Bayerische Ikonen

Sie waren noch nie in Vatersdorf? Das ändert sich hoffentlich bald. Denn in dem Ort, der zur Gemeinde Buch im Kreis Landshut gehört, gibt es den “Geschichtsboden Vatersdorf“, eine Mischung aus (Heimat-) Archiv, Ausstellungsraum, Bibliothek und Geschichtswerkstatt. Derzeit gastiert dort die Ausstellung “Bayern. Gebaute Werke”, die sich der Klassischen Moderne verschrieben hat. Hier entstanden zwischen 1919 und 1933 zahlreiche ikonische Bauwerke, die hier in großformatigen Schwarz-Weiß-Bildern des Fotografen Jean Molitor präsentiert werden. Alle wichtigen Bauaufgaben jener Zeit spiegeln sich in herausragenden Gebäuden wider, im sozialen Wohnungsbau ebenso wie in Sakralbauten, aber auch in Wohnhäusern und Industriegebäuden. Die neuen Funktionen verlangten ein neues architektonisches Denken. Namen wie Richard Riemerschmid, Robert Vorhoelzer, Hans Döllgast oder Fritz Landauer stehen in Bayern für diesen Aufbruch.

Auch die Nachkriegsära ist präsent, so errichtete Walter Gropius in Selb und Amberg zwei Industriegebäude, die längst zu Inkunabeln (nicht nur) der Bayern-Moderne geworden sind. Protagonisten wie der Münchner Sep Ruf knüpften mit ihren Entwürfen an die internationale Moderne an. Mehrere begleitende Termine haben schon stattgefunden, ein hochinteressanter kommt noch: Am 1. Juni um 19.30 Uhr hält die Architekturhistorikerin Ira Mazzoni einen Vortrag zum Thema “Gropius baut für Rosenthal (Mythos, Marketing, Geschichte)”. Die Ausstellung läuft bis zum 6. Juni (Sa/So 14-18 Uhr); Anmeldung, Sonderöffnungszeiten und weitere Veranstaltungen findet man auf der Homepage. Adresse: Geschichtsboden Vatersdorf, Ziegeleistraße 15, 84172 Buch am Erlbach/Vatersdorf, Tel. 08762/733178, Mail: info@geschichtsboden.de. (db, 15.5.22)

München, Paketpost Arnulfstraße (Bild: Jean Molitor/Be.bra Verlag)

Die bayerische Moderne

Das Bauhaus-Jubiläum liegt nun eine angemessene Karenzzeit von bald zwei Jahren zurück, sodass man sich der klassischen Moderne allmählich wieder mit Freude – und frei von Überdruss – widmen kann. In Bayern etwa finden sich zahlreiche Bauten jener Ära: Überall im Land entstanden in den 1920er und 1930er Jahren Wohnsiedlungen, Postbauten, Kirchen und andere Gebäude in neuem Stil. Das gerade erschienene Buch „Bauhaus in Bayern – Eine fotografische Reise durch die klassische Moderne“ von Kaija Voss und Jean Molitor ist die erste Gesamtschau der Bauhaus-Architektur, der Bayerischen Postbauschule sowie der von ihnen inspirierten jüngeren Bauten. Das erklärt unter anderem die Anwesenheit von Walter Gropius’ 1970 fertiggestellten Rosenthal-Werk in Amberg. Auch das in einem Akt des Vandalismus 2020/21 abgerissene Verstärkeramt Kochel (1927) ist noch einmal zu sehen, dazu etliche weitere Bauten der 1920er bis 1950er Jahre. Die beigefügten Adressen der beschriebenen Objekte machen das Buch zum feinen Reisebegleiter durchs Bayernland.

Passend zur Bucherscheinung im be.bra Verlag startet heute die zugehörige Ausstellung „Bauhaus in Bayern“ in der Architekturgalerie München. Hier sind die großformatigen Schwarz-Weiß-Fotos des Moderne-Weltreisenden Jean Molitor zu sehen: in einer Auswahl, welche die ganze Bandbreite der Stilrichtung in Bayern darstellt. Von ihren Anfängen, bei denen sich moderne Elemente und neue Materialien mit Traditionellem verbanden, über die Postschul- und Siedlungsbeispiele bis zum architektonischen Erbe in der Nachkriegsmoderne und dem heutigen Bauen. Die Schau ist bis zum 17. Juli zu sehen; wer kurzfristig zur Eröffnungsveranstaltung heute(!) um 18.00 Uhr in der Architekturgalerie im Kunstareal kommen möchte, sollte es über die Anmeldung via doodle versuchen. Es sprechen Winfried Nerdinger, Nicola Borgmann sowie die Herausgeber Kaija Voss und Jean Molitor. (db, 14.6.21)

München, Paketpost Arnulfstraße (Bild: Jean Molitor/Be.bra Verlag)

Tel Aviv in Wolfratshausen

In Wolfratshausen widmet sich eine Sonderausstellung jüdischen Architekten der Moderne. Im Fokus stehen Arbeiten des Fotografen Jean Molitor, der entsprechende Bauten in Tel Avivs Weißer Stadt porträtiert hat. Beleuchtet wird auch die Migrationsgeschichte ihrer Architekten. Damit wird die erste Sonderausstellung des Erinnerungsortes Badehaus dem Anspruch der kürzlich eröffneten Gedenkstätte gerecht: Der Bau ist Teil der ehemaligen NS-“Mustersiedlung” Föhrenwald, die Schauplatz mehrerer Migrationsprozesse war.

Die Nationalsozialisten begannen Ende der 1930er Jahre mit dem Bau einer Wohnsiedlung für Rüstungsarbeiter im Wolfratshauser Forst. Im Krieg entstand daraus ein Lager für Zwangsarbeiter, das nach Kriegsende Überlebenden des Holocausts eine provisorische Unterkunft bot. 1956 wurde das Lager aufgelöst und auf dem Gelände eine Wohnsiedlung für Heimatvertriebene errichtet, die später unter dem Namen Waldram ein Ortsteil von Wolfratshausen wurde. Die im Oktober 2018 eröffnete Gedenkstätte wird von einer Bürgerinitiative getragen und soll der komplexen Geschichte des Ortes gerecht werden. Die Sonderausstellung ist bis zum 28. Februar 2019 zu sehen. (jr, 30.11.18)

Tel Aviv, Bauhaus-Stil an der HaYakon-Straße (Bild: Martin Furtschegger, CC BY SA 3.0, 2013)