DDR limited

Als „Schaufenster des Sozialismus“ wurde sie einst konzipiert: Die Berliner Karl-Marx-Allee sollte zum architektonischen Sinnbild des Arbeiter- und Bauernstaates werden. Mit ihrem ursprünglichen Namen „Stalinallee“ machte sie den Anspruch der SED auf eine weitgehende Sowjetisierung Berlins deutlich, der auch vor dem Städtebau nicht haltmachte. Statt an die nüchterne Bauhaus-Tradition hielten sich die Architekten an den sozialistischen Klassizismus, der auch das Stadtbild Moskaus prägte.

Der Bildband „Central Berlin – DDR limited“ nimmt die Karl-Marx-Allee in den Blick und präsentiert neben historischen Aufnahmen Porträts von Einrichtungen und Wohnkonzepten der heutigen Bewohner. Einen lokalen Schwerpunkt legt das Buch auf die Bauten rund um den Straußberger Platz. Die Architektur scheint auch nach dem Wegfall ihres ideologischen Gegenstücks modern und ästhetisch ansprechend. Die ehemaligen Paläste für die Werktätigen sind in einem post-ideologischen Berlin zum attraktiven Wohnobjekt geworden. Dies zeigen auch die Aufnahmen aus ihrem Inneren. Obwohl die meisten Wohneinheiten nur mit zwei bis drei Zimmern ausgestattet sind, zeigen sich hier geschmackvoll ausgestattete Wohnungen, die Klassiker des DDR-Designs mit westlichen Pendants und aktuellen Möbeln verbinden. (jr, 1.7.15)

Wyst, André/Schilgen, Stephand (Hg.), Central Berlin – DDR limited. The distinctive life and style of East Berlin’s grand former socialist boulevard, the Karl-Marx-Allee, and where it originates, the Strausberger Platz, Berlin 2015, 176 Seiten, ISBN 978-3-89955-578-3.

Eines der Turmhäuser am Frankfurter Tor ist heute eine exklusive Berliner Stadtwohnung (Bild: Central Berlin, DDR Limited, © Skjerven)

Henselmann und die Moderne

Der Architekt Hermann Henselmann (1905-95) war mit der Ost-Berliner Stalin-Allee an einem Projekt beteiligt, das sinnbildlich für die Sowjetisierung stand. Beharrlich suchte er in der Folge nach einem eigenen sozialistischen Bauausdruck jenseits des Zuckerbäckerstils. Mit dem Haus des Lehrers am Alexanderplatz und dem Hochhaus der Universität Jena entwarf Henselmann schließlich Meilensteine der DDR-Architektur. Die Entwicklung einer explizit sozialistischen – eng mit der Moderne verbundenen – Architektur wurde für ihn als Staatsarchitekten prägend.

Hierin liegt der Schwerpunkt der jüngst im Langewiesche-Verlag erschienenen Dissertation von Elmar Kossel. Der Architekturhistoriker beleuchtet mit kritischem Blick sowohl das Frühwerk Henselmanns in den 1930er Jahren als auch seine Karriere in der DDR. Diese Konzentration befreit vom möglichen Ballast einer klassischen Biografie. Darüber hinaus wird deutlich, welchen Beschränkungen und Entfaltungsmöglichkeiten die Moderne in der Logik zweier totalitärer Systemen unterworfen war. (jr, 15.6.14)

Elmar Kossel: Hermann Henselmann und die Moderne. Eine Studie zur Modernerezeption in der Architektur der DDR, Verlag Langewiesche Nachfolge, 2013, 200 Seiten, 202 Abbildungen, 24,5 x 17 cm, gebunden, ISBN 978-3-78445-7405-9.

Hermann Henselmann und die Moderne (Bild: Langewiesche-Verlag)