Bordstein und Skyline

von Maximilian Kraemer mit Fotografien von Olaf Mahlstedt

Beginnen wir mit dem Ende: In der niedersächsischen Landeshauptstadt soll eines der zahlreichen Hochhäuser abgerissen werden, die in der Nachkriegszeit wie Pilze aus dem Boden schossen. Dieses Schicksal teilt das Postscheckamt, um das es in diesem Fall geht, mit dutzenden weiteren Artgenossen. Gebaut wurde es von 1972 bis 1973 unter Leitung der Oberpostdirektion mit dem Büro Hentrich, Petschnigg und Partner – auch, wenn es in deren Werkverzeichnis in der Regel unerwähnt bleibt. Abhängig von persönlichen ästhetischen Vorlieben wird ein Hochhaus-Abriss in der Bevölkerung als größerer oder kleinerer Verlust, meist jedoch als Gewinn für das Stadtbild empfunden.

Hannover, Postbank, Fassadendetail (Bild: Olaf Mahlstedt)

Symbol des Aufstiegs

Es ist ja auch nicht zu verleugnen, dass so ein Bauwerk polarisiert. Liegt es am Typus des Hochhauses, der in Deutschland immer ein wenig verrufen war und es teilweise bis heute geblieben ist? Als Symbole des Aufstiegs, der technischen Perfektion, als Inbegriff der Modernität, der Funktionalität, nicht zuletzt auch als Monumente für ökonomische Macht und Potenz galten viele Hochhäuser in den Tagen ihrer Einweihung. Sie betonen also das, was viele Großstädte ausmacht. Aus diesem Grund wurden sie bevorzugt im urbanen Kontext errichtet, wo sie als Dominanten einzeln oder wie in Frankfurt am Main als Gruppe auftreten und eine eigene Skyline bilden.

In den 1970er Jahren, als Spätmoderne und Brutalismus dominierten, waren schlanke Türme nach dem Vorbild Ludwig Mies van der Rohes längst nicht mehr der letzte Schrei. Komplexe, verschachtelte Baukörper sollten im Sinne des verdichteten Städtebaus neues Leben in die Innenstädte bringen. Gegliedert werden die Bauteile des Postscheckamts durch die umlaufenden Balkone, die einen starken horizontalen Kontrast setzen. Gestaffelte, ineinander geschobene Kuben verschiedener Höhe bilden ein eigenes System – einen Mikrokosmos innerhalb des Stadtgefüges. Das Ensemble umschließt einen Innenhof mit Springbrunnen, aus dessen Bassin sich eine abstrakte Metallplastik erhebt, die wie das Hochhaus dahinter in den tiefblauen Himmel zu streben scheint. Eingerahmt von vorgehängten Verkleidungen mit Waschbetonvorsatz und verspiegelten Glasscheiben in goldbraun-eloxierten Metallrahmen, könnte man hier noch heute einen Film drehen, der in der Zeit zwischen Studentenrevolte und Ölkrise spielt. Gemütlich, überschaubar, sympathisch – das sind diese Gebäude gerade nicht.

Hannover, Postbank, Treppenaufgang (Bild: Olaf Mahlstedt)

Geschmacksverschiebungen

Nicht nur in Hannover haben sich Zeitgeschmack und Architektonische Anforderungen in den vergangenen 50 Jahren gewandelt. Es steht überall schlecht um die architektonischen Riesen. Kommen dann noch sehr zeittypische Materialien wie beim Postscheckamt hinzu, schwindet die Akzeptanz in ungeahnter Geschwindigkeit. Was danach kommt, das ist im Norden nicht anders als im Süden: Die Bürger:innen beklagen, der Stadtrat tagt, irgendwann investieren dann Investmentgesellschaften. Ungeachtet aller Ausgangsvoraussetzungen scheint die letzte Konsequenz stets der Abriss zu sein. Wann haben Sie zuletzt von einer gelungenen Sanierung eines Hochhauses der 1970er Jahre gelesen, die nicht zu einem vollkommen anderen Erscheinungsbild geführt hat? Weg mit dem ungeliebten alten Klotz, der bei genauerer Betrachtung im Grunde gar kein Klotz ist, den man aufgrund der heutigen Klötzchenkultur im Bauwesen aber in seiner Andersartigkeit gar nicht mehr erfassen möchte oder vielleicht manchmal auch gar nicht mehr erfassen kann?

Ironischerweise besteht darin eine der Parallelen zwischen damals und heute: neu ist und war immer besser. Ein so voluminöses Gebäude wie das Postscheckamt zu erhalten, würde für sich genommen schon einen großen Beitrag zu den Themen Energieeinsparung, Ressourcenschonung und somit zum Klimaschutz beitragen. Nicht auszudenken, was es für unseren Planeten bedeuten könnte, wenn künftig generell auf Abrisse solcher Großstrukturen verzichtet würde (und Waschbeton ist doch sexy!). Doch zurück an die Leine. Anstelle des Postscheckamts wünscht man sich eine neue Mischnutzung. Ein paar Büros, ein paar Geschäfte und, ach ja, Wohnungen werden bekanntlich auch wieder gebraucht. Was erhofft man sich von diesem Projekt? Wie die beiden Lokalzeitungen Hannoversche Allgemeine und Neue Presse übereinstimmend berichten, soll die Umgebung aufgewertet werden.

Hannover, Postbank, Brunnen im Innenhof (Bild: Olaf Mahlstedt)

Hannover, Postbank, Brunnen im Innenhof (Bild: Olaf Mahlstedt)

Vertikal-horizontal

Das Postscheckamt steht in Bahnhofsnähe. Westlich des Hauptbahnhofs begrüßt und verabschiedet es (noch) gut sichtbar jene Besucher:innen, die per Bahn in die Stadt kommen oder auf der Durchreise sind. Den Presseberichten zufolge spielt der angrenzende Straßenstrich eine entscheidende Rolle in den Überlegungen zum Abriss. Bereits vor über einem Jahr wurden im Gemeinderat stimmen laut, die dem Straßenstrich mit gesetzlichen Mitteln einen Riegel vorschieben wollten. Doch warum muss das Postscheckamt dazu abgerissen werden? Übt Waschbeton große Anziehungskraft auf Sexarbeiter:innen und Freier aus? Oder liegt es an der phallischen Form, die Hochhäusern immanent ist, dass Postscheckamt und Straßenstrich zusammengehören zu scheinen? Es ist anders schwierig zu erklären, weshalb man in Hannover annimmt, dass sich das horizontale Gewerbe bei einem Abriss einen anderen Standort suchen wird. (15.3.21)

Hannover, Postbank, Eingang 2020 (Bild: Olaf Mahlstedt)

Hannover, Postbank, Eingang (Bild: Olaf Mahlstedt)

Hannover, Postbank 2020 (Bild: Olaf Mahlstedt)

Hannover, Postbank, Außenansicht (Bild: Olaf Mahlstedt)

Titelbild: Hannover, Postbank (Bild: Olaf Mahlstedt)

Essen: RWE-Hochhaus in der Huyssenallee fällt

Das 1980 nach Entwürfen des Architekten Hanns Dustmann (1902-79) fertiggestellte RWE-Hochhaus erhebt sich im Südviertel der Stadt an der Huyssenallee auf einem Y-förmigen Grundriss. Bereits 2017 war von einem Abriss des 80 Meter hohen Gebäudes die Rede, jetzt wird es ernst. Im Herbst soll der Abbruch vollzogen werden. Der Energiekonzern befindet sich im Umzug in sein neues Domizil auf dem RWE-Campus in der Altessener Straße. Eine Sanierung des bestehenden Gebäudes in der Huyssenallee hatte der aktuelle Eigentümer, der Projektentwickler Kölbl Kruse, als unwirtschaftlich abgelehnt.

Der Abriss des RWE-Hochhauses ist kein Einzelfall, weitere Bausteine der Essener Skyline sind bereits weggebrochen oder werden es bald. An der Stelle des RWE-Hochhauses soll künftig kleinteiliger gebaut werden: ein sieben- bis achtgeschossiger „Campus“. In der Presse findet sich nur wenig Bedauern um den konkreten Bau, doch seiner Stellung in der Skyline trauern viele jetzt schon nach. Zudem sei ein Abriss wenig nachhaltig, man denke nur an die Mitte der 1990er Jahre erfolgte energetische Fassadensanierung. Und zumindest der benachbarte RWE-Bau, den Dustmann 1961 für den RWE-Konzern umgesetzt hatte, steht ebenfalls unter Denkmalschutz und bleibt der Stadtsilhouette damit erhalten. (kb, 28.5.20)

Essen, RWE-Hochhaus in der Huyssenallee (Bild: Wiki05, CC BY SA 3.0 oder GFDL, 2013)

Ganz oben bei der Luminale

Bei der Luminale Frankfurt geht es längst um mehr als bunte Lichter. ie beleuchtet (sic!) längst auch Fragen des (urbanen) Zusammenlebens. Die Reihe Luminale TALK lädt von 13. bis 15. März ins Festivalzentrum, dem Instituto Cervantes im ehemaligen Amerika-Haus. Und gleich am Freitag den 13. gibt es ab 12 Uhr ein hochkräiges Programm für Freunde des vertikalen Bauens: In keiner anderen deutschen Metropole entstehen gerade so viele Wohntürme. Hochhäuser sind in vielen Metropolen der Welt die Antwort auf dringende Wohnfragen, schaffen maximalen Wohnraum auf minimaler Grundfläche. Für Frankfurt sind die Wolkenkratzer mittlerweile zum Wahrzeichen geworden. Hier bündeln sich alle Fragen der Stadtgestaltung in einem Baukörper – Verdichtung, soziale Fragen, gesundheitliche Aspekte, Sicherheits-, Klima- und Umweltproblematiken.

An den Frankfurter Hochhäusern manifestieren sich Kernfragen: Wie wollen wir in unseren Städten leben? Und zu welchem Preis? In Kooperation mit dem Bund Deutscher Architekten (BDA) Hessen. Durchs Programm im Instituto Cervantes führt der Autor und Schauspieler Rainer Ewerrien, es moderiert der FAZ-Redakteur Rainer Schulze. Vorträge und Erfahrungsberichte gibt es unter anderem von Philipp Sturm, Simon Ruppert, Maren Harnack und Ben van Berkel; zur Podiumsdiskussionfinden sich ein: Mike Josef, Prof. Susanne Heeg, Claudia Meixner und Thomas Horn. (db, 11.3.20)

Frankfurt am Main, Silberturm (Bild: Melkom, GFDL oder CC BY SA 3.0)