Orientierungsverluste

So muss es sich in den 1990er Jahren für ehemalige DDR-Bürger angefühlt haben (und oft immer noch anfühlen): Da verschwindet in einem Streich die bauliche (tief Luft holen) Heimat einer ganzen Generation. Nicht nur einzelne Inkunabeln aus der Silhouette, sondern ganze Häuserzeilen und Infrastrukturen. Mit einem Mal fehlt dem Auge der Halt. Nach längerer Abwesenheit zieht sich der Magen auf der Fahrt nach Hause flau zusammen. Man zählt rasch durch: Hochhausspitzen, Kirchtürme, Fernsehturm, Hochstraße, Brücke. Und im Nahabgleich noch den Kiosk um die Ecke. Irgendwas fehlt immer.

Aerobus zur Buga 75 in Mannheim (Bild: historische Postkarte, 1975, Alfred Ziethen Verlag, Sinthern)

Kommt (fast) alles weg: Mannheim zu Zeiten der Buga 75 (Bild: historische Postkarte, 1975, Alfred Ziethen Verlag, Sinthern)

Jetzt ließe sich kontern: Aus einer Stilepoche, die groß dachte und groß baute, gibt es eben auch viel abzureißen. Und die Moderne war selbst nicht gerade zimperlich mit den vorgefundenen Stadtbildern. Doch die Menge und Geschwindigkeit der aktuellen „Stadtreparaturen“ von Ludwigshafen, Mannheim, Heidelberg, Hamburg (bitte in Gedanken ergänzen) lässt selbst Fortschrittsnostalgiker schnappatmen. Was an die Stelle der Verluste tritt, muss formal nicht schlechter sein, aber es ist allzu oft dichter. Der Stadtraum schließt sich, verliert an Freiflächen und Nischen für karriereferne Bastler, liebevolle Krauterer und sinnsuchende Flaneure.

Potsdam, Terrassenrestaurant "Minsk", Esssaal während der Bauzeit (Bildquelle: Privatarchiv Wladimir Stelmaschonok)

In letzter Sekunde: Aus dem Potsdamer Terrassenrestaurant „Minsk“ wird gerade ein Kunstmuseum (Bildquelle: Esssaal während der Bauzeit, Privatarchiv Wladimir Stelmaschonok)

Da finden wir uns in Tagungen zusammen und wärmen das geschundene Modernistengemüt an den geretteten, gut sanierten oder hoffnungsvoll in Liebe gehüllten Einzelbeispielen. Oder wir trösten uns mit ästhetischen Dokumentationsfotografien (kurz bevor der Bagger kommt). Doch es gibt sie noch, die Überraschungen: Wer hätte ernsthaft noch mit dem Potsdamer Terrassenrestaurant Minsk gerechnet? Oder dass ein offener Brief die Berliner U-Bahn unter Schutz und ins Museum bekommt? Gelegentlich unterliegt der Architekturdarwinismus. (Optimistisch sind wir hier morgen wieder. Versprochen.) (2.3.20)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Mülheim-Kärlich, Abriss des Kühlturms (Bild: Lothar Spurzem, CC BY SA 2.0, 2018)

Heimat planen. Heimat bauen

Heimat planen. Heimat bauen

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Modernes Wohnen mit Heimat-Potenzial – hier die Siedlung Roter Hang in Kronberg/Ts. (Bild: K. Berkemann)

Während Architekturgeschichte und Denkmalpflege noch mit den Siedlungen der 1960er und 1970er Jahre ringen, wird anderswo munter abgerissen. Die Backsteinbaukunst der 1920er Jahre muss gegen Dämmplatten verteidigt werden. Die Zeilenstrukturen der 1950er Jahre drohen, zur Nachverdichtung missbraucht zu werden. Zahlreiche Projekte beschäftigen sich mit verlorenen oder nie verwirklichten Sozialstrukturen. Um diesen ungeheuren Wohnraumvorrat, gerade der Nachkriegsmoderne, kommen wir nicht herum – es gilt, das Beste herauszuholen.

Diese Blickwinkel bündelt der Bund Heimat und Umwelt (BHU) – mit dem Schwäbischen Heimatbund und dem Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg – vom 14. bis 16. Oktober 2014 in Stuttgart mit der Tagung „Heimat planen. Heimat bauen“. Wie waren und wurden Siedlungen zur Heimat, wie können sie es heute werden? Interessierte aus Architektur, Städtebau, Denkmalpflege, Soziologie, Wohnungswirtschaft und Quartiersmanagement, aus Heimat-, Bürger- und Siedlungsvereinen sind eingeladen. Die Tagung beginnt am 14. Oktober 2014 mit einem Abendprogramm, bietet Vorträge und eine Exkursion am 15. Oktober und klingt am 16. Oktober vormittags mit Vorträgen aus. Das detaillierte Programm wird in Kürze unter www.bhu.de veröffentlicht. (mb, 7.8.14)

Stadt – Landschaft – Wandel

Stadt – Landschaft – Wandel

Kronberg, Siedlung "Roter Hang" (Bild: K. Berkemann)
Kronberger Siedlung Roter Hang (Bild: K. Berkemann)

Kulturlandschaften sind vom Menschen geformt – durch Landwirtschaft, Waldnutzung und Infrastruktur. Von vielen werden sie unmittelbar mit dem ländlichen Raum in Verbindung gebracht. Doch ist auch die Stadt eine wichtige Form von Kulturlandschaft: Sie hat ihre eigenen Funktionen und Bedingungen und daher ihre eigenen Gestaltmerkmale. Der Wandel der Kulturlandschaft Stadt in der Geschichte und Moderne ist Thema der Veranstaltung “Stadt – Landschaft – Wandel”, die in der Reihe der europäischen Landschaftsforen am 30. und 31. Mai 2014 in Berlin stattfindet. Für diese Veranstaltung sucht der Bund Heimat und Umwelt noch nach Vorträgen (15 Minuten) und Vorschlägen für ein Exkursionsprogramm in Berlin: Call for papers. Vorschläge können bis zum 4. April 2014 per E-Mail eingereicht werden: bhu@bhu.de.