Letzte Blicke

Am 1. September 2019 wirft Museumsdirektor Roland Nachtigäller um 15 Uhr einen letzten persönlichen Blick auf ausgewählte Werke seiner PoMo-Ausstellung. Aber, gehen wir erst zurück auf Anfang: „Less is a bore“ war die freche Reaktion auf die sakrosankten Maxime von Bauhaus, Mies, HfG und Co. Wie ausgefallen sich das ‚anything goes‘ der 1980er Jahre niederschlug, ist noch bis zum 1. September 2019 in Herford zu bestaunen. Das Marta Herford Museum für Kunst, Architektur, Design (Goebenstraße 2–10 32052 Herford) setzt mit der Schau „Rebellische Pracht“ einen Kontrapunkt im diesjährigen Bauhausjahr. Gezeigt werden internationale Klassiker des postmodernen Design von Sottass über Starcke bis zu Memphis. 

In Deutschland ärgerten die Gestalter des Neuen deutschen Designs die Wächter der ‚Guten Form‘. Dabei sind ihre oftmals ironischen Entwürfe und Readymades erstaunlich aktuell. Die Gruppe Stiletto Studio etwa machte unter dem Titel „Consumer’s Rest“ aus einem aufgetrennten Einkaufswagen eine Persiflage auf die Eames Wire Chairs. Diese Antiikonen des Designs haben bis heute nichts an kritischem Gehalt eingebüßt. Auch die Botschaft der Ausstellung, die spielerische Lust an Farben, Formen und Gegenständen, kann sehr ernst sein und eben doch: zeitlos. (3.2.19, jm)

Ettore Sottsass, Teekanne „The Indian Memory – Basilico“, 1987, Staatliche Kunstsammlungen Dresden – Archiv der Avantgarden (Bild: © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Marcus Schneider)

Sinnlich statt funktional

Im Bauhaus-Jahr den Funktionalismus gerade mal nicht feiern – das hat sich das Museum für Zeitgenössische Kunst Marta in Herford (Goebenstraße 2–10, 32052 Herford) auf die Fahnen geschrieben. Und das sogar im Titel der neuen Ausstellung: „Rebellische Pracht – Design Punk statt Bauhaus“ heißt es dort bis 1. September 2019. Okay, ob man kunterbunte, sinnliche Postmoderne der 1980er wirklich als Punk bezeichnen möchte, ist Interpretationssache. Als Gegenthese zur klassisch-modernen Nüchternheit sind die ausgestellten Designobjekte aber bestens geeignet. Möbel, Leuchten, Haushaltsgegenstände und auch glücklich machender Nippes von Gestaltern wie Ettore Sottsass, Matteo Thun oder Robert Venturi erstrahlen in farbenfroher, oft betont sinnfreier Pracht.

Basis der Ausstellung ist die einstige Sammlung der Designfirma anthologie quartett, die sich nun in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden – Archiv der Avantgarden (AdA) befindet. Das (kleingeschriebene) quartett entstand 1983 durch vier Gründungsmitglieder, als Galerie für Architektur, Design, Kunst und Mode in Hannover, eines war der Lübbecker Apotheker Rainer Krause (1952-2013), der sich auch um die Architektur verdient machte: Der von ihm initiierte Neubau der Bahnhofapotheke Lübbecke wurde 1976 von Superstudio in Florenz entworfen – und bescherte Deutschland eines der ersten postmodernen Bauwerke überhaupt. (db, 3.6.19)

Matteo Thun: Topolino, 1986 (Bild: Marta Herford/ Marcus Schneider)

Ideenlinien

Ausgewählte „Ideenlinien“, zeichnerische Spuren und räumliche Formfindungen präsentiert Marta Herford (Lippold-Galerie, 1. Stock) noch bis zum 16. August 2015. Etwa 80 Architekturzeichnungen eröffnen einen anregenden Gang durch die Baugeschichte der frühen Moderne bis in die Gegenwart. Gezeigt werden Zeichnungen von Architekten wie Gottfried Böhm, COOP HIMMELB(L)AU, Frank Gehry, Zaha Hadid, Zvi Hecker, Le Corbusier, Daniel Libeskind, Hans Scharoun, Bruno Taut oder Max Taut.

Ebenso finden sich in der Präsentation Architektur-Bilder der zeitgenössischen Künstler Pia Linz, Paul Noble, Christian Pilz und Paul Thuile. Mit der Veranstaltung „Letzte Blicke“ führt Museumsdirektor Roland Nachtigäller am 16. August 2015 um 15 Uhr durch die Ausstellung. Begleitend bietet eine Web-App vor allem innerhalb der Ausstellung auf Smartphones und Tablets weiterführende Informationen zu den Exponaten. Aber auch außerhalb des Museums sind die Inhalte (in deutscher und englischer Sprache) direkt über den Browser abrufbar (es empfiehlt sich, das Fenster entsprechend hochformatig zu verkleinern): Web-App zur Ausstellung. (kb, 12..15)

Jakow Tschernichow, Industriegebiet, 1929-33 (Bild: Tchoban Foundation. Museum für Architekturzeichnung)