FACHBEITRAG: Die Warenhäuser der DDR

von Tobias M. Wolf (22/1)

Die Filialisierung des Handels seit dem 20. Jahrhundert prägt das Bild der Innenstädte bis heute. Während sich jedoch der Wiedererkennungswert heute auf Werbung, Schaufenster, Geschäftseinrichtung und Internetauftritte fokussiert, wirkten in früheren Jahrzehnten auch die Fassadengestaltungen der Geschäftshäuser im Sinne einer Corporate Identity (CI). Dies trifft besonders auf das Gebiet der Kauf- und Warenhäuser der Nachkriegsmoderne zu, deren Verkaufs- und Lagerflächen möglichst flexibel und ohne störendes Tageslicht nutzbar sein sollten. Diese Festlegung auf künstliche Belichtung und Belüftung führte zu grundlegenden Problemen: der Gestaltung der Fassaden und der Einfügung der Warenhauskisten in den städtebaulichen Kontext. Anstelle von klassischen Lochfassaden, wie sie noch in der frühen Nachkriegszeit dominierten, trat durch die Architekten Harald Loebermann und Helmut Rhode 1958 die Netzfassade aus Kunststein, hinter der alle den funktionalen Anforderungen entsprechenden Öffnungen der Obergeschosse verschwinden konnten. Der Fassadenentwurf des Duisburger Merkur-Warenhauses von Helmut Rhode, einem der Protagonisten des westdeutschen Warenhausbaus der Nachkriegsjahre, lieferte das Vorbild für die Entwicklung einer neuen Architekturform. 1961 schuf Egon Eiermann mit den Horten-Häusern in Stuttgart und Heidelberg vergleichbare Lösungen aus Aluminium. Schließlich avancierte ab Mitte der 1960er Jahre die von Helmut Hentrich und Hubert Petschnigg 1962 für das Warenhaus in Neuss entworfene Form unter dem Begriff Horten-Fassade zum Signet des Konzerns, wobei für die Ausführung sowohl keramische Werkstoffe als auch Leichtmetall verwendet wurden.

Schwedt, Centrum-Kaufhaus (Bild: Tobias M. Wolf)

Entwicklung in der DDR

Das Bauwesen der DDR wurde von politischen Vorgaben der Staatspartei SED und damit dem Nachvollziehen der Entscheidungen des sozialistischen Bruderstaates Sowjetunion geprägt. Ein modernes Bauen war erst nach Stalins Tod wieder möglich. Verbunden mit der Neuorganisation der Planwirtschaft kam es zu Beginn der 1960er Jahre zu Rationalisierungsüberlegungen auf allen Gebieten. Diese umfassten auch die Typenprojektierung im Bauwesen. Bei beiläufiger Betrachtung würde man vermuten, dass neben den Wohnblocks in Plattenbauweise und den Schultypenbauten für alle Bauaufgaben Typenprojekte realisiert worden seien.

Die staatlichen und genossenschaftlichen Warenhäuser, also Verkaufseinrichtungen für Industriewaren mit einer Verkaufsfläche von mehr als 10.000 Quadratmetern Verkaufsfläche wurden auf Beschluss des Politbüros der SED und des Ministerrates der DDR zum Jahresbeginn 1965 zu zwei zentralen sozialistischen Handelsbetrieben zusammengefasst: der staatlichen Vereinigung der volkseigenen Warenhäuser “CENTRUM” mit Sitz in Leipzig und dem Zentralen Unternehmen “konsument” in Karl-Marx-Stadt. Grundlage für die Neustrukturierung bildete der Vergleich mit anderen Staaten, unter anderem der Bundesrepublik. Parallel wurde der VEB Leipzigprojekt mit der Typenprojektierung für Warenhausneubauten unterschiedlicher Größen beauftragt und im Rahmen eines Warenhausbauprogramms der Neubau für die Bezirks- und Industriestädte des Landes angestoßen.

Hoyerswerda, Centrum-Kaufhaus (Bild: Tobias M. Wolf, 2005)

Erste Experimente

Die Warenhäuser in Cottbus und Hoyerswerda basieren auf dem ersten Typenprojekt. Ein weiterer, größerer Typenbau wurde in Schwedt errichtet. Parallel wurde das Kaufhaus am Brühl in Leipzig durchgreifend modernisiert. Diese ersten Bauten stellten Experimente dar, mit denen die Entwicklung eines typisierten Warenhauses auf Grundlage bestehender Bausysteme vorangetrieben werden sollte. Die damals bereits bestehenden Typisierungstendenzen im Rahmen des industrialisierten Bauwesens konnten für den Warenhaussektor vor dem Hintergrund der bezirksgeleiteten Stadtplanungen allerdings nicht wirksam werden. Einerseits unterschieden sich die jeweiligen Vorgaben der Stadtarchitekt:innen für die einzelnen Städte stark, sodass ein einheitlicher Baukörper nicht realisierbar war. Andererseits wurde das Bauwesen im Rahmen der Dezentralisierung in bezirksgeleitete Baukombinate umgegliedert.

In allen Bereichen des Bauens entstanden so unterschiedliche Lösungen, beispielsweise bei Garagen und der Wohnungsbauserie WBS 70. Erst um 1970 erfolgte im Konsumbereich die Festlegung auf einen Prototyp für große Warenhäuser mit 10.000 Quadratmetern Verkaufsfläche, dem für die Prager Straße in Dresden durch einen ungarischen Projektierungsbetrieb entworfenen Centrum-Warenhaus. Es wurde jedoch aufgrund seiner verzögerten Ausführung und der geänderten Wirtschaftspolitik unter dem Ulbricht-Nachfolger Erich Honecker kein zweites Mal gebaut. Die ausgeführten Häuser wurden unter Verwendung unterschiedlicher Bausysteme umgesetzt – in Ortbeton, Stahlkonstruktionen oder vorgefertigten Betonelementen.

Berlin, Centrum-Warenhaus (Foto: Müller, Bild: Bundesarchiv, Bild 183-M0921-0310, CC BY SA 3.0, 1973)

Warenhaus und Corporate Identity

Trotz des Fehlens einer Typisierung ist für die 1960er/70er Jahre in der DDR die Hinwendung zur Warenhauskiste erkennbar – dem weitgehend fensterlosen Kubus mit ausgedehntem Rechteckgrundriss und großen Spannweiten: charakteristisch, ganz gleich, ob ein staatlicher Projektierungsbetrieb oder ein externer ausländischer Planer für die Planung verantwortlich war. Der Funktionalität des Warenhauses stand wie im Westen die Notwendigkeit einer adäquaten Gestaltung des Äußeren gegenüber. Daher fand stets eine Abstimmung mit den Stadtarchitekt:innen statt, um den Bauten die zugedachte Rolle innerhalb der sozialistischen Stadtzentren zuweisen zu können. Warenhäuser zählten zu den ‘Gesellschaftsbauten’ und waren nicht nur für die Versorgung von großer Bedeutung: Sie rangierten im Schnittpunkt von Handelsfunktion, industrieller Fertigung, Stadtplanung und Bauwesen als idealtypische Verkörperung der Staatswirtschaft der DDR. Vielfach bildete ihre Errichtung den Auftakt zur sozialistischen Umgestaltung der Stadtzentren. Dabei nahmen sie markante Stellen ein, an zentralen Plätzen oder Gelenk- und Akzentpunkten wichtiger städtebaulicher Achsen. Dementsprechend wirkte die Verteilung der Bauten im Stadtensemble auch monumentaler, wozu ihr Erscheinungsbild wesentlich beitrug.

Jede Fassade wurde individuell für das Haus und seine städtebauliche Situation entworfen, häufig durch Künstler:innen. Unter Einhaltung von Kostenrahmen sollten so wartungsarme, langlebige Gebäudehüllen geschaffen werden. Die Warenhäuser der 1960er Jahre zeigen dabei zwei unterschiedliche Grundformen: den netzartig durchbrochenen Vorhang aus Aluminium oder eine geschlossene Vorhangfassade aus Leichtmetall oder Beton. Alle ausgeführten Fassaden folgten der Idee im Sinne der Betonung der kubischen Baukörper, sollten plastische, einheitlich wirkende und zusammenfassende Gestaltungen erreichen. Dies wurde in Suhl, am Alexanderplatz in Berlin und in Magdeburg durch vorgehängte Netze aus Leichtmetall realisiert. Bei den übrigen Bauten in Hoyerswerda, Schwedt, beim Umbau am Brühl in Leipzig und in Dresden kamen geschlossene Vorhangfassaden aus Beton oder wie in Cottbus Aluminium zur Ausführung.

Im Verwaltungsgeschoss wurden Fensterbänder angeordnet. Lediglich in Dresden wurde die einheitliche Hülle über alle Obergeschosse gezogen. Nur für die ersten Bauten nach 1965 sind die Namen der Entwerfenden überliefert – für Leipzig, Cottbus und Hoyerswerda war Harry Müller aus Leipzig beauftragt, für Suhl Fritz Kühn und für Schwedt dessen Sohn Achim Kühn. Die Auftragsvergabe für die Fassadengestaltungen erfolgte durch direkte Kontaktaufnahme des Projektierungsbetriebs zu den Gestalter:innen. Für die Künstler:innen bot die Aufgabe die Möglichkeit zur Realisierung abstrakter Kunst, die nicht der Kunstdoktrin der SED entsprach. Ohne Einbindung in den Bauentwurf erhielten diese Pläne und Ansichten der Warenhäuser, wobei die zu gestaltenden Flächen freigelassen waren. Die Gestaltung blieb den Künstler:innen überlassen, wobei offenkundig im Sinne der funktionalistischen Architektur eine modern-serielle Gestaltung gewünscht war. Bei den übrigen Warenhausneubauten stammten die Fassaden aus der Feder der Architekt:innenkollektive.

Dresden, Centrum-Galerie (Bild: Tobias M. Wolf)

Heutige Situation

Aufgabe der Warenhäuser im sozialistischen Staat war die Versorgung der Bevölkerung mit Industriewaren, was aufgrund der Mangelwirtschaft nicht im gewünschten Maße möglich war. Die Häuser wurden dennoch zu Identifikationspunkten im industriellen Bauwesen und hoben sich durch die einzigartigen Aluminiumhüllen von ihrer Umgebung ab. Das gilt auch für ihre ‘Kistenform’ und die Vorhangfassaden. Obwohl keine direkte CI im heutigen Sinne bestand, waren die Warenhäuser semantisch für die Öffentlichkeit als solche erkennbar.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurden die Innenstädte der östlichen Bundesländer in den 1990er und 2000er Jahren nach den damals gängigen städtebaulichen Vorstellungen der ‘europäischen Stadt’ neugestaltet. Die zusammenhängenden Ensembles der DDR-Zeit wurden weitgehend ignoriert oder konterkariert. Auch die Warenhäuser, die als Gesellschaftsbauten zu den prägenden Gebäuden zählten, entsprachen nicht mehr dem Zeitgeist und wurden vielfach stark verändert oder abgerissen. Und wie die Städte durch den aktuellen Umbruch des Kaufverhaltens mit Online-Shops und Pandemie kommen werden, ist noch nicht absehbar. Bis heute erhalten sind die Häuser in Cottbus, Hoyerswerda, Magdeburg und Schwedt, die unter Denkmalschutz stehen. In Leipzig erinnert die wiederverwendete, denkmalgeschützte Fassade ans 2010 abgerissene konsument-Warenhaus. In Dresden wurden reproduzierte Fassadenelemente an einem sonst völlig abweichenden Neubau angebracht.

Literatur

Irrgang, Thomas, Deutsche Warenhausbauten. Entwicklung und heutiger Stand ihrer Betriebs-, Bau- und Erscheinungsformen, Berlin 1980 (zugl. Diss., Technische Universität Berlin, 1980).

Erbstößer, Peter, Warenhaus und Stadtstruktur. Geschichte, funktionelle Anforderungen und umgebende Stadtstruktur dargestellt an den innerstädtischen Häusern der vier großen deutschen Warenhausgesellschaften, Hannover 1979 (zugl. Diss., Universität. Hannover, 1979).

Schramm, Christian, Deutsche Warenhausbauten. Ursprung, Typologie und Entwicklungstendenzen, Aachen 1995 (zugl. Diss., Technische Hochschule Aachen, 1991).

Wolf, Tobias M., Das sozialistische Warenhaus als Bautypus? Entwicklungsgeschichte der DDR-Warenhäuser 1949-1989, Dresden 2010 (zugl. Diss., Technische Universität Dresden, 2010).

Wolf, Tobias M., Bedrohtes Erbe. Zum Umgang mit der DDR-Warenhausarchitektur der Nachkriegsmoderne, in: Escherich, Mark (Hg.), Denkmal Ost-Moderne. Aneignung und Erhaltung des baulichen Erbes der Nachkriegsmoderne (Stadtentwicklung und Denkmalpflege 16), Berlin 2012, S. 212–225.

Titelmotiv: Suhl, Centrum-Warenhaus (Foto: Dieter Demme, Bild: Bundesarchiv, Bild 183-H0913-0023-001, CC BY SA 3.0, 1969)

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Inhalt

LEITARTIKEL: Der Hang zum Gesamtkunstwerk

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Till Schauen über die Kunst der Selbstdarstellung.

FACHBEITRAG: Was läuft bei VW?

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Daniel Bartetzko über die Selbstdarstellung eines Weltkonzerns.

FACHBEITRAG: "Wertkauf hilft sparen!"

FACHBEITRAG: “Wertkauf hilft sparen!”

Peter Liptau über eine Discounter-Idee der 1960er Jahre.

FACHBEITRAG: Die Warenhäuser der DDR

FACHBEITRAG: Die Warenhäuser der DDR

Tobias M. Wolf über eine ostmoderne Bautypologie als CI.

PORTRÄT: System Kirche

PORTRÄT: System Kirche

Karin Berkemann über ein Betonzelt in Serie.

INTERVIEW: "Wir würden selbst einziehen!"

INTERVIEW: “Wir würden selbst einziehen!”

Das Quelle-Fertighaus im Freilichtmuseum am Kiekeberg – Zofia Durda, Theda Pahl und Stefan Zimmermann im Gespräch.

FOTOSTRECKE: Im siebten Kartoffelhimmel …

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Ein Bilder-Rundgang durch die gelb-rote Welt von Maggi.

Der Best-of-90s-Beitrag

WDR-Landesstudio in Düsseldorf: Karin Berkemann über ein Gebäude wie ein Volksempfänger.

Düsseldorf, WDR-Funkhaus (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, 2014)

Lust auf Wabe

Mit “Lust for life” bringen die Meisten wohl den bekannten Song des Proto-Punks Iggy Pop in Verbindung. Doch unter diesem Namen hat die ins Schlingern geratene Galeria-Kaufhof-Gruppe 1998 eine Tochtermarke für ein jugendliches Publikum gegründet. In Aachen und Hamburg wurden Kaufhof-Häuser umgewidmet, um “Trendiges flippig” (O-Ton) anzubieten. In Hamburg war nach zwei Jahren wieder Schluss, Aachen hielt 19 Jahre durch, ehe das “Lust for Life” 2017 sein Domizil räumen musste und in die Kaufhof-Filliale in der Adalbertstraße integriert wurde. Das bisherige Gebäude in der Komphausbadstraße hatte man bereits 2014 verkauft. Besitzer ist seiher der Investor Landmarken AG, der von Anfang an einen Umbau für neue Nutzer plante. Diese zu finden, war nicht so einfach, die Textilkette Sinn hatte zwischenzeitich eine Absage erteilt, ebenso jüngst ein ungenannter Ankermieter, der mehrere Etagen beziehen wollte. Dennoch ergreift die Landmarken AG nun nach Zwischennutzungen die Initiative und startet mit dem Umbau des über 60 Jahre alten Bestandsgebäudes.

Hierbei wird eine der frühen, selten gewordenen Horten-Wabenfassaden im Schutt landen. Und zwar nicht die typische, auf Egon Eiermann zurückgehende “Kachel” , sondern die 1958 etablierte Urform von Harald Loebermann und Helmut Rhode, die erstmals in Duisburg am Merkur/Horten-Kaufhaus zum Einsatz kam (die Horten-Häuser wurden 1994 von Kaufhof übernommen, so kam es zum doppelten Standort in Aachen). Nach einer Sanierung 1998 blieb das Gebäude von 1957 noch weitgehend erkennbar, dieses Mal wird es sich ändern: Das beauftragte Büro kadawittfeldarchitektur plant eine loftartige Umgestaltung in Retro-Anmutung. Ein Detail, das weit älter als der Kaufhausbau ist, bleibt indes bestehen: Im Keller ist die denkmalgeschützte Rosenquelle verborgen. Sie war ab 1632 für das historische Stadtbad genutzt worden und versorgt heute die Carolus-Thermen mit 45 Grad warmen Wasser. Die Architekten des “Lust-for-Life”-Umbaus überlegen jetzt, wie man den Energieüberschuss der Quelle fürs hauseigene Klimasystem nutzen kann. (db, 18.5.21)

St. Horten

von Heinrich Otten (19/3)

Helmut Horten war Chef eines großen deutschen Warenhauskonzerns, jedoch kein Heiliger der katholischen Kirche. Von “St. Horten” spricht man dennoch, wenn es im westfälischen Ahaus um die katholische Stadtpfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt geht. Spitznamen können witzig, überraschend, humorvoll sein. Das gilt auch für die spaßige Analogie zwischen den bekannten Vorhang-Wabenfassaden der Kaufhauskette Horten AG (“Horten-Kacheln”) und den gerasterten Wänden des Kirchenschiffs von Ahaus, das 1965/66 nach Plänen des Architekten Erwin Schiffer entstand. Spitznamen sind aber erst wirklich treffend, wenn sie Grundkonflikte der Zeit knapp und präzise auf den Punkt bringen. Genau das gelingt mit St. Horten!

“Heutigwerdung”

Die Planungs- und Bauzeit des Schiffs war die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65), das der katholischen Kirche neue Impulse geben sollte. “Aggiornamento” lautete ein Stichwort, das heißt “Heutigwerdung” und Aktualisierung der traditionellen Glaubenswahrheiten. Das war sicher gut und sicher notwendig! Aber auch eine sichere Gelegenheit für Kirchenkreise, die den Geist von 1968 atmeten, ihre Anliegen aufzuschrauben: z. B. die Abschaffung des katholischen Milieus, der Volkskirche und des Traditionsbestands auf allen Feldern. An deren Stelle sollten ein (welt-)offenes Gemeindeverständnis und eine konsequente Säkularisierung treten – bei gleichzeitiger Institutionalisierung dank sprudelnder Kirchensteuereinnahmen. Kirche schaffte sich ab (als soziale Großfigur) und wuchs rasant (in Planstellen und Baustellen). Fortan gab es Streit in der katholischen Kirche.

Architektur war nur ein Nebenkriegsschauplatz dieses Streits, aber ein besonders öffentlicher. Mit Erwin Schiffers klarer, konsequenter, kubisch einfacher Neuplanung von St. Mariä Himmelfahrt ist die Idee des radikalen Bruchs mit der Vergangenheit auf den Punkt gebracht: Kirche soll nach dem Konzil – so eine verbreitete Meinung – vollkommen neu werden. Der Traditionsbruch lässt sich zwar nicht aus den Konzilstexten lesen, aber aus dem damaligen Zeitgeist. Und im Zeitgeist meinten manche auch den “Geist des Konzils” zu erkennen.

Eine Reihe von Umbrüchen

Am Beispiel Ahaus wird eine ganze Reihe von Umbrüchen sichtbar: St. Horten bricht erstens mit der überörtlichen Kirchenbau-Tradition. Im Münsterland und weit darüber hinaus bevorzugte man bis in jene Jahre eine traditionelle Sachlichkeit, und dies nicht nur im Kirchenbau. Zweitens bricht St. Horten mit der Örtlichkeit des Ahauser Marktplatzes, denn die umgebenden Häuser mit geneigten Dächern vermitteln das Bild einer gewachsenen Altstadt. St. Horten bricht drittens mit dem spätgotischen Vorgängerbau, dessen Turm verblieb. Die neugotische Kirche entstand nach Brandschaden ab 1865, jedoch unter Einbeziehung erheblicher spätgotischer Elemente der Zeit von 1498 bis 1519: vor allem in Chor und seitlicher Kapelle. Und viertens bricht St. Horten mit jeder Bildlichkeit, die im katholischen Bereich besonders gepflegt wurde. Die Rasterfassade (mit einer Glasgestaltung von Georg Meistermann) erlaubt kein Gemälde, keine Skulptur, keine ikonographische Aussage. Der Raum will zuallererst Hülle sein für die sonntägliche Liturgie mit der Zentralstelle des Blockaltars.

Diese vier Brüche lassen sich als Modernisierung beschreiben, als überfälliges Abwerfen von Ballast, als Befreiung. So wurde es getan und so wird es getan. Allein: Hier wurde auch mit Menschen gebrochen, sogar mit vielen Menschen, die zuvor die sachlichen Traditionsbauten verwirklichten und sich darin wohlfühlten. Solchen, die sich in ihrer Altstadt zu Hause wussten. Und solche, die auch die Bautradition der Stadtkirche nebst Turm aus dem 16. Jahrhundert wichtig fanden. Schließlich solche, die ein Bild der Muttergottes und andere Bilder im Kirchenraum suchten. Das waren viele Menschen, die sich oft nicht spektakulär äußerten, vielfach Menschen, die man etwas pauschal als Kirchenvolk bezeichnete.

Widerworte

Im Falle von Ahaus aber gab es Widerworte, die es in sich hatten. Der Volksmund prägte den Spitznamen St. Horten. Dieser Kaufhaus-Vergleich trifft – über die Idee der Säkularisierung hinaus – ins christliche Mark. Denn die Bibel berichtet, wie Jesus die Händler und Geldwechsler durch Jesus Christus aus dem Vorhof des Tempels vertreibt: “Macht meines Vaters Haus nicht zu einem Kaufhaus!” (Joh. 2, 16). Darauf baut auch ein Spottgedicht des Zeichners und Schriftstellers Robert Gernhardt: “Die Kirche St. Horten in Ahaus / wird noch in tausend Jahren / Entgeisterten davon künden / wie willfährig wir waren.” Willfährigkeit bedeutet hier gedankenlose Bereitwilligkeit, bedeutet Dienstfertigkeit und Gefügigkeit. So wundert sich Gernhardt: “Traurig, was die sich trauen / Komisch, was die da machen”, um im letzten Absatz die fatale Diagnose zu stellen: “Von wegen Qual der Wahl / die Dummheit war total.” Gemeint ist die Dummheit, das Eigene zu beseitigen zugunsten einer ungewissen und idealisierten Zukunft, die von anderen entworfen wurde.

Nicht willfährig war 1963/64 die staatliche Denkmalpflege. Sie äußerte erheblichen Widerstand gegen den Plan von Stadt, Kreis, Bistum und Pfarrgemeinde, das spät- und neugotische Kirchenschiff niederzulegen. Allerdings ohne Erfolg. Ironie der Geschichte: Der Neubau erlangt heute selbst denkmalpflegerischen Zeugniswert, in architekturhistorischer und in künstlerischer Hinsicht, aber auch als Dokument der kirchenpolitischen Auseinandersetzungen der 1960er Jahre. Dabei blieb St. Horten nicht der einzige Spitzname, ein weiterer wäre genauso einen Essay wert: Gotteskäfig.

Titelmotiv: Ahaus, St. Mariä Himmelfahrt (Bild: Krapohl-Verlag, Schloss Hülchrath)

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Sommer 19: Nicknames

Echo vom Bürgersteig

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LEITARTIKEL: Stefan Rethfeld über Architektur-Spitznamen.

So ein Theater

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FACHBEITRAG: Alexander Kleinschrodt nennt Bauten nach anderen Bauten.

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Im Gotteskäfig

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FACHBEITRAG: Karin Berkemann über Sakralsynonyme.

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PORTRÄT: Heinrich Otten über eine “Kaufhaus-Kirche” in Ahaus.

"Abhängig von Bildern"

“Abhängig von Bildern”

INTERVIEW: Der Architekt Peter Busmann über Metaphern.

Nickname-Bilderrätsel

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FOTOSTRECKE: Welcher Bau passt zu welchem Spitznamen-Bild?