Nach der Industrie

Auf welcher theoretischen Grundlage lassen sich industrielle und technische Anlagen der Nachkriegszeit denkmalpflegerisch bewerten? Jüngere Technikbauten zeigen gegenüber “klassischen” Industriedenkmälern eine strukturelle Veränderung: Entstanden seit den 1950er Jahren, entstammen sie einer zunehmend post-industriellen Phase, in der weniger die Produktion von Gütern als vielmehr die Distribution – das Bewegen – von Waren, Informationen und Personen im Mittelpunkt steht. Dies stellt die Anwendung etablierter Bewertungs- und Vergleichskriterien auf den Prüfstand: Brauchen wir für ein zunehmend deindustrialisiertes Zeitalter eine Industriedenkmalpflege 2.0?

“In Bewegung. Technik- und Industriedenkmalpflege in deindustrialisierten Zeiten” lautet der Titel eines Vortrags von Dr. Ralf Liptau und Dipl.-Ing. Rasmus Radach, Sachgebiet Industriedenkmalpflege des LVR-ADR, der sich mit den jungen Denkmalen und dem Umgang mit ihnen befasst. Der LVR lädt HEUTE, Donnerstag, den 17. März 2022 um 18.00 Uhr zum Zoom-Meeting, um dem Vortrag virtuell zu folgen. Die Teilnahme ist kostenfrei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Veranstaltung ist Teil der Online-Reihe “Denkmalpflege im Blick”, weitere Termine finden Sie hier. (db, 17.3.22)

Zoom-Link: https://eu01web.zoom.us/j/63319168435?pwd=OWVKYzVQNWV4MFAxWHJqMGxkWDI1dz09

Meeting-ID: 633 1916 8435, Kenncode: 557047

Effelsberg, Radioteleskop (Bild: Jürgen Gregori, LVR/ADR)

DOCOMOMO-Tagung 2022

Es sind leider immer die Momente der Bedrohungen, in denen die Erhaltung in den Blickpunkt gerät. So auch bei den Zeugnissen einer reichen Industriekultur, wie sie im Ruhrgebiet ab den 1960er Jahren langsam aus ihrer angestammten Nutzung fielen. Nach und nach taten sich Menschen zusammen, die Erinnerungen oder Werte mit diesen Bauten und Anlagen verbanden. 1969 wurde die Zeche Zollern zum ersten Industriedenkmal in Nordrhein-Westfalen, 1984 wurde der Begriff industrielles Erbe vom Europarat anerkannt. In den 1990er Jahren konnte so ein Teil der zweiten Welle stillgelegter Industrieanlagen aufgefangen und teils unter Schutz gestellt werden. Viele dieser Bauten fielen mit den Entwicklungen der Moderne zusammen, denn der durch den Stil verkörperte Fortschrittsoptimismus traf sich mit den Intentionen der Industriellen.

Vor diesem Hintergrund lädt die Moderne-Initiative DOCOMOMO vom 29. April bis zum 1. Mai 2022 zur 19. Deutschland-Tagung in die Zeche Zollverein (Halle 12, Essen) – es gelten coronabedingt besondere Anmeldekonditionen. Hier sollen zum einen die bislang gesammelten Informationen und Erfahrungen rund um das industrielle Kulturerbe gesammelt werden. Zum anderen geht es um einen Kassensturz, wie es nach der Euphorie der 1990er Jahre aktuell um diesen Denkmalbestand bestellt ist. Hier ist nicht zuletzt der Tagungsort selbst ein gutes Beispiel für den Erfolg, aber auch die bleibenden Herausforderungen dieser Bau- und Denkmalgattung. Für die Tagungsbeiträge wird nicht nur die architektonische oder denkmalfachliche Perspektive gewählt. Ebenso kommen Vertreter:innen aus Kunst, Marketing, Film und Musik zu Wort. Nicht zuletzt werden auch studentische Arbeiten zum Thema in den Mittelpunkt gerückt. (kb, 25.2.22)

Zeche Zollverein (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Felina-Areal verkauft

Im Mannheimer Wohngebiet Neckarstadt-Ost liegt ein traditionsreiches Industrieareal (das unerklärlicherweise nicht einmal teilweise unter Denkmalschutz steht): Die ehemaligen Felina-Werke, in denen von 1898 bis 2004 BHs und Miederwaren hergestellt wurden. Felina ist mittlerweile in der “European Lingerie Group” aufgegangen. Das Werk in Mannheim mit Bauteilen von 1898-1914, 1928-33, 1936 und aus den 1950ern wird von der Firma nur noch zu einem kleinen Teil genutzt, der Rest ist bereits länger an diverse Firmen und städtische Einrichtungen vermietet. Jetzt hat der Projektentwickler Cube Real Estate das rund 8.500 Quadratmeter große Areal von einem Kreis privater Investoren gekauft. Innerhalb der kommenden 4 bis 5 Jahre plant man die Umnutzung in ein “urbanes Stadtquartier” mit Wohn- und Gewerbenutzung. Über den Kaufpreis haben die Parteien Stillschweigen vereinbart.

Zu den derzeitigen Mietern gehören unter anderem die Stadt Mannheim mit dem Jugendamt und einer Theaterakademie, Felina selbst mit Verwaltungseinheiten und einem Outlet-Store, ein Rewe-Supermarkt und der Textildiscounter NKD. Beim sukzessiven Umbau hin zu einem nachhaltigen Stadtquartier will sich der Investor eng mit den Bestandsmietern und der Stadt Mannheim abstimmen. Auch die vorhandene Bausubstanz soll größtenteils erhalten bleiben. In den Gewerbe- und Produktionshallen sind unter anderem kompakte Wohnungen, Büros, Ateliers sowie Flächen für Handel, Gastronomie und Medizin entstehen. Ziel sei es, das Quartier durch Nutzungsarten, die viele verschiedene Menschen und Zielgruppen anziehen, zu beleben. Auch bei der Namensgebung des neuen Quartiers soll die Historie des Areals einbezogen werden. (db, 19.11.21)

Mannheim, Felina (Bild: Frank C. Müller, CC BY-SA 4.0)