Wider die Altgier

Er war hin- und hergerissen zwischen der nostalgischen Freude über das Bewahrte und dem Erschrecken über den Verfall: Schon 1988 nutzte der westdeutsche Architekturjournalist Ulrich Brinkmann (*1970) die erste Gelegenheit, um einen langen Blick auf die DDR-Innenstädte zu werfen – von der Prager Straße in Dresden bis zur Karl-Marx-Straße in Magdeburg. Was sich da über Jahrzehnte parallel in zwei deutschen Staaten entlang der Verkehrsstraßen, Großwohnsiedlungen und Fußgängerzonen angesammelt hatte, drohte mit der Einheit gleich wieder zu verschwinden. Dem setzt Brinkmann Kisten über Kisten entgegen, in denen er Postkarten verwahrt. Vom dokumentarischen DDR-Schwarz-Weiß bis zum plakativen BRD-Bunt, in Büchern und Ausstellungen zeigt er heute die schöne Beiläufigkeit der Nachkriegsmoderne. moderneREGIONAL sprach virtuell mit dem langjährigen Bauwelt-Redakteur, während er ein Stipendium in der italienischen Campagna abarbeitete (Neid!).

Paderborn, Marienplatz mit Blick auf Rathaus (Bild: historische Postkarte, Wolfgang Hans Klocke Verlag Paderborn)

Paderborn, Marienplatz mit Blick auf Rathaus (Bild: historische Postkarte, Wolfgang Hans Klocke Verlag Paderborn)

Von Kiosk bis Tabakladen

Seit seinem achten Lebensjahr sammelt Brinkmann: “Die meisten meiner Altersgenossen haben den Absprung geschafft, ich nicht”, scherzt er. Spätestens, seit er sich mit zwölf für den Architektenberuf interessierte, lag sein Schwerpunkt bei gebäudehaltigen Motiven. Heute kauft er die Postkarten meist unterwegs in Kiosken und Tabakläden, manchmal bedenken ihn Freund:innen. Auch auf den einschlägigen Sammler-Websites hält er die Augen auf, um für seine Bücher die eine und andere Lücke aufzufüllen. “Am liebsten sitze ich wie der Angler am Strom und schaue, was vorbeischwimmt.” Genauso hält er es bei der Motivauswahl. Dokumentarische Qualität entstehe, wenn den Fotograf:innen zufällig Passant:innen und Kleinarchitekturen vor die Linse kamen.

Dabei ist Brinkmann oft überrascht von der hohen handwerklichen Qualität der Aufnahmen. Als Auftragsfotografien zur glamourösen Inszenierung neigten, als Bürgerinitiativen gerne die Schattenseiten einer Stadt überzeichneten, blieben die Postkarten wohltuend auf dem Teppich. Überhaupt liebt Brinkmann die untouristischen Motive. Was in der Fachpresse nie eine Chance hatte, zwingt die Betrachter:innen heute zu einem zweiten Blick und hinterlässt offene Fragen. “Steht das in Paderborn oder Halle an der Saale? Wie wurden die großen Ideen so lange mit den örtlichen Gegebenheiten vermischt, bis sie vor lauter provinziellem Anhauch auch Allgemeingültiges zu sagen hatten?”

Olevano Romano, Busbahnhof im Mondschein (Bild: Rocchi Ernesto, Tabacchi, Olevano Romano)

Olevano Romano, Busbahnhof im Mondschein (Bild: Rocchi Ernesto, Tabacchi, Olevano Romano)

“Kartoffelkäfer schaden uns”

Ob ihn das Postkartending nicht langsam langweile? “Nein! Das Gefühl zu haben, dass es anderen Freude macht, ist einfach zu schön.” Denn, da dürfe man sich als Architekturexperte nichts vormachen, es braucht niederschwellige Zugänge – die meisten Menschen finden nur schwer einen Weg zur Moderne. Die Zukunftseuphorie sei an der Realität zerschellt. “Es gibt heute so eine ‘Altgier’, eine Sehnsucht nach der Vergangenheit”, sagt Brinkmann. Statt der vorschnellen Rekonstruktion sucht er die leise Dokumentation und reiht Postkarte an Postkarte. Am Anfang eines Buchs steht oft das Vierfache an Bildern, die später übrigbleiben sollen. “Ich will das Typische herausfiltern, damit es nicht langweilig wird. Da muss ich mir selbst schon mal sagen: ‘Beschränk’ dich!” Obwohl, ein bisschen Wiederholung müsse schon sein, um Gemeinsamkeiten aufspüren zu können.

Eigentlich sammelt Brinkmann die Postkarten wegen der Fotomotive, aber manchmal sei die Rückseite nicht zu verachten: “Da steht dann: ‘Hier siehst du das Haus xy, wir wohnen im achten Stock.’ Und auf den Briefmarken ist im Stempel zu lesen ‘Volkskampf dem Atomtod!’ oder ‘Kartoffelkäfer schaden uns, vernichtet sie!'” Insgesamt plant er im Verlag Dom Publishers sechs Bänden zu architekturbezogenen Postkarten zwischen 1949 und 1989: drei zu den beiden deutschen Staaten, drei zu Regionen in Italien. Denn seit 2008 führen ihn längere Aufenthalte und Stipendien immer wieder in der Malerlandschaft der römischen Campagna. Folgerichtig haben es ihm auch die italienischen Postkarten angetan: nicht die mit Sonnenuntergang und Eselskarren, sondern mit Staudamm und Industriegebiet. Natürlich. (16.1.22)

Ulrich Brinkmann war im Dezember zu Gast bei der Reihe “MODERNE Strukturen und Ideen im Wandel” der Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege. Der nächste Termin: virtuell am 20. Januar ab 16 Uhr!

Gannano bei Matera, Basilikata, Staudamm (Bild: Di Giulio Teresa/Foto Orlando, Policoro)

Gannano bei Matera, Basilikata, Staudamm (Bild: Di Giulio Teresa/Foto Orlando, Policoro)

Essen, Kettwiger Straße (Bild: historische Postkarte, Schoening und Co.)

Essen, Kettwiger Straße (Bild: historische Postkarte, Schoening und Co.)

Campogalliano, Modena. Zona industriale (Bild: Botti e Pincelli, Modena)

Campogalliano, Modena. Zona industriale (Bild: Botti e Pincelli, Modena)

Kassel, Treppenstraße (Bild: historische Postkarte, Bild-Druck & Verlag GmbH, Lübeck)

Kassel, Treppenstraße (Bild: historische Postkarte, Bild-Druck & Verlag GmbH, Lübeck)

Titelmotiv: Magdeburg, Karl-Marx-Straße (Bild: historische Postkarte, VEB Bilddruck Magdeburg)

Mangiarotti in München

Rational soll es sein – schön darf es dabei aber auch sein: Der Architekt, Lehrmeister und Industriedesigner Angelo Mangiarotti (1921-2012) hat ab den späten 1950er Jahren Kunst und Systembau formvollendet verbunden – unter anderem mit Industriebau-Tragwerken aus vorgefertigten Betonelementen, die mit jedem Projekt weiter verfeinert wurden. So entstanden nicht nur Fabrikhallen, Bürogebäude und Messepavillons, sondern auch eine Kirche und mehrere Wohnhäuser vorwiegend in Norditalien. Die meisten stehen heute als wegweisende Beispiele für komplexe Systeme von großer gestalterischer Kraft unter Schutz, so auch das “Casa a tre cilindri” (1962) in Mailand.

Das Oskar von Miller Forum in München zeigt nun bis 10. Juli die Ausstellung „Die Bausysteme von Angelo Mangiarotti“. Bereits vor 20 Jahren wurde dem weltweit lehrenden Mailänder auf Antrag der Fakultät Architektur die Ehrendoktorwürde der TU München verliehen und sein Werk durch eine Ausstellung seiner Bausysteme gewürdigt. Die jetzige Ausstellung im Oskar von Miller Forum basiert hierauf. (db, 16.6.19)

Mailand, Drei-Zylinder-Haus (Bild: Arbalete, CC BY SA 4.0)

Museen und Moderne in Düsseldorf

Die Vortragsreihe zur Baukunst der Kunstakademie Düsseldorf im Sommersemester 2019 bietet Architekturfreunden wie Urbanisten noch zwei interessante Abende: Am 27. Mai befasst sich der Architekt Frank Boehm in seinem Vortrag „Kunst. Raum. Stadt.“ mithilfe eines Rückblicks auf die ersten Readymades von Marcel Duchamp mit der Veränderung der Beziehungen von Kunstobjekt und Raum sowie von den die Kunst beherbergenden Räumen zur Stadt (Keine Sorge, das Thema ist zugänglicher als es klingt!). Frank Boehm ist künstlerischer und kaufmännischer Geschäftsführer der Stiftung Insel Hombroich in Neuss.

Der Abschlussvortrag der vom BDA Landesverband NRW und vom BDA Düsseldorf unterstützten Reihe findet am 24. Juni statt: Marco Pogacnik, der in Venedig Architekturgeschichte lehrt, stellt die Architektur der Nachkriegsmoderne im Italien der 1950er bis 1970er Jahre vor und diskutiert ihren gesamtgesellschaftlichen Kontext. Ein schönes Beispiel: das Kaufhaus La Rinascente in Rom (1960). Beide Vorträge beginnen jeweils um 19 Uhr in der Aula der Kunstakademie Düsseldorf, Eiskellerstraße 1, 40213 Düsseldorf; der Eintritt ist frei. (db, 20.5.19)

Rom, La Rinascente (Bild: Saraeva89, CC BY SA 3.0)