Kultur statt Parkhaus

Eines der größten historischen Industrieareale der Schweiz befindet sich in Winterthur. Dort befand sich ab 1834 die altstadtnahe Metallgießerei der Gebrüder Sulzer. Innnerhalb von rund 150 Jahren entwickelt sich dort geradezu ein Stadtteil, in dem über 30.000 Menschen arbeiteten. In den 1980ern verließ die Firma ihr 150.000 Quadratmeter großes Gelände. Erste Projektstudien, die den weitgehenden Abbruch der zwischen 1834 und 1975 errichteten Gießerei-Bauten vorsahen, trafen auf weitgehende Ablehnung nicht zuletzt in der Bevölkerung. Nach mehreren Veranstaltungen zur Zukunft des Areals lobte die Firma Sulzer 1992 einen internationalen Wettbewerb aus, aus dem das Projekt “Megalou” des Pritzker-Preisträgers Jean Nouvel (mit Emmanuel Cattani) siegreich hervorging. In der Zwischenzeit hatten sich bereits etliche Zwischennutzungen auf dem Sulzer-Areal etabliert. Und obwohl die Baugenehmigung seit 1995 vorlag, führten diverse Verzögerungen dazu, dass die Investorensuche erst Jahre später starten konnte – und mitten in eine Rezession fiel. 2001 wurde das Projekt “Megalou” gekippt.

Mittlerweile konzentriert sich die Sulzer Immobilien AG auf ein ganzheitliches Entwicklungsmanagement, das neben Grossprojekten auch kleinere Um- und Neubauten auf dem teils denkmalgeschützten Areal zulässt. Es wird rege gebaut: Rund 30.000 Quadratmeter Bürofläche und etwa 300 Wohnungen befinden sich in Planung oder in Realisierung. Den ständigen Veränderungen fiel unter anderem die 2007 eingerichtete Fabrikkirche Winterthur schon wieder zum Opfer. Auch eine weitere Zwischennutzung endet nun: Die Halle 53, gemeisam mit der angrenzenden Halle das längste Gebäude des Areals, beherbergte bisher das wohl schönste Parkhaus der Schweiz. Seit längerem existiert aber ein Konzept für die Nutzung als Konzerthaus, Messe- und Kongresszentrum. Besitzerin des Baus ist die Stadt, die Winterthurer Firma Siska Immobilien steht nun nach einem Bericht des “Landboten” als Investor fest. Den Wettbewerb hatten die Winterthurer Architekten Birgit und Beat Rothen zusammen mit Barbara Buser und Pascal Biedermann von der Basler Denkstatt Sàrl gewonnen. Sie schlossen sich mit Eric Allmendinger von Vivo Immobilien zur Halle 53 GmbH zusammen und mieten die Halle von der Stadt. Zusammen mit ihnen will die Siska das Projekt nun entwickeln. Die Autos müssen also wieder draußen parken. (db, 16.5.21)

Winterthur, Halle 53 / Katharina-Sulzer-Platz (Bild: Thomas Vogt, CC BY-SA 2.0)

Der Turm wird eingestürzt …

Etliche Bauten prägen die Silhouette Münchens: die Frauenkirche, das Zeltdach des Olympiastadions oder das BMW-Vierzylinder-Hochhaus zählen dazu. Und ein Turm, der sich lange unbemerkt und eher ungewollt zum (Mit-)Wahrzeichen der Stadt entwickelte: Der 1970 errichtete, 176 Meter hohe Kamin des Heizkraftwerks Süd, nach dem 291 Meter hohen Olympiaturm das zweithöchste Bauwerk der Bayernmetropole. Fast fünf Jahrzehnte reckte er sich unablässig dampfend – und gerade dadurch ziemlich eindrucksvoll – empor. Seit 2018 ist er aber stillgelegt, und schon seit fast einem Jahr laufen Abbrucharbeiten an ihm.

Aufgrund des dicht besiedelten Umlands kommt eine Sprengung nicht infrage, daher wurde zunächst die Stahlverstrebung im Inneren entfernt. Nun arbeitet sich ein außen aufgehängtes Abbruchwerkzeug Stück für Stück am Turm hinab. “Der Kamin stammt noch aus der alten Kraftwerkswelt”, sagt Helge-Uve Braun, Technischer Geschäftsführer der Stadtwerke München. Sein Verschwinden mache den Wandel innerhalb des Kraftwerks auch nach außen deutlich: Weg von Verbrennung, hin zu erneuerbaren Energien und Geothermie. Folgerichtig wurden 1997 bereits die Müllverbrennungs-, 2004 die Hochdruckanlage und 2018 das Spitzenheizwerk vom Netz genommen. Wie auch immer wird München um ein Symbol des Fortschritts des 20. Jahrhunderts ärmer – auch wenn´s dem Klima wohl nutzen wird … (db, 18.8.20)

München, Heizkraftwerk Süd (Bild: High Contrast, CC BY SA 3.0)

Leerstandskonferenz in Brandenburg

Seit 2011 organisiert das Büro nonconform aus Wien/Berlin die Leerstandskonferenz. 2018 findet sie erstmals in Deutschland statt – von 10. bis 12. Oktober in Luckenwalde. Das Thema: “Strategien gegen Leerstand und für Nachnutzung von Produktionsstätten”. Womit auch die Ortswahl – im Brandenburgischen, nicht im hippen Berlin – erklärt wäre. In Luckenwalde steht die Hutfabrik Friedrich Steinberg, Herrmann & Co. von Erich Mendelsohn. Das expressionistische Meisterwerk ist eines der Vorzeigebeispiele, wenn es um die Sanierung ehemaliger Industrieareale geht. Derer gibt es reichlich: Die sich verändernde Arbeitswelt hinterließ gerade außerhalb der Ballungszentren etliche leerstehende, ortsbildprägende Fabrikbauten.

Luckenwalde ist ein Beispiel, dass man auch ohne Abriss und  unendliche Debatten Industriebrachen revitalisieren kann. Die Stadt habe „den Strukturwandel der letzten Jahrzehnte vorbildlich gestaltet und daraus einen echten Mehrwert für die Lebensqualität der Menschen erzeugt“, heißt es in der Ankündigung.  Zum Konferenzprogramm zählen eine Vorführung des Dokumentarfilms „Orte der Arbeit“ (2017), Podiumsdiskussionen u.a. mit der Kunsthistorikerin Gabriele Dolff-Bonekämper, Elke Knöss-Grillitsch von Peanutz Architekten und Roland Gruber von nonconform. Hinzu kommen Workshops u.a. mit Martin A. Ciesielski und dem Kolbermoorer Bürgermeister Peter Kloo, Themenimpulse von Reiner Nagel und Turit Fröbe sowie diverse Kurzvorträge. Die Teilnahme kostet 180 Euro, für Studierende 50 Euro. Anmeldung unter: www.leerstandkonferenz.at. (db, 24.9.18)

Luckenwalde, Hutfabrik Friedrich Steinberg, Herrmann & Co. (Bild: Doris Antony, CC BYSA 3.0)