Den 39. muss man feiern

Vor genau 39 Jahren erblickte in Japan ein kleiner virtueller Punkt das Bildschirmlicht. Sein Problem: Er befindet sich gefangen in einem Labyrinth, hat unstillbaren Hunger und wird auf der Nahrungssuche von Geistern verfolgt. Durch Pac-Man infizierte sich die Welt erstmals mit dem bis dahin unbekannten Videospielfieber. Wie damals üblich, fing alles ganz analog an. Der angehende Spieleentwickler Toru Iwatani ist fasziniert von Flipperautomaten. In der Hoffnung, alles über den Bau der  Wunderkisten zu erfahren, heuert er bei der Automatenfirma Namco an – die damals aber bereits auf Videospiele umgesattelt hat. Zudem zeichnen sich alle auf dem damaligen Markt befindlichen Videogames durch Gewalt- und Eroberungsstrategien aus. In der Hochphase des Kalten Krieges sehnte man sich doch nach etwas Freundlicheren.

Der Legende nach kam die zündende Idee dann – welche Ironie – beim Essen. Nach dem er ein Stück seiner Pizza zu sich nahm sah er in das Angesicht Pac-Mans. Der Rest ist Geschichte. Der kleine Punkt fraß sich in unsere Herzen und das kollektive Gedächtnis. Anfang der 1980er brach eine wahre Pac-Manie aus. Aber auch heute noch können sogar die Digitalnatives noch etwas anfangen mit ihrem pixelbasierten urgroßväterlichen Freund. Sorge über die Langzeiteffekte von derartigem Freizeitvertrieb bestanden auch damals schon! Später witzelte ein britischer Komiker: „Würden Computerspiele tatsächlich Kinder beeinflussen – wir würden heute alle in dunklen Räumen herumlaufen, Pillen schlucken und repetitive elektronische Musik hören.“ (jm, 24.5.19)

„Pac-Man“ des Künstlers Invader auf einer Mauer in Bilbao nahe dem Guggenheim-Museum (Bild: kurtxio, CC BY SA 3.0)

Tokio in Lothringen

Das Centre Pompidou in Metz legt derzeit einen inhaltlichen Schwerpunkt auf Kunst und Kultur Japans. Die Ausstellung Japan-ness. Architecture et urbanisme au Japon depuis 1945 fokussiert die architektonische Nachkriegsmoderne des Landes und zeichnet die japanische Zeitgeschichte in Architektur und Städtebau bis in die Gegenwart nach. Sie  wird ab dem 20. Oktober durch die Sonderausstellung Japanorama flankiert, die sich der japanischen Gegenwartskunst widmet.

Ausgang der Ausstellung Japan-ness ist die unvorstellbare Zerstörung, mit der sich Japans Architekten und Städtebauer 1945 konfrontiert sahen, insbesondere nach der atomaren Zerstörung der Städte Hiroshima und Nagasaki. In der Nachkriegszeit orientierte sich die japanische Architektur eng am Internationalen Stil, skulpturale Betonbauten hielten Einzug und die Ideen Le Corbusiers erfreuten sich hoher Popularität. Spätestens seit der Weltausstellung 1970 in Osaka setzten  japanische Architekten auch international eigene Akzente, so etwa die Metabolisten. Die Ausstellung schließt mit den Werken weltweit gefeierter zeitgenössischer Architekten wie Shigeru Ban, Kengo Kuma und Sou Fujimoto. Sie ist bis zum 8. Januar 2018 zu sehen. (jr, 17.9.17)

Kitakyushu Municipal Museum of Art (Bild: Wiki591801, CC BY SA 3.0)

Japanische Tagträume

Japanische Tagträume

Shoji Ueda, aus der Serie "Sand Dunes", 1948 (Foto: © Shoji Ueda Office)
Shoji Ueda, aus der Serie „Sand Dunes“, 1948 (Foto: © Shoji Ueda Office)

Gibt es eine eigenständige moderne japanische Fotografie? Eine Antwort ermöglicht vielleicht die umfangreiche Sammlung von gut 900 modernen und zeitgenössischen japanischen Fotografien, die das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe in den 1980er Jahren aufbauen konnte. Anhand rund 30 ausgewählter Positionen freier künstlerischer Fotografie geht die dortige aktuelle Ausstellung „Japanische Tagträume“ noch bis zum 10. Juli diesen Fragen nach. Der rapide gesellschaftliche Wandel in Japan im frühen 20. Jahrhundert und die Spannungen zwischen Innovation und Tradition spiegeln sich in den Arbeiten verschiedener Fotografen.

In seinen abstrakten Dunkelkammerexperimenten thematisierte Kanbei Hanaya in den 1930er Jahren Licht und Bewegung als Phänomene der Moderne. Taikichi Irie porträtierte seit den späten 1930er Jahren die Puppen des Bunraku-Theaters in Osaka. Shoji Ueda inszenierte seine Modelle in den Sanddünen von Tottori wie Pantomimen auf einer Bühne. In den 1960er Jahren etabliert sich unter den japanischen Fotografen ein stark subjektiver Stil. Miyako Ishiuchi betrachtet in ihrer Serie „Yokosuka Story“ die Stadt ihrer Kindheit. Foumio Takashima arbeitet mit Tänzern zusammen. Masamichi Harada und Toshio Shibata zeigen in ihren Stillleben beschlagene Fensterscheiben oder Strukturen aus Sand. Eine Erweiterung um medienreflexive Ansätze findet sich beim Fotokünstler Satoshi Saito. (kb, 24.5.16)