O-Ton Ostmoderne

In seiner Einführung zum neuen Band “Architektur und Städtebau in der DDR” spricht der Leipziger Kunsthistoriker Arnold Bartetzky immer wieder von einem sich schließenden (Zeit-)Fenster. Denn so breit aktuell auch zur Ostmoderne geforscht wird, so wenig kamen bislang viele der Zeitzeug:innen direkt zu Wort. Der bei Dom Publishers veröffentlichte Interviewband – herausgegeben von Bartetzky gemeinsam mit Nicolas Karpf und Greta Paulsen – gründet in einer Initiative der Landesgruppe Mitteldeutschland der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung 2015, wurde weitergeführt in einer Leipziger Kunstgeschichte-Lehrveranstaltung 2017/18. Gesprochen wurde mit Bruno Flierl, Wolfgang Kil, Dietmar Fischer, Johannes Schulze, Marta Doehler-Behzadi, Heike Scheller, Frieder Hofmann, Wolfgang Hocquél, Winfried Sziegoleit, Angela Wandelt, Michael Bräuer und Wulf Brandstädter.

Die Publikation weitet an vielen Stellen die Perspektive, indem sie mit Architekt:innen und Architekten spricht, nach Neubauten ebenso fragt wie nach der Altbausanierung, die späten Jahren der DDR ebenso in den Blick nimmt wie die erste Zeit nach der Wende, neben Leipzig und Berlin auch nach Halle, Rostock und Greifswald schaut. Immer wieder ist der Stolz der Architekt:innen auf das Erreichte zu spüren. So blüht der Architekt Frieder Hofmann regelrecht auf, als ihm die befragende Studentin berichtet, dass die Altstadtplatte bei ihren Kommiliton:innen (wieder) sehr beliebt seien: “Wir sind auch nach wie vor stolz und zufrieden, wenn wir nach Greifswald fahren.” Um nicht in einer subjektiven Perspektive zu verharren, wurde allen Interviews ein, teils variierter, Leitfaden zugrunde gelegt. Zudem werden alle Persönlichkeit mit biografischen Daten vorgestellt und ihre Ausführungen durch Abbildungen und Fußnoten gesondert hinterlegt. Und wie notwendig solche Projekte sind, zeigte 2021 der Tod von Winfried Sziegoleit, dessen Erinnerungen in diesem Band noch dokumentiert werden konnten. (kb, 3.6.22)

Bartetzky, Arnold/Karpf, Nicolas/Paulsen, Greta (Hg.), Architektur und Städtebau in der DDR. Stimmen und Erinnerungen aus vier Jahrzehnten, Dom Publishers, Berlin 2022, 21 × 23 cm, 272 Seiten, 170 Abbildungen, Softcover, ISBN 978-3-86922-784-9.

Leipzig, Bowlingtreff (Bild: MKBler, CC BY SA 4.0, 2019)

Frei Ottos letztes Interview

Seine zeltartigen Dachkonstruktionen sind legendär, neben Gottfried Böhm ist er der einzige deutsche Architekt, der je mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde: Frei Otto. Und er war der erste Preisträger, dem diese Ehre posthum zu Teil wurde – Frei Otto verstarb im Jahr 2015 zwei Monate vor der Preisverleihung. Ein kürzlich erschienenes Buch porträtiert den Architekten nun anhand der letzten Interviews, die Frei Otto vor seinem Tod gab.

Die Basis des Buches sind intensive Gespräche, die Frei Otto mit seinem Freund und Kollegen Reinhard Erfurth in den Jahren 2011 bis 2013 führte. Sie galten nicht nur der Architektur der Moderne, sondern drehten sich um diverse gegenwärtige Themen und gipfelten in der zentralen Frage nach dem Leben, Wohnen und Bauen der Zukunft. Das Buch ist mit seltenen Aufnahmen der Arbeiten Frei Ottos illustriert, die teils aus privaten Beständen stammen. Als Mitautorin fungiert Christine Otto-Kanstinger, die Tochter des Architekten. (jr, 5.7.18)

Erfurth, Reinhard, Otto-Kanstinger, Christine, Frei Otto. Die Zukunft hat schon begonnen. Visionen eines großen Architekten, hg. v. Industrieverein Sachsen 1822 e. V., Chemnitz 2017, ISBN 978-3944509372.

Olympiapark München, Frei Otto (Bild: Tiia Monto, CC BY SA 3.0)