Bleibt die Kapelle übrig?

Im nordrhein-westfälischen Finnentrop ist der Stab über der ehemaligen Jugendherberge in Heggen bereits gebrochen. Die Kommune hatte das Areal vor einigen Jahren erworben. Nach einer Zwischennutzung als Flüchtlingsnotunterkunft überprüfte man verschiedene Varianten. Der Plan, hier eine Kindertagesstätte einzurichten, scheiterte ebenso wie der Umbau für Wohnzwecke – Letzteres sei wirtschaftlich nicht darstellbar. Die Geschichte der Anlage reicht zurück bis ins frühe 20. Jahrhundert. Zwischen 1910 und 1911 wurde für die Schwestern des Hl. Vinzenz von Paul ein Pflegehaus mit Kapelle (Feldberg und Stockert) im neugotischen Stil errichtet. Von Anfang an war die Anlage auf eine Vergrößerung hin angelegt, was bereits im darauffolgenden Jahr mit einem Kindergarten Umsetzung fand. Das Haus wurde ab den 1920er Jahren als Krankenhaus betrieben und umfangreich für diesen Zweck erweitert. In den kommenden Jahrzehnten wurde das Hospital St. Antonius noch mehrfach aus- und und umgebaut, wodurch neugotische, expressionistische und nachkriegsmoderne Formen vermischten.

Doch 1970 wurden die letzten Schwestern in ihr Mutterhaus abgezogen, ab 1979 nutzte man die Anlage, unter erneuten massiven Umbauten, als Jugendherberge. Als 2016/17 der Vertrag mit dem Deutschen Jugendherbergswerk des Landesverbandes Westfalen-Lippe auslief und sich damit das Ende dieser Funktion abzeichnete, übernahm die Kommune. Nun scheint der Abriss des Ensembles unabwendbar, um dort Neubauten zu Wohnzwecken zu errichten, die Rede ist von Bauplätzen für Mehrfamilienhäuser. Das Schicksal der Kapelle ist jedoch noch offen, wie die Presse berichtet. Damit könnte die Andachtsstätte erhalten bleiben und als letzter Rest der Anlage die ursprüngliche Krankenhausfunktion bezeugen. (kb, 8.11.21)

Finnentrop-Heggen, Jugendherberge, Kapelle (Bild: Uwe S., 2012, via foursquare.com)

Streit um “Hakenkreuz-Dekor” geht weiter

Der Streit schwelt seit zwei Jahren: Ab 2019 wollte man in Essen die Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung umgestalten – und in ein neues, weiß-neutrales Gewand hüllen. Erbaut 1937 von den Architekten Carl Conradi und Paul Dietsch, zeigte der Gottesdienstraum typische Merkmale seiner Zeit: eine neoklassizistische Wandgliederung und viel Holz. Doch dann schlug die Debatte um die figurative bzw. zeichenhafte Ausstattung der Kapelle hohe Wellen. Das Altarbild mit dem blondgelockten Jesus wurde bereits 1994 entfernt. Für die Glasgestaltung hatte Carl Bringmann eine ähnlich herbe Formensprache der 1930er Jahre gewählt. Und die Balkendecke schmückte man mit christlichen Symbolzeichen in ornamentalen, hakenkreuzartigen Verschlingungen. Trotz anhaltender Proteste wurde die Kapellendecke im Mai 2019 “aus Gründen des Brandschutzes” abgenommen und eingelagert.

Inzwischen steht die Kapelle unter Denkmalschutz (samt Decke), aber ihr Schicksal ist weiterhin offen und macht Schlagzeilen. Vor zwei Tagen meldete “Bild”, dass der Denkmalschutz die Wiedereinweihung der Kapelle verzögere. Superintendentin Marion Greve äußerte gegenüber der Zeitung: Sollten die Hakenkreuze bleiben müssen, sei für sie eine Weiternutzung des Raums als Kapelle “ganz unvorstellbar”. Das LVR-Denkmalamt hingegen empfahl gegenüber “Bild” eine öffentliche Diskussion, ob eine “nur teil- oder zeitweise Sichtbarmachung der Decke” eine Alternative sein könne – und bot damit schon eine weitreichende Kompromisslösung an. Der Totalverlust könnte Essen um eine prägende Dimension seiner modernen Geschichte berauben, denn gerade solch spannungsvolle Räume lehren die Betrachter:innen – über altes Schubladendenken von “guter” und “schlechter” Moderne hinaus – viel über eine vielschichtige Stilepoche. (kb, 14.3.21)

Titelmotiv: Essen, Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung (Bild: StagiaireMGIMO, CC BY SA 4.0, 2018). Facebookbild: Essen, Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung (Bild: Wiki05, gemeinfrei, 2009). 

Essen: “Hakenkreuz-Dekor” unter Schutz?

Vor gut einem Jahr sollte in Essen die Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung umgestaltet werden. Erbaut 1937 von den Architekten Carl Conradi und Paul Dietsch, zeigt der Gottesdienstraum (noch) typische Merkmale seiner Zeit: eine neoklassizistische Wandgliederung und viel Holz. Doch dann schlug die Debatte um die figurative bzw. zeichenhafte Ausstattung der Kapelle hohe Wellen: Das Altarbild mit dem blondgelockten Jesus wurde bereits 1994 entfernt. Die Glasgestaltung von Carl Bringmann zeigte eine ähnlich herbe Formensprache der 1930er Jahre. Und die Balkendecke trug christliche Symbolzeichen in ornamentalen, hakenkreuzartigen Verschlingungen. Der gesamte Kapellenraum sollte bereits im Frühjahr 2019 in ein neues, weiß-neutrales Gewand gehüllt werden.

Trotz anhaltender Proteste wurde die Kapellendecke im Mai 2019 “aus Gründen des Brandschutzes” abgenommen und eingelagert. Nun hat das LVR-Amt für Denkmalpflege erklärt, die Kapelle samt diskutiertem “Dekor” sei schutzwürdig: Die Stadt solle den Eintrag in die Liste vornehmen. Gegenüber dem “Nordanzeiger” erklärte Ratsherr Walter Wandtke (Die Grünen): Der Erhalt des Kapellenraums “kann ein wichtiger Beitrag zur politischen Bildung insbesondere gegen rechtsradikale Tendenzen sein”. Am 6. Februar spricht der Ratsausschuss für Stadtplanung über die avisierte Unterschutzstellung. Gerade derart spannungsvolle Räume können einen unverzichtbaren Anstoß liefern, über altes Schubladendenken von “guter” und “schlechter” Moderne hinaus etwas über diese Stilepoche zu erfahren. (kb, 26.1.20/3.2.20)

Aktuell: Pressemeldung der Stadt Essen

Titelmotiv: Essen, Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung (Bild: StagiaireMGIMO, CC BY SA 4.0, 2018)