Industriedenkmal

Detroit, Packard Plant ca. 2015 (Bild: Youtube-Still)

Detroit: Packard-Brücke eingestürzt

Das „Packard Plant“ in Detroit ist die bekannteste Industrieruine der USA. 1958 liefen im einstigen Automobilwerk die letzten Luxuswagen vom Band, seither verfällt die Anlage. Gebaut wurde sie ab 1903 nach Plänen von Albert Kahn, der auch für das Detroiter General Motors Building (1923) verantwortlich zeichnet. Anfang der 1930er errichtete sein Büro zudem in der Sowjetunion (!) über 500 Fabriken. Die Packard-Ruine in der „Motor City“ zählt zu den ersten US-Stahlbeton-Industriebauten und wandelte sich in den vergangenen Jahrzehnten vom Automobiltempel zur Lost-Place-Pilgerstätte. Seit einiger Zeit gibt es Pläne, die teils zusammengestürzten und vom Vandalismus gezeichneten Hallen wiederzubeleben. 2013 wechselte der größte Teil des Werks in Privatbesitz, erste Sanierungs- und Sicherungsarbeiten wurden seitdem durchgeführt.

Vor zwei Tagen ist nun der markanteste Bauteil des Packard Plant kollabiert: Die Fußgängerbrücke, die seit 1939 die Werkshallen über eine öffentliche Straße verband, ist eingestürzt. Sie war wie ein Teil der Gebäude noch immer im Besitz der Stadt Detroit, und offenbar hat in den vergangenen Jahren niemand mehr den baulichen Zustand überprüft. Die Brücke, die ab den 2000er Jahren im Zeitraffertempo verfiel, war seit einiger Zeit verhüllt mit einer Abbildung der einstigen Fassade. Ob das legendäre Entrée wieder aufgebaut wird, ist unklar. Derzeit trauern Oldtimer- wie Architekturliebhaber … (db, 25.1.19)

Detroit, Packard Plant, ca. 2015 (Bild: Youtube-Still)

Lloyd-LT-600-Bus (Bild: Norbert Schnitzler, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2006)

Tipps zum Tofd: Industrie und Denkmal

Am 9. September lohnt zwischen 11 und 17 Uhr ein Blick in die der Bremer Lloyd-Halle 4 (Richard-Dunkel-Straße 122-124, 28199 Bremen-Neustadt). In der ehemaligen Endmontagehalle (1953/54, R. Lodders) produzierte man Lloyd-Kleinwagen des Borgward-Konzerns. Heute zeigen hier der Freundeskreis VFW 614, der Borgward-Club und Bremer AirBe e. V. historische Verkehrsmittel. (Kontakt: Günter Mail, Freundeskreis VFW 614, Tel.: 0151 58784922, g.mail@freundeskreis-vfw614.de, oder Werner Hilscher, Borgward Club e. V., 0171 1936757, werner-hilscher@t-online.de). Nicht weniger erhellende Erkenntnisse verspricht der Luftschutz-Musterstollenanlage Friesenstraße (Friesenstraße 16, (BVG: U-Bhf. Platz der Luftbrücke), 10965 Berlin Friedrichshain-Kreuzberg Kreuzberg), der am 8. (!) September um 11, 12, 13, 14 und 15 Uhr zu Führungen geöffnet ist (Treffpunkt: vor dem Tor Friesenstraße 16, Eingang Polizeigelände, max. 15 Personen, Anmeldung erforderlich: 4. bis 6. September, 10 bis 14 Uhr, 030 46068009). Auf dem Gelände befand sich in den 1930er Jahren die sog. Reichsanstalt der Luftwaffe für Luftschutz, wo eine Musteranlage aus Luftschutzgängen für die Baubehörden angelegt wurde.

Doch lieber was Süßes? In Thüringen lädt das Museum Heinerle-Berggold Schokoladen GmbH (Raniser Straße 11, 07381 Pößneck) am 9. September zwischen 11 und 17 Uhr zum Besuch. Die Firmenausstellung zeigt die 140-jährige Firmengeschichte seit 1876: historische Verpackungen, Dosen und Werbematerialien, teilweise noch aus den Gründerjahren um 1880. Zum Tag des offenen Denkmals können werksfrisch hergestellte Süßwaren verkostet und die Ausstellung besichtigt werden. (Kontakt: Lisa Schreck, Heinerle-Berggold Schokoladen GmbH, Marketing, Tel.: 03647 5378, E-Mail: marketing@heinerle-berggold.de) (kb, 30.8.18)

Lloyd-LT-600-Bus (Bild: Norbert Schnitzler, GFDL/CC BY SA 3.0, 2006)

Koepchenwerk auf der Kippe

Stadtwahrzeichen, Industriedenkmal und trotzdem vom Abriss bedroht: das Koepchenwerk in Herdecke (Bild: Thorsten Bachner, CC BY 3.0)
Wahrzeichen, Industriedenkmal und trotzdem vom Abriss bedroht: das Koepchenwerk in Herdecke (Bild: Thorsten Bachner, CC BY 3.0)

Über Los Angeles prangt der Hollywood-Schriftzug. Oberhalb von Herdecke, am Rand des Hengsteysees, prangt das RWE-Logo. Es gehört zum Pumpenhaus des Koepchenwerks, längst Wahrzeichen der Ruhr-Stadt. Der 1927-30 errichtete Bau, dessen Name sich von seinem Planer Arthur Koepchen ableitet, ist neben dem Pumpspeicherwerk Niederwartha der zweitälteste deutsche Bau dieser Art. 1986 wurde es unter Denkmalschutz gestellt, seit 1994 ist das Koepchenwerk stillgelegt. Neben dem Altbau wurde ein neues Kraftwerk errichtet.

Bis vor kurzem war das technische Denkmal noch als Teil der „Route der Industriekultur“ zu besichtigen. Nun hat der Besitzer RWE im Januar 2015 einen Abbruchantrag gestellt, die Erhaltungskosten seien zu hoch. Gegen die geplante Zerstörung regt sich Widerstand. Regina Schrader, Großnichte von Arthur Koepchen, will den Abriss verhindern und gründete die Arbeitsgemeinschaft Koepchenwerk – die Gründungsveranstaltung findet am 26. November in Herdecke in der Frühlingsstraße statt (nähere Informationen unter: kontakt@ag-koepchenwerk.de). Zu den Unterstützern gehört auch der in Herdecke aufgewachsene Schauspieler Jörg Hartmann, Kommissar im Dortmunder Tatort. Die „Bild“-Zeitung zitiert ihn mit: „Wer mit dem Argument der Unwirtschaftlichkeit den Abriss eines Denkmals befürwortet, kann den Kölner Dom ja gleich mit abreißen. Das Herdecker Koepchenwerk ist ein bedeutendes Zeugnis unserer Geschichte und sein Erhalt sollte uns einiges wert sein.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. (db, 28.10.15)

Ruhestand fürs Pumpspeicherwerk

Das 1927-30 errichtete Pumpspeicherwerk Niederwartha wird ab Januar 2016 heruntergefahren - die Zukunft ist ungewiss (Bild: Kolossos, CC BY-SA 3.0)
Das 1927-30 errichtete Pumpspeicherwerk Niederwartha wird ab Januar 2016 heruntergefahren – die Zukunft ist ungewiss (Bild: Kolossos, CC BY-SA 3.0)

Das 1930 fertiggestellte Pumpspeicherwerk Niederwartha war einst eines der modernsten Kraftwerke Europas. Der Bau des Architekten und Hochschullehrers Emil Högg (1867-1954) versorgte den Raum Dresden mit Strom. Der aktuelle Besitzer, der Energiekonzern Vattenfall, hat sich nun nach einer jahrelangen Hängepartie dazu entschlossen, das Kraftwerk endgültig stillzulegen. Schon seit Längerem waren nur noch zwei der sechs Francis-Turbinen in Betrieb, die übrigen wegen Defekten abgeschaltet. 2008 hatte Vattenfall prüfen lassen, wie eine Modernisierung der Anlage aussehen könnte, ursprünglich sollten die zwei Turbinen durch eine Großturbine mit einer Leistung von 120 Megawatt ersetzt werden. Dann änderten sich die Bedingungen des Strommarkts: Heute müssen die Betreiber Nutzungsentgelte für Pumpstrom zahlen, die Renovierung der Anlage in Niederwartha erschien unwirtschaftlich, Vattenfall zog nun die Bremse.

Schon 2012 wurde eine Bürgerinitiative zum Erhalt des historischen Pumpspeicherwerks gegründet. Sie setzt sich dafür ein, die Netznutzungsentgelte für PSW zu ändern oder abzuschaffen. Außerdem wünscht sie sich, dass Investoren die Anlage modernisieren. Daraus wird nun offensichtlich nichts, und auch, was aus dem gut erhaltenen, denkmalgeschützten Backsteinbau werden soll, ist unklar. Die Hallen, gestalterisch zwischen Moderne und Expressionismus angesiedelt, wurden zuletzt 2003 nach dem Elbhochwasser instandgesetzt. (db, 21.9.15)

Der Milchhof Arnstadt

Arnstadt, Milchhof (Bild: Giorno2, CC BY SA 4.0)
1928 eröffnet: das kubische Ensemble im Bauhausstil von Martin Schwarz sollte Arnstadt mit „hochwertiger, einwandfrei behandelter Milch“ versorgen (Bild: Giorno2, CC BY SA 4.0)

„So wird es unbedingt mit Freuden begrüßt werden, daß nun auch Arnstadt […] eine Genossenschaftsmolkerei erhalten hat, mit einem neuzeitlichen Betrieb, der fortan berufen ist, die Bevölkerung mit hochwertiger, einwandfrei behandelter Milch und Milchprodukten zu versorgen.“ Nicht ohne Stolz beschrieb der örtliche Architekt Martin Schwarz sein Projekt im „Arnstädter Anzeiger“ zur Eröffnung am 4. Dezember 1928. Noch wenige Jahre zuvor hatte sich Schwarz virtuos historischer Stilzitate bedient. Doch für das neue Industriegebäude übernahm er 1928 die klare Formensprache des Bauhauses: Die modernen Produktionsmethoden sollte man dem Milchhof schon von weitem ansehen.

 

Im Geist des Bauhauses

Auf einem Eckgrundstück zwischen Bahnhof und Schlossgarten ordnete Schwarz den Grundriss nach den Produktionsabläufen – und ergänzte ihn um Aufenthalts-, Schlaf- und Waschräume für die Mitarbeiter. Für die Konstruktion des Milchhofs kamen Ziegel an der Fassade, Eisenbeton für die Treppen- und Geschossdecken, Stahl für die Fenster, Schiebetüren und Geländer zum Einsatz. Schwarz staffelte die Räume zu einem Kubus, der durch Flachdach, Attika, Fensterbänder und Backsteinfriese einen lagernden Charakter erhält. Noch zu DDR-Zeiten baute man den Milchhof mehrfach um, nach 1990 stand der Kubus endgültig leer. Bis heute blieben jedoch die Grundstruktur des Bauwerks, selbst der originale Fassaden-Schriftzug in klaren Großbuchstaben erhalten.

 

Schon bald wird hier gefeiert und getagt

Nachdem mehrere Investoren- und Abrisspläne gescheitert waren, erwarb die Milchhof Arnstadt GmbH 2014 das denkmalgeschützte Ensemble. Die Initiative um den Arnstädter Kulturmanager Jan Kobel will die rund 1.700 Quadratmeter Nutzfläche mit dem Berliner Architekten Walter Grunwald – nach denkmalgerechter Sanierung – neu erschließen: als Veranstaltungszentrum und Galerie in einem. Unterstützt durch Fördermittel, konnte 2015 eine Notsicherung die Wasserführung wiederherstellen. Aktuell läuft eine restauratorische Befunduntersuchung, 2017 soll eine Musterachse an der Fassade angelegt werden. Schon 2015 zeichnete man das Vorhaben mit dem „Thüringer Förderpreis für Denkmalpflege“ aus. (kb, 22.4.16)

NICHT VERPASSEN: die Tagung „Bauhaus 2019 – Denkmalpflege und die Bauten der Moderne“ im Milchhof Arnstadt am 29. Juni 2016.