ICC

Von ICC und Bierpinseln

Das Werk von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte wird erstmals insgesamt gewürdigt - hoffentlich noch rechtzeitig! (Bild: Lukas-Verlag)
Das Werk von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte wird erstmals insgesamt gewürdigt – hoffentlich noch rechtzeitig! (Bild: Lukas Verlag)

Die Bauten von Ralf Schüler (1930-2011) und seiner Frau Ursulina Schüler-Witte (*1933) gehörten zur Vorzeige-Architektur des Westberlins der frühen 1980er Jahre. Heute steht es um einige dieser Projekte nicht gut: Um das seit einem Jahr geschlossene  ICC (1979) wird eine bislang ergebnislose Denkmal-Debatte geführt. Der „Bierpinsel“ (Volksmund)  in Steglitz, Teil des U-Bahnhofs Schlossstraße, steht mit einer kurzen Unterbrechung gar seit 2002 leer; seit Jahren liegt das Turmrestaurant von 1976 wegen eines Wasserschadens brach. Das Ehepaar Schüler-Witte hat jedoch nicht nur diese spektakulären Bauten entworfen – insgesamt haben sie über 100 Projekte geplant, die zum großen Teil auch realisiert wurden.

Ursulina Schüler-Witte berichtet nun über 56 Jahre gemeinsames Leben und Arbeiten: in einer „werkorientierten Biografie“, die noch zu Lebzeiten Ralf Schülers begonnen und nun von ihr vollendet wurde. In diesem Buch wird eine Auswahl von etwa vierzig gebauter wie ungebauter Projekte vorgestellt. Die Autorin beschreibt als Zeitzeugin aus ihrer persönlichen Sicht deren Planungs- und Entstehungsgeschichte mitsamt der sie begleitenden, teilweise dramatischen oder auch merkwürdigen Ereignisse und Probleme. Die sich angesichts des ungewissen Schicksals von ICC und Bierpinsel scheinbar bis heute fortsetzen. (db, 3.10.15)

Schüler-Witte, Ursulina, Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Eine werkorientierte Biographie der Architekten des ICC, Lukas-Verlag, Berlin 2015, Festeinband, 250 Seiten, 150 Abbildungen, ISBN 978-3-86732-212-6, (Erscheinungsdatum 1. November 2015).

Internationale Anerkennung fürs ICC

Das Berliner ICC schließt seine Pforten (Bild: Avantique)
Fachleute fordern erneut: Denkmalschutz für das Internationale Congress Centrum (ICC) in Berlin (Bild: Avantique)

Heute, am Tag des offenen Denkmals, veröffentlichte der Internationale Denkmalrat (dessen für das Erbe des 20. Jahrhunderts zuständige Expertengremium ISC20C) eine Forderung nach Denkmaleintragung für das ICC. Die Präsidentin von ISC20C appelliert in ihrem Briefe an Michael Müller, Ralf Wieland (Präsident des Abgeordnetenhauses) und Peter Zühlsdorff (Aufsichtsratsvorsitzender der Messe Berlin), das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen. Das ICC, dessen Anfänge bis in die 1960er Jahre zurückreichen, wurde – nach Plänen der Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte errichtet – 1979 eingeweiht.

Aktuell befindet sich die Anlage im funktionalen Umbruch. Dabei verdient das monumentale Gesamtkunstwerk, wie es Kerstin Wittmann-Englert in ihrem Leitartikel zum moderneREGIONAL-Sommerheft 2014 ausdrückte, besondere Fürsorge: „Der Ruf nach Denkmaleintragung, getragen von Institutionen wie der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger, der Architektenkammer Berlin und dem Landesdenkmalrat Berlin, wird immer lauter. Ihm sollte man folgen, denn das ICC ist […] als Unikat ein über alle Maßen gelungenes Zusammenspiel von zeitgemäßer Konstruktion und Materialität, gestalterischer Qualität, baukünstlerischem Ausdruck und erwiesener Funktionalität.“ Bereits die ICOMOS Generalversammlung in Florenz hatte sich im November 2014 für das ICC stark gemacht, wie der ICOMOS-Präsidenten Gustavo Araoz in seinem Schreiben an den Regierenden Bürgermeister von Berlin unterstrich. (kb, 13.9.15)

Berlin: ICC soll saniert werden

Das Berliner ICC schließt seine Pforten (Bild: Avantique)
Jetzt sollen die Diskussionen um das Berliner ICC endlich ein Ende haben (Bild: Avantique)

Das fällt jetzt mal wirklich unter gute Nachrichten: Das Internationale Congress Centrum in Berlin soll bleiben, saniert werden und dann wieder ausschließlich für Kongresse dienen. So meldet es zumindest die Berliner Zeitung unter Berufung u. a. auf den Regierenden Oberbürgermeister Michael Müller. Das ICC, dessen Anfänge bis in die 1960er Jahre zurückreichen, wurde – nach Plänen der Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte errichtet – 1979 feierlich eingeweiht.

In den letzten Monaten befand sich die Anlage im funktionalen Umbruch. Es folgte Aufruf über Aufruf für den Wert und die Erhaltung des futuristischen Kongresszentrums. Verschiedene Überlegungen, privates Geld und kommerzielle Nutzer hineinzunehmen, etwa eine überdimensionierte Shoppingmall, scheiterten. Jetzt soll es, glaubt man den Quellen der Berliner Zeitung, doch saniert und – wie von den Fachleuten beharrlich eingefordert – unter Denkmalschutz gestellt werden. Spannend dürfte es werden, wenn sich die Politik dann wirklich auf konkrete Zahlen einigen muss: Sanierungskosten (Wo soll das Geld für die Sanierung „abgezogen“ werden?) und Einweihungsjahr. Lohnen wird es sich allemal! (kb, 18.5.15)

Petitionen fürs ICC Berlin

Das Berliner ICC schließt seine Pforten (Bild: Avantique)
Gleich mehrere Petitionen – von ICOMOS bis zur Online-Initiative – setzen sich für das Internationale Congress Centrum (ICC) in Berlin ein (Bild: Avantique)

„In Berlin aufgewachsen, war mir von klein auf bewusst, dieses gigantische Bauwerk ist etwas Besonderes.“ Mit diesen Worten wendet sich Michael Stekowski mit einer Online-Petition an die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Er fordert darin nicht weniger als „Denkmalschutz für das ICC Berlin“.

Das ICC, dessen Anfänge bis in die 1960er Jahre zurückreichen, wurde – nach Plänen der Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte errichtet – 1979 feierlich eingeweiht. Aktuell befindet sich die Anlage im funktionalen Umbruch. Für die Online-Petition verdient das das monumentale Gesamtkunstwerk ähnlich wie seine großen Geschwister – das Klinikum Aachen und das Centre Pompidou in Paris – daher besondere Fürsorge. Oder, wie es Kerstin Wittmann-Englert in ihrem Leitartikel zum moderneREGIONAL-Sommerheft 2014 über das ICC ausdrückte: „Der Ruf nach Denkmaleintragung, getragen von Institutionen wie der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger, der Architektenkammer Berlin und dem Landesdenkmalrat Berlin, wird immer lauter. Ihm sollte man folgen, denn das ICC ist […] als Unikat ein über alle Maßen gelungenes Zusammenspiel von zeitgemäßer Konstruktion und Materialität, gestalterischer Qualität, baukünstlerischem Ausdruck und erwiesener Funktionalität.“ Bereits die ICOMOS Generalversammlung in Florenz hatte sich im November 2014 für das ICC stark gemacht, wie der ICOMOS-Präsidenten Gustavo Araoz in seinem Schreiben an den Regierenden Bürgermeister von Berlin unterstrich. Wenn sich die Fachwelt schon einmal so einig ist … (kb, 23.3.15)

Das neue Heft ist da

Die Pfeilerhalle am Kulturhaus Zinnowitz mischt Formen der NS- und Barockarchitektur (Bild: D. Bartetzko)
Das Kulturhaus Zinnowitz konnte 1.700 Menschen fassen (Bild: D. Bartetzko)

“Mentale Aufbauprojekte” nennt sie die Architekturkritikerin Karin Wilhelm in ihrem Beitrag über das Berliner Bikini-Haus. Im Sommerheft von moderneREGIONAL (Redaktion: Daniel Bartetzko/Julius Reinsberg) geht es um große Bauten mit kleinen Chancen. Mal standen sie für politische Utopien, mal verkörperten sie die hoffnungsvolle Wirtschaftswunderzeit. Mit viel Optimismus packte man Kultur und Kommerz, Verwaltung und Wohnen in ein einziges Gebäude. Heute fordert uns diese schiere Größe heraus: (zu) viel Raum und (zu) viele Nutzungen unter einem Dach.

In ihrem Leitartikel fragt Kerstin Wittmann-Englert – am Beispiel des ICC – nach der Zukunft dieser Großbauten. Karin Wilhelm lässt die Aufbruchsstimmung der Nachkriegsjahre  wieder aufleben. Wie rasch die modernen Kolosse aufeinander folgten, umreißt Olaf Gisbertz anhand des Kröpcke-Centers Hannover. Die ungebaute sozialistische Utopie zeichnet Julius Reinsberg nach. Peter Cachola Schmal begeistert sich im Interview für das charmant überdimensionierte Gothaer-Haus in Offenbach. Und Karin Berkemann gräbt sich durch die moderne Baugeschichte des monumentalen Kulturhauses Zinnowitz. (kb, 18.8.14)

Die Berliner Passerelle in den "Tributen von Panem" (Bild: youtube-Still, The Hunger Games)

Die Farbe der Angst ist Orange

Der Moment, als die Unterführung dicht hinter den Flüchtenden explodiert, ist nur filmische Fiktion. Noch, denn die Passerelle am Berliner Messedamm soll bald geschlossen werden. Eine Machbarkeitsstudie für den Knotenpunkt Messedamm/Masurenallee/Neue Kantstraße wurde just von der Verkehrsverwaltung ausgeschrieben. Von deren Ergebnis will man die Zukunft des Fußgängertunnels abhängig machen. Zwar sei die 1975 fertiggestellte Anlage gut in Schuss, aber ihr Konzept überholt und der Unterhalt unbezahlbar. Für Cineasten aber hat die orange gekachelte Passerelle, spätestens mit ihrem explosiven Auftritt in „Die Tribute von Panem“, längst Kultcharakter erlangt. Was also tun mit dem „Tunnel des Grauens“ (Tagesspiegel)?

 

Adieu Autogerechte Stadt?

Viel unterirdische Moderne verschwindet in den letzten Jahren, nicht nur in Berlin. Hier waren es z. B. der Straßentunnel vor dem Bikinihaus oder die Unterführung unter dem Alex. Dabei wurden sie einst mit großem Fachwissen erdacht, um die wachsenden Verkehrsströme zu entflechten. Mitte der 1970er Jahre forderte der ICC-Standort zwischen Messedamm und S-Bahngelände die Planer heraus. Da beim entstehenden Internationalen Congress Centrum (ICC) mit zahlreichen „verkehrserzeugenden Veranstaltungen“ zu rechnen war, wollte man es an die S-Bahn anschließen, die nahen Straßenkreuzungen funktional verbessern und ein „EDV-gesteuertes Wegweisungssystem“ einsetzen. Am Ende der überlegten Planungen stand ein vernetztes System aus ober- und unterirdischen Verkehrswegen. Busse sollten oberirdisch zum ICC oder zum nahen Omnibusbahnhof gelangen, Privatwagen ihr Ziel eine Ebene tiefer erreichen. Und für die Fußgänger war ein eigenes Zwischengeschoss vorgesehen.

Ab 1973 wurden die bisherigen Fußgängertunnel unter der Masurenallee und dem Messedamm sowie zwei Spannbetonbrücken zum damaligen Messekreisel abgebrochen, um Platz zu schaffen für neue Versorgungsleitungen und das Parkhaus Süd. 1974 errichtete man eine Stützwand, 1974/75 den Autotunnel zum ICC in Form eines „Hockeyschlägers“, von 1974 bis 1976 die Ausfahrt vom Parkhaus Süd, von 1975 bis 1977 Ausfahrbauwerke aus dem ICC und zuletzt das Treppenhaus zur Bushaltestelle. Am aufwändigsten gestalteten sich 1974/75 die Arbeiten für die Passerelle, das Fußgängerzwischengeschoss unter Messedamm, Masurenallee und Neuer Kantstraße. Damit sah man sich bestens vorbereitet für die Eröffnung des ICC im Jahr 1979.

 

So war es gedacht

Am Ende stand eine Unterführung mit sechs Zugängen, diversen (Roll-)Treppen und Aufzügen sowie einer „Bedürfnisanstalt“. Darüber verliefen die Auto-Verkehrsstraßen Messedamm/Masurenallee/Neue Kantstraße, darunter die Röhre für die U 3. Die Passerelle erhielt einen direkten Zugang zum ICC, Rundstützen, runde braune Deckenleuchten und durchgängig orangefarbene Kacheln. Die anspruchsvolle Stahlbetonkonstruktion musste nach den damals geltenden U-Bahnbaurichtlinien abgedichtet werden. Man ging bis in 16 Meter Tiefe, rechnete wegen des darüber verlaufenden Schwerlastverkehrs mit Belastungen von bis zu 150 Tonnen. Gestalterisch bewegt sich das Fußgängerzwischengeschoss an der Grenze zwischen den ICC-Architekten Ralf Schüler/Ursulina Schüler-Witte und der städtischen Bauverwaltung unter der Leitung von Rainer G. Rümmler. Die Baumaßnahme wurde durchgeführt mit der Bietergemeinschaft Berger-Bauboag/Baresel/Huta-Hegerfeld und kostete insgesamt 16,7 Millionen DM. Grundsätzlich war die Anlage offen für spätere Läden und Kioske, sollte auch bei einem Ausbau der U-Bahn funktionieren – beide Optionen wurden bis heute nicht wahrgenommen.

 

Warum eigentlich nicht?

Nun scheint der einstige Stolz der Verkehrsplaner nicht mehr zeitgemäß. Die Argumente sind die bekannten: Barrierefreiheit, Brandschutz und Fußgängersicherheit. Die Passerelle beruhe „auf den überkommenen Planungsphilosophien der autogerechten Stadt“, werde regelmäßig von Urin und Graffitis verschmutzt und verschlinge jährlich 340.000 Euro Unterhaltskosten. Behalten will man den vorbereiteten, aktuell als musealer Lagerraum genutzten U-Tunnel für eine mögliche Verlängerung von „Uhlandstraße“ bis zum Theodor-Heuss-Platz. Die Passerelle könnte umgebaut, „rückgebaut“ oder „verkehrssicher“ geschlossen werden. Eine letzte Option wird kaum diskutiert – die Weiternutzung zu anderen Zwecken. Der Charlottenburger Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) brachte eine Öffnung für die „Jugendkultur“ ins Spiel: für Dinge wie Skat, Tischtennis oder Skaten (gegen größere Veranstaltungen spreche der Brandschutz). Und welcher in der Jugendarbeit Aktive hätte sich nicht schon einmal einen nachbarschaftsfreien, vollständig abwaschbaren Raum gewünscht? Hier wäre er, noch dazu in wundervollstem Orange! (kb, 16.2.18)

Titelmotiv: Die Berliner Passerelle in den „Tributen von Panem“ (Bild: youtube-Still, The Hunger Games)

 

 

Literaturauswahl

Dollezal, E./Herrmann, H.-R., Verkehrs- und Tiefbaumaßnahmen zur Erschließung des Internationalen Congress Centrum Berlin (ICC), in: Berliner Bauwirtschaft 28, 177, 18, S. 441-447.

Kurpjuweit, Klaus, Schicht am Ende des Tunnels, in: Der Tagesspiegel 18. Januar 2018.

Kurpjuweit, Klaus, Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf. Unterführung am Messegelände wird geschlossen, in: Der Tagesspiegel 18. Januar 2018. 

Machbarkeitsuntersuchung zur Schließung der Passerelle im Knoten Messedamm/ Masurenallee – Neue Kantstraße einschließlich Umgestaltung des Knotenpunktes, hg. von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Berlin, 15. Januar 2018 (Leistungsbeschreibung mit Anlagen).

Ursulina Schüler-Witte beim Zeichnen im Büro von Bernhard Hermkes. Foto 1963 (Foto: 1963, Bildquelle: Schüler-Witte, Ursulina, Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Eine werkorientierte Biographie der Architekten des ICC, Berlin 2015, S. 29)

Pop-tech-ture!

Der Berliner Architektin Ursulina Schüler-Witte zum 85. Geburtstag

von Ralf Liptau und Frank Schmitz

Wann sind Sie das letzte Mal mit dem Auto oder der Bahn am Internationalen Congress Centrum (ICC) in Berlin vorbeigefahren? Oder, ebenfalls über eine Stadtautobahn, am Turmrestaurant im Süden Berlins, dem „Bierpinsel“? Wenn Sie dorthin die U-Bahn nehmen, können Sie auch direkt ins Gebäude fahren und steigen sozusagen im Untergeschoss, im U-Bahnhof Schloßstraße, aus. Wer sich in Berlin durch die Stadt bewegt, dem stechen immer wieder die ikonischen Bauten des Architektenpaars Ursulina Witte (später Schüler-Witte) und Ralf Schüler ins Auge. Das West-Berlin der 70er ist Pop! Und daran hatten die beiden erheblichen Anteil: Die Bedeutung von ICC, Bierpinsel und Co für ein „hippes“ Berlin fand zuletzt Eingang in den aktuellen Berlin-Tatort vom vergangenen Dezember, in dem alle drei Bauten prominent auftauchen.

 

15 Studenten, davon zwei Mädchen

Aber erstmal musste Ursulina Witte – 1933 in Berlin geboren – in den 1950er Jahren Architektin werden: Sie studierte an der Technischen Universität Berlin bei Bernhard Hermkes. „Wir waren“, so schreibt sie rückblickend, „in unserem Semester nur fünfzehn Studenten, davon zwei Mädchen. Da ich eigentlich sehr schüchtern war, gab ich mich, um dies zu überspielen, im Seminar immer recht burschikos. Ich ‚kloppte‘ mit meinen Kommilitonen Skat […] und gab mir alle Mühe, als ‚trinkfest‘ zu gelten.“ Als Frau in den Nachkriegsjahren an einer Technischen Hochschule zu studieren – Architektur zu studieren –, das war nicht einfach. Und es war vor allem nichts Selbstverständliches. Trotzdem ging es nach Wittes Diplomprüfung im Jahr 1960 bald los: Sie wurde Mitarbeiterin im Architekturbüro von Hermkes – genau wie ihr späterer Mann Ralf Schüler. Gemeinsam erarbeiteten sich die beiden den ersten eigenen Auftrag für den Entwurf des U-Bahnhofs Schloßstraße und die darüber liegende, mehrspurige Straßenbrücke. Sie erweiterten das komplexe, aus ober- und unterirdischen Teilen bestehende Bauwerk durch einen stadtbildprägenden, knallroten Turmbau mit Restaurant in den oberen Stockwerken („Bierpinsel“), der heute als Wahrzeichen von Steglitz gilt.

 

Ein Stadtbauwerk

Mit dem neuartigen Erscheinungsbild von Bierpinsel und U-Bahnhof verabschiedeten sich die Architekt_innen früh vom (nachkriegs-)modernen Ideal rationalistischer Planungen mit ihren strengen Rasterfassaden. Unter internationalen Einflüssen etwa durch die aufkommende „High-Tech-Architektur“ haben sie ein für die Zeit neuartiges Verständnis von architektonischer Gestaltung aufgegriffen und innovativ mit einem als „Pop-Architektur“ bezeichneten Ansatz verknüpft: Sie zeigten sich offen für die Möglichkeiten neuartiger Baustoffe, etwa als sie für den U-Bahnhof Schloßstraße plastische Schriftelemente aus knallblauem Kunststoff entwarfen und der Station damit ihren unverwechselbaren, spielzeughaften Charakter verliehen. Ziel ihrer Gestaltung war es, die separaten Funktionen von U-Bahnstation, Läden, Brücke und Turm in ein „polyfunktionales, vielen öffentlichen Bedürfnissen dienendes Stadtbauwerk“ umzuwandeln. Tatsächlich ist es Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler gelungen, mit dem 1976 eröffneten Ensemble eine mit der vorhandenen Stadt verflochtene Struktur zu schaffen. Hier vermischen und kreuzen sich eine Vielzahl unterschiedlicher, gebündelter Nutzungen sowohl innerhalb des Bauwerks als auch zwischen Bau und Stadt.

 

Auf allen Ebenen

„Begegnung und Kommunikation auf allen Ebenen“ – so könnte der Slogan für den Steglitzer Bau also heißen. In Wahrheit handelt es sich dabei aber um einen aus dem Jahr 1999 stammenden Werbespruch für das Internationale Congress Centrum. Mit dem ICC, das 1979 neben dem Messegelände und dem Funkturm eröffnet wurde, haben sich Schüler-Witte und Schüler endgültig in das Berliner Stadtbild und in die europäische Architekturgeschichte der Nachkriegszeit eingeschrieben. „Flexibel in Raum und Zeit, Technik und Service“, „Auf Knopfdruck vom Tagungsraum zum Ballsaal“, „Mittendrin in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft“ heißen die anderen beschreibenden Slogans, mit denen das ICC in der Broschüre noch 20 Jahre nach Eröffnung beworben wurde. Natürlich sind dies werbende Formulierungen. Dennoch zeigen sie, dass es auch in den späten 1990er-Jahren noch genau die Stichworte waren, die sich mit dem Konzept des „polyfunktionalen Stadtbauwerks“ zusammenfassen lassen.

 

Ein ikonischer Superbau

Seit seiner vorübergehenden Schließung 2014 und der darauffolgenden Diskussion über Umbau, Erhalt oder gar Abriss ist das ICC immer wieder als ästhetisches und funktionales Gesamtkonzept hoch gelobt worden. Als futuristischer, ikonischer Superbau ist er beschrieben worden, als Meisterwerk eines architektonischen Technizismus, der seine prominenteste Realisierung mit dem – übrigens später entworfenen – Centre Pompidou in Paris gefunden hat. Mit einer teils bis heute einzigartigen Raum- und Bühnentechnik, mit unterschiedlichsten Raumangeboten, mit nutzungsoffenen Lobbybereichen, mit der Einbindung sämtlicher Verkehrs- und Erschließungskanäle in das Gebäude und mit dem gestalterischen Bezug auf den Funkturm erfüllt das ICC genau diejenigen Eigenschaften des „polyfunktionalen Stadtbauwerks“, die Schüler-Witte/Schüler bereits an ihrem Steglitzer Erstlingswerk erprobt hatten.

 

Arbeit im Duo

Die komplexen Lösungen gingen aus der Arbeit im Duo hervor, wie Ursulina Schüler-Witte betont: „Ralf war der geniale, äußerst innovative und kreative Architekt und der detailsichere Konstrukteur, während ich ihn oft mit meinen unkonventionellen und phantasievollen Einfällen überraschte.“ Einfälle, die das Werk des Architekt_innenpaars für Berlin zu dem gemacht haben, was es ist. Und das ist übrigens auch heute wieder gefragt: Über die Zukunft des ICC wird in der Berliner Landesregierung heftig diskutiert, die Unterschutzstellung ist nur eine der dort erwogenen Möglichkeiten. Unterdessen ist der Bierpinsel mitsamt Straßenbrücke und U-Bahnhof Schloßstraße im vergangenen Jahr in die Denkmalliste eingetragen worden. Kurz zuvor hatten die Berliner Verkehrsbetriebe den U-Bahnhof unter Missachtung des Urheberrechts noch weitgehend entkernt, seitdem drücken sie sich vor der geforderten Wiederherstellung. In die Debatte um ihre Bauten hat sich Ursulina Schüler-Witte in den vergangenen Jahren wiederholt eingebracht. Am heutigen 2. Februar feiert sie in Berlin ihren 85. Geburtstag. (2.2.18)

 

Unbedingt Lesenswert

Ursulina Schüler-Witte, Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Eine werkorientierte Biographie der Architekten des ICC, Lukas-Verlag, Berlin 2015, 227 Seiten, 175 Farb- und Schwarzweißabbildungen, Hardcover, ISBN 978-3-86732-212-6.

Berliner ICC schließt die Pforten

Das Berliner ICC schließt seine Pforten (Bild: Avantique)
Das Internationale Congress Centrum Berlin wurde am 2. April 1979 eingeweiht (Bild: Avantique)

Ende Juni 2014 finden die letzten Veranstaltungen statt, dann schließt das Internationale Congress Centrum Berlin (ICC) und steht vor einer ungewissen Zukunft. Für den futuristischen Bau, der 1979 eröffnet wurde, scheut die Messe Berlin vor über 300 Millionen Euro Sanierungskosten. Derweil fordert die Architektenkammer Berlin, das ICC als „Ikone für das Westberlin der Mauerzeit und bedeutendes Bauwerk der High Tech Architektur“ unter Denkmalschutz zu stellen.

Ebenso erklärte bereits Anfang März 2014 die Vorsitzende des Landesdenkmalrats, Kerstin Wittmann-Englert: Nicht nur die konstruktive Hülle, auch die Innenräume und damaligen technisch-künstlerischen Innovationen seien einzigartig. Dass der Bau so unverändert erhalten blieb, ist einer strikten Urheberrechtsklausel zugunsten der Architekten Ralf Schüler und Ursula Schüler-Witte zu verdanken. Fachleute erklären, der Denkmalschutz könne die Steuerzahler vor hohen Abriss- oder Umbaukosten bewahren. Angeregt wird ein offener Planungswettbewerb, der die Architektin Ursula Schüler-Witte einbezieht. Das Gebäude solle währenddessen zugänglich und nutzbar bleiben, ähnlich wie in Berlin schon der Palast der Republik oder der Flughafen Tempelhof.

LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

von Kerstin Wittmann-Englert (Heft 14/2)

Berlin, ICC (Bild: Alfred Englert)
Wie viele Großbauten der 1960er und 1970er Jahre steht das Internationale Congress Centrum Berlin (ICC) aktuell vorm Umbruch (Bild: Alfred Englert)

„Gestrandete Wale“ oder „Schlafende Riesen“: Mit kraftvollen Bildern wie diesen sind multifunktionale Großbauten angesprochen, deren Fortbestehen und/oder Nutzung ungewiss ist. Dabei handelt es sich zumeist um Gebäude der Nachkriegsmoderne. Die Baukunst dieser Zeit ringt immer noch um ihre verlorene öffentliche Anerkennung. Das gilt insbesondere für jene der 1960er und 1970er Jahre.

 

Schönheit unterliegt dem Zeitgeschmack

Einige von ihnen sind gefährdet oder wurden, wie der Ostberliner Palast der Republik, bereits abgerissen. Weder entsprechen sie den heutigen Schönheitsidealen, noch sind sie bereits in ihrer historischen Dimension akzeptiert. Die Erzeugnisse der späten 60er- und 70er-Jahre werden häufig noch als „hässliche Neubauten“ abgelehnt und nicht als historisch wertvolle „Altbauten“ wahrgenommen.

Berlin, Palast der Republik (Bild: 1977, Scan: Istvan)
Die Wahrnehmung von Großbauten – hier der Berliner Palast der Republik – unterliegt mehrfachem Wandel (Bild: 1977, Scan: Istvan)

Doch die Beurteilung ästhetischer Formen beziehungsweise des Schönen in Kunst und Architektur unterliegt bekanntermaßen einem steten Wandel. Die Urteile stehen – vor allem dann, wenn es sich um kulturelle Zeugnisse einer Epoche handelt, die die Beurteilenden selbst miterlebt haben – in der Gefahr allzu großer Subjektivität. Schönheit ist keine feststehende, objektive Kategorie, sondern Schönheitsideale unterliegen dem Zeitgeschmack. Das ist nicht zu vergessen!

 

Stil, Charakter und Substanz erhalten

Bei Großbauten der 60er und 70er Jahre handelt es sich oft um kulturelle, gesellschaftliche oder auch politische Prestigeobjekte. Zugleich besitzen etliche der nachkriegsmodernen Gebäude aber auch das, was heute im Kontext baulicher Rekonstruktionen gern, aber als ästhetisches Konzept eben auch fälschlich angeführt wird: die Authentizität, eine Echtheit im Sinne von Ursprünglichkeit der Substanz. Gebäude unter Wahrung des Authentischen zukunftsfähig zu machen, sprich: Sie energetisch zu ertüchtigen und aktuellen Sicherheitsstandards anzupassen, ist die große Herausforderung.

Es gilt, nicht allein Stil und Charakter, sondern eben insbesondere Substanz zu erhalten, um nachfolgenden Generationen ein möglichst unverfälschtes Bild der nachkriegsmodernen Baukunst zu bewahren. Geschieht dies nicht, täten wir es den Restauratoren des 19. Jahrhunderts und dem viele Jahrzehnte in der Wissenschaft gescholtenen französischen Architekten Eugène Viollet Le Duc gleich: Nach seiner Aussage konnte eine Restaurierungsmaßnahme auch darin bestehen, „das Bauwerk in einen Zustand der Vollständigkeit zu versetzen, den es vielleicht niemals zu einer bestimmten Zeit besessen hat“.

 

Zum Beispiel: das ICC Berlin

Berlin, ICC (Bild: Alfred Englert)
Das ICC – gestaltet von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte – wurde im Jahr 1979 eingeweiht (Bild: Alfred Englert)

Zu den (noch) weitgehend authentisch erhaltenen Bauwerken, um die derzeit gerungen wird, gehört das Internationale Congress Centrum (ICC) der Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Die Planungen reichen zurück bis in die Mitte der 1960er Jahre, die Eröffnung fand im April 1979 statt: Ein gelungenes Beispiel  für eine Architektur, die durch Materialität,
Konstruktion und technisch inspirierte Gestaltgebung technologischen Fortschritt kommuniziert.

Das ICC zählt zu den wenigen europäischen Großbauten, die diesem Stil zuzurechnen sind – neben etwa dem Centre Pompidou in Paris oder dem Klinikum Aachen. Doch während diese durch Denkmalschutz (Aachen) oder durch Anerkennung als nationales Kulturgut (Paris) in ihrer Erhaltung unangefochten sind, steht in Berlin die Entscheidung noch aus: In der aktuellen Diskussion dominiert das Konzept einer Verbindung aus Shoppingmall, Kongress- und Kulturnutzung.

Erinnert an das Raumschiff Orion: der "Runde Saal" im ICC Berlin (Bild: Alfred Englert)
Erinnert an das Raumschiff Orion: der „Runde Saal“ im ICC Berlin (Bild: Alfred Englert)

Für die zuletzt genannten wurde das Haus erbaut und hat sich bewährt, doch mit einer kommerziellen Nutzung wären bauliche Veränderungen verbunden, die einer Zerstörung gleichkämen. Der Ruf nach Denkmaleintragung, getragen von Institutionen wie der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger, der Architektenkammer Berlin und dem Landesdenkmalrat Berlin, wird immer lauter. Ihm sollte man folgen, denn das ICC ist mehr als nur Zeitzeugnis einer vergangenen, mittlerweile abgeschlossene Epoche. Es ist als Unikat ein über alle Maßen gelungenes Zusammenspiel von zeitgemäßer Konstruktion und Materialität, gestalterischer Qualität, baukünstlerischem Ausdruck und erwiesener Funktionalität.

 

Ein „Boulevard“ zu verschiedenen Nutzungen

Das Bauwerk lagert – mit einer Länge von 320 m, einer Breite von 80 m und einer Höhe von 40 m – breit und mächtig zwischen Messedamm, Stadtautobahn und die diese auf der Ostseite flankierenden Bahntrassen. Die von der Autobahn weithin sichtbare Stahlbinderkonstruktion wurde als tragende Struktur nach außen gestellt und umklammert den Baukörper von oben. An den Flanken wird sie mit einer monumentalen fachwerkverspannten Doppelschiene zusammengehalten. Baukörper und Tragestruktur sind mit schimmernden, teils in kräftigem Rot gefassten Aluminiumblechen bekleidet.

Berlin, ICC (Bild: Alfred Englert)
Der „Boulevard durch das ICC (Bild: Alfred Englert)

Im Innern hält das ICC das bereit, was man im Äußeren vermissen mag: die Straße für die Fußgänger. Denn in seiner inneren Struktur folgt das Bauwerk der Idee einer Stadt mit einem zentralen Platz und einem Netz aus Straßen unterschiedlicher Breite. Der Länge nach wird das Gebäude von einem Eingangsfoyer durchschnitten, das von den Architekten „Boulevard“, also Prachtstraße, genannt wurde. Von diesem Boulevard zweigen – vergleichbar mit Querstraßen in Hanglagen – Treppen und Rolltreppen ab, die zu den tiefer gelegenen Garderoben oder den Sälen in den oberen Geschossen führen. Das Herzstück des Hauses bilden die beiden großen Veranstaltungssäle im obersten Stockwerk mit rund 7.500 Plätzen und das sie verbindende hoch aufragende Bühnenhaus. Diese Trias ist auch im Äußeren ablesbar und gibt dem Bauwerk seine unverwechselbare Form.

 

Gestrandete Wale?

Nach nur 35 Jahren Kongressnutzung soll das ICC nun ausgedient haben und wurde jüngst funktional ersetzt durch den nahegelegenen „CityCube“. Baulich bleibt das ICC – neben der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche – ein zentrales Wahrzeichen des einstigen West-Berlins. Und es bleibt zu hoffen, dass die politisch Verantwortlichen seiner architektonischen und stadtbildprägenden Bedeutung mit dem Auftrag zur behutsamen Sanierung und objektorientierten Nutzung entsprechen werden.

Berlin, Bikinihaus nach der Wiedereröffnung (Bild: indeedous)
Das Berliner Bikinihaus wurde jüngst aufwändig saniert (Bild: indeedous)

Ein gestrandeter Wal ist das ICC noch nicht. Und wie schaut es mit den anderen, in dieser Ausgabe besprochenen Bauten aus? Der Palast der Sowjets (Fachbeitrag: Julius Reinsberg) verblieb, da für die damalige Zeit zu utopisch, im Projektstatus. Das Kröpcke-Center in Hannover wurde faktisch abgerissen (Fachbeitrag: Olaf Gisbertz), das Offenbacher Gothaer Haus steht vorm Ungewissen (Interview mit Peter Cachola Schmal), das Kulturhaus in Zinnowitz (Porträt: Karin Berkemann) verfällt. Das Bikinihaus in Berlin (Fachbeitrag: Karin Wilhelm) wurde jüngst saniert und im rückwärtigen Teil um eine terrassierte Struktur mit Shoppingmall ergänzt.

 

„Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“

„Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ lautete 1975 das Motto des Europäischen Denkmalschutzjahres. Diese Forderung hat auch 40 Jahre später nicht an Bedeutung verloren, schließt mittlerweile allerdings das bauliche Erbe der Nachkriegsmoderne ein. Im Bewusstsein ihres Wertes ist dem früh begonnenen achtlosen Umgang mit den Zeugnissen dieser noch jungen Vergangenheit Einhalt zu gebieten, wenn verhindert werden soll, dass weitere Zeugnisse jener Epoche verschwinden oder unkenntlich gemacht werden.

 

Literatur

Buttlar, Adrian von/Wittmann-Englert, Kerstin/Dolff-Bonekämper, Gabi (Hg.), Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949-1979, Berlin 2013

Escherich, Mark (Hg.), Denkmal Ost-Moderne – Aneignung und Erhaltung des baulichen Erbes der Nachkriegsmoderne, Berlin 2012

Nachkriegsmoderne kontrovers – Positionen der Gegenwart. Tagungsband zum gleichnamigen Symposium an der TU Braunschweig, veranstaltet vom Netzwerk Braunschweiger Schule 15.-16.07.2010, 25.11.2011, Berlin 2012

Durth, Werner/Sigel, Paul, Baukultur – Spiegel gesellschaftlichen Wandels, Berlin 2009

Buttlar, Adrian von/Heuter, Christoph (Hg.), Architektur der 60er Jahre. Wiederentdeckung einer Epoche, Berlin 2007

„Wir wünschten eine Stadtmarke“

INTERVIEW: Ursulina Schüler-Witte zum Bierpinsel

 

Ursulina Schüler-Witte, Berlin, Dezember 2015 (Bild: Daniel Bartetzko)
Auf einen Tee mit Ursulina Schüler-Witte: Berlin, Dezember 2015 (Bild: Daniel Bartetzko)

Kaum ein Kind, das im West-Berlin der 1980er nicht staunend vorm Internationalen Congress Centrum (ICC) oder dem „Bierpinsel“ stand. Diese Neubauten, entworfen von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte, waren expressiver als die gradlinige Moderne des International Style. Farbenfroher als rohe Brutalismus-Burgen. Und nicht so bräsig wie die uniformen Reihenhaussiedlungen, die überall aus dem Boden schossen. Daniel Bartetzko sprach im Dezember 2015 mit Ursulina Schüler-Witte über das Erstlingswerk des Architekten-Ehepaars.

Daniel Bartetzko: Die kürzeste Frage mit der hoffentlich längsten Antwort zum Einstieg: Wie ist es zum Bierpinsel gekommen?

Ursulina Schüler-Witte: Die Planungen zum Turm begannen 1966/67. Mein Mann und ich standen am Beginn unserer selbstständigen Tätigkeit (Anm. d. Red.: Nach Abschluss ihres Studiums an der TU Berlin arbeiteten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte bis 1967 im Büro ihres einstigen Lehrers Bernhard Hermkes.). Wir wurden vom Senat mit der Gestaltung des U-Bahnhofs Schlossstraße beauftragt. Hier sollten zwei Linien übereinander laufen, darüber eine Verteilerebene folgen. Ebenerdig liegt die Schlossstraße, hierüber sollte noch ein Teilstück der Stadtautobahn als Hochstraße entstehen – also ein Treffen von fünf Ebenen. Wir wünschten für diese Superkreuzung auch ein besonderes Bauwerk, eine „Stadtmarke“.

Berlin, Bierpinsel um 1977, Dia Archiv Schüler-Witte
Farbstark: der Bierpinsel 1976, kurz nach der Eröffnung (Bild: Archiv Schüler-Witte)

DB: Und der Senat ließ sie einfach loslegen?

USW: Nein, man konnte ja nicht mit Luftschlössern auftauchen. Der Turm-Bauplatz lag auf öffentlichem Grund. Als privater Investor eine Genehmigung zu erhalten, schien aussichtslos. Nach langer Suche fand mein Mann aber eine Vorschrift, dass bei einem derartigen Gebäude mit anteiliger öffentlicher Nutzung in 4,5 Meter über und unter dem Straßenniveau keine Bauteile den Straßenverkehr beeinträchtigen dürfen. Wir hatten eine Aufzugsanlage vorgesehen, die auch den U-Bahn-Fahrgästen zur Verfügung stehen sollte. Also war die anteilige öffentliche Nutzung ungehindert möglich und der Weg frei.

DB: Und wie fanden Sie Investoren für ein derart ungewöhnliches Projekt?

USW: Wir gingen mit ersten Skizzen zur Direktion des Kaufhauses Wertheim, das an den U-Bahnhof grenzte. Dort war man schnell begeistert, sprang aber genauso schnell wieder ab. Nachdem wir bei etlichen Brauereien und Gastronomen abgeblitzt waren, fanden sich 1968 zwei westdeutsche Bauunternehmer, die ein Abschreibungsobjekt in Berlin suchten. Ihre Vorgabe: „etwas Besonderes, das wenig kostet“.

DB: Klingt nach Abenteuer. Und nach Diskussionen um Geld und Gestaltung.

USW: Immerhin konnten wir überhaupt bauen. Zunächst beabsichtigten wir, mehrere Kanzeln an den Turm zu hängen, und dieser „Blüten-Entwurf“ wurde auch der Presse vorgestellt. Die Bauherren schätzten die Kosten aber unrealistisch niedrig ein und korrigierten sie immer wieder. Gleichzeitig mussten wir umplanen, um zu sparen. Aus drei getrennt aufgehängten Baukörpern wurde ein einzelner mit drei Etagen. Mit dieser technoiden, an einen Wasserturm erinnernden Kanzel waren wir auch glücklich. Immerhin konnten wir damit absurde Vorschläge interessierter Brauereien wie die Form eines Bierfasses abwenden. Im Mai 1972 war schließlich die Grundsteinlegung.

Berlin, Bierpinsel, Postkarte um1977, Copyright BVG
Eine Stadtmarke, mit der die Berliner Verkehrsbetriebe auf einer Postkarte warben: Schlossstraße um 1977 (Copyright: BVG)

DB: Letztlich wurde der Turm erst 1976 fertig. Was Sie lange nicht beeinflussen konnten.

USW: Die Bauherren litten unter Finanzengpässen: Im Frühjahr 1974 waren erst die Tiefgeschosse und der Turmschaft fertiggestellt, gleichzeitig wurde ein Baustopp verhängt. Dann stiegen die Bauträger wegen Steuerschwierigkeiten ganz aus – für uns eine Katastrophe. Aber auch der Berliner Senat wollte keinen Imageschaden durch eine prominente Bauruine riskieren. Die städtische Wohnbaugesellschaft BEWOGE übernahm das Projekt, und ab Juni 1975 wurde wieder gebaut.

DB: Die BEWOGE wollte nicht ernsthaft in die Gastronomie einsteigen?

USW: Es musste weiter ein Betreiber gesucht werden. Wir entwarfen zum x-ten Mal Interieurs: Mein Mann orientierte sich an Zeppelinkanzeln und Ozeandampfern der 1930er Jahre. Diese museale Ausrichtung, heute würde man es „retro“ nennen, wäre ein reizvoller Kontrast zum gerne als futuristisch bezeichneten Äußeren gewesen.

DB: Ich erinnere mich bei meinen Bierpinsel-Besuchen Ende der Achtziger an Rüschendeckchen und Alt-Berliner Gemütlichkeit à la Heinrich Zille.

USW: Die Berliner-Kindl-Brauerei übernahm schließlich den Turm als Pächter. Doch sie bestand darauf, die Einrichtung selbst zu gestalten. So kam es zu Tiffanylampen, Western-Saloon-Einrichtung und weiterem Nippes. Wir haben den Bierpinsel seit der Eröffnung nie wieder betreten. Aus Angst, dass jemand glaubt, wir hätten das entworfen (lacht).

DB: Auch wenn Sie nicht mehr hineingingen – gebaut haben sie weiterhin am Turm.

USW: 1986 planten wir einen neuen Eingang und 1993 eine Mobilfunkanlage auf dem Dach. Trotzdem kam das Gebäude herunter, die BEWOGE investierte nicht in die Instandhaltung. Als der Sanierungsstau drückte, verkaufte sie den Turm 2002 – seitdem steht er fast durchgehend leer. Die jetzigen Eigentümer versuchten, ihn 2009 wiederzubeleben und dafür bunt besprühen zu lassen. Das wollten wir mit Hinweis auf unser Urheberrecht verhindern. Nach monatelanger Funkstille legten die Handwerker unerwartet los: Die Gestaltung sollte ein Jahr bleiben, die Fassade dann wieder rot erstrahlen. Aber der Turm trägt jetzt gut sechs Jahre das schreckliche Graffiti-Kleid und ist immer noch ungenutzt.

Berlin, Bierpinsel, 2012, Bild Alexander Savin, CC BY-SA-3.0
„Ein schreckliches Graffiti-Kleid“: Der Turm, wie er seit 2010 aussieht (Bild: Alexander Savin, CC BY SA 3.0)

DB: Und was zur Bauzeit drohte, scheint Realität geworden zu sein: Der Bierpinsel als prominente Bauruine.

USW: Laut Eigentümerin ist ein Wasserschaden schuld. Sie streite seit 2010 mit der Versicherung. Zuletzt hat das Steglitzer Bezirksamt Mitte 2015 eine Instandsetzung angemahnt, passiert ist nichts. Ich fürchte, dass eine Renovierung nur auf dem Klageweg zu erreichen sein wird.

DB: Unabhängig vom Status Quo: Glauben Sie, dass ein Projekt wie der Bierpinsel heute noch möglich wäre?

USW: Das kann ich nicht sagen. Aber die Suche nach Investoren war schon 1968 nicht leicht, auch die Bauvorschriften sind umfangreicher geworden. Möglich, dass derartige Projekte heute auf einem Amtsschreibtisch enden. Übrigens: Die Bezeichnung „Bierpinsel“ war eine Erfindung der Presse, der wir uns gefügt haben. Diesen eingängigen Namen wäre der Bau ohnehin nie wieder losgeworden.

DB: Hatten Sie eine eigene Idee?

USW: Nein, wir sprachen immer vom Turmrestaurant Steglitz – und ahnten, dass der Berliner Mutterwitz für einen Spitznamen sorgen würde …

 

Rundgang

… rund um Berlins schnittigstes Restaurant.

 

Zur Person

Ursulina Schueler-Witte, Bild D. Bartetzko
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Ursulina Schüler-Witte (*1933) gehört neben ihrem Mann Ralf Schüler (1930-2011) zu den prägenden Architekten West-Berlins. Neben den bekannten Großbauten entwarf das Ehepaar zwischen 1967 und 2004 weitere öffentliche Gebäude und -erweiterungen, Wohnhäuser, Brücken und Museumsausbauten, dazu 1987 die Mahnmale für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Nach dem Tod ihres Mannes zog die Architektin 2011 in ein zum Mietshaus umgenutztes Schwesternwohnheim. Dass sie selbst es 1993 entwarf, merkte sie erst, als sie zur Wohnungsbesichtigung eintraf: In der Zeitung war nur ein einzelner, herausgelöster Grundriss abgebildet. Der sie spontan begeisterte …

 

Unbedingt Lesenswert

Ursulina Schüler-Witte, Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Eine werkorientierte Biographie der Architekten des ICC, Lukas-Verlag, Berlin 2015, 227 Seiten, 175 Farb- und Schwarzweißabbildungen, Hardcover, ISBN 978-3-86732-212-6.