Schlagwort: Industriekultur

Aufgearbeitete historische Leuchten (Bild: jolg.de)

Eine zweite Chance für alte Leuchten

Da hängen sie friedlich nebeneinander, die französische Fadenlampe, die Straßenlaterne und der flaschengrüne Emailleschirm. Alle ein wenig angeschlagen, mit liebenswerten Gebrauchsspuren, aber technisch frisch aufgearbeitet und warten auf ein neues Zuhause. Der Anbieter JØLG  hat sie in Fabriken, Werkstätten und Scheunen aufgestöbert. Hinter dem Label stecken Romina Mangler und Johannes Lämmerhirt und ihre Begeisterung für das Industriedesign der 1920er Jahre. Nachdem sie eine alte Industrielampe für ihr eigenes Esszimmer gefunden hatten, machten sie daraus eine Geschäftsidee: Sie sammeln alte Emaille-Leuchten, restaurieren sie und versehen sie mit einem neuen Kabel.

Inzwischen hat sich das Konzept zur veritablen Online-Fundgrube ausgeweitet. Jeder Kunde kann sich zu seiner Lampe auch sein Lieblingskabel auswählen und damit individualisieren. Heute sucht und sammelt JØLG in ganz Europa alte Lampenschirme aus der Industrie. Meist sind die über 50 Jahre alten Leuchten aus Emaille und mit der ausdrücklich erwünschten Patina versehen. Die teilweise in Vergessenheit geratenen Raritäten stehen auch für ein Stück Industriegeschichte und überzeugen durch Handwerkskunst, Design, hochwertiges Material und langlebige Qualität. Das Angebot reicht heute von alt bis neu, umfasst Hängelampen, Wandlampen, Bunkerlampen, Lampenzubehör, Uhren, Regale und Wohnaccessoires. (kb, 4.4.18)

Aufgearbeitete historische Leuchten (Bild: jolg.de)

Dresden, Zentralwerk Mitte (Bild: zentralwerk.de)

Industrie-Kultur-Parkour

Mit dem „Industrie Kultur Parkour“ erkundet der Verein „Konglomerat“ vom 13. bis 15. Oktober ehemalige Industriestandorte in Dresden. Zwei begleitete Stadtwanderungen führen zu ausgewählten Standorten. Projekthäuser öffnen ihre Türen und bieten in teils improvisierter Baustellenatmosphäre ein breites künstlerisches Programm. Mit von der Partie sind: das „Zentralwerk“ (in einer ehemaligen Waffenfabrik in Dresden-Pieschen), „GEH8“ (in einer ehemaligen Waggonwerkstatt in Dresden-Pieschen), „LÖ14“ (auf ehemaligem Gaswerkareal in Dresden-Neustadt), die „Blaue Fabrik“ (im ehemaligen Leipziger Bahnhof in Dresden-Neustadt), „OSTRALE“ (auf ehemaligem Schlachthofgelände in Dresden-Friedrichstadt), die „Betriebsküche“ (in einer ehemaligen Kantine in Dresden-Friedrichstadt), das „Kraftwerk Mitte“ (auf einem ehemaligen Gaskraftwerkareal in Dresden-Mitte), das „#Rosenwerk“ (in ehemaligem Post-Umschlagzentrum in Dresden-Löbtau) und das „Kino in der Fabrik“ (im ehemaligen Kupplungswerk in Dresden-Löbtau).

Das Industriekultur-Wochenende startet am 13. Oktober ab 19 Uhr im Kraftwerk Mitte mit einer Input-Veranstaltung. Am 14. und 15 Oktober folgen jeweils ab 19 Uhr – im Anschluss an die Stadtwanderungen – die Diskussions-Dinners. Zusätzlich gibt es vier kleinere Führungen mit historischem Schwerpunkt. Eindrücke und Erkenntnisse des Wochenendes bereiten die Veranstalter dann als Radiosendung als „Audiowalk“ auf. Damit wollen sie in Dresden das öffentliche Interesse wecken, zeigen, was diese Stadt bietet und danach fragen, was Industriekultur gerade hier bedeutet. Informationen und Anmeldungen sind online möglich unter: www.konglomerat.org/projekte/inkupa.html. (kb, 30.9.17)

Dresden, Zentralwerk (Bild: zentralwerk.de)

Hattersheim-Okriftel, Phrix-Papierfabrik 2010 (Bild: Karsten Ratzke)

Wohnen in der Phrix

Der Name Hattersheim-Okriftel verheißt zunächst einmal wenig Glamour. Doch steht hier eine der beachtlichsten historischen Industrieanlagen des Rhein-Main-Gebiets: die frühere „Phrix“-Papier- und Zellulosefabrik. 1970 wurde die gewaltige Anlage, die direkt an den Main grenzt, geschlossen und stand seither teilweise leer, teilweise wurde sie durch Autohändler und Kleinbetriebe genutzt. Und einige Jahre lang hatte ein Erfinder in einer Halle sein streng abgeschirmtes Versuchslaboratorium. Der Verfall der zwischen 1885 und den 1950ern errichteten Gebäude war indes nicht aufzuhalten: Die Phrix entwickelte sich zu einer der schönsten Ruinenlandschaften Hessens, gab für Fernsehserien wie „Ein Fall für zwei“ und „Tatort“ die malerische Kulisse ab. Seit 2001 hat auch die Phrix-Künstlergemeinschaft ihre Ateliers auf dem Areal, auf dem einst rund 1000 Menschen arbeiteten.

Ob die Kunst weiterhin dort verbleiben wird, ist fraglich. Die Kleinbetriebe haben an diesem Ort auf jeden Fall keine Zukunft mehr: 2016 kaufte die Prinz von Preussen Grundbesitz AG die teils denkmalgeschützten Hallen und hat große Pläne. Hier entstehen in naher Zukunft die „Main Riverside Lofts“, rund 270 Luxuswohnungen, die in die bestehenden Backsteingebäude eingefügt werden. Zum Abriss freigegeben seien nach Auskunft der Eigner lediglich einige Nebengebäude. Ausführende Architekten des 100-Millionen-Euro-Projekts sind Albert Speer & Partner. Baubeginn ist Frühjahr 2018, die Vermarktung der Wohnungen läuft bereits. (db, 6.6.17)

Hattersheim-Okriftel, Phrix-Fabrik, um 2010 (Bild: Karsten Ratzke)

Gotha, Pero-Werk (Bild: Jan Knobel)

Industriekultur in Thüringen

Im Europäischen Kulturerbejahr „Sharing Heritage“ widmet sich das Thüringer Themenjahr „Industrialisierung und soziale Bewegungen“ 2018 – pünktlich zum 200. Geburtstag von Karl Marx – dem Industriellen Erbe. Zwölf Referenten aus sechs Bundesländern kommen im Vorfeld nach Erfurt und Arnstadt. Das Symposion „Industriekultur in Thüringen“ findet vom 12. bis 13. Juni 2017 im Milchhof Arnstadt (Quenselstraße 16, 99310 Arnstadt) statt. Auf dem Programm stehen geführte Tagestouren ebenso wie Vorträge und Workshops. Die Elemente der Veranstaltung sind teils öffentlich, teils nur gegen Voranmeldung zu besuchen.

Da Symposion will auch für Thüringen eine „Straße der Industriekultur“ in Angriff nehmen und diese in das europäische Netzwerk der „European Route of Industrial Heritage“ einfügen. Zugleich geht es darum, das Bewusstsein um die Bedeutung des baulichen und technischen industriellen Erbes in Thüringen zu schärfen. Geplant sind fünf Themenschwerpunkte: Erfahrungen in anderen europäischen Regionen, die Lebensqualität in den Städte, das urbane Nebeneinander von Wohnen, Gewerbe, Handel und Erholung, die Einbeziehung der Unternehmen vor Ort sowie die Umlenkung der öffentlichen Mittel weg vom Abriss hin zur Erhalts- bzw. Notsicherung. (kb, 27.5.17)

Gotha, Pero-Werk (Foto: Jan Kobel)

Stillgelegt

Stillgelegt_Bild_DuMont-VerlagDer DuMont-Bildband „Stillgelegt – 100 verlassene Orte in Deutschland und Europa“ zeigt die ganze Bandbreite der „Lost Places“: ungenutzte Werkhallen und Förderschächte, verfallene Heilanstalten, Kultur-  und Sportstätten, vor sich hin rottende Kriegsdenkmäler, Bunker und Kasernen, die zumeist in den letzten 100 Jahren entstanden. Die Fotografien von Thomas Kemnitz, Robert Conrad und Michael Täger dokumentieren das Schicksal dieser Orte und Gebäude, die aus unterschiedlichen Gründen verlassen und dem Verfall preisgegeben wurden – weil sich politische Konstellationen verändert haben, bestimmte Industriezweige aufgegeben wurden, Orte ihre Bedeutung verloren haben.

Die 100 Orte werden nicht chronologisch, sondern nach ihrer ursprünglichen Nutzung, auf fünf Kapitel verteilt, vorgestellt. Am Ende der Kapitel werden in kurzenTexten die wichtigsten Fragen zu den Objekten beantwortet: Wann und von wem wurden sie gebaut? Für welche Nutzung? Wieso wurden sie verlassen? Wie ist der Zustand heute? Aus Deutschland sind u. a. mit dabei das Kernkraftwerk Rheinsberg, die Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken in Lübeck und das Chemiewerk Kapen in Wörlitz. (kb, 2.9.16)

Kemnitz, Thomas/Conrad, Robert/Täger, Michael, Stillgelegt – 100 verlassene Orte in Deutschland und Europa, DuMont-Verlag, 2015, 224 Seiten, 22,8 cm x 27,5 cm, ISBN 9783770188888.