FACHBEITRAG: Das „frappant“

von Sylvia Necker (Heft 14/2)

Das "frappant" in den frühen 1970er Jahren (Bild: privat)
Das „frappant“ nach 1973 (Bild: privat)

Mitten in Hamburg-Altona stand das „frappant“ – ein Ensemble mit Einkaufszentrum und Gewerbe- sowie Wohneinheiten – gerade einmal 40 Jahre. Als „Betonklotz“ geschmäht und als „Bausünde“ verurteilt, gehört es zu den vielen baulichen Zeugnissen der Nachkriegsmoderne, die aussortiert und in diesem Fall abgerissen wurden. Als man das „frappant“ in der Großen Bergstraße 1973 eröffnete, war sein Niedergang indes nicht vorstellbar, ganz im Gegenteil: In der lokalen Presse wurde das Ensemble – als folgerichtige Weiterentwicklung des Wiederaufbaugebiets Neu-Altona – mit einem Gala-Empfang gefeiert.

 

Wirtschaftswunderwelt in der Fußgängerzone

Hamburg gehörte zu den westdeutschen Städten, die von den Alliierten stark bombardiert wurden. Im Stadtteil Altona, im Westen und in der Nähe des Hafens gelegen, waren einige Straßenzüge komplett zerstört. Konstanty Gutschow, von den Nationalsozialisten als „Architekt für die Neugestaltung der Hansestadt Hamburg“ eingesetzt, sah sich dadurch in seiner Utopie der „neuen Stadt“ beflügelt. Noch vor 1945 legte er mit seinen Neu- und Wiederaufbauplänen den entscheidenden Grundstein für Hamburgs Nachkriegsgestalt.

Flächennutzungsplan von Ernst May für das Wiederaufbaugebiet "Neu-Altona", 1955 (Bild: Neue Heimat, Hamburgisches Architekturarchiv)
Flächennutzungsplan von Ernst May für das Wiederaufbaugebiet „Neu-Altona“, 1955 (Bild: Neue Heimat, Hamburgisches Architekturarchiv)

Durch den ersten Nachkriegsbürgermeister Hamburgs, Max Brauer, kam der Architekt und Städtebauer Ernst May für das größte Wiederaufbauprojekt der Hansestadt nach Hamburg. Der gewerkschaftlichen Baugesellschaft „neue heimat“ legte er 1954 die ersten Pläne von „Neu-Altona“ vor. Das 110 Hektar große Gebiet – zwischen der Elbe im Süden, der heutigen Max-Brauer-Allee im Westen und der Holstenstraße im Osten – wollte May auflockern und nach Funktionen trennen. Neu-Altona sollte ein Grüngürtel mit Schulen und weiteren öffentlichen Einrichtungen durchziehen. Die 11.000 Wohnungen ordnete der Stadtplaner in organisch geformten Zeilen von vier bis fünf Stockwerken. Durch wenige Punkthochhäuser setzte er im Grüngürtel städtebauliche Orientierungspunkte.

Kernstück bildete das „Geschäftsgebiet mit Ladenstraße“ (im Flächennutzungsplan rot ausgewiesen). Hierfür wurde die im Osten schwer zerstörte Große Bergstraße wiederaufgebaut. Im Westen zum Bahnhof Altona schuf man mit der Neuen Großen Bergstraße eine „Ladenstraße“, wofür die teilweise noch funktionstüchtige Wohnbebauung abgerissen wurde. Zwischen Bank- und Verwaltungsgebäuden sollten die Hamburger in Cafés und kleinen Läden die neue bundesrepublikanische Warenwelt durchschlendern. Der Clou waren die – in den Straßenraum gesetzten – Pavillons, die zusätzliche Geschäfte beherbergten.

Das „Hausfrauenparadies“, wie es das Hamburger Abendblatt betitelte, wurde 1966 eröffnet und rühmte sich, die erste Fußgängerzone der Bundesrepublik zu sein. Vorbild war die Lijnbaan in Rotterdam (1954), die als erste autofreie Fußgängerzone in ganz Europa Furore machte. Die Euphorie für den „merkantile[n] Superbau“ in der Neuen Großen Bergstraße war auch in Hamburg groß. Im November 1966 lobte man den Ort, „wo auch […] gepflegte Gastlichkeit für eine absolut großstädtische Atmosphäre sorgen soll“, die „mit dem Wortmonstrum ‚Fußgänger-Einkaufsstraße Neu-Altona‘ belegt worden ist“.

 

Der Ideenwettbewerb von 1968

Wettbewerbsbeitrag des Hamburger Architekten Peter Neve für ein Multifunktionsensemble mit Einkaufszentrum, Büros und Wohneinheiten 1968 (Bild: Neue Heimat, Hamburgisches Architekturarchiv)
Wettbewerbsbeitrag von Peter Neve für ein Ensemble mit Einkaufszentrum, Büros und Wohneinheiten 1968 (Bild: Neue Heimat, Hamburgisches Architekturarchiv)

Die Neue Große Bergstraße konnte sich rasch als Geschäftsstraße etablieren. Daraufhin schrieb die Stadtplanung im Bezirk Altona mit der „neuen heimat“ 1968 den Ideen-Wettbewerb für ein „überörtliches Geschäftszentrum“ aus. Der Konsum, eine der wichtigsten Triebfedern der Nachkriegsmoderne, schien den Bedarf für ein multifunktionales Ensemble zu wecken: Einkaufszentrum, Büroflächen und Wohnungen sowie eine angeschlossene Parkgarage mit 1.000 Stellplätzen. Der Architekt Peter Neve bekam den Zuschlag und errichtete bis 1974 in drei Bauabschnitten die Wohn- und Verkaufsflächen zwischen Virchowstraße, Große Bergstraße und Jessenstraße. Dazu gehörten mit der im Osten der Großen Bergstraße angrenzenden „Altona Passage“ noch weitere Einkaufsflächen. Im Unterschied zu den Plänen von Ernst May, sollte das „frappant“ nun gerade die Funktionen bündeln.

Der Einkauf konnte quasi mit den Aufzug aus dem Erdgeschoss in die Wohnflächen der „Altona Passage“ gebracht werden. Zwar hatten sich die Pläne für eine eigene U-Bahn-Station zerschlagen, aber die S-Bahnen und Busse waren mit dem Altonaer Bahnhof nur 400 Meter entfernt. In seinen Geschosshöhen nach oben gestaffelt und mit vielen Vor- und Rücksprüngen ausgestattet, klebte das „frappant“ keineswegs als Klotz in der Straße. Ganz im Gegenteil: Vom Bahnhof Altona kommend, fügte sich der Bau reibungslos in die Große Bergstraße. Zeitgenössisch war er etwa durch besondere Bars und das erste afghanische Restaurant der Stadt ein echter Hotspot.

 

Das „frappant“ im Zenit

1973 wurde das „frappant“ durch einen Gala-Empfang mit 1.000 geladenen Gästen in Smoking und Abendkleid eröffnet. Die Erwartungen an das „frappant“ waren hochgehängt. Man schwärmte von den „stilechte[n] Kostüme[n]“ des Personals und vom „Pariser Flair“. Das Zentrum sei „einmalig in Europa“: „eine Mini-Stadt, vollklimatisiert, mit lockenden Geschäften und ausgesuchter Gastronomie unter einem Dach“.

Für „Hamburgs modernstes Wohn-, Bummel- und Einkaufszentrum“, zu dem „Straßenrestaurants, Boutiquen und Fitness-Räume“ gehörten, wurde allenthalben geworben. Die triste Bahnhofsregion und die mittlerweile in die Jahre gekommene Neue Große Bergstraße – obwohl noch nicht einmal zehn Jahre alt – sollte durch das Glitzern und die bunten Farben der Innenarchitektur des „frappant“ aufgewertet werden. In den 1970er Jahre übernahm der Karstadt-Konzern einige der Verkaufsflächen, in Teile der Büroetage des „frappant“ zog das Arbeitsamt ein.

 

Der Abstieg seit den 1980er Jahren

Hamburg, Frappant, Rückseite (Bild: Johanna Klier, 2010)
Seit den 1980er Jahren wurde das „frappant“ (nicht nur) baulich vernachlässigt (Bild: Johanna Klier, 2010)

Ähnlich schnell wie die Neue Große Bergstraße veraltete auch das „frappant“. Der Bezirk Altona investierte kaum in die Infrastruktur und die Straßenmöblierung. Zunehmend lagerte Müll in den Abseiten des Zentrums. Der gestaltete Freiraum vor dem „frappant“ wurde zum Treffpunkt für Alkoholiker und Obdachlose. Initiativen der lokalen Einzelhändler fruchteten nicht, die Stadt hatte Anderes im Sinn.

Jenseits der westlichen Begrenzung von Neu-Altona – der Max-Brauer-Allee und dem Bahnhof Altona – entwickelte sich der einst kleinteilige, verrottende Stadtteil Ottensen zum aufstrebenden, von Architekten und Akademikern bewohnten Viertel. Nachdem sie ihre Studienzeit hinter sich gelassen hatten, förderten die einstigen Revoluzzer nun einen Kiez, der heute zu den beliebtesten der Stadt zählt. Ottensen ist am oberen Ende der Gentrifizierungsspirale und die Mieten im „oberen Preissegment“ angekommen. Gleichzeitig konnten die „Loser“ vor dem „Betonklotz frappant“ erfolgreich durch die natürliche Grenze der Max-Brauer-Allee ferngehalten werden.

 

Kiez und Konsum?

Zwei bauliche Veränderungen sorgten für diesen Wandel: 1979 wurde der alte Altonaer Bahnhof durch einen „Kaufbahnhof“ ersetzt. In den 1990er Jahren eröffnete man mitten in Ottensen das Einkaufszentrum „mercado“, das sich zum regionalen Anziehungspunkt entwickelte. Kiez und Konsum passen dort wunderbar zusammen, das „frappant“ und die Große Bergstraße waren dagegen die Verlierer. Die Geschäfts- und Einkaufstätigkeit verlagerte sich zum „guten“, beliebten und sauberen Ottensen, während das Gebiet östlich der Max-Brauer-Allee als vernachlässigt, hässlich und schmutzig wahrgenommen wurde.

Damit büßte die Straße, aber vor allem die funktionalistische – einst für Fortschritt und Utopie stehende – Architektur der späten 1960er Jahre an Daseinsberechtigung ein. Von diesem Bedeutungsverlust konnte sich das „frappant“ nie erholen. So fruchteten keine der Rettungsversuche für das Gebäude, die man bis zum Abriss im Jahr 2011 unternahm.

 

Veränderungswillen und Protestkultur

Vor dem "frappant" werben Künstler 2009 mit einer Freiluftausstellung für dessen Erhalt (Bild: S. Necker)
Freiluftausstellung vor dem „frappant“ (Bild: S. Necker, 2009)

Die Talfahrt des „frappant“ war im Dezember 2003 an ihrem Tiefpunkt: Nach 25 Jahren zog Karstadt aus und das Arbeitsamt kündigte die Büroräume. Seit den 1990er Jahren wurde das „frappant“ immer wieder an neue Investoren verkauft, die jedoch keine Nutzung finden konnten oder wollten. Als Folge stand der Bau über Jahre teilweise leer. Erst 2005 zogen erste Künstler und kleine Architekturbüros auf Zwischenmiete in die Erdgeschossflächen der „Altona Passage“. Gleichzeitig setzte der Bezirk ein Quartiersmanagement ein, das die Große Bergstraße zum Sanierungsgebiet erklärte. Über die „steg Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft Hamburg mbH“ sollten die Große Bergstraße belebt und kleine Einzelhändler unterstützt werden.

Erst 2009 kam Bewegung in die Sache: Den Zwischenmietern in den mittlerweile etablierten Galerien und Künstler-Arbeitsräumen wurde gekündigt. Für die „Altona Passage“ hatte die Stadt einen Investor gefunden. Die Künstler sollten weichen und in das benachbarte, nun seit 2004 komplett leerstehende „frappant“ umzuziehen. Trotz aller Verschiebebahnhof-Taktik entstand eine euphorische Stimmung unter den neuen Zwischennutzern des „frappant“. Die Initiative frappant.org wuchs im Frühjahr 2009 auf an die 150 Künstler. Im Sommer konnten die Renovierungsarbeiten in den Büroetagen des „frappant“ beginnen. Und im August wurde im Erdgeschoss die Eröffnung des „neuen frappant“ gefeiert.

 

IKEA kommt

Die Pläne für die erste innerstädtische Filiale von IKEA anstelle des "frappants" riefen nicht nur bei den Künstlern, die das Gebäude zwischennutzen, Protest hervor. Im Umfeld der "Recht-Auf-Stadt-Bewegung" entwickelten sich unterschiedliche Kampagnen gegen IKEA in Altona (Bild: Sylvia Necker)
Der Plan, das „frappant“ durch eine IKEA-Filiale zu ersetzen, rief Protest hervor (Bild: S. Necker)

Allerdings war die Initiative sehr vielfältig: Für die einen war das „frappant“ billige Atelierfläche, einige Andere wollten hier ein Kulturzentrum für den Stadtteil entwickeln. Diese Standpunkte radikalisierten sich, als IKEA das „frappant“ im Herbst 2009 kaufte und hier eine innerstädtische Filiale ankündigte. Unterstützt vom Netzwerk „Recht Auf Stadt“, versuchte ein Teil von frappant.org, die IKEA-Pläne zu vereiteln. Zudem war durch die Kündigung der Zwischenmieter zum 31. November 2009 unmissverständlich klar: Das schwedische Möbelhaus meint es ernst.

Eine erstaunliche Wende nahm die Lage, als im Januar 2010 eine Pro-IKEA-Bürgerinitiative 77 % für den Abriss des „frappant“ gewinnen konnte. Kein Konzept vermochte das in die Jahre gekommene „frappant“ zu retten. Vielmehr zerbröckelte die bunte Gruppe der „frappant“-Retter. Einige Künstler zogen mit dem Verein frappant.org in ein Ausweichquartier. Andere führten den Kampf für eine „Stadt für alle“ weiter. Eine gesellschaftliche und architekturgeschichtliche Debatte um das „frappant“ wurde einfach nicht geführt. Stattdessen schienen der Kampf verloren und ein anderes Projekt erfolgsversprechender: die Gängeviertel-Initiative.

 

Der Kapitalismus siegt

Gestrandete Post-Post-Post-Moderne: Der neue IKEA-Bau drängt sich als Wal zwischen die vernachlässigten 1950er-Jahre-Bauten in der Neuen Großen Bergstraße (Bild: Sylvia Necker)
Gestrandete Post-Post-Post-Moderne: Der neue IKEA-Bau drängt sich als Wal zwischen die vernachlässigten 1950er-Jahre-Bauten (Bild: S. Necker)

Die Wirklichkeit fällt ernüchternd aus: Nach dem Abriss des „frappant“ ist die IKEA-Filiale seit diesem Sommer eröffnet. Wie ein Ufo schiebt sie sich in die Große Bergstraße. Die umliegenden Gebäude der Nachkriegsmoderne werden entweder abgerissen oder bis zur Unkenntlichkeit saniert. Die Stadt und die Bahn AG ließen sich endlich darauf ein, die Straßenunterführung der Max-Brauer-Allee aufwendig zu sanieren. Nun ist der Link zwischen den Konsumzonen in Ottensen und in der Großen Bergstraße geschaffen. Zum Preis, eine Architektur verloren zu haben, die den utopischen Geist der 1960er und 1970er Jahre auf wunderbarste Weise repräsentierte.

 

Rundgang

Folgen Sie Sylvia Necker – mit Bildern der Architekturfotografin Johanna Klier und des Hamburgischen Architekturarchivs – auf einem Rundgang durch die wechselnden Nutzungen des „frappant“.

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Sommer 14: Gestrandete Wale

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Kerstin Wittmann-Englert vergleicht die Wale mit Architektur: Gestandet seien die modernen Großbauten hoffentlich nicht.

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FACHBEITRAG: „Zentrum am Zoo“

Karin Wilhelm schildert Berlins Aufbruch der Nachkriegszeit: als 1957 das „Bikini-Haus“ von Paul Schwebes und Hans Schoszberger entstand.

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Olaf Gisbertz geht in Hannover auf Spurensuche nach dem gebauten, zerstörten und wiederaufgebauten Stadtzentrum – mit dem Kröpcke-Center aus dem Jahr 1976.

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Julius Reinsberg beschreibt eine Utopie des Sozialismus um 1930. Der Wettbewerb erzielte Höchstleistungen und beendete die russische Avantgarde.

FACHBEITRAG: Das "frappant"

FACHBEITRAG: Das „frappant“

Sylvia Necker folgt der Zwischennutzung des Hamburger Frappant. 1977 als Geschäfts- und Wohngebäude eingeweiht, steht heute an seiner Stelle ein neuer IKEA.

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INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

Der DAM-Direktor zeigt das Gothaer-Haus in Offenbach, das im Jahr 1977 die veschiedensten Nutzungen einfach übereinander stapelte.

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

Karin Berkemann befragt die moderne Baugeschichte des Kulturtempels: 1957 im Ostseebad eingeweiht, steht er seit der Wende leer und verfällt.

PORTRÄT: Meine Kirchen

von Karin Berkemann (15/4)

Meine erste Kirche war unendlich groß, hatte warme Fenster und einen kalten Fußboden. Als Kindergottesdienstanfänger sollten wir nicht immer nur im Gemeindehaus singen und Collagen kleben. Wir sollten auch die „richtige“ Kirche kennenlernen. Zu Beginn erzählte der Alt-Pfarrer (dass es mein Großvater war, machte es nicht unbedingt besser) etwas zur Baugeschichte. Dann wurden wir (nicht von meinem Großvater) ermutigt, laut schreiend über die Bänke zu steigen. Um uns die „heilige Scheu“ auszutreiben. Hat funktioniert.

Unterm Zirkuszelt

Der Sobernheimer Matthiaskirche brachten mein Großvater und Georg Meistermann (nicht ganz in dieser Reihenfolge) bis 1966 die Moderne bei (Bild: Karin Berkemann)

In dieser, meiner ersten Kirche (der Matthiaskirche in Sobernheim) war mir vieles fremd: Märchenhaft schienen verblasste Blumen und Köpfe in den Gewölben auf (Wandmalereien der Spätgotik). Ein wenig unheimlich setzte der vergoldete Ritter seine Füße schwer auf zwei Hunde (ein Grabdenkmal der Spätgotik). Und furchteinflößend litt der Gekreuzigte über dem Altar schwebend vor sich hin (eine Skulptur der Nachkriegsmoderne).

Doch waren da auch die vertrauten Dinge: Die schweren Holzstühle mit der geflochtenen Sitzfläche standen ähnlich um den heimischen Esstisch (dieselbe Möbelfabrik, ein Tipp meines Großvaters, der unsere mittelalterliche Kirche bis 1966 hatte komplett umgestalten lassen). Und die Kirchenfenster sahen aus wie das große Bild in unserem Wohnzimmer, das mit dem bunten Zelt (einer der seltenen kolorierten Fensterentwürfe von Georg Meistermann). Was Gott mit einem Zirkus zu tun hatte, blieb mir bei aller Bibelfestigkeit lange ein Rätsel (fast enttäuschend, dass es dann nur das „Zelt des Abraham“ meinte).

Kirche aus dem Koffer

Alle Hamburger müssen jetzt ganz tapfer sein: Betrachtet man den Wiederauf-/Betonanteil, ist auch der (neu)barocke Michel eigentlich eine Nachkriegskirche – aber eine äußerst fotogene (Bild: K. Berkemann)

In den folgenden Wanderjahren hatten die Kirchen der wechselnden Wohn- und Studienorte kaum eine Chance, zur Heimat zu werden. Umso besser passte die hölzerne Kapelle in Bethel zum Lebensgefühl meiner ersten Semester. Die – so erzählte man sich – schweizerische Militärbaracke war über Umwege neben unserem Studentenwohnheim zu stehen gekommen. Ihre bestechende Vorläufigkeit bot den ersehnten Freiraum, den wir für experimentelle Andachten freudig mit Teelichtern und Batiktüchern füllten.

Die ersten (frei-)beruflichen Stationen brachten verschiedenste „Nebenwohnsitze“ – einer der schönsten lag in Hamburg. Auf vielen Streifzügen lehrte mich die Freie und Hansestadt, wie elegant moderner Kirchenbau sein kann. Mit einem Wermutstropfen, denn es waren die ersten Jahre der Fusionen, Aufgaben und Abrisse. Hinter mancher schönen Kirchentür („Was wollen Sie denn in meiner Kirche?“ „Beten?“) wartete ein schwermütiger, gar gebrochener Pastor, der sich bald ohne Kirche/Frau/Würde zurückbleiben sah.

Sone und solche Türme

Als das Kirchenanschauen/-bewerten zu meinem Beruf geworden war, galt ein Inventarisationsauftrag dem Mainmetropölchen. In der Schule hatte man uns noch vor den Frankfurtern gewarnt („Messerstecher“ war einer der freundlicheren Titel). Der bezahlte Blick in die Nachkriegskirchen jedoch führte mich zu äußerst liebenswerten südamerikanischen Marienorden, geistbewegten Eingeschworenen und bildungsbürgerlichen Vereinschristen. Viele von ihnen hatten sich in Frankfurt nach 1945 eine neue geistliche Heimat gebaut.

Die Frankfurter Matthäuskirche (noch) vor der Skyline (Bild: Melkom, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Und mit jedem dieser Kirchenräume wurde die Stadt auch zu meinem Lebensmittelpunkt. Zu einer Heimat, die sich stetig veränderte. Kaum drehte ich einer Straße den Rücken zu, war an die Stelle des Kirchturms ein Hochhaus getreten. In der Stadt der Händler und Banker wurde auch ein Kirchengrundstück schnell zum Spekulationsobjekt. Wem gehörte die Stadt, wem gehörten die Kirchen? Heute ertappe ich mich öfter dabei, in der nächtlich erleuchteten Skyline gar nicht erst nach Kirchtürmen zu suchen. Schont die Nerven.

Sakralretro?

Über meine nächste Kirche zu spekulieren, wäre müßig. Verkleinert sich doch die Auswahl durch Gebäudemanagement- und Wärmedämmkampagnen. So manche Kirchentür öffnet sich für „Fremde“ nur noch zögerlich. Selbst amtlich „offene“ Kirchen registrieren sehr genau, wer hier wann wie andächtig wird. Vielleicht hilft ein autobiographischer Retroanfall? Ich treibe die letzten Reste „heiliger Scheu“ aus meinen älter werdenden Knochen und steige schreiend über die nächstbesten Kirchenbänke? Natürlich nur in meiner Freizeit.

Rundgang

Sobernheim – Hamburg – Frankfurt (in einer völlig subjektiven Auswahl).

Literatur

Berkemann, Karin, Nachkriegskirchen in Frankfurt am Main (1945-76) (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland; Kulturdenkmäler in Hessen), Stuttgart 2013 [zugl. Diss., Neuendettelsau, 2012].

Berkemann, Karin (Bearb.), „Baukunst von morgen!“ Hamburgs Kirchen der Nachkriegszeit, Ausstellungskatalog , Denkmalschutzamt Hamburg und Freie Akademie der Künste Hamburg, 6. September – 7. Oktober 2007, Freie Akademie der Künste Hamburg, hg. von der Kulturbehörde/Denkmalschutzamt Hamburg, München/Hamburg 2007.

Stribrny, Wolfgang (Bearb.), 1000 Jahre Matthiaskirche zu Sobernheim. 1000 Jahre christlicher Glaube an der mittleren Nahe, hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Sobernheim, Bad Sobernheim 2002.

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Herbst 15: Haus mit Turm

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

Ruben Donsbach über die Sehnsucht nach Räumen, die offen sind für andere Erfahrungen.

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

Philipp Stoltz über eine besondere Nachbarschaft in München.

FACHBEITRAG: Straße der Moderne

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Andreas Poschmann über ein Projekt, das verbindet – Kirchenbauten werden virtuell und analog zur Straße verknüpft.

FOTOSTRECKE: "Ich war eine Kirche"

FOTOSTRECKE: „Ich war eine Kirche“

Lichtbilder über das, was nach Abriss, Entwidmung oder Verkauf kommt: Daniel Bartetzko und Karin Berkemann auf Fototour zu Frankfurts verlorenen Kirchen.

FACHBEITRAG: Kirchen unter Honecker

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Verena Schädler über katholischen Kirchenbau im Osten Deutschlands.

FACHBEITRAG: Erneuerung

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Matthias Ludwig über seine Beratungsarbeit mit Gemeinden und ihren modernen Kirchenräumen.

INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

Rocco Curti und Martin Krause über Gerichtsverfahren, Gespräche und gemeinsame Ergebnisse. Ein Interview über Kirche und Denkmalpflege in Hannover.

PORTRÄT: Meine Kirchen

PORTRÄT: Meine Kirchen

Karin Berkemann über ihre erste „sakrale“ Liebe – und was danach kam.

Foto-Wettbewerb: Außer Konkurrenz!

Anfang 2016 rief mR dazu auf: Stöbern Sie in ihren Alben! Finden Sie ein Foto, das Sie als Kind oder Jugendliche/n vor einem Bau der Moderne zeigt! (Foto, Bau und Mensch sollten im 20. Jahrhundert entstanden sein.) Ein paar der Bilder entsprachen nicht ganz genau den „Wettbewerbsregeln“, weil sich die Teilnehmer entweder nicht noch einmal heute vor Ort ablichten konnten (oder einfach zu verwandt mit uns sind). Doch sind einige dieser Aufnahmen so charmant, dass sie hier „außer Konkurrenz“ gezeigt werden.

Während das Hochhaus vor dem Fenster wuchs …

„Wir lebten in Hamburg-Barmbek in einem der frühen modernen Laubenganghäuser, die von der Neuen Heimat wiederaufgebaut worden waren. Aus unserer Wohnung beobachteten wir, wie am Habichtsplatz ein Hochhaus emporwuchs. Mein Vater hielt alles mit der Kamera fest und stellte einmal meine Mutter und mich davor in Positur. Heute sieht man das Hochhaus vor lauter Bäumen kaum noch.“ (Karin Sobotschinski, fotoscheue Exil-Hanseatin aus dem familiären Umfeld von mR)

In peinlichen Strickklamotten …

„Ich habe mit Freude festgestellt, dass der älteste Leipziger Spielplatz und Betonelefant im Rosental erhalten geblieben ist. Er wurde von mir in den Sixties in peinlichen Strickklamotten genutzt – unter Zwang.“ (Ray van Zeschau über ein Kindheitsfoto auf dem gerade – inkl. Rüsselrutsche – frisch sanierten Leipziger Spielplatz)

Man erzählte Geschichten und bildete Mythen …

„Sowjetische Familien entwickelten ihre Aufnahmen am Wochenende im Badezimmer. Auf den Nylonschnüren für die Wäsche flatterten nasse Fotopapierchen bei rotem Licht im Ventilatorenwind. Es war ein Ereignis, wurde dieser Aufwand doch nur selten betrieben! Danach gab es ein Festessen, man reichte die Bilder durch, erzählte Geschichten und bildete Mythen.“ (Katharina Sebold zu einer Aufnahme ihres Vaters in Saratov-Shasminnyj in den 1980er Jahren)

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Fotospezial 16: „Generation Beton“

ESSAY: Heimat Beton

ESSAY: Heimat Beton

Martin Bredenbeck, * 1977, (Kunst-)Historiker, kehrt heim zum Mülheimer Pfarrerbungalow seiner Familie – und sinniert grundsätzlich über Beton und Heimat.

Gundernhausen: "Auf dem Balkon"

Gundernhausen: „Auf dem Balkon“

Tobias Wolf, * 1979, Bezirkskonservator, blickt für mR noch einmal vom Wohnhaus seiner Kindheit in einer Neubausiedlung der Nachkriegszeit bei Darmstadt.

Gera-Lusan: "Die Birkenstraße blieb"

Gera-Lusan: „Die Birkenstraße blieb“

Christoph Liepach, * 1990, Grafiker/Kunstpädagoge, sucht das Plattenbauviertel seiner Kindheit auf.

Saarbrücken: "Blütenbote im Museum"

Saarbrücken: „Blütenbote im Museum“

Julius Reinsberg, * 1986, Historiker, ging im Archäologischen Institut auf Spurensuche – und fand den Ort seiner ersten Erfahrungen in der Schauspielerei.

Berlin: "Der kleine Stadtbummler"

Berlin: „Der kleine Stadtbummler“

Denis Barthel, * 1970, Architekturfotograf, machte seine ersten Gehversuche in der Architekturmoderne mit einem Kinderbuch – und mit was für einem!

Wiesbaden: "Schuhkauf mit Rutsche"

Wiesbaden: „Schuhkauf mit Rutsche“

Daniel Bartetzko, * 1969, Journalist, findet den Höhepunkt seines damaligen Einkaufsbummels wieder – und hat wieder genauso viel Spaß daran.

Blomberg: "Sieben Tage urlaubskrank"

Blomberg: „Sieben Tage urlaubskrank“

Karin Berkemann, * 1972, Theologin/Kunsthistorikerin, quälte sich einst liegend durch den Urlaub. Jetzt wohnen Flüchtlinge im westfälischen Feriendörfchen.

Garbsen: Ein Stadtteil fotografiert sich!

Garbsen: Ein Stadtteil fotografiert sich!

Aus einer Plattenbausiedlung bei Hannover: Bewohner stellen historische Fotografien an den heutigen Orten nach.

Foto-Wettbewerb: Alle Gewinner!

Foto-Wettbewerb: Alle Gewinner!

Die preisgekrönten Einsendungen unserer Leser!

Foto-Wettbewerb: Außer Konkurrenz!

Foto-Wettbewerb: Außer Konkurrenz!

Einfach zu charmant zum verstecken: Einsendungen auf unseren Foto-Wettbewerb „Generation Beton“, die wir Ihnen nicht vorenthalten können.