50 Jahre Nischel

Auch in Chemnitz, der selbsternannten „Stadt der Moderne“ hatte eben diese in den letzten Jahren einen schweren Stand. Am prominentesten illustrierte das zuletzt der Kampf um den Erhalt des Omnibusbahnhofs. Das meistfotografierte Objekt der Stadt dürfte aber mittlerweile unumstritten sein: Der 40 Tonnen schwere Karl-Marx-Kopf, der prominent platziert vor dem kulissenbildenden Behördenzentrum „Parteisäge“ mit dem in vier Sprachen abgefassten Marx-Zitat „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ steht. Zusammen mit diesem Bau und den anderen raumgreifenden Schöpfungen der Ostmoderne (v. a. Stadthallenkomplex) steht der Kopf seit Mitte der 1990er Jahre unter Denkmal- bzw. Ensembleschutz.

Nun feierte die Stadt den 50. Geburtstag „ihres Nischels“. Vom sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel erschaffen, wurde die zweitgrößte Porträtbüste der Welt am 9. Oktober 1971 vor 250.000 Menschen enthüllt. Die diesjährigen Geburtstagsfeierlichkeiten fielen zwar etwas zurückhaltender, aber durchaus kreativ aus. Mit Party, Gesprächsrunden sowie der Anbringung der mittlerweile obligatorisch erscheinenden historischen Kommentierung („Infostele“) startete die Stadt in einen erneuten Versuch, sich das Denkmal anzueignen und es umzudeuten. In einer in dieser Woche zu Ende gehenden Ausstellung direkt hinter dem Denkmal wird das Karl-Marx-Erbe der Stadt, folglich auch der moderne Wiederaufbau als Karl-Marx-Stadt ebenso wie die Rückbenennung zu Chemnitz 1990 thematisiert. Außerdem wird im Schlossbergmuseum noch bis zum 14. November ein Film zum Monument gezeigt, flankiert von einer Ausstellung mit Fotos aus der Aufbauphase desselbigen. Der Ausstellungsbesuch könnte dann auch Gelegenheit dazu sein, ein zweites Chemnitzer Denkmal mit Karl-Marx-Bezug zu besuchen: Seit 2020 liegt auf dem Schillerplatz „Der Darm“ [von Karl Marx] von Anetta Mona Chiea und Lucia Tkámová, ebenfalls als bronzene Monumentalplastik ausgeführt und bereits von Parkbesucher:innen als Kletterobjekt angeeignet. (fs, 23.10.21)

Chemnitz, Karl-Marx-Kopf (Bild: Motograf, CC BY 2.0, 2007)

Ein Bild von Karl Marx

Ein Bild von Karl Marx

Mexico City, Palacio Nacional, Wandmalerei von Diego Rivera, Detail mit einer Darstellung von Karl Marx (Bild: Wolfgang Sauber, GFDL oder CC BY SA 3.0)
Mexico City, Palacio Nacional, Wandmalerei von Diego Rivera mit einer Darstellung von Karl Marx (Bild: Wolfgang Sauber, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Warum sollte man ausgerechnet heute ein Bild von Karl Marx entwerfen? Wie schon eine Trierer Ausstellung 2013 belegt hat, besitzt das Antlitz von Marx ikonischen Charakter. Sein Porträt mit Bart ist gerade seit der Finanzkrise wieder medial allgegenwärtig. Dem steht entgegen, dass in den 1990er-Jahren in den ehemaligen Ostblockstaaten die realsozialistischen Abbildungen aus dem öffentlichen Bild verschwanden. Doch während hier die Marx-Verkörperungen als Ausdruck der Staatsräson lesbar waren, scheint die aktuelle Darstellungsflut eher erklärungsbedürftig.

Daher will das Trierer Symposium “Ein Bild von Karl Marx … entwerfen” am 7. Mai 2016 die Zusammenhänge zwischen der Marx-Verbildlichung und ihren Deutungskontexten beleuchten. Anlass ist ein 2018 anstehender 200. Geburtstag. Zwei Jahre vorher startet das Museum Karl-Marx-Haus daher mit einem besonderen Umstand: Marx kommt “nach Hause”. Der französische Bildhauer Karl-Jean Longuet (1904-81) schuf als junger Mann eine Bronzebüste seines berühmten Urgroßvaters, die er dem SPD-Parteivorstand für das in Trier geplante Marx-Museum übergab. Seit der NS-Zeit gilt diese Büste, die niemals ins Geburtshaus gelangte, als verschollen. In den 1950er-Jahren gestaltete Longuet eine neue Marx-Büste, die nun im Innenhof des Geburtshauses ausgestellt werden wird. (kb, 26.4.16)