Simon Schocken – jüdischer Kaufhauspionier

Mit ihrem neuen Buch porträtieren Claudia Kleemann und Martin Ulmer den jüdischen Unternehmer Simon Schocken, der im frühen 20. Jahrhundert gemeinsam mit seinem Bruder und Geschäftspartner Salman mit dem Kaufhauskonzern Schocken nicht nur für satte Gewinne, sondern auch für innovative Baukunst sorgte. Kein Geringerer als der Architekt Erich Mendelsohn gestaltete für die Warenhauskette die Häuser in Nürnberg, Stuttgart und Chemnitz.

Die Arbeitersiedlung („Schockensiedlung“) im Zwickauer Stadtteil Weißenborn z. B. träg deutlich die Handschrift von Simon Schocken. Er gilt als der Praktiker des Duos, der die hohen sozial-humanistischen Ansprüche des Kaufhauskonzerns auch in der Architektur umgesetzt wissen will. Selbst Vorsteher der Gemeinde von Zwickau, entwirft er etwa Trauerhallen für jüdische Friedhöfe. Als Simon Schocken 1929 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt, übernimmt Bruder Salman die Leitung des Unternehmens, das die Familie zuletzt unter dem Druck der Nationalsozialisten weit unter Wert veräußern muss. Grund genug, sich in das Leben des architekturbegeisterten Visionärs einzulesen. (kb, 7.11.20)

Kleemann, Claudia/Ulmer, Martin, Simon Schocken. Jüdischer Kaufhauspionier – Philanthrop – Gestalter, Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2020, 224 Seiten mit Illustrationen, gebundenes Hardcover, ISBN 3-89657-163-X.

Wałbrzych (Waldenburg), Kaufhaus Schocken, 1928 (Bild: Paweł Marynowski, CC BY SA 3.0, via wikimedia commons, 2013)

Jüdische Architekten. Jüdische Architektur?

Gibt es eine jüdische Architektur? Jüdische Architekten, natürlich, auch Architektinnen. Aber hat dieser Hintergrund auch ihr Bauen geprägt. Ist das Judentum des 19. und 20. Jahrhunderts ein religiöser, nationaler oder kultureller Begriff? In den letzten Jahrzehnten hat die Forschung, verdientermaßen, vor allem einzelne jüdische Architektenpersönlichkeiten und ihr Werk in bestimmten Regionen untersucht. Aber bislang kommt der Überblick über das Netzwerk jüdischer Akteure in der Baukunst Europas, Amerikas, Israels und anderer Länder noch zu kurz. Damit blieb lange offen, ob sich Architekten hier als Teil einer gemeinsamen jüdischen (Kultur-)Bewegung verstanden und einen entsprechenden Formenkanon ausgebildet haben.

Diesen und verwandten Fragen widmet sich die Tagung „Jewish Architects – Jewish Architecture?“, zugleich der 4. Internationale Kongress für Jüdische Architektur, in Hamburg (Warburg-Haus/Institut für die Geschichte der deutschen Juden/Hafen City University, Hamburg) vom 6. bis zum 8. November 2018. Das Projekt, das architektonische Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts in den Blick nimmt, bildet eine Zusammenarbeit zwischen dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg, und Bet Tfila, Braunschweig/Jerusalem. Anmeldeschluss ist der 29. Oktober, statt einer Tagungsgebühr wird um eine Spende gebeten. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Ulrich Knufinke, Ulrich.knufinke@igdj-hh.de, bei Fragen zur Organisation und Anmeldung an Beate Kuhnle, geschaeftszimmer@igdj-hh.de. (kb, 26.10.18)

Bat Yam, Rathaus, Alfred Neumann/Zvi Hecker/Eldar Sharon, 1963 (Bild: historische Postkarte)

„… und abends in die Scala“

Der Jongleur Enrico Rastelli, der Clown Grock, die A-Capella-Truppe Comedian Harmonists und die tanzenden Ballon-Girls – in der Berliner „Scala“ traten von 1920 bis 1940 die damaligen Größen des Showbusiness auf. Damit galt die Berliner Institution als eines der berühmtesten Varietés Deutschlands. Die Scala stand zwischen den Zeiten der „Goldenen Zwanziger“ und den Jahren des Nationalsozialismus. Das Gebäude wurde teils kriegsbeschädigt, musste später einer Modernisierung und einem Neubau weichen.

Anfangs trafen sich hier Mensch unterschiedlicher Herkunft und Gesinnung. Unter den wechselnden Eigentümern des Varietés fanden sich viele jüdische Geschäftsmänner. Einer der damaligen Teilhaber ihnen, der Verleger und Kinobesitzer Karl Wolffsohn, wurde inhaftiert, sein Besitz arisiert. Am Ende konnte er nach Palästina fliehen und sein Enkel, der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn, regte nun eine Gedenktafel am Standort der „Scala“ an. Diese wird von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa am 24. Juli 2018 um 11 Uhr in der Martin-Luther-Str. 14 in 10777 Berlin enthüllt. (kb, 20.7.18)

Berlin, Scala-Girls mit Ballons (Bild: Willi Pragher, Deutsche Digitale Bibliothek, CC BY SA 3.0, 1936)