Luigi Colani und der Jugendstil

Natur, Mensch, Design – unter diesen drei Schlagworten stellt das Paula-Modersohn-Becker-Museum in Bremen (Böttcherstraße 6, 28195 Bremen) ein orangefarbenes Doppelwaschbecken neben einen Fin-de-Siècle-Blumenständer. Denn, so die These der Ausstellung “Luigi Colani und der Jugendstil”, die beide großen Marksteine des Designs im 20. Jahrhundert, teilen eine Grundhaltung: Sie übertrugen organisch geschwungene Formen aus der Natur auf Produkte für den Menschen. Gutes Design sollte erschwinglich werden und das Alltagsleben verbessern. Was Kunstbewegungen von der französischen Belle Epoque bis zum österreichischen Sezessionsstil vor dem Ersten Weltkrieg perfektionierten, hatte sich auch Luigi Colani auf die Fahnen geschrieben.

Der 1928 in Berlin geborene Designer war seit den 1970er Jahren, ob bewusst oder unbewusst, in den meisten deutschen Haushalte mit einem seiner Entwürfe vertreten. Der Formgestalter reüssierte zunächst mit seinen Flugzeugentwürfen, um seine Tätigkeit ab den 1970er Jahren auf alle Bereiche des Alltagslebens auszuweiten. Bekannt wurde der exaltierte Designer durch seine schnittigen, aerodynamischen, biomorphen Entwürfe. Viele dieser Visionen blieben unverwirklicht oder ungenutzt. Vieles war für die produzierenden Firmen, für den praktischen Gebrauch oder für den Geschmack der jeweiligen Zeit dann doch (noch) zu fremdartig. Colanis Alterswerk und erklärtes Vermächtnis an die Nachwelt, die in ihrem Aufbau am menschlichen Körper orientierte “Eco-City” auf einer chinesischen Insel, liegt unvollendet auf Eis. Luigi Colani verstarb 2019 in Karlsruhe im Alter von 91 Jahren. In Bremen kehren seine Entwürfe nun auf Zeit zurück zu seinen erklärten Vorbildern, den Formgestaltungen des Jugendstils – die Ausstellung ist noch bis zum 19. Juni 2022 in Bremen zu sehen. (kb, 18.4.22)

links: Luigi Colani, Rosenthal, Kanne aus der Service Drop, 1971, Sammlung POPDOM, rechts: Maurice Dufrène, La Maison Moderne Teekanne, um 1900, Bröhan-Museum Berlin (Bild: Colya Zucker)

“Eine Stadt müssen wir erbauen”

“Eine Stadt müssen wir erbauen”

Darmstadt, Haus Peter Behrens (Bild: Jean-Pierre Dalbéra, CC BY 2.0)
Haus Peter Behrens auf der Darmstädter Matthildenhöhe (Bild: Jean-Pierre Dalbéra, CC BY 2.0)

Die Mathildenhöhe in Darmstadt – ein herausragendes Ensemble der aufziehenden Moderne – vereint in ihren Bauten, den Gartenanlagen und Kunstwerken ein neues künstlerisches Reformprogramm: experimentelle Architektur, neue Raumkunst und zukunftsweisendes Design. Geschaffen mit dem Ziel, Kunst und Leben zusammenzuführen, bezeugt Künstlerkolonie den architektonisch-künstlerischen Aufbruch in die Moderne.

Die Wissenschaftsstadt Darmstadt, ICOMOS Deutschland und das Landesamt für Denkmalpflege Hessen veranstalten gemeinsam diese Fachtagung “‘Eine Stadt müssen wir erbauen, eine ganze Stadt!’ Die Künstlerkolonie Darmstadt auf der Mathildenhöhe”, die vom 17. bis zum 19. April 2016 im Darmstadtium (Schloßgraben 1, 64283 Darmstadt) stattfindet. Ziel es ist, die Einzigartigkeit der “Künstlerkolonie Mathildenhöhe” und ihre außergewöhnliche kulturhistorische Bedeutung herauszuarbeiten und beides in einem internationalen Vergleich zu diskutieren. Die Vorträge widmen sich der räumlichen, geistigen und gattungsspezifischen Vielfalt des Aufbruchs in die Moderne sowie den Impulsen, die um 1900 auf Darmstadt einwirkten, die von Darmstadt ausgingen und von hier weit in das 20. Jahrhundert hinein ausstrahlten. Die Tagung begleitet die Welterbenominierung der “Künstlerkolonie Mathildenhöhe”. Ihr Ziel ist es, international weitere Beispiele in den Blick zu nehmen, in denen sich der Willen zeigt, die Moderne umfassend künstlerisch zu gestalten. (kb, 7.2.16)

Die Südzentrale fällt

Die Fauna brachte Ende 2014 einen letzten Aufschub: Im Kesselhaus der Wilhelmshavener Südzentrale hatten sich Fledermäuse eingenistet, sodass die untere Naturschutzbehörde jegliche Bauaktivitäten am historischen Industriebau untersagte. Die geschützten Flatterer sind nun jedoch ausgezogen und die Bagger rückten an: Das gewaltige Jugendstil-Kraftwerksgebäude von 1908-15 wird seit Anfang August dem Erdboden gleichgemacht. Der jahrelange Kampf eines Vereins um den Erhalt der Stahlfachwerk-Hallen war vergebens. Auch ein Kaufangebot, ein offener Brief der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sowie die Tatsache, dass die Mehrheit der im Stadtparlament vertretenen Parteien den Erhalt des ehedem denkmalgeschützten Baus gerne gesehen hätten, hielten die Eigentümer nicht davon ab, tabula rasa zu machen.

Die Südzentrale war einst das Kraftwerk der Kaiserlichen Marinewerft und blieb in Diensten der Stadt Wilhelmshaven bis 1993 in Betrieb. Nach mehrmaligem Verkauf wurde das Gebäude fast 20 Jahre lang Witterung und Vandalismus überlassen. Dass dies wohl gezielt geschah, ließ sich zuletzt kaum noch verbergen. Immer wieder wurden 2013/14 zerstörerische “Sicherungsmaßnahmen” durchgeführt. Der mutmaßlich ertrotzte Abriss dürfte die Debatte um den Sinn des Denkmalschutzes wieder einmal aufwerfen – das fatale Signal eines Ereignisses, das nur einen Sieger und etliche Verlierer zurücklässt … (db, 8.8.15)

Ergebnis jahrzehntelangen gezielten Verfalls: Die denkmalgeschützte Südzentrale in Wilhelmshaven wird abgerissen (Bild: Oliver Graw)