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Heidelberg, Emmertsgrund und Boxberg (Bild: historische Postkarte, Kunstverlag F. Gärtner, Heidelberg)

Heidelberg spart

In Heidelberg entsteht ein neues Gemeindezentrum, noch dazu im eher wenig großbürgerlichen Stadtteil Boxberg – das klang 2017 gut. Dass dahinter bald zwei Abrisse stecken, geht zumeist unter zwischen den Pressezeilen: 2011 fusionierten die evangelischen Gemeinden im Emmertsgrund und am Boxberg – zwei markanten Trabantensiedlungen am grünen Hang. Das Zentrum am Boxbergring (1966) musste 2016/17 einem kirchlichen Neubau weichen. Am Emmertsgrund steht die Kirche im „Forum 3“ (1974) seitdem leer. Pläne von pädagogischem Ideenhaus bis zu jüdischem Altenheim wurden im Quartier beargwöhnt (wohl wegen der bedrohten Aussicht), nun steht ein Verkauf (auf Abriss) bevor. Ansonsten wollen die Heidelberger Protestanten zunächst das Sparpotenzial bei Dienstwohnungen, Gemeindehäusern und Kindergärten ausnutzen.

Die katholische Seite zeigt sich hingegen betont „locker“. Statt auf Vorgaben von oben zu warten, gehe man die Dinge lieber gleich an. Umgebaut, mittelfristig verkauft und abgerissen wird also ebenso. Aktuell entsteht z. B., nach Abriss des Gemeindehauses, in der Wieblinger Kirche St. Bartholomäus (1956) eine Haus-im-Haus-Lösung für mehr Funktionsfreiheit. Und St. Paul im Emmertsgrund (1972), erläutert Pfarrer Johannes Brandt vom Stiftungsrat der Katholischen Kirche der Rhein-Neckar-Zeitung, sei „ein wunderbarer Sakralraum“ – aber das Flachdach mache langsam Probleme … (kb, 24.11.18)

Titelmotiv: Heidelberg-Emmertsgrund (Bild: Postkarte, Kunstverlag F. Gärtner)

Heidelberg, ehemaliges Fernmeldeamt in der Sofienstraße mit Betongestaltung von Otto Herbert Hajek (Bild: Gregor Zoyzoyla, September 2018)

Wieder ein Hajek weniger?

Der Bildhauer Otto Herbert Hajek war bekannt für seine selbstbewussten Farb- und Zeichensetzungen. In Heidelberg schuf er für die Oberpostdirektion Karlsruhe in der Sofienstraße bis 1972 eine „Räumliche Wand“. Der Bau dazu entstand von 1969 bis 1970 in der Nähe des zentralen Bismarckplatzes, auf dem Gelände „der ehemaligen Post- und Telegrafenverwaltung und des Zoologischen Instituts“, als Fernmeldeamt mit Postschalterbetrieb – zur Straße hin unübersehbar durch die Hajek-Primärfarben.

Doch aus dem ehemaligen Fernmeldeamt macht eine Investorengruppe gerade ein Vier-Sterne-Hotel mit Gewerbeflächen. Im Frühjahr 2017 wurde für Sommer/Herbst 2018 der Umbau zum „Core“-Hotel durch das Architekturbüro SSV angekündigt. Hierfür sollten die oberen Etagen abgetragen, erneuert, teils in der Höhe angepasst werden. Dabei scheint auch die Hajek-Wandgestaltung weichen zu müssen, wie Gregor Zoyzoyla heute abend via Facebook meldet. Schon in Mannheim war 2016 beim Hajek-Postbahnhof-Relief aller Protest zu spät gekommen. Sollten Sie also künftig Bauarbeiter in der Nähe eines Hajeks sehen, es könnte Ihr letzter Blick auf dieses Kunstwerk gewesen sein. (kb, 26.9.18)

Heidelberg, ehemaliges Fernmeldeamt in der Sofienstraße mit Betongestaltung von Otto Herbert Hajek (Bild: Gregor Zoyzoyla, September 2018)

Wasserturm Heidelberg (CC BY SA 4.0, Bild Tankturm Heidelberg)

Heidelberg: Wasserturm wird ausgezeichnet

In Baden-Württemberg scheint die Eisenbahnmoderne gerade Konjunktur zu haben. Nicht nur, dass in Stuttgart eine mR-Ausstellung über märklinMODERNE im Ländle informiert. Küzlich wurde bekannt, dass in Heidelberg eine Ikone der Eisenbahnarchitektur mit dem Hugo-Häring-Landespreis ausgezeichnet werden soll. Die Rede ist vom Wasserturm des Bahnbetriebswerks, der in den 1920er Jahren erbaut und 2015/16 denkmalgerecht saniert wurde.

1927 wurde in Heidelberg ein neues Bahnbetriebswerk eröffnet. Zu seinem Wahrzeichen avancierte der moderne Wasserturm, der sich auf einem quadratischen Grundriss 30 Meter in die Höhe reckt und mit vier ziffernlosen Chronometern die Uhrzeit in alle Himmelsrichtungen ausstrahlte. Bis in die 1970er Jahre füllte er die Wassertanks passierender Dampflokomotiven, anschließend war er lange eine funktionslose Landmarke. 1989 wurde der Bau unter Denkmalschutz gestellt, am Leerstand änderte dies nichts. 2014 kaufte schließlich ihn das  Architekturbüro AAg Loebner Schäfer Weber, um den Turm grundlegend zu sanieren und einer neuen Nutzung zuzuführen. Neben dem Sitz des Büros bietet er seitdem auch Platz für eine vielseitige kulturelle Nutzung. Die Jury des Häring-Preises überzeugte besonders die kreative Weiterentwicklung des Baus im Rahmen einer „sensiblen und respektvollen Sanierung des Bestandes“. Wir gratulieren! (jr, 13.7.18)

Wasserturm Heidelberg (Bild: Tankturm Heidelberg, CC BY SA 4.0)

Heidelberg, HeidelbergCement-Firmensitz in der Berliner Straße, 2013 (Bild: Rudolf Stricker, via wikimedia.commons)

HeidelbergCement baut neuen Firmensitz

Das Produkt und die damit verbundene Firma hat sich seit 1873/74 einen, wenn auch wechselnden Namen gemacht: Aus dem Portland-Cement-Werk Heidelberg wurde die internationale Marke HeidelbergCement. 1963 ließ sich das gerade zu neuem Wachstum ansetzende Unternehmen am Stadtrand vom Münchener Architekten Josef Wiedemann (1910-2001) einen neuen repräsentativen Firmensitz errichteten. Leicht von der Straße zurückgesetzt, bot der fünfgeschossige Büroriegel viel Raum für das ein oder andere kundenwirksame Betonexperiment – vom künstlerisch eingefassten Betonglas bis zum Pavillon mit Betonfaltdach.

Gut 50 Jahre später plant HeidelbergCement auf diesem Gelände einen Neubau – unter Niederlegung der bisherigen Bauten, darunter der Büroriegel und der Pavillon. Gegenüber der Rhein-Neckar-Zeitung erklärte die Stadtverwaltung: „Der Pavillon auf dem Anwesen Berliner Straße 6 wurde Ende 2009 durch das Landesamt für Denkmalpflege als nur ‚erhaltenswert‘, nicht aber als denkmalwertig eingestuft“. Demnach galt für beide Bauten kein Denkmalschutz, wenn man in dieser Formulierung auch dem Pavillon eine (sprachliche) Wertschätzung angedeihen ließ. Büroriegel und Pavillon wurden vor wenigen Wochen niedergelegt, für die gefällten Bäume ist eine Ersatzpflanzung vorgesehen. Dass der neue Firmensitz vom Büro Albert Speer Junior gestaltet wird, lässt zumindest gestalterisch hoffen. (kb, 20.4.17)

Heidelberg, Firmensitz von HeidelbergCement in der Berliner Straße, vor dem Abriss (Bild: Rudolf Stricker, wikmedia-commons, 2013)

Weltraumzeiten

Russische Briefmarke zu Ehren des Starts des Satelliten "Sputnik" im Jahr 1957
Russische Briefmarke zu Ehren des Starts des Satelliten „Sputnik“ im Jahr 1957

In diesem Herbst drehen sich gleich mehrere Veranstaltung um die Weltraumeuphorie der Nachkriegsjahrzehnte. Neben der Frankfurter Ausstellung zum russischen Weltraum-Design richtet das Münchener Zentralinstitut für Kunstgeschichte am 23. September 2015 den Workshop „Geregelte Verhältnisse? Architektur und Planung zwischen Sputnik und Ölkrise“ aus. Demnach schwankten die 1960er Jahre zwischen Planungseuphorie auf der einen und Zukunftsnöten auf der anderen Seite. Der Workshop nimmt fächerübergreifend den Zeitraum 1945-75 in beiden konkurrierenden Systemblöcken des Kalten Krieges in den Blick – und diskutiert die Wechselwirkungen von Wissenschaft und Kunst. Die Teilnahme ist kostenfrei. Anmeldung und weitere Informationen gibt es unter: o.sukrow@zikg.eu.

Im Heidelberger ZEGK-Institut für Europäische Kunstgeschichte findet vom 22. bis zum 25. Oktober 2015 die Konferenz „We are all astronauts. The Image of the Space Traveller in Arts and Media“ statt. Das Tagungsmotto entnahmen die Veranstalter dem Buch “Operating Manual For Spaceship Earth“, in dem der amerikanische Architekt Richard Buckminster Fuller 1968 die Erde mit einem Raumschiff verglich. Sein Zitat entfaltete ein kulturelles Eigenleben und wurde zum Bild des menschlichen Strebens schlechthin. Die internationale und interdisziplinäre Tagung will die Wandlungen untersuchen, die das Bild des „Weltraumeroberers“ in Kunst und Medien genommen hat. Anmeldungen sind bis zum 18. Oktober möglich. (kb, 23.7.15)

Bürgerhaus Emmertsgrund reloaded

Heidelberg, Bürgerhaus Emmertsgrund, kleiner Panoramasaal (Bild: Bürgerhaus Heidelberg)
Heidelberg, Bürgerhaus Emmertsgrund, kleiner Panoramasaal (Bild: Bürgerhaus Heidelberg)

Kein Geringerer als der Sozialpsychologe Alexander Mitscherlich – der mit seinem Buch „Die Unwirtlichkeit der Städte“ zu einer Leitfigur der Umweltbewegung wurde – saß in der Gutachterkommission. Am südlichen Rand von Heidelberg plante man Mitte der 1960er Jahre das Wohngebiet „Emmertsgrund“ für 11.000 Menschen entstehen. Zwischen 1970 und 1975 entstand in den grünen Hängen eine markante Großsiedlung. 1975 zog sich Mitscherlich als Gutachter vom Projekt zurück.

Mit den Jahren wandelte sich das Konzept, man baute Ein- und Zweifamilienhäuser. Nur 1992 wurde noch ein 18-stöckiges Bürohochhaus in die Siedlung gesetzt. Es half alles nichts, langsam rutschte der Emmertsgrund – im Vergleich zum gutbürgerlichen Heidelberg – in den Ruf eines sozialen Brennpunkts. Dieser Entwicklung wirkt nun seit einigen Jahren ein Quartiersmanagement entgegen. Der Emmertsgrund soll im begehrten Lebensraum Rhein-Main mit seinen Stärken – modernes Wohnen in naturnaher Lage – bekannt gemacht werden. Im Zuge dieses Projekts wurde auch das Bürgerhaus Emmertsgrund im Geist der Nachkriegsmoderne renoviert und 2012 eingeweiht. Das Architekturbüro Reichel und Benkeser wurde im Herbst 2014 für seine Arbeit mit dem Hugo-Häring-Preis ausgezeichnet. (kb, 20.10.14)