zu groß. So ergeht es gerade der Cremonbrücke in Hamburg, derzeit Deutschlands Abriss-Stadt Nummer eins. Die Fußgängerbrücke über der Kreuzung Willy-Brandt-Straße/Kleiner Burstah wurde 1982 nach Plänen des Büros Pysall, Stahrenberg und Partner (PSP Architekten) gebaut. Eine stählerne Tripode mit drei Zugängen, freiliegenden Rolltreppen (!) und einem zentralen Tragmasten, das Ganze (einst) strahlend blau lackiert: Die Postmoderne setzte ein farbenprächtiges Zeichen.

Kaum 40 Jahre später wünscht sich die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BSW) das Brückenbauwerk weg. Begründung: siehe oben. Die notwendige Sanierung gehe ins Geld, die Unterhaltung der Rolltreppen zu aufwendig, und generell sei die Brücke auch nicht unverzichtbar. Zufälligerweise soll bald das „Holcim“-Gebäude neben dem südöstlichen Brückenaufgang abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Da wären doch einige Quadratmeter Baugrund zusätzlich willkommen. Ein Gebäude am Südwestaufgang der Brücke steht übrigens unter Denkmalschutz: die 1976-82 errichtete einstige Landeszentralbank (heute Deutsche Bundesbank), welche mit der Cremonbrücke eigentlich ein Ensemble bildet. Unter anderem Marco Alexander Hosemann vom Verein City-Hof e. V. versucht nun, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, auf dass die Cremonbrücke doch noch unter Schutz kommt. mR ist gerne dabei … (db, 7.7.19)

Tipp: Die Ausstellung „Brücken in Hamburg. Architektenturen des Übergangs“, erarbeitet von Studierenden des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Hamburg unter Leitung von Dr. Frank Schmitz, präsentiert Fallstudien zu einzelnen Hamburger Brücken aus unterschiedlichen Zeitschichten – darunter viel bedrohte Moderne. Die Präsentation im Kunstgeschichtlichen Seminar (Edmund-Siemers-Allee 1, Westflügel, 1. Stock, 20146 Hamburg) startet mit einer Vernissage am 10. Juli 2019 um 18 Uhr.

Hamburg, Cremonbrücke 2019 (Bild: Marco Alexander Hosemann)

Das hanseatische Bauhaus

In diesem Jahr sind selbstverständlich die großen Wirkungsstätten des Bauhauses, Weimar, Dessau und Berlin im Fokus. Dass der Einfluss der Bauhauslehre sich früh in Hamburg ausbreitete, wissen hingegen die wenigsten. Dieses Kapitel Stadtgeschichte wird nun von Rüdiger Joppien und Hans Bunge in ihrem Werk „Bauhaus in Hamburg Künstler Werke Spuren“, aufgearbeitet. Am 27. Juni 2019 findet in der Freien Akademie der Künste (Klosterwall 23, 20095 Hamburg) eine Buchpräsentation mit anschließender Podiumsdiskussion statt. Das Gesprächsthema zwischen Joppien und dem Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath lautet „DAS Bauhaus gibt es nicht“. Die aktuell im Dölling-und-Galitz-Verlag erschienene Publikation versteht sich als Begleitkatalog zur gleichnamigen Ausstellung, die noch bis zum 30. Juni 2019 in der Freien Akademie zu sehen sein wird.

Schon 1930 wurde in Hamburg in der Landeskunstschule der berühmte Vorkurs übernommen. Nach dem Krieg unterrichteten an der Hochschule für bildende Künste so viele ehemalige Ex-Bauhausschüler wie nirgens sonst in der Bundesrepublik. Nicht wenige bekannte Namen werden im Band behandelt: Gerhard Marcks, Gustav Hassenpflug, Max Bill, Kurt Kranz, Else Möglin, Walter Peterhans und Wolfgang Tümpel. Letzterer entwarf 1961 die berühmte Frischhaltedose der Firma Tchibo. So zeigt diese erste Gesamtdarstellung der Hamburger Bauhäusler eben auch, wie von dort aus die Reformgedanken weiter in unseren Alltag wanderte. (jm, 21.6.19,)

Hamburg, Großmarkt (Bild: LoboStudio Hamburg, CC0 1.0, PD, 2016)

Frau Architekt in Hamburg

Vor mehr als hundert Jahren wurden Frauen erstmals an den Technischen Hochschulen in Deutschland zu diplomierten Architektinnen ausgebildet. In der Folge haben sie – oft mit innovativen Ideen und nicht selten gegen massive Widerstände – maßgebliche Beiträge zur Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts geleistet. Und doch war wie kaum eine andere Disziplin die Architektur eine Männerdomäne. Auch dies zählte zu den Erkenntnissen der Ausstellung „Frau Architekt“, mit der das Deutsche Architekturmuseum (DAM) Frankfurt im Herbst 2017 aufwartete. Längst studieren mehr Frauen als Männer an den Architekturhochschulen ein europaweiter Trend, der in Deutschland mit mehr als 53 Prozent am deutlichsten ausfällt.

Lebensgeschichte, Ausbildung und Werk von 22 Architektinnen präsentiert „Frau Architekt“; zu den Portraitierten zählen unter anderem Margarete Schütte-Lihotzky, Lotte Cohn und Karola Bloch. Und es ist nur gut und folgerichtig, dass die DAM-Ausstellung auf Wanderschaft gegangen ist: Bis zum 8. September ist sie nun im Rahmen des Hamburger Architektursommers im dortigen Museum der Arbeit zu sehen. Wer die Ausstellung in Frankfurt verpasst hat, hat nun also Gelegenheit, den Besuch nachzuholen. (db, 20.6.19)

M. Schütte-Lihotzky, Porträt von Lino Salini 1927 (© Porträtzeichnung: Lino Salini)

Hamburg-Dulsberg: Der Umbau ist fertig

An Pfingsten ist es soweit: Die Frohebotschaftkirche in Hamburg-Dulsberg wird wiedereröffnet. Noch vor wenigen Jahren sah es schlecht aus für die Zukunft des Kulturdenkmals. Die evangelische Gemeinde hatte bereits ihre Dietrich-Bonhoeffer-Kirche aus der liturgischen Nutzung genommen, für Frohebotschaft wurde gar der Abriss diskutiert. Fritz Schumacher hatte 1903 bereits bei seiner Planung für den neuen Stadtteil das heutige Kirchengrundstück vorgesehen.

Es war schließlich das Architekturbüro Friedrich Dyrssen und Peter Averhof, das die Kirche 1937 fertigstellte und 1953 auch den Wiederaufbau des kriegszerstörten Gebäudes anleitete. Nach längerer Diskussion um eine mögliche Nutzungsänderung starteten WRS Architekten 2015 den Umbau: Zwei Kuben – Kindergarten und Gemeindehaus – wurden in das Schiff eingestellt. Erschlossen wird der Bau nun über einen neuen Zugang von Norden, vom Straßburger Platz her, das Schiff dient an dieser Seite als Foyer. Finanziert wurde die Maßnahme durch Fördermittel und den Verkauf umliegender, durch den Abriss von Nebenbauten freigeräumter Flächen. (kb, 9.6.19)

Titelmotiv: Hamburg-Dulsberg, Frohebotschaftkirche (Bild: An-d, CC BY SA 3.0, 2013)

Alter Elbtunnel autofrei

Seit 1911 ist der Hamburger St.-Pauli-Elbtunnel in Betrieb. Der Ingenieursbau an den Landungsbrücken galt seinerzeit als technische Meisterleistung, gelangen doch Kraftfahrzeuge und Pferdefuhrwerke über große Lastenaufzüge hinunter zu den zwei Tunnelröhren, die St. Pauli mit der Insel Steinwerder verbinden. Von der verkehrstechnischen Notwendigkeit hat sich der Jugendstil-Tunnel längst zur Touristenattraktion gewandelt. Und doch war er bis zuletzt für Kfz offen – die freilich nur noch eine Minderheit waren: 42.000 Autos im Jahr 2018 stehen 300.000 Fahrräder und 1,1 Millionen Fußgänger gegenüber. Dazu beigetragen haben dürften neben dem Werftensterben der 1980er auch die nur 1,85 Meter breiten Fahrspuren, auf denen fettleibige „moderne“ SUV ohne Schäden an den teuren Alurädern kaum noch fahrbar waren …

Nun ist die Zeit der Kraftverkehrs im alten Elbtunnel vorbei: Seit 1. Juni ist er aufgrund Sanierung nur noch für Fußgänger und Radfahrer passierbar. Ob er nach Ablauf der etwa fünf Jahre dauernden Arbeiten wieder für Motorfahrzeuge geöffnet wird, ist unklar. Die „Hamburg Port Authority“ (Neusprech für „Hafenbehörde“) ließ verlautbaren, dass die Sperrung zeitlich unbegrenzt und bis auf Weiteres gelte. Die Lastenaufzüge sollen jedoch betriebsbereit bleiben. Einen letzten standesgemäßen Besuch stattete unter anderem die Oldtimer Tankstelle dem Tunnel am 31. Mai ab: Die Mitarbeiter durchquerten mit einem 1961er Opel Rekord die Röhren. (db, 8.6.19)

Hamburg, St.-Pauli-Elbtunnel am 31. Mai 2019 (Bild: Großtankstelle Brandshof)

Die City Nord im Architektursommer

Prominente Hamburger Abrisse betrafen in den vergangenen Jahren die City Nord: Neben der ehemaligen BP-Zentrale (1964-71) 2015 fiel auch die brutalistische Postpyramide (1974-77) 2017/18 dem Abriss zum Opfer. Dennoch steht die ab 1964 nach einem Konzept von Werner Hebebrand errichtete „Bürostadt im Grünen“ als Ensemble seit 2013 unter Schutz. Etliche Bauten sind auch Einzeldenkmale – darunter die EDEKA-Zentrale (1972-74, Siegfried Wolske und Peter Erler) und das berühmte Vattenfall-Gebäude (1966-69, Arne Jacobsen). Die meisten Großbauten waren Konzernzentralen, der Erwerb der Grundstücke damals an die Auslobung von Architekturwettbewerben gebunden. Entsprechend entstanden in der Regel Solitäre von hoher gestalterischer Qualität, die oft auch innovative Bürokonzepte verfolgten.

Ab dem 27. Mai rückt im Hamburger Rathaus eine Fotoausstellung die Bürobauten der City Nord ins rechte Licht. Die Veranstalter – das Denkmalschutzamt und der Fotograf Felix Borkenau – lenken während des Hamburger Architektursommers den Blick aber nicht nur auf das Projekt dezentralen Bürostadt (und den durch sie erreichten Erhalt der Hamburger Innenstadt): Zugleich wird die Ausstellung das Architektursommer-Thema „Bauhaus und Moderne“ aufgreifen und mit den vielfältigen Beispielen hervorragender 60er und 70er-Jahre-Architektur den Bogen zu ihren Vorläufern schlagen. Die Eröffnung findet um 12.30 Uhr durch den Senator für Kultur und Medien Dr. Carsten Brosda in der Rathausdiele statt, die Schau läuft bis zum 18. Juni. (db, 13.5.19)

Hamburg-Winterhude, BP-Zentrale City Nord, abgerissen 2015 (Bild: Felix Borkenau)