Schlagwort: Hans Scharoun

Berlin, Philharmonie (Bild: Copyright J. Paul Getty Trust)

Frank Gehry – Hans Scharoun

Da sind zwei Architekten, die rund 40 Jahre voneinander entfernt an den beiden anderen Seiten des Ozeans einen Konzertsaal errichten und sich persönlich nicht kennen – und doch: Sie waren Seelenverwandte. So zumindest die These der Ausstellung „Frank Gehry – Hans Scharoun: Strong Resonances / Zusammenklänge“, die von der Stiftung Brandenburger Tor im Max Liebermann Haus in Berlin vom 9. November 2018 bis zum 20. Januar 2019 gezeigt wird. Hier stellt man die beiden Konzertsäle in den Partnerstädten Los Angeles (Gehrys Walt Disney Concert Hall) und Berlin (Scharouns Philharmonie) einander gegenüber.

Wie nah sich beide Architekten darin kamen, Musik zu bauen, zeigen die Kuratoren anhand von Scharoun-Aquarellen aus dem Baukunstarchiv der Berliner Akademie der Künste. Diesen werden die Gehry-Projekte für Berlin zur Seite gegeben: der Museumsinselwettbewerb (1994–97), die DZ Bank am Pariser Platz 3 (1994–98) und der Pierre Boulez Saal in der Barenboim-Said Akademie (2014–17). Hierin spiegle sich, so die Veranstalter, der bleibende Einfluss Scharouns auf Berlin und damit indirekt auch auf Gherys Arbeiten. (kb, 3.11.18)

Titelbild: Berlin, Philharmonie (Bild: Copyright J. Paul Getty Trust)

Hans Scharoun - Bauten und Projekte (Bild: Birkhäuser-Verlag, Basel))

Der komplette Scharoun

Was Sie schon immer über Hans Scharoun wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten – diese Publikation könnte Antwort geben. Nicht weniger als das Gesamtwerk des Baumeisters dokumentiert die just erschienene Monografie „Hans Scharoun  – Bauten und Projekte“ von Carsten Krohn. „Bauen ist Sinndeutung des Lebens“ formulierte Scharoun seine Arbeitsauffassung: Bauen als lebensbegleitender, schöpferischer Vorgang bei dem es um die Realisierung einer sichtbaren, menschlichen Ordnung ging. Mit seiner Position des organischen Bauens unterscheidet er sich von anderen Protagonisten des Neuen Bauens wie Mies van der Rohe oder Walter Gropius. Scharoun entwickelte Projekte aus ihrem städtebaulichen und landschaftlichen Kontext. Architektur sah er als Disziplin des sozialen Engagements, organisches Formen als Mitteilung einer Weltsicht.

Dass der Weg Scharouns zur organischen Architektur bei Weitem nicht linear verlief, schildert Carsten Krohn: Er ergründet dessen Position als einen Findungsprozess, indem die Entwicklung Bau für Bau nachgezeichnet wird. Die in Zusammenarbeit mit dem Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin entstandene Publikation dokumentiert sämtliche realisierten Bauten in chronologischer Reihenfolge. Und zeigt dabei auch bislang wenig Beachtetes wie etwa die Berliner AOK-Zentrale am Mehringplatz sowie einen detaillierten Blick auf Scharouns Frühwerk in Ostpreußen. (db, 2.8.18)

Krohn, Carsten, Hans Scharoun – Bauten und Projekte, 208 Seiten, 75 Abbildungen, gebundene Ausgabe, Deutsch; Verlag Birkhäuser, Basel (2018), ISBN 978-3-0356-0679-9

Haus Schminke Löbau (Bild: Michael Sander, CC By SA 3.0)

Haus Schminke wird saniert

Im sächsischen Löbau findet sich eines der bedeutendsten Zeugnisse der klassischen Moderne: die Villa des Fabrikanten Fritz Schminke, die 1932/33 nach Plänen Hans Scharouns errichtet wurde. Das als Haus Schminke bekannte Bauwerk steht exemplarisch für die organische Architektur, die nicht nur Scharoun begeisterte. Im Jahr 2000 wurde der Bau nach denkmalgerechter Restaurierung der Öffentlichkeit als Museumshaus zugänglich gemacht. Heute zählt es mit dem Haus Le Corbusier in Stuttgart, der Villa Tugendhat in Brünn oder der Maison Jean Prouvé in Nancy zu den bekanntesten Musterhäusern der Moderne. Vor dem Bauhausjubiläum im Jahr 2019 soll die Villa noch einmal umfassend saniert werden.

Die Arbeiten konzentrieren sich auf Dach und Fassade des Baudenkmals. Die von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und dem Land Sachsen geförderte Maßnahme wird voraussichtlich 230 000 Euro kosten. Der Besuch des Hauses ist während der Sanierung nur eingeschränkt und nach Voranmeldung möglich, es soll jedoch einige Baustellenführungen geben. Der Abschluss der Arbeiten ist für August diesen Jahres geplant, so dass Haus Schminke 2019 dem erwarteten Besucheransturm frisch saniert entgegentreten kann. (jr, 23.3.18)

Haus Schminke, Löbau (Bild: Michael Sander, CC By SA 3.0)

Neue Stühle für Haus Schminke

Nichts gegen moderne Architektur (das wäre hier auch das falsche Format), aber man kann sie nicht immer nur stehend ertragen. Manchmal hilft eine halbe Stunde Sitzen dem Kunstgenuss ganz erheblich auf die Beine. Im sächsischen Löbau können Besucher von Haus Schminke dies nun ganz stilecht tun, denn wie man in diesen Tagen stolz vermeldete: „Unsere neuen Stühle sind da!“ Es handelt sich um ein Modell im Stil von Roland Rainer, der in den 1930er Jahren in der Berliner „Freitagsgruppe“ auch mit Hans Scharoun in Kontakt stand. Letzterer hatte die geschwungene Architekturikone Haus Schminke 1933 für eine Nudelfabrikanten entworfen.

Die neuen „gleichen und stilechten“ Stühle aus den frühen 1960ern sind gedacht für die Seminare, Workshops, Konzerte und Empfänge im umfangreichen Kulturprogramm der von einer Stiftung bespielten modernen Villa. Geliefert wurden die Sitzgelegenheiten vom Leipziger Händler „Kulturmöbel“, der sich auf DDR-Möbel und -Wohnaccessoires der 1950er, 1960er und 1970er Jahre spezialisiert hat. Zu seinen Kunden zählen neben designverliebten Einzeltätern verdientermaßen auch Inkunabeln wie Haus Schminke. Nicht zu vergessen: Man kann in Haus Schminke auch übernachten (wer die Betten geliefert hat, entzieht sich allerdings unserer Kenntnis). (kb, 12.6.17)

Löbau, Haus Schminke (Bild: Lingen Huang, CC BY-SA 3.0 bzw. Facebook-Account Haus Schminke)

Scharouns Erstling unter Schutz

Scharoun: Bunte Reihe (Bild: Dimitri Suchin)
Endlich unter Schutz: Scharouns „Bunte Reihe“ (Bild: Dimitri Suchin)

2014 berichteten wir über das akut bedrohte Erstlingswerk des Architekten Hans Scharoun. Die sogenannte „Bunte Reihe“ in Kamswyken bei Insterburg stand seinerzeit auf der Liste der sieben meistgefährdeten Denkmäler Europas. Nun scheint sich das Blatt zum Guten zu wenden: Im Februar erklärte das russische Kulturministerium das Bauensemble per Dekret zum Denkmal auf Föderationsebene – die höchste Denkmalklassierung des Landes.

Der junge Scharoun gestaltete die „Bunte Reihe“ Anfang der 1920er Jahre. Insterburg lag im damaligen Ostpreußen, heute trägt die Ortschaft den Namen Černjachovsk und ist Teil der russischen Exklave Kaliningrad. Seinen Namen erhielt das Bauensemble wegen der vielseitigen Farbmuster, die Scharoun der Gestaltung die einzelnen Häuser zu Grunde legte. Er befand sich damit in bester Gesellschaft der Architekten des Neuen Bauens, die Farbigkeit in Zeiten selbst auferlegter Ornamentlosigkeit als wesentliches architektonisches Gestaltungselement erkannten, allen voran Bruno Taut. (jr, 9.3.17)

Scharouns Weg nach St. Petersburg

Scharoun: Bunte Reihe (Bild: Dimitri Suchin)
Scharouns Erstling: die Bunte Reihe (Bild: Dimitri Suchin)

Hans Scharoun war ein Meister des organischen Bauens. Viele seiner Bauten gelten zu Recht als Meilensteine der Nachkriegsmoderne. Weniger bekannt sind dagegen die Anfänge des Architekten. Besonders sein Erstling, die „Bunte Reihe“ in Kamswyken bei Insterburg, ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Insterburg trägt heute den Namen Černjachovsk und liegt in der russischen Exklave Kaliningrad. Scharouns baufällig gewordenes Häuserensemble wurde 2014 zu den sieben meist gefährdetsten Kulturdenkmäler Europas gezählt.

Diesem Verfall stellt sich der Verein Kamswyker Kreis entgegen. Er wirbt für den Erhalt von Scharouns Frühwerk und erarbeitete einen Sanierungsplan für das Bauensemble. 2015 initiierte er dazu eine Wanderausstellung, die bisher in Moskau, Minsk und Kaliningrad zu sehen war. 2016 steht ein Gastspiel bei der Deutschen Woche in St. Petersburg auf dem Programm. Die Schau, die bislang im Wesentlichen aus aktuellen Fotoaufnahmen bestand, soll zu diesem Anlass um historische Pläne erweitert werden. Bei der Finanzierung setzt man auf Crowdfunding. Wer Scharoun also den Weg in die Zarenmetropole ebnen möchte, kann sich hier beteiligen. (jr, 25.2.16)

Wolfsburg: Scharoun-Bau saniert

Das Wolfsburger Theater ist dem Spätwerk Hans Scharouns zuzurechnen (Bild: Vanellus Foto)
Wird im Januar feierlich wiedereröffnet: das Theater in Wolfsburg (Bild: Vanellus Foto, CC BY SA 3.0)

In Wolfsburg werden diesertage die Sanierungsarbeiten am städtischen Theater fristgerecht abgeschlossen. Im Juni 2014 hatte das  Büro Brenne Architekten mit einer umfassenden Sanierung begonnen, nun wurde der Schlüssel feierlich an den Intendanten übergeben. Am 24. Januar 2016 soll das Theater dann mit einem Festakt offiziell wieder eröffnet werden. Es ist einer der letzten Bauten Hans Scharouns. Seine Eröffnung im Jahre 1973 erlebte der Architekt nicht mehr.

Nicht nur beim Zeitplan hielten sich die Sanierer an die Vorgaben. So kostete die Maßnahme die Stadt 32 Millionen Euro und liegt damit immer noch nah von den geschätzten Kosten von 30 Millionen. Im Zuge der Arbeiten wurde die Bühnentechnik modernisiert, ansonsten aber ein Zustand angestebt, der dem des Eröffnungsjahres 1973 entspricht. Als besonders aufwendig erwies sich die Sanierung der Wandverkleidung aus Eschenholzfurnier. Sie wurde behutsam von den insgeamt 1500 Quadratmetern Wandfläche abgenommen und nach der Sanierung wieder angebracht. (jr, 16.12.15)

Scharounwohnen

Berlin-Siemensstadt (Bild: D. Antony)
Berlin-Siemensstadt (Bild: D. Antony)

Carsten Krohn erarbeitet aktuell ein Werkverzeichnis des stilprägenden modernen Architekten Hans Scharoun (1893-1972). Dabei dokumentierte Krohn Scharouns Bauten aus heutiger Sicht auch mit der Kamera. Seine fotografischen Entdeckungen – Aufnahmen zu 20 Scharoun-Bauten in Insterburg, Stuttgart, Berlin, Breslau, Löbau, Potsdam, Bremerhaven, Zermützel und Böblingen – wird bis zum 31. Oktober 2014 (Donnerstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr) in der Infostation in der Berliner Siemensstadt ausgestellt. Der eingeschossige Ladenbau, vom Architekten Fred Forbat 1929 in der Goebelstraße/Ecke Geißlerpfad errichtet, wurde von der Wohnungsbaugesellschaft „Deutsche Wohnen“ als Informations-Stützpunkt für Fachtouristen hergerichtet.

Vor Ort soll beispielhaft die Großsiedlung Siemensstadt präsentiert werden, die von namhaften wie Architekten Hans Scharoun oder Walter Gropius oder Hugo gestaltet wurde. Die Infostation bietet Informationsmaterial zum Thema an und ist auch für private Veranstaltungen zu mieten. Für einen ersten Überblick kann man einen Plan der Infostation (Infostation Siemenstadt, Goebelstraße 2, 13627 Berlin, 030/420269612, hier auch die Öffnungszeiten auf Anfrage) herunterladen. Kostenpflichtige Führungen durch diese und andere Siedlungen sind buchbar unter info@ticket-b.de oder Tel. 030/ 420 269 612. (kb, 18.10.14)

Führung durch Scharouns Theater

Das Wolfsburger Theater ist dem Spätwerk Hans Scharouns zuzurechnen (Bild: Vanellus Foto)
Das Wolfsburger Theater ist dem Spätwerk Hans Scharouns zuzurechnen (Bild: Vanellus Foto)

Anfang Juni 2014 begann man in Wolfsburg mit der Generalsanierung des städtischen Theaters. Der Bau wurde 1969 bis 1973 nach Plänen Hans Scharouns errichtet, der als Vertreter der organischen Architektur bekannt wurde. Die denkmalgerechte Gesamtinstandsetzung wird vom Berliner Büro Brenne Architekten durchgeführt und von Bund, Ländern sowie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gefördert. Neugierige können am 12. September von 14 bis 17 Uhr einen Blick hinter die Kulissen werfen: Am „Tag der offenen Baustelle“ führen die Architekten durch das Gebäude. Eine Anmeldung ist erforderlich unter 05361/899930.

Das Wolfsburger Theater ist dem Spätwerk Scharouns zuzurechnen und sein einziger realisierter Theaterbau. Die Eröffnung erlebte der 1972 verstorbene Architekt nicht mehr. Die organische Architektur steht beispielhaft für seine Entwurfshaltung. Das Bauwerk ist in drei Gebäudeteile untergegliedert: einen Foyerflügel, einen Haupttrakt mit Bühne und Zuschauerraum sowie einen Verwaltungstrakt. Seine Hanglage eröffnet einen weiten Blick auf die Stadt Wolfsburg und das identitätsstiftende VW-Werk. Mit der Entscheidung für Scharoun wollte sich die 1938 gegründete Stadt auch von ihrer durch die Nationalsozialisten geprägten Frühgeschichte abgrenzen. (jr, 9.9.14)

Weinbauschule Krems, 1950/53 (Bild: Franz Biberschick, OTRS Ticket #2009042110052523, CC BY SA 3.0)

„Schöne bunte Kuckucksuhr“

von Dina Dorothea Falbe

Selten wurde Baukunst so instrumentalisiert wie in den 1950er Jahren. Die Diskussionen um die passende Architektur für eine neue Gesellschaft standen inmitten einer Abgrenzung von Nationalsozialismus und dem jeweils anderen politischen System im Kalten Krieg. So liegt es nahe, diese Aushandlungsprozesse anhand des Schulbaus zu untersuchen – zielte doch die amerikanische Unterstützung des westdeutschen Wiederaufbaus auf eine Re-Education. 2016/17 erschien zu diesem Thema das Buch „Testfall der Moderne – Diskurs und Transfer im Schulbau der 1950er Jahre“ der Architekturhistorikerin Kerstin Renz.

 

Instantheimat

Nicht nur Architekten, auch Politiker, Pädagogen und Soziologen äußerten sich in Fachbeiträgen zum Schulbau. Trotzdem war die Form der in den 1950er Jahren publizierten Schulen oft fortschrittlicher als ihr Inhalt. „Die öffentliche Bauaufgabe Schule hatte multiplikatorische Wirkung für die Ideen der Moderne“, stellt Renz fest. Anhand einiger Tagungen und Ausstellungen zum Thema sowie verschiedener Biografien wichtiger Architekten porträtiert sie die komplexen und teils widersprüchlichen Debatten: die Diskussion um den Schulbau als politische Disziplin, wie sie so offen, leidenschaftlich, staaten- und länderübergreifend seitdem kaum wieder geführt wurde.

Dass die Neue Schule im Gegensatz zu ihren teils massiven Vorgängerkonzepten keine städtegestaltende Rolle neben Rathaus und Kirche mehr spielen sollte, tat ihrem repräsentativen Anspruch nur bedingt Abbruch. Der Flachbau im Grünen war zwar nicht dominant, dafür diente er als Nachbarschaftszentrum. Dieser Idealtyp der westdeutschen Nachkriegsschule geht auf die CIAM in den 1930er Jahren zurück. Auf einer Schulbautagung 1952 in Kiel wurde er als amerikanisch vorgestellt, war aber, wie die Autorin erkennt, gerade in Verbindung mit einer gewünschten Natur- und Heimatnähe, auch in der völkischen Siedlungszelle der Nazis vertreten. Auf einer Tagung in Fredeburg sah man jedoch die Schule 1959 als „geistige Mitte“ der Gemeinde, in der sich „auch die Eltern zu Rat und Feier sammeln“ sollen und „in das Schulfenster ein Stück Heimat“ blickt. Im Sinne der Re-Education wollte man die „Kinder zur Natur und damit zur Menschlichkeit“ führen.

 

Beamtenschule

Die „vor und nach 1945 tätige Baubeamtenschaft“ mag, wie Renz schreibt, flächendeckende „Reformen erschwert“ haben. Zumindest sollte jedoch im Bestand das „Pult, dieses stärkste Wahrzeichen jeder autoritären Pädagogik“ verschwinden, wie der Pädagoge Fritz Behrendt 1953 ausführt. Zudem empfiehlt er Blumen, farbige Vorhänge und eine „schöne bunte Kuckucksuhr“. Im Auftrag Rudolf Hillebrechts baute auch Paul Bonatz 1956 noch eine „normale Volksschule“ mit „normalen Klassen“. Zugleich gehörte Hillebrecht jedoch u. a. mit Hans Scharoun und dem Dresdner Architekten Heinrich Rettig der „Gesellschaft für Freilufterziehung“ an – was für einen Austausch über die deutsch-deutsche Grenze und über unterschiedliche Architekturauffassungen hinweg spricht.

Fachveranstaltungen hatten eine politische Agenda: Wenn Otto Bartning in einer Stuttgarter Ausstellung mit dem Titel „Meisterarchitektur“ Schulentwürfe u.  a. von Hans Scharoun, Rudolf Schwarz, Franz Schuster, Hans Schwippert, Max Taut präsentiert, will er die Übertragung öffentlicher Bauaufgaben an Privatarchitekten fördern. Bartning sieht in Scharouns Plänen eine Überinterpretation in Form eines „gebauten Gesellschaftsmodells“. Renz bewertet den Entwurf jedoch sehr positiv als versuchte „Humanisierung der Moderne“: Im Gegensatz zu vielen Entwürfen dieser Zeit rücke er die kindliche Wahrnehmung in der Vordergrund. Scharoun sollte sich mit Walter Gropius als Fürsprecher von Ost- nach Westdeutschland orientieren. Dabei habe er – so schreibt Renz – in seinem Entwurf „neue Identitätsangebote für eine demokratische Gesellschaft“ entwickelt.

 

Völkerverständigung

Obwohl auch Scharoun zahlreiche Diagramme zu seinem Schulentwurf vorstellt, offenbart sich die Verwissenschaftlichung der Architektur öfter in einer sehr theoretischen Herangehensweise: Der eigentlichen Nutzer gerät eher in den Hintergrund. Hans Schwippert zeigt in Darmstadt 1960 einen sehr flächenintensiven Pavillonkomplex, der als „additive Großform, den Strukturalismus der 1960er Jahre vorwegnimmt“. Gleichzeitig gewinnt die Präsentation über Fotografien und Publikationen an Bedeutung. Dieses Zusammenspiel illustriert Renz an der Hanstanton High School von Alison und Peter Smithson, die auf Wunsch der Architekten nur ohne Nutzer fotografiert werden darf. Programmatisch ist auch das vom Schweizer Architekten Alfred Roth konzipierte Buch „The New School“. In englischer, französischer und deutscher Sprache werden Beispiele aus der Schweiz, England, USA, Niederlande, Schweden, Dänemark mit professionellen Fotos inszeniert, die wiederum die Perspektive des Kindes in den Vordergrund rücken. Durch diese vergleichende Schau wird der „Schulbau als Projekt der Völkerverständigung“ vorgestellt.

 

Praxistest

Das Buch bietet einen guten Überblick über die damals für Westdeutschland relevanten Schulbaudiskurse. Zudem wird die Debatte mit einer ausführlichen Vorgeschichte und Exkursen in die Schweiz, USA und Großbritannien in einen sinnvollen Kontext gestellt, der die Ideengeschichte wie auch die persönlichen Motive bestimmter Schulbauer nachvollziehbar macht. Die andere Seite des Eisernen Vorhangs wird dabei nur angedeutet. Neben den bereits erwähnten Verbindungen werden Ressentiments gegenüber wichtigen Schulbauarchitekten wie Ernst May und Wilhelm Schütte aufgrund ihrer politischen Orientierung bzw. ihrer Arbeit in der Sowjetunion erwähnt. Der Blick in die DDR bleibt unvollständig, was sicher vor allem dem bisherigen Forschungsstand geschuldet ist. Wenn zu dieser „anderen Seite“ ähnlich umfassende, fundierte Betrachtungen vorliegen, wird sich die politische Bedeutungsaufladung dieser Bauaufgabe noch klarer darstellen. Auch wenn in den 1960er und 1970er Jahren weniger breit und offen über Schulbaukonzepte debattiert wurde, wäre es interessant zu erfahren, welche Ideen der Moderne sich ggf. erst dann in der Praxis durchsetzen konnten. (6.8.18)

Renz, Kerstin, Testfall der Moderne – Diskurs und Transfer im Schulbau der 1950er Jahre, Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen 2016/17, 17 x 24 cm, Klappenbroschur, ISBN 9783803008169.

Titelmotiv: Weinbauschule Krems, 1950/53 (Bild: Franz Biberschick, OTRS Ticket #2009042110052523, CC BY SA 3.0)

Scharouns Erstling in Gefahr

Der Putz bröckelt, aber die Fenster lassen die Farbigkeit noch erkennen (Foto: Dimitri Suchin)
Der Putz bröckelt, aber die Fenster lassen die Farbigkeit noch erkennen (Bild: Dimitri Suchin)

Anfang der 1920er Jahre realisiert Hans Scharoun (1893-1972) mit der „Bunten Reihe“ in Kamswyken, einem Vorort der ostpreußischen Stadt Insterburg, sein Erstlingswerk. Ihren Namen verdanken die Wohnhäuser der außergewöhnlichen Fassadengestaltung. Variierende Farbmuster beugten der Monotonie vor: Die Fenster setzten sich mit bunten Profilen ab und unterschiedliche Typenlösungen ermöglichten individuelle Hauseingänge. Scharoun lag damit auf der Höhe der Zeit: 800 Kilometer weiter westlich kompensierte Bruno Taut mit seinem „Bunten Magdeburg“ die selbst auferlegte Ornamentlosigkeit des Neuen Bauens.

Heute trägt Insterburg den Namen Černjachovsk und liegt in der russischen Exklave Kaliningrad. Die „Bunte Reihe“ ist dringend sanierungsbedürftig und wurde kürzlich in die Liste der sieben meistgefährdeten Denkmäler Europas aufgenommen. Seit einiger Zeit engagiert sich der Kamswyker Kreis für dieses kulturhistorisch bedeutende Ensemble. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob die Bedrohung der „Bunten Reihe“ abgewendet werden und wieder die historische Farbigkeit einziehen kann. (jr, 23.07.2014)

Scharoun-Schau in den USA

Hans Scharoun: Wohnhaus am Hohenzollerndamm in Berlin-Wilmersdorf, 1929-30
Hans Scharoun: Wohnhaus am Hohenzollerndamm in Berlin-Wilmersdorf, 1929-30 (Bild: D. Antony)

Eine Ausstellung im amerikanischen Massachusetts Institute of Technology Cambridge gibt noch bis zum 15. August 2014 Einblick in das baukünstlerische und zeichnerische Schaffen von Hans Scharoun. Sein Nachlass wird im Baukunstarchiv der Akademie der Künste (AdK) in Berlin bewahrt, deren Präsident der Architekt und Städtebauer von 1955 bis 1968 war. Die AdK und das Goethe-Institut Boston ermöglichten auch die Schau in Übersee.

Neben einem – 1927 in der Weißenhofsiedlung errichteten – Stuttgarter Einfamilienhaus werden auch Plänen, Skizzen und Fotos seiner späteren Großprojekte in Berlin, Stuttgart, Breslau, Marl, Kassel sowie der Berliner Philharmonie und Staatsbibliothek präsentiert. Die Ausstellung ergänzen Faksimiles einiger expressionistischer Aquarelle von Scharoun. Heute gilt der 1972 verstorbene Architekt – insbesondere durch sein populäres Spätwerk seit Ende der 1950er Jahre – als einer der Wegbereiter des „organischen Bauens“. (db, 20.6.14)