PORTRÄT: Rundlokschuppen

von Daniel Bartetzko (17/1)

Die von England ausgehende Industrialisierung erfasste Mitte des 19. Jahrhunderts auch Deutschland. Ihr Tempo war enorm, und so wurde manch technologische Entwicklung nach wenigen Jahren wieder verworfen. Das Schienennetz der Eisenbahn wuchs damals gleichfalls in großer Geschwindigkeit. Schneller und länger wurden die Personen- und Güterzüge – und mit ihnen die urgewaltigen Dampflokomotiven. Dadurch endete die eigentlich neue, erst nach 1860 entstandene Baugattung der Rundlokschuppen noch vor der Jahrhundertwende: Die immer größeren Lokomotiven mit Schlepptender benötigten mehr Platz, als ein derartiger Bau bieten konnte. Der letzte Rundlokschuppen Deutschlands wurde 1893 in Berlin-Pankow errichtet. Bis 1997 blieb er in Betrieb und steht als einer von zwei Überlebenden noch heute.

Schwedler und seine Kuppel

Nach 1900 entstanden nur noch Ringlokschuppen, vor deren Toren eine Drehscheibe lag. Der Rundlokschuppen hingegen einte eine mittige Drehscheibe und strahlenförmig angeordnete Abstellgleise unter einem Dach. So entstanden eindrucksvolle Bauwerke mit zeittypisch ornamentierten Backsteinwänden, kleinteiligen Eisenfenstern und aufwendig konstruierten Stahlkuppeldächern. Diese Dächer der Reichsbahn-Rundlokschuppen gehen zurück auf den Ingenieur Johann Wilhelm Schwedler (1823-94).

1863 wurde die stählerne “Schwedlerkuppel” erstmals beim Berliner Gasbehälter an der Holzmarktstraße umgesetzt. Auch das Dach der Berliner Neuen Synagoge (1863, rekonstruiert in den frühen 1990er Jahren) in der Oranienburger Straße ist eine Schwedler-Planung. Dank seiner Stellung als Eisenbahn-Baumeister und oberster preußischer Baubeamter gewann Schwedler “für den Bereich der Ingenieurbauten eine Bedeutung im preußischen Staatsbauwesen, die nur derjenigen vergleichbar ist, die Schinkel ein halbes Jahrhundert zuvor […] zugekommen war”, schrieb der Bauingenieur Werner Lorenz 1997 in der Zeitschrift “Stahlbau”.

Nur noch zwei in Deutschland, beide in Berlin

Das ein Jahr vor Schwedlers Tod fertiggestellte Bauwerk in Pankow bot 24 Lokomotiven Platz: Dieser letzte von 25 gebauten Rundlokschuppen ist somit auch der größte. Sein Dach überspannt rund 40 Meter; das umlaufende Pultdach, unter dem die Lokomotiven warteten, wird über der Drehscheibe von der Kuppel bekrönt. Die filigrane Eisen-Fachwerk-Konstruktion ist aus radial bogenförmigen Sparren und sie verbindenden horizontalen Ringen gefügt. Zwischen den Hauptträgern in der Kuppelfläche liegen aussteifende Kreuzglieder. Diese Konstruktion, bei der jeder konzentrische Ring ein festes System bildet, ist selbst bei ungleichen Belastungen standfest. Bemerkenswert ist auch das geringe, noch heute zeitgemäße Gewicht des Dachs von nur rund 30 Kilogramm pro Quadratmeter.

Nachdem die meisten Dampfloks ausgemustert waren, diente der Rundlokschuppen zur Instandsetzung und als Materiallager. Das umgebende BW (Betriebswerk) Pankow-Heinersdorf wurde nach 1945 von der DDR-Reichsbahn weitergenutzt, zuletzt war die Rarität in Besitz der Deutschen Bundesbahn: Heute existieren in Deutschland nur noch zwei derartige Rundhäuser, beide in Berlin – eins im BW Rummelsburg (1875) und jenes in Pankow. Das drittletzte deutsche Exemplar wurde 1978 in Paderborn abgerissen. Weitere Rundlokschuppen finden sich heute noch in Polen (Piła/Schneidemühl; Bydgoszcz/Bromberg; Tczew/Dirschau) und im russischen Tschernjachowsk (früher Insterburg). Sie alle sind als technische Denkmäler anerkannt, teils restauriert und umgenutzt. Die deutschen Schuppen sind dem Verfall bzw. dem Abbruch preisgegeben.

Abgedeckt und eingekreist

Die Bahn interessierte sich wenig für die beiden Technik-Denkmäler, schützte sie nicht gegen Vandalismus. Für den Schuppen in Rummelsburg liegt bereits ein Abrissantrag vor: Der von genutzten Gleisen umgebene Bau befindet sich in desolatem Zustand. Das Dach ist fast komplett abgedeckt – und gibt ausgerechnet jetzt den faszinierendsten Blick auf die Schwedlerkuppel frei. Die bauliche Grundsubstanz scheint noch immer rettbar, eine Umnutzung jedoch problematisch, da ein gefahrloser Zugang auf dem Gelände kaum möglich ist.

In Pankow stehen die Chancen besser – eigentlich. Das Betriebswerk gehört seit 2009 dem Unternehmer Kurt Krieger (Möbel Höffner), der auf dem Areal bis zu 1.000 Wohnungen, ein Einkaufszentrum und ein Möbelhaus bauen möchte. In das ambitionierte Projekt (“Pankower Tor”) sollte der Lokschuppen einbezogen werden: als Mehrzweckhalle oder als Teil einer Schule. Wenige Jahre später ist hiervon keine Rede mehr. Offenbar hofft der Eigner, mit dem fortschreitenden Verfall auch das (Abbruch-)Recht zu erlangen. Das Bezirksamt Pankow hat Kurt Krieger im November 2016 eine Frist zur Notsicherung gesetzt, sie würde alleine 390.000 Euro kosten. Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) rechnet mit dem Widerstand des Besitzers. Im Notfall werde der Bezirk das Geld aber vorschießen – “mit Unterstützung des Senats”, so der Stadtrat gegenüber der Berliner Zeitung. Man kann nur hoffen, dass diese politische Entschlossenheit Bestand hat: Schon der Abbruch des Rummelsburger Lokschuppens wäre frevelhaft. Wenn in Pankow der dann letzte Rundlokschuppen Deutschlands auch noch dem Erdboden gleichgemacht würde, darf man dies mit Recht einen Skandal nennen …

Rundgang

Titelmotiv: Einer der letzten seiner Art: der Rundlokschuppen in Berlin-Pankow (Bild: Doris Antony, CC BY SA 3.0)

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Winter 17: Vernetzt

LEITARTIKEL: Vernetzungen

LEITARTIKEL: Vernetzungen

Dirk van Laak beschreibt das unsichtbare Nervensystem unserer Gesellschaft: die moderne Infrastruktur, die uns oft erst auffällt, wenn sie ausfällt.

FACHBEITRAG: Stadt-Autobahnen

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Julius Reinsberg folgt der modernen Schnellstraße durch ihre Geschichte: von den Gedankenspielen der 1920er Jahren bis zum Wiederaufbau der Nachkriegszeit.

FACHBEITRAG: Staudämme

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Benjamin Brendel untersucht diese funktionalen Symbole – prestigeträchtige Ingenieurbauwerke, die wenig von ihrem Ewigkeitsanspruch eingebüßt haben.

FACHBEITRAG: Funktionsbauten

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Elisa Lecointe durchstreift das Neue Frankfurt der 1920er Jahre nach den wegweisenden Infrastrukturbauten von Adolf Meyer.

FACHBEITRAG: Autogerechtigkeiten

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Paul Zalewski zeigt Hannover als “autogerechte Stadt” von Modellcharakter für die 1950er Jahre – und den heutigen Umgang mit dem gebauten Ergebnis.

INTERVIEW: Werner Durth und die unterirdische Stadt

INTERVIEW: Werner Durth und die unterirdische Stadt

Der Architekturhistoriker spricht über den Reichturm der Infrastruktur und ihre Rolle im Wiederaufbau deutscher Städte nach 1945.

FOTOSTRECKE: Untergründe

FOTOSTRECKE: Untergründe

Der Verein Berliner Unterwelten präsentiert exklusiv Bilder von Holger Happel und Frieder Salm aus Luftschutzbunkern, Brauereikellern und U-Bahnhöfen.

PORTRÄT: Rundlokschuppen

PORTRÄT: Rundlokschuppen

Daniel Bartetzko besucht in Berlin einen “verlorenen” Ort der Eisenbahngeschichte, der schon lange auf seine zweite Chance wartet.

Die Forschungsbrauerei

von Ralf Giebl mit Daniel Bartetzko (18/4)

Wer die Forschungsbrauerei in München-Perlach besucht, der tut dies eigentlich nur aus einem einzigen Grund: wegen des außergewöhnlichen Bieres. Doch am Ende dieses Beitrags sind hoffentlich noch ein paar weitere Gründe für einen Ausflug in die Unterhachinger Straße 78 hinzugekommen. Denn schon 1930, noch bevor Perlach zu München gehörte, wurde hier die Forschungsbrauerei begründet. Bis 2010 lag der Betrieb in den Händen der Familie Jakob, dann verabschiedete sich Stefan Jakob, der Enkel des Gründers. 2011 übernahmen die Brüder Silbernagl, seit 2016 führt die Wirtsfamilie Achhammer das Bräustüberl kulinarisch. Damit bleiben den Kennern bewährte Bierspezialitäten wie “Pilsissimus” und der “Blonde Bock” ebenso erhalten wie die Gebäude und Brauanlagen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts.

“ein Labsal zur körperlichen und seelischen Kräftigung” (Gottfried Jakob, 27. Mai 1938)

Den Anfang machte Gottfried Jakob

Eine Inschrift über dem Eingang zum Sudhaus trägt das Baujahr der Brauerei und die Initialen der Gründer: G(ottfried), H(einrich), Ch(ristfried Jakob), 1936. Schon gegen Ende der 1920er Jahre hatte Gottfried Jakob mit einer 200-Liter-Anlage seine ersten Versuche unternommen – im ausgebauten Keller seines Wohnhauses. Später errichtete er die Brauerei an der heutigen Stelle, um praxisnäher arbeiten zu können. Damit wurde gleichzeitig die Kapazität verzehnfacht: Er konnte nun in einem Brauvorgang 20 Hektoliter “ausschlagen”, wie es in der Fachsprache heißt. Der Raum, in dem heute noch der Zapfhahn zu sehen ist, war damals das erste Perlacher Bräustüberl. Kurz darauf kam ein zweiter Raum hinzu, die heutige Probierstube.

Aus Nördlingen stammend, hatte Gottfried Jakob dort mit 16 Jahren eine Brauerlehre absolviert. Danach erwarb er einen dreifachen Ingenieurstitel in den Fächern Chemie, Maschinenbau und Brauereiwesen. Einen Namen machte er sich spätestens, als er für Binding das erste Brauereilabor aufbaute. In Perlach wollte er dann nach eigenen Vorstellungen und Ansprüchen wissenschaftlich vorgehen, daher der Name “Forschungsbrauerei”. Während seiner Laufbahn konnte Gottfried Jakob über 50 Patente eintragen lassen.

“Auf das Urteil eines unbefangenen Biertrinkers, der das Bier bezahlen muss, ist großer Wert zu legen.” (Gottfried Jakob, 27. Mai 1938)

Im “Schlaraffenland”

Während des Zweiten Weltkriegs war auch in Perlach das Brauen verboten, weil die Gerste als Nahrungsmittel für die Bevölkerung benötigt wurde. Erst 1948 konnte die Familie Jakob die Arbeit wieder aufnehmen – mit einem dünnen “Einfachbier”. 1950 stellte Gottfried Jakob das Forschen ein, gebraut und ausgeschenkt wurde aber weiter von Hand auf der Grundlage seiner Erkenntnisse. 1958, nach dem Tod des Vaters, führte Heinrich Jakob den Betrieb, 2003 pachtete sein Sohn Stefan die Forschungsbrauerei. Fast unverändert erhalten blieb das Bräustüberl, das Gottfried Jakob als “Prüfstelle” seiner Erzeugnisse durch die Gäste eingerichtet hatte. Die Ausmalung der holzverkleideten Räume hatte der Kunstmaler W. Erlacher übernommen, der Märchenmotive wie die Geschichte vom “Tischlein deck dich” oder das “Schlaraffenland” auswählte.

Spätere bauliche Zusätze, z. B. die Erweiterung des Sudhauses von 1974, sind deutlich ablesbar – etwa am feuerwehrroten Läuterbottich und an der großen Frontscheibe. Gebraut wird hier natürlich nach dem Reinheitsgebot. Das geht in Bayern gar nicht anders. Die Braukunst besteht unter anderem darin, die Stärke aus dem Malz in vergärbaren Zucker zu verwandeln – ohne die Zugabe von Fremdzucker. Damit das Bier aber immer in gleicher Qualität angeboten werden kann, muss man beim Sud jeweils die unterschiedlichen Ernten ausgleichen: vom Schroten über das Einmaischen und Läutern bis hin zum Kochen der Würze, zum Ausschlagen und zur Hefegabe.

“Wie schön ist doch die Harmonie / der Praxis mit der Theorie.” (Direktor Lense, Hofbraurat München, im Stammbuch der Forschungsbrauerei)

Mit gutem Münchner Trinkwasser

Für die untergärigen Spezialbiere der Forschungsbrauerei wird ausschließlich Gerstenmalz verwendet. Hinzu kommt Naturhopfen aus der Region, keine Spur von Hopfenextrakt wie in Großbrauereien. Das Wasser stammt aus dem lokalen Trinkwassernetz. Früher hatte Gottfried Jakob noch einen eigenen Brunnen, aber inzwischen ist der Grundwasserspiegel zu weit abgesunken. Zudem wäre die Aufbereitung und Kontrolle für einen kleinen Betrieb zu aufwändig. Und das Münchner Trinkwasser passt mit seiner mittleren Härte hervorragend für die kräftigen Biere der Forschungsbrauerei.

Der Keller ist der Ort für die Hauptgärung, Nachgärung, Reifung und Lagerung. Alles eigentlich genau so, wie man es bei vielen Brauereiführungen schon gesehen hatte. Doch viele Details der technischen Anlagen versetzen den Besucher auf eine Zeitreise in die Anfangsjahre der Bundesrepublik. Denn in Perlach wurde nur das modernisiert, was unbedingt erforderlich war. Vieles blieb bis 2010 (fast) im Originalzustand, den die Brüder Silbernagel dann noch einmal behutsam erneuerten und ergänzten.

“Es leb der edle Gerstensaft / und der, der ihn gebraut. / Der Jakob hat’s weiß Gott geschafft / und hat ihn nicht versaut.” (W. G. Thomas und Dr. Markert, im Stammbuch der Forschungsbrauerei)

Auf Lager

Der “Blonde Bock” nach der Originalrezeptur von Gottfried Jakob, inzwischen ganzjährig erhältlich, wird zur Starkbierzeit im Frühjahr besonders stark eingebraut – mit 7,5 Prozent Alkohol und 19,5 Prozent Stammwürze. Vorher lagert er vier bis fünf Monate bei rund null Grad Celsius, um den vollen Geschmack zu entwickeln. Als zweite Spezialität wird in Perlach ein helles Exportbier angeboten unter dem schönen Namen “Pilsissimus” (von Gottfried Jakob entwickelt als Steigerung eines Pils) – mit 5,2 Prozent Alkohol und 13,4 Prozent Stammwürze.

Bis 2010 war die Forschungsbrauerei ein rein untergäriger Betrieb, danach erweiterten die Brüder Silbernagl das untergärige Sortiment um Dunkles Exportbier, Helles Vollbier und ein saisoales Festbier. Dazu kamen noch ein Hefe-Weißbier und im Winter ein Weißbier Bock. Auf das Flaschenbier aus dem Brauereiverkauf gibt es eine vergleichsweise kurze Haltbarkeit von zwei bis drei Monaten. Das liegt u. a. daran, dass die Flaschen in den Wohnhäusern der Käufer natürlich bei deutlich höherer Temperatur herumstehen. Aber die Biere der Forschungsbrauerei wollen ohnehin weniger gelagert, als vielmehr getrunken werden.

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Herbst 18: “Geht aufs Haus!”

"Buy the World a Coke"

“Buy the World a Coke”

LEITARTIKEL: Jürgen Tietz über Trinken als Kunst.

Die Trinkhalle

Die Trinkhalle

FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck kurt in Bad Neuenahr.

Die Forschungsbrauerei

Die Forschungsbrauerei

FACHBEITRAG: Ralf Giebl aus einem Münchner Sudhaus.

Der Entenflötenkessel

Der Entenflötenkessel

FACHBEITRAG: Karin Berkemann auf Pomo-Spurensuche.

Opa und die Colafabrik

Opa und die Colafabrik

PORTRÄT: Reiner Kolodziej erinnert sich an Berlin.

"Ernst gibt es genug"

“Ernst gibt es genug”

INTERVIEW: Hendrik Bohle über den Milchpilz.

Ostbrause

Ostbrause

FOTOSTRECKE: Limonaden- und Cola-Etiketten der DDR.

FACHBEITRAG: Das Maschinenlaboratorium der ETH Zürich

nach einem Vortrag von Theresia Gürtler-Berger (20/1)

Sachliche Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Salvisbergs Baukomplex “Maschinenlaboratorium und Fernheizkraftwerk der ETH Zürich” aus den 1930er Jahren prägen die Wahrnehmung der Experten bis heute. Die Anlage des Architekten Otto Rudolf Salvisberg gilt als Inkunabel des Neuen Bauens in der Schweiz. Dennoch finden sich aktuell vor diesem inzwischen denkmalgeschützten Komplex Baucontainer und Schutthalden unter der Ankündigung der ETH Zürich: “Hier geht es voran, morgen wird gebaut.”

Zürich, Maschinenlaboratorium, Straßenfassade des Lehrgebäudes zur Sonneggstraße, um 1934 (Bild: ETH Bibliothek, Zürich, PD)

Immer weiterbauen

Das komplexe Ensemble des Maschinenlaboratoriums am Zürcher Hochschulplateau umfasst das Lehrgebäude mit seiner geschwungenen Straßenfassade, die grossräumige Maschinenhalle und das Fernheizkraftwerk, neben diversen Laboratorien sowie aerodynamischen Versuchsanlagen. 1972 wurde es mit einem großvolumigen Querbau verdichtet. Der Komplex kann auf eine lange Baugeschichte zurückblicken: 1929 begann Otto Rudolf Salvisberg, neuer ETH Architekturprofessor mit den ersten Entwürfen. Als der Ursprungsbau 1941 fertiggestellt wurde, war Salvisberg gerade verstorben. Ab 1945 stockte Alfred Roth bereits das Lehrgebäude auf. Insgesamt lassen sich bis zur ersten denkmalgerechten Sanierung von 1994 bis 2001 neun Bauetappen ablesen.

Ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Bau- und Verformungsgeschichte des Maschinenlaboratoriums sind jedoch die fortlaufenden Unterhaltsarbeiten: Generationen von Hausmeistern reparieren, tauschen aus und ersetzen. Sie verändern wohl schleichend, aber massgeblich das ursprüngliche Erscheinungsbild. Als im Rahmen solcher Unterhaltsarbeiten die originalen Metallfenster am Lehrgebäude ausgewechselt werden sollten, opponierten die Architekturprofessoren der ETH: Erst jetzt erstellte man ein Sanierungskonzept, gestützt auf der Baugeschichte und Befunde vor Ort. Am Ende wurden die Fenster originalgetreu nachgebaut, und selbstverständlich blieb ein originales Referenzfenster erhalten. Aktuell soll der Komplex erneut ausgebaut werden, denn die ETH Zürich will neben ihrem Außencampus den Campus in der Innenstadt verdichten. Bereits seit 2000 denkt man über neue Nutzungsmöglichkeiten für das brachgefallende Fernheizkraftwerk nach.

Oberflächen oder Ortbeton

Mit dem Hochkamin des Fernheizkraftwerks hatten die Stadtzürcher ein Problem, denn Salvisberg verwendete dafür – mitten in einem der repräsentativsten Viertel und bei bester Fernwirkung – ausgerechnet Ortbeton. Als der Beton des Hochkamins bereits in den 1950er Jahren bröckelte, wurde er mit Freude verputzt. Dagegen musste die feingliedrige Betonfensterfront des Fernheizkraftwerks erst kurz vor 2000 saniert werden: Die Bewehrungseisen wurden freigelegt, entrostet, mit einem Schutzanstrich versehen, die zu geringe Überdeckung des Ortbetons mittels einer Schalung vergrößert. Mit Sackleinen wurden die erforderlichen Abdichtungsanstriche abgetupft, um rauhe Betonoberflächen nachzuahmen, verstärkt durch unregelmäßige Abdrücke von Schalungsbrettern.

Zürich, Maschinen-Laboratirum (Bild: Roland zh, CC BY SA 4.0, 2011)

Zürich, Maschinenlaboratorium, Textillabor und Fernheizkraftwerk mit Hochkamin an der Clausiusstraße (Bild: Roland zh, CC BY SA 4.0, 2011)

Auf den zeitgenössischen Fotografien scheint der asymmetrisch gesetzte Eingang in der Lehrgebäude-Fassade zu leuchten. Dabei gibt es hier nur kleine Wandleuchten, die dafür eigentlich nicht ausreichen dürften. Bis die Befunde zeigten, dass nicht nur die Wände mit großformatigen Kacheln vollständig belegt sind, sondern auch die Decke lackiert war, um das Licht optimal zu reflektieren. Leider liefern die historischen Schwarz-Weiß- Aufnahmen keine Informationen über die originalen Farbfassungen. Restauratoren untersuchten die Wandoberflächen: Ihre Befunde zeigte, dass nicht nur jede Etage eine eigene Farbe hatte, sondern auch die Räume unterschiedlich farblich abgestimmt waren. Die Raumgestaltungen im Lehrgebäude konnten – allerdings angepasst an das heutige Farbempfinden – größtenteils wiederhergestellt werden. Teile der originalen Möblierung wurden gefunden und inventarisiert. Damit konnten Musterzimmer komplettiert werden. Ein Professor integrierte sie in seine farblich rückgeführten Räume.

Spurengeschichte

Aktuell erfolgt gerade die zweite umfassende Sanierung des Maschinenlaboratoriums. Schwerpunkt ist die Umnutzung des Fernheizkraftwerks zu einem “Studenthouse” mit Arbeitsplätzen für Studenten. Dafür wurde jüngst das schon länger brachliegende Fernheizkraftwerk endgültig leergeräumt. Die Architekten (Itten und Brechbühl aus Bern), aber auch die Bauherrschaft nahmen die Hinweise der Denkmalpflege sowie der zugezogenen Experten auf, doch dem industriellen Charakter des Fernheizkraftwerks trotz der bereits vorausgegangenen hohen Verluste an technischer Ausstattung wie Heizkessel, Kohlentrichtern und Gitterrosttreppen bei der Umnutzung in der architektonischen Sprache und in der Behandlung der Substanz verstärkt Rechnung zu tragen. Die rohen Betonwände blieben, die Verletzungen durch die Brache und die Neunutzung lassen sich als Spuren ablesen. Die erforderlichen klimatischen Anpassungen erfolgen jetzt additiv durch aufgesetzte neue Fensterelemente.

Die Anregung der Denkmalpflege ein (digitales) Raumbuch zu erstellen, führte dazu, dass der Architekten- und Bauherrschaft sich intensiv mit dem Bestand auseinandersetzen. Gleichzeitig konnten Baualterspläne, sowie informative Kartierungen des Gebäudes nach Bauteilen, Materialien und Erhaltungszustand erfolgen. Immer wieder gilt es im Dialog die Frage zu beantworten: Wie umgehen mit dem Flickwerk, das sich in der Abfolge von Eingriffen gebildet hat? Wie die Brillanz dem Gebäudekomplex zurückgeben, ohne seine Verformungsgeschichte zu verleugnen.

Erinnerungsbilder

Das Fernheizkraftwerk als begehbare, engbestückte Heizmaschinerie ist Vergangenheit, nur mehr Erinnerungsbilder vorwiegend in Schwarz-Weiß blieben. 300 Studenten sollen den neuen Zugang nutzen. Das verändert das äußere Erscheinungsbild und die städtebauliche Einbindung ebenso die erforderlichen Aufstockungen. Das Kernproblem liegt an einer anderen Stelle: Schon vor Jahren wurde das Fernheizkraftwerk Stück für Stück abgebaut. Früher war man stolz auf dieses Wunderwerk der Technik. Koks wurde von der Bahn über einen Tunnel in 45 Meter Tiefe angeliefert, angesaugt und mit einem Becherwerk über 75 Höhenmeter in die Kohlentrichter transportiert. In 20 Sekunden brachte der Lift – schneller als sein berühmtes Gegenstück, der Birkenstock-Lift am Vierwaldstätter See – die Monteure in den Tunnel. Die Die Serie von Öltanks wurde aus Lastwagen betankt. Mit dem Ende des Fernheizwerks in der Innenstadt wurde diese Infrastruktur obsolet, der Abbau begann. Der Bau eines Atomreaktors zu Forschungszwecken unterblieb. Die Anlage fiel langsam leer, wurde Stück für Stück abgebaut, entkernt.

Ausnahmen

Für die zentrale große Maschinenhalle hatte Salvisberg 1930 diverse Ausnahmebewilligungen erwirkt. Die Halle wurde als Industriehalle eingestuft, sodass die Stahlbinder für den Brandfall nicht verschalt werden mussten. Heute erfordern Erdbebensicherheit und Brandfall aufwendige Simulationen und praxisorientierte Berechnungen, um die Binder so belassen zu können. Belichtet wurde die große Maschinenhalle ursprünglich über eine Glasprismendecke. Im Verlauf der Untersuchungen stellte man fest, dass diese Prismen tatsächlich noch in der Decke stecken. Sie wurden zugedeckt und das Dach begrünt. Die Hoffnung der Denkmalpflege und der Architekten ist es, die Decke der Maschinenhalle wieder zu öffnen, um der zentralen Halle das Licht zurückzugeben. Offen sind die Fragen der technischen Machbarkeit, der Beschattung, der Dichtigkeit und Lichtsteuerung.

Zürich, Maschinenlaboratorium der ETH, um 1934 (Bild: ETH Bibliothek, Zürich, PD)

Zürich, Maschinenlaboratorium der ETH, um 1934 (Bild: ETH Bibliothek, Zürich, PD)

Fragen an die nächste Generation

Das Maschinenlaboratorium ist nach wie vor ein lebendiger Organismus, und damit baugeschichtlich und denkmalpflegerisch “ein bunter Hund”. Auch wenn Studenten hier immer noch u. a. Maschinenbau studieren, hat sich die Art der Nutzungen doch verändert und das Gebäude ebenso. Damit stellen sich Fragen: Worin genau liegt bei einer derart langen, verwickelten und anhaltenden Baugeschichte wirklich der Denkmalwert eines Objektes? Wieviel Patina ertragen wir? Wie schön, wie ansprechend müssen Oberflächen und Räume nach Sanierungen sein? Wie stehen wir zur Alterung von Materialien? Jede Generation handelt neu aus, welche Denkmalobjekte sie haben und wie sie diese verformen will. Genau das geschieht gerade auch beim Maschinenlaboratorium, einer Inkunabel der Moderne nach wie vor. Wir und die nächste Generation benötigen dazu aber möglichst viel an originaler Substanz, um auf ihren dann aktuellen Wissensstand neu entscheiden zu können. Deshalb bleibt als einzige Prämisse an uns heute, weniger zu machen, um mehr Authentisches tradieren zu können.

Titelmotiv: Zürich, Maschinenlaboratorium der ETH, um 1934 (Bild: ETH Bibliothek, Zürich, PD)

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Winter 2020: Moderne lernen

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

Thomas Danzl und Andreas Putz über Behutsamkeit.

FACHBEITRAG: Das Maschinenlaboratorium der ETH Zürich

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Theresia Gürtler-Berger über einen innerstädtischen Koloss.

FACHBEITRAG: Das Bauhaus-Gebäude in Dessau

FACHBEITRAG: Das Bauhaus-Gebäude in Dessau

Monika Markgraf über eine Serie von Restaurierungen.

FACHBEITRAG: Das Arbeitsamt in Dessau

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Berthold Burkhardt über ein Ufo der Bauhaus-Ära.

FACHBEITRAG: Die Meisterhäuser von Dessau

FACHBEITRAG: Die Meisterhäuser von Dessau

Winfried Brenne über Diskussionen um die Inkunabeln.

PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

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Felix Wellnitz über ein Behaglichkeitsfeld.

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal "Haus am Dom"

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal “Haus am Dom”

Zur Sanierung des Hauses am Dom, Frankfurt.

FOTOSTRECKE: Der Einsteinturm in Potsdam

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Helge Pitz blättert sich durch die Baugeschichte.