Heidelberg wird entmodernisiert

Nicht überall geht Heidelberg so behutsam mit seinem architektonischen Erbe um wie in der Altstadt. Viele bauliche Spuren der Nachkriegszeit sollen offenbar getilgt werden, so jedenfalls an der Kurfürstenanlage. Nachdem man den Hauptbahnhof 1955 an den damaligen Stadtrand verlegt hatte, waren große Flächen frei geworden. Darauf entstand die mehrspurige Verkehrsachse Kurfürstenanlage, an der über die Jahre eine aufgelockerte Zeilenbebauung gebaut und ein Park angelegt wurde. Nachdem bereits das Finanzamt und die Justizbauten weichen mussten, soll nun der östliche Teil der Kurfürstenanlage neu bebaut werden. Dabei könnte auch der nach seinem Architekten Jakob Wilhelm Mengler benannte Menglerbau – ein 1961 errichtetes Wohnhochhaus – fallen. Aus Sicht des Eigentümers sprächen, so die Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ), in erster Linie ästhetische Gründe dafür.

Doch der Menglerbau ist nicht das einzige Bauwerk der Moderne, das Investoren und Stadtverwaltung ersetzen wollen. So wird mit Heidelbergs erster Bauhaus-Filiale aus dem Jahr 1965 zugleich die erste Hochgarage der Stadt dem Erdboden gleich gemacht werden. Bereits zum 16. November schließt der Baumarkt, wie die RNZ berichtet. Ein erster Entwurf des Investors Diringer & Scheidel sieht eine nahezu vollständige Überbauung des Grundstücks unter Einbezug der bisherigen Freiflächen des Busbahnhofs vor. (mk, 7.10.19)

oben: Heidelberg, Menglerbau (Bild: Radosław Drożdżewski, CC BY SA 3.0, 2013); unten: Heidelbeg, Bauhaus-Filiale (Bild: bauhaus.info)

Heidelberg spart

In Heidelberg entsteht ein neues Gemeindezentrum, noch dazu im eher wenig großbürgerlichen Stadtteil Boxberg – das klang 2017 gut. Dass dahinter bald zwei Abrisse stecken, geht zumeist unter zwischen den Pressezeilen: 2011 fusionierten die evangelischen Gemeinden im Emmertsgrund und am Boxberg – zwei markanten Trabantensiedlungen am grünen Hang. Das Zentrum am Boxbergring (1966) musste 2016/17 einem kirchlichen Neubau weichen. Am Emmertsgrund steht die Kirche im „Forum 3“ (1974) seitdem leer. Pläne von pädagogischem Ideenhaus bis zu jüdischem Altenheim wurden im Quartier beargwöhnt (wohl wegen der bedrohten Aussicht), nun steht ein Verkauf (auf Abriss) bevor. Ansonsten wollen die Heidelberger Protestanten zunächst das Sparpotenzial bei Dienstwohnungen, Gemeindehäusern und Kindergärten ausnutzen.

Die katholische Seite zeigt sich hingegen betont „locker“. Statt auf Vorgaben von oben zu warten, gehe man die Dinge lieber gleich an. Umgebaut, mittelfristig verkauft und abgerissen wird also ebenso. Aktuell entsteht z. B., nach Abriss des Gemeindehauses, in der Wieblinger Kirche St. Bartholomäus (1956) eine Haus-im-Haus-Lösung für mehr Funktionsfreiheit. Und St. Paul im Emmertsgrund (1972), erläutert Pfarrer Johannes Brandt vom Stiftungsrat der Katholischen Kirche der Rhein-Neckar-Zeitung, sei „ein wunderbarer Sakralraum“ – aber das Flachdach mache langsam Probleme … (kb, 24.11.18)

Titelmotiv: Heidelberg-Emmertsgrund (Bild: Postkarte, Kunstverlag F. Gärtner)

Wieder ein Hajek weniger?

Der Bildhauer Otto Herbert Hajek war bekannt für seine selbstbewussten Farb- und Zeichensetzungen. In Heidelberg schuf er für die Oberpostdirektion Karlsruhe in der Sofienstraße bis 1972 eine „Räumliche Wand“. Der Bau dazu entstand von 1969 bis 1970 in der Nähe des zentralen Bismarckplatzes, auf dem Gelände „der ehemaligen Post- und Telegrafenverwaltung und des Zoologischen Instituts“, als Fernmeldeamt mit Postschalterbetrieb – zur Straße hin unübersehbar durch die Hajek-Primärfarben.

Doch aus dem ehemaligen Fernmeldeamt macht eine Investorengruppe gerade ein Vier-Sterne-Hotel mit Gewerbeflächen. Im Frühjahr 2017 wurde für Sommer/Herbst 2018 der Umbau zum „Core“-Hotel durch das Architekturbüro SSV angekündigt. Hierfür sollten die oberen Etagen abgetragen, erneuert, teils in der Höhe angepasst werden. Dabei scheint auch die Hajek-Wandgestaltung weichen zu müssen, wie Gregor Zoyzoyla heute abend via Facebook meldet. Schon in Mannheim war 2016 beim Hajek-Postbahnhof-Relief aller Protest zu spät gekommen. Sollten Sie also künftig Bauarbeiter in der Nähe eines Hajeks sehen, es könnte Ihr letzter Blick auf dieses Kunstwerk gewesen sein. (kb, 26.9.18)

Heidelberg, ehemaliges Fernmeldeamt in der Sofienstraße mit Betongestaltung von Otto Herbert Hajek (Bild: Gregor Zoyzoyla, September 2018)