Es lebe die Freundschaft!

Der Umgang mit der Ostmoderne in Potsdam ist ja eher – äh – ruppig. Ein längere Zeit in Dornröschenschlaf gefallenes Bauwerk ist nun aber gesichert. Die 1973 gebaute Freilichtbühne auf der Freundschaftsinsel wurde unter Denkmalschutz gestellt – oder exakter: Das Landesdenkmalamt wies Ende Mai darauf hin, dass die Gartenanlagen der Insel als Ganzes unter Schutz stehen und unter diesen auch die Bühnenanlage falle. Eigentlich sollte sie zugunsten weiterer Grünflächen verschwinden, denn die Freundschaftsinsel ist grundsätzlich ein Gartenpark. 1937–1940 wurden nach Plänen von Karl Foerster und Hermann Mattern Schau- und Lehrgärten angelegt. Nach Kriegsschäden ergänzte der ehemalige Mattern-Mitarbeiter Walter Funcke in den 1950ern die Anlage durch eine Wasserachse mit Fontänen, Pflanzbecken sowie Sumpf- und Uferzonen. Anfang der 1970er Jahre folgten weitere Gestaltungen durch Funcke und Hermann Göritz. Anlässlich der 10. Weltjugendfestspiele 1973 errichtete der VEB Spezialbau Potsdam schließlich die Freilichtbühne an der Westspitze der sieben Hektar großen Insel. Ausstattung, Infrastruktur, Sicherheit: Die üblichen Argumente sorgten dafür, dass die Bühne ab den 1990ern Jahren abgesehen von Open-Air-Kino mehr und mehr in Vergessenheit geriet.

Seit 2013 war der Kommunale Immobilienservice Potsdam bereits auf der Suche nach einem Pächter, um den Standort wieder zu beleben. Mangels dauerhaftem Erfolg votierte das Grünflächenamt für den Abriss, um die alte Wegeführung von 1937 wieder herzustellen. Die Potsdamer Bürgerstiftung hat sich gegen das Abräumen der Ost-Baus gewandt und erfolgreich die Einrichtung einer „Bürgerbühne“ angestrebt. Nachdem die Anlage renoviert und eine neue Bestuhlung installiert wurde, geht es nun am 1. Juni mit einer Veranstaltung der Bürgerstiftung los. Der offizielle Start soll am 6. Juni um 15 Uhr mit einem Eröffnungskonzert des Landespolizeiorchesters Brandenburg sein. Am 9. Juni ist Schauspieler Michael Gerlinger mit einer Fontane-Lesung zu Gast, am 12. Juni gibt es ein Konzert mit der Bluesrock-Instanz Engerling. Inwieweit der bekannt gewordene Denkmalschutz die wiederbelebte Bühne tangiert, ist nicht klar. Dieser dürfte eher zum dauerhaften Erhalt der Kulturstätte beitragen. (db, 31.5.21)

Potsdam, Inselbühne (Bild: Potsdamer Bürgerstiftung)

Studieren in Nachkriegsmoderne

Ist das jetzt eine gute Nachricht oder eine schlechte? In Deutschland lebene Studierende auf Wohnungssuche haben zumindest derzeit in Berlin gute Karten, einen Platz im Studentendorf Schlachtensee zu bekommen. Dort sind einige Wohnungen und Zimmer frei. Grund ist die Corona-Pandemie: Internationale Mieter können aufgrund der derzeitigen Situation ihre Plätze nicht nutzen beziehungsweise müssen das Studium unterbrechen. Somit wurden auch viele Mietverträge storniert. Die Betreiber weisen nun auf ihrer Homepage auf das unerwartete Wohnraumangebot im denkmalgeschützten Nachkriegsensemble hin.

Das Studentendorf bietet im Berliner Südwesten knapp 1000 Bewohnern Platz. Bekannt ist es für seine Architektur: In Gebaut wurde es in mehreren Bauabschnitten zwischen 1957-64 (Architekten Fehling, Gogel und Pfannkuch) und 1976-78 (Friedrich Wilhelm Krämer u.a.), die Gestaltung der Freianlagen übernahm Hermann Mattern. Entstanden ist das Dorf als Teil des „Reeducation“-Programms der Allierten, den Grundstein legten Bürgermeister Willy Brandt und die US-Botschafterin Eleanor Dulles im Oktober 1957. Nachdem das seit 1991 denkmalgeschützte Ensemble Anfang der 2000er aus Geldmangel beinahe dem Abriss zum Opfer gefallen wäre, wurde es nach Protesten (nicht nur) aus Fachkreisen auf Initiative des Stadtplaners Hardt-Waltherr Hämer 2003 an eine Betreiber-Genossenschaft verkauft und seither restauriert. (db, 10.4.20)

Berlin, Studentendorf Schlachtensee Haus 4 (Bild: Mila Hacke, CC BY-SA 4.0)

Pilzkiosk für Haus Paepke

Schnittige Villen gibt es nicht nur in Hollywood, im Tessin oder im Grunewald: Im nordhessischen Hugenottendorf Carlsdorf befindet sich das für das Lehrerehepaar Paepke 1958 vom Hofgeismarer Architekten Prof. Hermann Mattern (1902-71) erbaute „Haus Paepke“: Ein Flachdachbungalow in der Tradition des Neuen Bauens, zeitgenössisch aufgepeppt mit Schmetterlingsdach und runden Fenstern, sich zum Garten hin zweigeschossig öffnend. Das große Grundstück in Hanglage zeichnet sich zudem durch seinen grandios angelegten Garten aus. Hermann Mattern, der zuletzt an der TU Berlin lehrte, gilt als einer der wichtigsten Landschaftsarchitekten des 20. Jahrhunderts.

Zum Tag des Offenen Denkmals öffnet der heutige Besitzer Mark Meusel das Haus Paepke regelmäßig für Besucher. Um diese künftig stilgerecht bewirten zu können und Ausflüglern eine besondere Einkehrmöglichkeit zu bieten, denkt er derzeit darüber nach, einen stilechten Pilzkiosk zu errichten. Die Vorlage hierzu bietet der berühmte, seit bald 60 Jahren lieferbare Modellbausatz von Faller. Derzeit eruiert Mark Meusel die Möglichkeiten einer Finanzierung. Bis zum 2019er Tag des offenen Denkmals dürfte es knapp werden, aber wer weiß: Vielleicht treffen wir uns 2020 ja auf eine Mokkamilch in Carlsdorf … (db, 5.6.19)

Carlsdorf, Haus Paepke Projekt Pilzkiosk (Bild: Mark Meusel)