Kleve-Reichswalde: Das Bistum klagt

Schon seit Mai 2018 wird um die Zukunft der 1956 geweihten Herz-Jesu-Kirche in Kleve-Reichswalde gerungen: Damals musste der Bau wegen statischer Probleme der Deckenkonstruktion geschlossen werden, für eine Renovierung waren 1,5 Millionen Euro im Gespräch. Doch statt einer Sanierung kam 2019 der Abriss (für einen sakralen Neubau mit Gemeinderäumen) ins Gespräch – nur diesen wolle das Bistum finanzieren. Vor Ort regte sich rasch Widerstand, eine Initiative sammelte Unterschriften für den Erhalt. Der laufende Antrag auf Unterschutzstellung führte seitens der Stadt Kleve zunächst zu einem Abrissverbot und damit zu einer Atempause, um über das weitere Vorgehen ins Gespräch zu kommen.

Noch 2016 hatte man vor Ort stolz den 60. Weihetag der Herz-Jesu-Kirche gefeiert. Im Mittelpunkt stand auch die Bedeutung des Bauwerks für die Gemeinde- und Ortsgeschichte sowie für das Stadtbild. Während bislang vor allem die emotionale Bindung der Menschen an den Gottesdienstraum in den Vordergrund gerückt wurde (immerhin hatte man 1956 viel Eigenleistung eingebracht), steht die Herz-Jesu-Kirche nun offiziell unter Denkmalschutz. Damit wird auch die Arbeit des damals leitenden Architekten Johannes Heimbach (Goch) neu gewürdigt. Was nach außen mit Rosette und Satteldächern eher traditionell daherkommt, erweist sich im Inneren als hell gefasster gerichteter Gottesdienstraum, als moderne Interpretation der mittelalterlichen Basilika – mit Holzdecke, Rundbogenmotiven und einer ornamentalen Glasgestaltung. Doch die Einschätzungen des Bauwerks gehen offenbar dauerhaft auseinander: Das Bistum hat sich nun zur Klage gegen die Unterschutzstellung entschlossen. (kb, 19.4.21)

Kleve-Reichswalde, Herz-Jesu-Kirche (1956, Johannes Heimbach) (Bild: MiraculixHB, CC0 1.0, 2010)

Ein unfreiwilliger Einzelgänger wird 30

Bevor die evangelische Kirche in Gießen-Vetzberg errichtet werden konnte, musste ihre Größe mit einem 1:1-Holzmodell simuliert werden. Denn als Standort für die neue Predigtstätte hatte man sich den inzwischen stillgelegten Friedhof ausgesucht. Und hier wollte die Denkmalpflege sicher gehen, dass das Bauvorhaben den historischen Charakter nicht beeinträchtigen würde. Schon in der Planung war man ungewöhnliche Wege gegangen. Für den Entwurf hatten die Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und die Otto-Bartning-Stiftung einen Wettbewerb ausgelobt: In der Tradition der Bartning-Notkirchen suchte man Gemeindehaustypen, die sich seriell an unterschiedlichen Orten umsetzen ließen. Die späteren Darmstädter Architekten Rolf Hempelt und Manfred Bernhardt konnten das Rennen für sich entscheiden konnten – und fügten ihre Einzelentwürfe schließlich zu einem gemeinsamen Gesamtkonzept zusammen. Am Ende waren Gemeinde und Denkmalpflege gleichermaßen von diesem experimentellen Vorhaben überzeugt.

Vor dem Neubau musste die Gemeinde in Vetzberg die Schule für Gottesdienste nutzen. Nun stand ihr ein flexibel bestuhlter Raum zur Verfügung, den man mit einer Schiebewand zum Foyer hin vergrößern konnte. Dafür wurden die Wände von der Skelettkonstruktion getrennt, damit hätte man den Innenausbau an unterschiedlichen Orten auf die jeweiligen Bedürfnisse anpassen können. Streng genommen steht der 30. Geburtstag erst in einigen Monaten an, denn die Einweihung wurde damals 1992 begangen. Doch in diesem Jahr feiert die Gemeinde „50 Jahre Biebertal“ – und rückt damit gleich auch die Vetzberger Kirche (1992) ins Rampenlicht. Aus den Plänen, mit der experimentellen Kleinkirche in Serien zu gehen, wurde nichts – was aus der Vetzberger Predigtstätte heute ein qualitätvolles Einzelstück macht, das seinerzeit mit der Simon-de-la-Ruy-Plakette des BDA ausgezeichnet wurde. (kb, 17.3.21)

Gießen-Vetzberg, Ev. Kirche (Bild: GF Third Life, CC BY SA 3.0, 2016)

Streit um „Hakenkreuz-Dekor“ geht weiter

Der Streit schwelt seit zwei Jahren: Ab 2019 wollte man in Essen die Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung umgestalten – und in ein neues, weiß-neutrales Gewand hüllen. Erbaut 1937 von den Architekten Carl Conradi und Paul Dietsch, zeigte der Gottesdienstraum typische Merkmale seiner Zeit: eine neoklassizistische Wandgliederung und viel Holz. Doch dann schlug die Debatte um die figurative bzw. zeichenhafte Ausstattung der Kapelle hohe Wellen. Das Altarbild mit dem blondgelockten Jesus wurde bereits 1994 entfernt. Für die Glasgestaltung hatte Carl Bringmann eine ähnlich herbe Formensprache der 1930er Jahre gewählt. Und die Balkendecke schmückte man mit christlichen Symbolzeichen in ornamentalen, hakenkreuzartigen Verschlingungen. Trotz anhaltender Proteste wurde die Kapellendecke im Mai 2019 „aus Gründen des Brandschutzes“ abgenommen und eingelagert.

Inzwischen steht die Kapelle unter Denkmalschutz (samt Decke), aber ihr Schicksal ist weiterhin offen und macht Schlagzeilen. Vor zwei Tagen meldete „Bild“, dass der Denkmalschutz die Wiedereinweihung der Kapelle verzögere. Superintendentin Marion Greve äußerte gegenüber der Zeitung: Sollten die Hakenkreuze bleiben müssen, sei für sie eine Weiternutzung des Raums als Kapelle „ganz unvorstellbar“. Das LVR-Denkmalamt hingegen empfahl gegenüber „Bild“ eine öffentliche Diskussion, ob eine „nur teil- oder zeitweise Sichtbarmachung der Decke“ eine Alternative sein könne – und bot damit schon eine weitreichende Kompromisslösung an. Der Totalverlust könnte Essen um eine prägende Dimension seiner modernen Geschichte berauben, denn gerade solch spannungsvolle Räume lehren die Betrachter:innen – über altes Schubladendenken von „guter“ und „schlechter“ Moderne hinaus – viel über eine vielschichtige Stilepoche. (kb, 14.3.21)

Titelmotiv: Essen, Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung (Bild: StagiaireMGIMO, CC BY SA 4.0, 2018). Facebookbild: Essen, Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung (Bild: Wiki05, gemeinfrei, 2009).