Die dritte Kirche

“Zukünftig werden 25 bis 30 Prozent der nordrhein-westfälischen Kirchenbauwerke außer Dienst gestellt werden” – da ist es, das Viertel oder gar Drittel, das schon so lange (fast) unausgesprochen im Raum steht. Jetzt hat sich die “Landesinitiative StadtBauKultur NRW” des Problems angenommen. Am 14. Februar 2019 startet das Projekt “Zukunft – Kirchen – Räume” mit einer Auftaktveranstaltung und der feierlichen Onlinestellung der dazugehörigen Homepage. Kurz vor Beginn sprach moderneREGIONAL mit dem Architekten Tim Rieniets, Professor für Stadt- und Raumentwicklung in Hannover und – bis 2018 als Geschäftsführer von StadtBauKultur NRW – Initiator des Projekts. (11.2.19)

moderneREGIONAL: Herr Prof. Rieniets, wie kommt es zu dieser großen Zahl von fast einem Drittel der nordrhein-westfälischen Kirchen, die künftig aus der liturgischen Nutzung genommen werden?

Tim Rieniets: Diese Zahl ist natürlich mit etwas Vorsicht zu genießen, da man nur schwierig an verlässliche und vollständige Werte kommt. Daher haben wir uns bei der Landesinitiative StadtBauKultur NRW die beiden Kommunen vorgenommen, in denen es ein Kirchenkataster gibt: Bochum und Gelsenkirchen. Hier sind bereits rund ein Drittel der Kirchenräume von Schließung betroffen. Und wir glauben, diese Entwicklung kommt auch auf viele andere Kommunen in NRW zu.

mR: Warum werden diese Kirchen geschlossen?

TR: NRW war nach dem Zweiten Weltkrieg durch ein starkes Bevölkerungswachstum und Zuwanderung geprägt, darunter auch viele katholische und evangelische Christen. Hinzu kamen ausgesprochen baufreudige Landeskirchen und Bistümer mit einem optimistischen Blick in die Zukunft. Doch so stark, wie damals alles gewachsen ist, so radikal kam auch der demographische Wandel. Mit der sinkenden Zahl an Kirchenmitgliedschaft und vor allen an Gottesdienstbesuchen werden dann teils auch die Kirchengebäude in Frage gestellt.

mR: Dann trifft es vor allem die Kirchen des 20. Jahrhunderts?

TR: Nicht nur, auch Bauten aus dem 19. Jahrhundert sind darunter. Aber sicher wurde in den Nachkriegsjahrzehnten besonders viel gebaut – und besonders gerne an dezentralen Standorten in damals neu entstehenden Stadtteilen. Wenn heute Gemeinden zusammengelegt werden, dann stehen zuerst die abgelegeneren Kirchenräume zur Disposition. Das hat wohl auch emotional-geschmäcklerische Gründe: Für viele Menschen entsprechen historisch anmutende Bauten eher ihrem heimeligen Bild von Kirche. Mit der Moderne wird oft noch gefremdelt. Bis in die 1970er Jahre hinein galt auch der Historismus als wertlos. Das hat sich inzwischen geändert, so könnte es auch mit den Nachkriegsbauten gehen.

mR: Nicht jede von Schließung bedrohte Kirche hat das Glück, von einem großen Architekten an prominenter Stelle errichtet worden zu sein. Was wird aus den zunächst unscheinbaren Stadtteilkirchen?

TR: Große Kirchen in prominenter Lage haben es natürlich einfacher, Menschen zu finden, die sich für ihren Erhalt einsetzen. Aber es gehört zum Anspruch unseres Projekts “Zukunft – Kirchen – Räume”, dass auch die Stadtteilkirchen eine Chance bekommen. Es geht nicht nur um Exzellenz. Vielleicht ist es ja gerade dieser zunächst unscheinbare Raum, der jetzt in seinem Quartier eine neue Bedeutung erlangen kann.

 

Virtuelle Karte bedrohter (hellgrün), geschlossener (schwarz), abgegebener (violett), umgenutzter (dunkelgrün) und abgerissener (rot) Kirchenbauten des Historismus und der Moderne in NRW (Auszug aus der moderneREGIONAL-Karte “invisibilis”)

 

 

mR: Was genau erwartet uns am 14. Februar?

TR: Eine Homepage, wie es sie noch nicht gibt! In drei Sparten werden Informationen bereitgestellt, damit von einer Schließung betroffene Gemeinden und Initiativen durchstarten können: Erstens werden rund 60 beispielhafte Umnutzungen aus ganz NRW vorgestellt. In einer zweiten Kategorie findet sich viel baufachliches Wissen für diese außergewöhnliche Aufgabe – von der Ideenfindung bis hin zu den Besonderheiten des Kirchenrechts. Und an dritter Stelle haben wir die Kontaktdaten von Fachleuten zusammengestellt, die bei diesen Prozessen helfend zur Seite stehen können: Ingenieure, Architekten und Moderatoren.

mR: Gemeinden und Initiativen können sich bei Ihnen bewerben.

TR: Zunächst hoffen wir, dass möglichst viele Interessierte in und über NRW hinaus die Homepage nutzen. Aber natürlich ist eine individuelle Beratung durch nichts zu ersetzen. Wer als Gemeinde oder gemeinnützige Initiative noch ganz am Anfang des Prozesses steht, kann sich bei unserem Offenen Projektaufruf bewerben. Eine Jury wählt rund acht Projekte aus, die über rund zwei Jahre intensiv begleitet werden.

mR: Warum engagieren Sie sich als Landesinitiative für diese Bauten? Das ist doch eigentlich ein innerkirchliches Thema …

TR: Wir haben es hier mit einem bedeutsamen gesellschaftlichen Transformationsprozess zu tun. Nachdem sich die Entwicklung schon seit mehreren Jahrzehnten angebahnt hat, manifestiert sie sich nun im Stadtraum. Da wird unser baukulturelles Erbe massiv in Mitleidenschaft gezogen. Wir dürfen diesen Wandel nicht allein dem Immobilienmarkt überlassen oder hoffen, dass die Kirchen diese Aufgabe alleine bewältigen können. Wir müssen diesen Wandel– gemeinsam mit den Kirchen, der Denkmalpflege und anderen Partnern – aktiv mitgestalten. Dann können wir in 20 oder 30 Jahren zurückblicken und sagen: Wir haben das Beste daraus gemacht!

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Ab dem 14. Februar 2019 freigeschaltet: die Projekthomepage.

Das von StadtBauKultur NRW initiierte Projekt “Zukunft – Kirchen – Räume. Kirchengebäude erhalten, anpassen und umnutzen” findet in Kooperation mit der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen und der Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen unter Mitwirkung der (Erz-)Bistümer und Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen und Unterstützung des M:AI Museum für Architektur- und Ingenieurkunst NRW und der RWTH Aachen statt.

Titelmotiv: Köln-Buchforst,
die kulturell genutzte Auferstehungskirche (Bild: K. Berkemann), die Bildnachweise zu den anderen Fotografien öffnen beim Klick auf das jeweilige Motiv.

Wörth: Boom-Town am Rhein

von Tobias Flessenkemper mit Fotos von Gregor Zoyzoyla

Das einst beschauliche Fischerdorf Wörth am Rhein wurde 1977 zur Stadt. Im neu gegründeten Rheinland-Pfalz waren die pfälzischen Landesteile in der Nachkriegszeit wirtschaftlich unterentwickelt. Ziel der Ministerpräsidenten Peter Altmeier (1947-69) und Helmut Kohl (1969-76) war die (industrielle) Entwicklung des gesamten neuen Bundeslands. In Wörth gelang der Coup, als sich hier in den 1960er Jahren das weltweit größte Mercedes-Benz LKW-Montagewerk ansiedelte. Die Region wurde zudem europäisches “Ölkreuz”, an dem Pipelines aus Marseille, Triest und Genua zusammenliefen. 1970 eröffnete dann Mobil Oil eine Groß-Raffinerie. Industrieansiedlungen und das Wachstum der Oberrhein-Region um Karlsruhe ließen die Bevölkerung explodieren: Zwischen 1950 und 1970 verdoppelte sie sich und wuchs auf heute über 17.000 Menschen an. Wörth war zur Boom-Town des Ölzeitalters geworden.

Die “neue Stadt” im Wald

Wörth entschloss sich, einen neuen Stadtteil auf dem östlich gelegenen Dorschberg “im Wald” oberhalb des am Altrhein gelegenen historischen Orts zu errichten. Mit dem neuen Rathaus wurde aber auch signalisiert, dass der Dorschberg mehr als eine Trabantenstadt sein sollte. Er erhielt wichtige Schulen und Kirchen, eine Einkaufspassage, Sport- und Grünanlagen. In zwei Bauabschnitten entstand zwischen 1967 und 1975 das heutige Europa-Gymnasium nach Entwürfen des Architekten Egon Seidel. Die Jury lobte den Entwurf als gelungenen Schwerpunkt eines zukünftigen Stadtzentrums.

In der Wörther Ortschronik heißt es weiter: “Kultusminister Dr. Bernhard Vogel bezeichnete in seiner Festrede den Bau des Gymnasiums in Wörth als so bedeutsam für das südostpfälzische Industriegebiet wie die Gründung der Universität in Kaiserslautern in der Pfalz”. Außerdem entstanden Anfang der 1970er Jahre das Rathaus gegenüber dem Gymnasium, die katholische Pfarrkirche St. Theodard (1969-73) von Alois Atzberger und verschiedene Wohnquartiere für leitende und höhere Angestellte der Industrie und Arbeiterfamilien. Die moderne Stadtlandschaft auf dem Dorschberg wurde natürlich autogerecht angelegt, zum Ausgleich gab es u. a. einen zentralen Stadtpark und eine autofreie Fußgängerzone.

Amtlich geprüft

Vor Ort ist man heute besorgt um den Erhalt dieses qualitätvollen Erbes. Auch der Arbeitskreis Nachkriegsmoderne des RVDL (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz) engagiert sich für die nachkriegsmodernen Bauten auf dem Dorschberg. Vor diesem Hintergrund prüft die Generaldirektion für Kulturelles Erbe des Landes Rheinland-Pfalz (GDKE) seit August 2018 die Denkmalwürdigkeit des Europa-Gymnasiums und anderer Teile des Ensembles. Eine Inventarisation hat noch nicht begonnen und auch die Namen von Architekten und Künstlern sind noch nicht alle bekannt. Doch bereits jetzt überzeugen die Bauten – entstanden zu einer Zeit, als die Steuereinnahmen noch flossen, als Kunst am Bau verpflichtend war für öffentliche Projekte – durch ihre hohe Qualität vom architektonischen bis zum ausstattenden Detail. (24.8.18)

Literatur

Orts-Chronik Wörth am Rhein, Band 1, 1983, hierin: S. 1690.

Der Arbeitskreis Nachkriegsmoderne des RVDL (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz) freut sich über Hinweise, Bilder, Zeitungsausschnitte oder weitere Informationen über Wörth am Rhein und Dorschberg.

Der Dank des Autors für erste Informationen geht an Gregor Zoyzoyla, Philipp Ost, Cordula Schulze und Sascha Köhl.

Irgendwas bleibt immer hängen

Da waren jene Italienurlaube in den 1970er Jahren, als der Vater vor romanischen Kirchen die große Baukunst erklärte. Als der Sohn derweil mit dem Micky-Maus-Heft in eine nochmals andere Welt abtauchte. Die Begeisterung für Architektur sprang zwischen den Sprechblasen dann doch irgendwie über. Später. Ähnliche Szenen fotografierte Hans Haacke 1959 in Kassel auf documenta II: Ein Junge versinkt vor einem abstrakten Gemälde in seiner Comic-Lektüre, ein Mädchen ist mehr von seiner Plüschkatze fasziniert als vom Pollock-Dripping, eine Nonne sucht im Ausstellungsführer verzweifelt nach dem tieferen Sinn der vor ihr aufgebauten Plastik. Jene Fotografien werden aktuell auf der documenta XIV gezeigt. Hier blicken viele zeitgenössische Künstler zurück auf die Entstehungsjahre der documenta, als Kassel selbst gerade wiederaufgebaut wurde. So ist es nur konsequent, dass sie ihre Werke dort auch an außergewöhnlichen Orten der Architekturmoderne zeigen.

 

Kommen und Bleiben

Kassel kämpft noch immer mit dem Image der “hässlichen”, der kriegszerstörten Stadt. Doch dieses Mal präsentiert sich die nordhessische Metropole auch von ihrer nachkriegsmodernen Seite: Das Kuratorenteam hat die Kunstschau über das ganze Stadtgebiet (und streng genommen auch das von Athen) verteilt. Damit kommen auch einige sonst verschlossene Räume zu neuer Geltung. Der einstige Hauptbahnhof z. B. wird seit der Eröffnung des ICE-Halts Kassel-Wilhelmshöhe noch als Nahverkehrsknotenpunkt und “Kulturbahnhof” bespielt. Doch die dazugehörige U-Bahn-Station, 1968 mit urbaner Geste eröffnet, verlor völlig ihre Funktion und wurde 2005 geschlossen. Zur documenta öffnete man den Zugang wieder und ließ einige Künstler dort ihre Arbeiten inszenieren: Der in Kalkutta geborene Nikhil Chopra schlug als Teil seiner Performance ein Zelt auf, das auf einer Wanderung nach Kassel mit Landschaftsmotiven ausgemalt worden war. Und der Grieche Zafos Xagoraris verwies mit seinem Willkommensschild “Chairete” (Seid gegrüßt!) an den Gleisen auf die deutsche Kriegsgefangenschaft seiner Landsleute im Jahr 1916.

 

Die Verlockung der Worte

An solchen documenta-Orten rückt die ausgestellte Kunst für manche Besucher fast in den Hintergrund. Zu groß ist die Entdeckerfreude, sei es über das Betonglasmosaik (1968, Dieter von Andrian) im unterirdischen Bahnhof oder die brutalistische Weite der zur “Neuen Neuen Galerie” umfunktionierten Neuen Hauptpost (1975). So lohnt auch ein Abstecher in die zeitgleich geöffneten kirchlichen Ausstellungsprojekte: St. Elisabeth (Armin Dietrich, 1960) am Friedrichsplatz und die Karlskirche (1710, Paul du Ry, 1957 wiederaufgebaut) an der Frankfurter Straße. In St. Elisabeth hatte Stephan Balkenhol schon zur letzten documenta XII mit seinen Holzskulpturen für Gesprächsstoff gesorgt. 2017 spannt Anne Gathmann unter dem Titel “Statik der Resonanz” einen weiten Bogen aus Aluminium-Elementen durch den Nachkriegsraum. In der Karlskirche inszeniert Thomas Kilpper den Glockenturm als “Leuchtturm für Lampedusa!”. Und im Inneren verarbeitet die indische Künstlerin Shilpa Gupta die wortorientierte, die hugenottische Tradition des Kirchenbaus: Eine riesige Traube aus Mikrofonen strahlt die Klangfolge “I keep falling at you” in den Raum.

 

Räume neu besetzen

Die Installationen in der Kasseler Karlskirche gehören zum umfassenden Ausstellungsprojekt “Luther und die Avantgarde”, das in Kassel, Berlin und Wittenberg zum Reformationsjubiläum zeitgenössische Kunst präsentiert. Gerade in der Lutherstadt kommen dabei unerwartet moderne Orte zum Tragen: das Alte Gefängnis und die Exerzierhalle. Beide Jahrhundertwendebauten am Rand der vielbesuchten Altstadt wurden für kulturelle Anlässe hergerichtet. Im Alten Gefängnis zeigt u. a. der kunstvoll überdrehte Jonathan Meese sein Werk “Die 95 Thesen des Teufels”. Und am überzeugendsten wurde das etwas übergroß angelegte Reformationsjubiläum, wo die Aktionen mit Handfestem, mit Architekturprojekten verbunden wurden. In der Exerzierhalle zeigten das Marburger Kirchbauinstitut und die Wüstenrotstiftung Beispiele und studentische Entwürfe rund um die Kirchennutzung. Einige Studierende nahmen sich zudem leerstehender Ladenlokale (wovon es in Wittenberg erschreckend viele gibt) an. Die studentische Aktion ist mit der (tief Luft holen) “Woche der Spiritualität” zwar abgeschossen, aber die von einer Publikation begleitete allgemeine Ausstellung läuft noch bis zum 5. September 2017. Alle übrigen beschriebenen Installationen können noch bis zum 17. September bewundert werden. (db/kb, 24.7.17)

Titelmotiv: Hans Haacke, Fotonotizen zur documenta II, 1959, ausgestellt 2017 auf der documenta XIV