Hochhaus Ost-West

Die gebaute Welt bietet mehr als Fachwerkidylle mit einstelligen Geschosszahlen. Das ist bekannt. Doch in den Nachkriegsjahrzehnten schaffte es diese Wahrheit nicht immer bis in die Malbücher, Tourismusprospekte – und Modellbahnanlagen. Dabei lieferten die Kataloge für Miniaturbausätze ab den 1960er Jahren ausreichend Material, um auch eine moderne Großstadt abzubilden: Ein Hochhaus war ein Muss in der Produktpalette, hier machten Ost und West keinen Unterschied. Oder doch?

 

Zwischen Laden und Drempel

Bei der Schwarzwälder Modellbaufirma Faller gehörte um 1960 ein Hochhaus zu den Neuheiten: ein einladendes Ladengeschoss, darüber satte zwölf Büro- bzw. Wohnetagen, zu guter Letzt ein schwungvoller Drempel. Beim ostdeutschen Modellbau-VEB Vero kam das Plaste-Hochhaus zehn Jahre später auf den entkapitalisierten Markt, doch in der Form fühlt man sich an den Westen erinnert: eine aufgeständerte Verkaufszone, darüber diesmal sechs Wohngeschosse und zuletzt der malerische Flugdachabschluss. Dies- und jenseits der Mauer konnte der Miniaturwolkenkratzer in die Höhe erweitert und mit allerlei Schriftzügen, Werbeschildern und Schaufensterauslagen angereichert werden. Etwas Farbe machte die emporwachsende Moderne für die Zielgruppe gefälliger.

 

Einzeln und in Serie

Der Unterschied lag eher im dogmatischen Detail: Werbewirksam ähnelt der westdeutsche Bausatz dem realen Faller-Firmensitz, der parallel dazu in Gütenbach bei Furtwangen entstand. Ein individuelles Hochhaus wurde so zum Sinnbild aller Wirtschaftswunderwolkenkratzer. Der im Erzgebirge fabrizierte Vero-Bausatz hingegen propagierte das standardisierte „Raumzellen-Bausystem“, das – wenn auch mit einer Typenunschärfe – an die DDR-Platte erinnert. In der Montage und in den Details fiel das Modellbau-Ergebnis dann wieder individueller aus. Doch mehr wollen wir jetzt gar nicht verraten – die kleinen und großen Hochhäuser werden im kommenden Sommer Teil unserer Ausstellung „märklinMODERNE“ im Deutschen Architekturmuseum (DAM) Frankfurt und in der Stuttgarter Weißenhofgalerie. Wer selbst Teil des Projekts sein will, ist herzlich eingeladen, sich an unserem Crowdfunding zu beteiligen: www.startnext.com/maerklinmoderne. (kb/db, 16.10.17)

FACHBEITRAG: Früher war mehr bunt

von Uta Winterhager (16/1)

… zumindest haben meine Kinderaugen das so gesehen. Vielleicht schaue ich mir die beiden bunten Hochhäuser in Köln deshalb so gerne an, weil sie von früher erzählen. Von großen Ideen und einfachen Mitteln – das haben das Herkuleshochhaus und das Funkhaus der Deutschen Welle gemeinsam. Und noch etwas teilen sie: das traurige Schicksal der Ungemochten und Unverstandenen. Dabei bieten die farbigen Fassaden mindestens zwei Gründe, sie zu mögen. Sie entschuldigen sich mit großer Geste dafür, dass sie den Blick verstellen und einen riesigen Schatten werfen. Und sie machen der Stadt ein großes Geschenk: konkrete Kunst auf über 50.000 Quadratmetern, öffentlich und weithin sichtbar und das seit vielen Jahrzehnten.

Der Geist der Stadt ist nicht grau

Über allen Gipfeln … ist Farbe! Das Herkules-Hochhaus kann alles außer Grau (Bild: Uta Winterhagher)

Jeder kennt das „Papageienhochhaus“, das dort so plötzlich und so unerwartet bunt steht, jeder fährt ständig daran vorbei aber niemals hin. Und jeder möchte dazu eine Geschichte erzählen, etwas Skurriles, etwas Unheimliches, Trauriges oder Fieses. Als Peter Neufert (1925-99), Sohn von Ernst Neufert, Ende der 1960er Jahre von der Dr. Rüger Immobilien Holding mit dem Entwurf eines Super-Wohnhauses beauftragt wurde, gab es in Köln zwar Beispiele der noch jungen Typologie des Wohnhochhauses. Doch sein 31-geschossiger Turm sollte sie um mehr als 30 Meter überragen und erstmals die 100-Meter-Marke überschreiten.

Obschon das städtebauliche Konzept vorsah, die Höhe von Neubauten im Stadtkern zu beschränken, waren Hochhäuser als Landmarken an den Ausfallstraßen ausdrücklich gewünscht. Die Stadt, die schnell und viel Wohnraum benötigte, genehmigte das Experiment mit der Vertikalen am nördlichen Autobahnzubringer. Einen Sicherheitsabstand zur Innenstadt gewährten der inzwischen zum Mediapark gewandelte Güterbahnhof Gereon und der Herkulesberg.

Provokativ perforiert

Eigentlich ist die Graeffstraße in Neuehrenfeld keine schlechte Ecke, innenstadtnah und direkt am Grüngürtel in einer bürgerlichen Nachbarschaft, doch die auf zwei Ebenen geführte Kreuzung von Autobahnzubringer und der Ringstraße bildet eine ungute Insellage aus. Neufert war dazu angehalten, wirtschaftlich und mit hoher Ausnutzung der Fläche zu planen und präsentierte einen hocheffizienten Komplex aus einem Wohnhochhaus, einem 14-geschossigen Büro- und Wohngebäude sowie einem Parkdeck. Das war groß, fast sogar schon im städtischen Maßstab gedacht. Dass hier etwas Neues entstanden war, zeigte das Herkuleshochhaus nicht nur durch demonstratives Desinteresse an seiner Nachbarschaft, sondern mit Höhe, Farbigkeit und einer systemimmanenten Ordnung.

Das Raster der Konstruktion überlagerte Neufert mit einer Vorhangfassade aus emaillierten Metallpaneelen, die das Gebäude von der ersten bis zur 31-Etage wie eine Haut vollkommen plan überzieht. So wurde das Haus zu einem abstrakten Körper, die Fassade zum Träger einer konkreten, dreidimensional gedachten Komposition oranger, roter und hellvioletter Quadrate auf blauem Grund. Farben, die er häufig verwendete, sofern man ihn ließ. Über die farbige Bildebene legte Neufert ein davon scheinbar unabhängiges Netz aus Fensteröffnungen, die dort liegen, wo die Wohnungsgrundrisse sie bedingen. Fast provokativ perforieren geöffnete Fensterflügel die perfekte Haut. Dennoch gibt es hier nur ein Raster, eine Ordnung aus halben und ganzen Quadraten, das die Fassade bestimmt. Dass es darin einen Rapport gibt, der sich nach 10 Etagen wiederholt, entzieht sich der Wahrnehmung.

Kölns bunter Geist

Die Nachbarn ständig im Blick, ohne sich für sie zu interessieren: Der Neufert-Bau überragt seine Umgebung um Längen (Bild: Uta Winterhager)

Zur Diskussion dieses Fassadenentwurfs hatte Neufert den von ihm sehr geschätzten Josef Albers in Amerika besucht. Die überraschende Empfehlung des Künstlers, das Bild zu verwerfen und die Fassade weiß zu machen, ignorierte er trotzig. Ihm war die Monotonie der deutschen Großstädte zuwider und er sparte nicht mit Kritik an denen, die ihn zwingen wollten, seine Haltung als Baukünstler aufzugeben: „Wo bleibt der Ausdruck des Geistes dieser Stadt, der in jedem seiner Bürger lebt? Diese Kölschen Bürger, die so heiter sind, voll des Sinnes für das Leben und den Fortschritt? Was wird aus ihr, wenn man jede Transponierung dieses Geistes in die wirklichkeitsnahe Architektur unterbindet? Was wird die Generation unserer Kindheit zu unseren Bauten sagen? Wie werden diese Kinder über die Farblosigkeit und die Mittelmäßigkeit dieser Bauten urteilen und wen werden sie zur Rechenschaft ziehen?“ klagte er 1966 auf dem Richtfest der Kölner Saarbachbauten.

Wenige Jahre später bildete die Fassade des Herkuleshochhauses den Geist der Stadt auf wunderbare Weise ab. Und dennoch funktioniert dieses Haus als Wohnhaus nicht gut. Für viele ist die Anonymität verlockend, während sie andere ängstigt oder deprimiert. Dabei hatte Neufert mit unterschiedlichen Wohnungstypen Vielfalt eingeplant, Begegnung in Lobby, Schwimmbad, Sauna, Partyraum und Waschküche arrangiert und Sicherheit mit einer rund um die Uhr besetzten Pförtnerloge vorgesehen, aber der Geist der Stadt ist in dieser Architektur nie zuhause gewesen. Und wenn sich viele im Vorbeifahren einfach nur daran stören, dass dieses Haus anders ist, als alle anderen …

In Farbe für alle

Der Abriss steht fest: das 1980 bezogene und 2003 geräumte Doppelhochhaus der Deutschen Welle (Bild: Riadismat, CC BY SA 3.0)

Während beim Herkuleshochhaus noch über Wanzenbefall, Selbstmorde, Messerstechereien und auch über Denkmalschutz und diskutiert wird, ist es für die bunten Hochhausgeschwister der Deutschen Welle bereits zu spät. In Anwesenheit des Bundespräsidenten Gustav Heinemann wurde 1974 am Raderberggürtel der Grundstein für die gemeinsame Funkhausanlage von Deutscher Welle und Deutschlandfunk gelegt, Landmarken für die südliche Stadteinfahrt.

Gerhard Weber und Partner setzten auf die Wirkung der Konstruktion und entwarfen für den Deutschlandfunk ein Hochhaus, dessen 15 Etagen mit einem freiliegenden Tragwerk von einem Stahlbetonkern abgehängt wurden, während die Planungsgruppe Stieldorf das Hochhausdoppel für die Deutsche Welle mit farbigen Fassadenelementen in Szene setzte. Die Türme der Sender bildeten ein eigenwilliges und wie gewünscht stadtbildprägendes Ensemble und setzten Zeichen für die Bedeutung, die Fernsehen und Rundfunk damals gerade zukam.

Nicht sehen, gesehen werden

Das schlanke Doppelhochhaus der Deutschen Welle steht auf einem ausgedehnten Unterbau mit Tiefgarage, Technikzentrale und Gemeinschaftseinrichtungen. Der 22-geschossige Studioturm und der 37-geschossige Büroturm wurden als Stahlskelettbauten um einen Betonkern gebaut. Zwischen ihnen steht statisch unabhängig ein Aufzugsturm, dessen oberste Geschosse mit einer Plattform für Parabolspiegel über den Büroturm hinausragen. So ist das Funkhaus mit 137,66 Metern das dritthöchste Hochhaus von Köln. Es ist jedoch nicht die Höhe, die es auszeichnet, sondern auch hier wieder die farbige Gestaltung der Fassaden. Zwischen außenliegenden Stürzen sitzen Fassadenelemente in einer warmen von Rot über Orange und Gelb zu Ocker abgestuften Farbpalette für den Studioturm und einer kalten, von Blau, über Petrol zu Grün- und Gelbtönen führenden für den Büroturm.

Wo so viel Farbe ist, bleibt allerdings nur wenig Fläche für Fenster – vielleicht egal, denn man wollte gesehen werden, nicht sehen. Anfang der 1970er Jahre war die Welt in den Medien noch überwiegend Schwarzweiß, so hätte sich der Sender kaum ein großartigeres Bild wünschen können, als diese Farbexplosion: ein Testbild für die Fernsehzukunft als Leuchtturm mitten in der Stadt. „Alles so schön bunt hier!“ habe ich gerade Nina Hagen im Ohr. Während Peter Neufert beim Herkuleshaus Farbe als gesellschaftspolitisches Statement einsetzte und zu seinem persönlichen Markenzeichen machte, ist sie im monochromen und schwarzweißen Werk der Planungsgruppe Stieldorf eine in dieser Fülle einmalige, allein aus der Bauaufgabe generierte Erscheinung.

Von außen betrachtet

Bis 2003 arbeiteten die 1.400 Mitarbeiter der Deutschen Welle hier mit einem einzigartigen Blick über Köln, dann ging der Sender in die Horizontale und bezog den weißen Schürmannbau in Bonn. Seitdem steht das Doppelhochaus leer, wurde verkauft und wird 2017 abgerissen, um Platz für ein Wohnquartier zu machen. Es ist eine sperrige, schwierige Immobilie, über eine Umnutzung wurde aber trotz ihrer unbestrittenen Zeichenhaftigkeit kaum nachgedacht. Vergessen waren all die guten Vorsätze und Ideen, die in Workshops und Symposien diskutiert und durchgespielt wurden – von einer praktizierten Umbaukultur sind wir also doch noch weit entfernt.

Tritt ein, Fremder … Der Geist der späten 1970er blieb bis zuletzt erhalten (Bild: Clees Group)

„Die Welle“, wie das Projekt inzwischen heißt, wird eine technische Herausforderung. Weltweit ist nie ein höheres Hochhaus gesprengt worden und niemals zuvor gleich zwei, die unmittelbar neben einem dritten stehen, das keinen Schaden nehmen darf. Und es ist eine wirtschaftliche: Zwei Jahre wird es dauern, bis sämtlicher Spritzasbest von den Stahlträgern entfernt und entsorgt ist, das Gebäudeensemble gesprengt und die Trümmer geräumt sind. Viel Zeit, die viel kostet, bevor überhaupt gebaut werden kann. Und was danach kommt, wird wohl keine Architekturgeschichte schreiben.

Ich möchte weder im Herkuleshochhaus wohnen noch im Funkhaus arbeiten. Ich möchte sie von außen betrachten und mich daran freuen, wie hier Flächen bespielt wurden. Und mich an eine Zeit erinnern, in der Farbe genügte, um etwas zu sagen. Eine Ära fern aller entstellenden Dämmstoffe – bevor den Fassaden all das beigebracht wurde, was sie heute können müssen.

Rundgang

Literatur

Ghise-Beer, Anka, „Das Werk des Architekten Peter Neufert“, Dissertation, Bergische Universität/Gesamthochschule Wuppertal, 2000.

Titelmotiv: Fassade, Tapete oder Tischunterlage? Mit Farbe ließen sich manche Ähnlichkeiten erreichen. Fassadenentwurf Herkuleshochaus, 1972 (Bild: Uta Winterhager)

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Pjönjang, Ryugyŏng-Hotel

von C. Julius Reinsberg (18/1)

Mit dem Stichwort „nordkoreanische Baukunst“ verbinden die meisten wohl ausgedehnte Plattenbauviertel, nicht ende wollende Prachtstraßen oder vielleicht den protzigen Chuch’e-Turm, der als Wahrzeichen der Hauptstadt Pjöngjang gilt. Und tatsächlich erinnert die Architektur der im Koreakrieg stark zerstörten Metropole mit ihren monumentalen Bauten vielerorts an den sozialistischen Klassizismus der Sowjetunion der Stalinjahre oder seine chinesischen Adaptionen. Sinnbildlich für Nordkorea ist jedoch ein anderer Bau, der sich ebenfalls in Pjöngjang befindet: das Ryugyŏng-Hotel.

Nordkoreanisches Prestigedenken

Das Bauwerk steht beispielhaft für die ausgeprägte Sucht nach Rekorden, Superlativen und internationalem Prestige, welche die Führung Nordkoreas – immer noch ganz in der Logik des Kalten Krieges – bei den meisten staatlichen Bauprojekten an den Tag legt. Ein 1982 fertig gestellter Triumphbogen etwa orientiert sich klar am Arc de Triomphe in Paris, überragt diesen jedoch um drei Meter, um den Titel „höchster Triumphbogen der Welt“ beanspruchen zu können. Auch die 20 Meter hohen Monumentalstatuen der verstorbenen Machthaber Kim Il-sung und Kim Jong-Il brauchen sich im weltweiten Vergleich entsprechender Denkmale nicht zu verstecken. Doch obwohl es sich beim Ryugyŏng-Hotel sogar um das höchste Bauwerk des Landes handelt, taugt dieses kaum mehr zur baulichen Propaganda. Tatsächlich steht der gewaltige Betonbau im wenig schmeichelhaften Ruf, die größte Bauruine des Landes und sogar der Welt zu sein.

Das höchste Hotel der Welt

Die nordkoreanische Führung schielte bei der Grundsteinlegung im Jahr 1987 freilich auf einen ganz anderen Titel. Das Hotel sollte dem damals höchsten Hotel der Welt, dem Westin Stamford in Singapur, den Rang ablaufen. Die dortigen Arbeiten, die ein südkoreanisches Bauunternehmen ausführte, waren bereits 1986 abgeschlossen worden. Die Einweihung der nordkoreanischen Antwort war für 1989 geplant. In diesem Jahr fanden die Weltjugendspiele in Pjöngjang statt und ein internationales Medieninteresse war garantiert. Der Bau, so die Hoffnung des Regimes, sollte außerdem auch westliche Investoren und mit ihnen Devisen ins Land locken.

Die Architektur des Ryugyŏng-Hotels ist zwar überzogen monumental, aber erstaunlich modern. Ganz im Sinne der Postmoderne entwarfen die nordkoreanischen Architekten einen gigantischen Betonbau, der in seiner Form ebenso an die antiken Pyramiden wie an die mächtigen Raketen sowjetischer Raumfahrtprogramme erinnerte. In Anlehnung an die Wolkenkratzer, die zeitgleich auf der ganzen Welt entstanden, sollte das riesige Hotel mit einer gläsernen Vorhangfassade verkleidet werden. Der Baukomplex ergibt sich aus drei dreieckigen Flügeln – jeder von ihnen erstreckt sich über eine Länge von 100 Metern –, die in einem Winkel von 75 Grad zueinander angeordnet sind und nach oben spitz zulaufen. Gekrönt werden sie von einem Kegel, der fünf rotierenden Restaurants Platz bieten sollte. An jedem der Flügel ist ein kleiner Baukörper angeordnet, den man, bleibt man im Raketenvergleich, als Triebwerk deuten kann. Darüber hinaus sollte die Planung nach bewährter Manier mit Zahlen und Daten rein quantitativ überzeugen: die Propaganda versprach, das 330 Meter hohe Bauwerk werde auf 105 Etagen 3.000 Hotelzimmern Platz bieten, außerdem auch ein Casino und Konferenzräume enthalten.

Eröffnung nicht in Sicht


Der ehrgeizige Eröffnungsplan konnte indes nicht eingehalten werden. Erst im Jahr 1992 war der Rohbau fertiggestellt. Ein gigantischer, unverkleideter Betonkoloss überragte nun die Stadt – und dies sollte sich in den nächsten Jahren nicht mehr ändern. Die Bauarbeiten wurden vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der UdSSR eingestellt; in Nordkorea, das auf strikt planwirtschaftlichen Kurs blieb, löste das Ereignis eine verheerende Wirtschaftskrise aus. Aus dem einstigen Prestigeprojekt wurde damit ein ständiges Ärgernis für die Machthaber des Landes. Das Hotel wurde zum sprichwörtlichen Elefant im Raum: Wenngleich die Propaganda versuchte, den Bau totzuschweigen, aus Panoramaansichten der Stadt herauszuschneiden und in offiziellen Stadtplänen nicht zu erwähnen, ließ er sich beim besten Willen nicht aus der Stadtsilhouette hinaus definieren. Die größte Bauruine der Welt erreichte sogar eine Bekanntheit, die weit über die Grenzen des abgeschotteten Staats in Südostasien hinausreichte. Das Esquire Magazine verlieh ihm den Titel „Schlimmstes Bauwerk in der Geschichte der Menschheit“, eine italienische Videoinstallation versah das Ryugyŏng mit martialisch anmutenden Trägerraketen, um es kurzerhand zum Mond zu schießen. In der internationalen Fachwelt kursierten außerdem Berichte über schwere Baumängel, die einen regulären Betrieb des Hotels unmöglich machten.

2008 schließlich wurden die Arbeiten dennoch wieder aufgenommen. Ein ägyptischer Baukonzern schrieb sich die Fertigstellung des Bauwerks auf die Fahnen, das nordkoreanische Regime verkündete, 2012 werde der Bau anlässlich des 100. Geburtstages des „ewigen Präsidenten“ Kim il-Sung eröffnet. Tatsächlich verschwand der rohe Beton – wie vor über einem Jahrzehnt geplant – hinter einer gläsernen Fassade, statt eines verrosteten Baukrans krönte nun ein Funkmast den Kegel auf der Spitze des Bauwerks. Der Eröffnungstermin wurde jedoch erneut kleinlaut verschoben. Den bislang letzten Versuch startete eine europäische Luxushotelkette, die ankündigte, 2013 zumindest in den oberen Stockwerken des Baus Zimmer anzubieten. Zu einem Vertragsabschluss kam es aber offenbar nicht, so dass der riesige Komplex weiterhin auf seine ersten Gäste wartet.

Ein Sinnbild der Kim-Diktatur

Das Ryugyŏng-Hotel ist damit in mehrerlei Hinsicht sinnbildlich für das nordkoreanische Regime. Er simuliert als hohle Kulisse Internationalität und Weltoffenheit in einem Land, das seit Jahren erfolgreich den Titel des meist abgeschotteten Staats der Welt verteidigt. Es zeugt von Zynismus, in einem bitterarmen Land in ein überdimensioniertes Prestigeprojekt zu investieren, dessen Hauptnutzer – Touristen – allenfalls als Quelle von Devisen erwünscht sind und bisher eine absolute Randerscheinung darstellen. Eine Nacht im Ryugyŏng mag ein Wunschtraum für die wenigen ausländischen Touristen sein, welche die nordkoreanische Hauptstadt besuchen – unverfälscht bliebe der Symbolcharakter des Hotels nur, wenn seine Rezeption ewig unbesetzt bliebe.

Literatur

Berg, Nate,North Korea’s Best Building Is Empty: The Mystery Of The Ryugyong Hotel, in: The Daily Beast. Februar 2016.

Frank, Rüdiger, Nordkorea. Innenansichten eines totalen Staates, München 2014.

Hagberg, Eva, The Worst Building in the History of Mankind, in: Esquire, Januar 2008.

Pjönjang, Ryugyŏng-Hotel (Bild: Alkhimov Maxim, CC BY SA 3.0, 2011)

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