Die Holz­ba­ra­cke

Die Holzbracke ist ein Produkt der globalen Moderne, so die These des niederländischen Architekturhistorikers Robert Jan van Pelt in seiner Vorlesungsreihe, die in diesem Herbst in Kassel startet (jeden Donnerstag ab 18 Uhr ab dem 28. Oktober im Campus Center der Universität Kassel, Moritzstraße 18, Hörsaal 3, oder digital). Der Ursprung der Holzbaracke geht, so van Pelt, bis ins 17. Jahrhundert zurück. In diese Geschichte haben sich demnach österreichisch-ungarische Militärpraktiken, die US-amerikanische Holzbauweise, den britischen Kolonialismus, die deutsche Normung, die Industrialisierung, Pandemien, die beiden Weltkriege und den Holocaust eingeschrieben. Da die Baracke billig und schnell herzustellen ist, vielseitig nutzbar und mobil ist, sei der Prototyp des modernen Bauens, universell und international noch dazu.

Van Pelt gilt als renommierter Experte für die Baugeschichte des KZ Auschwitz, er tritt seine einsemestrige DAAD-Gastprofessur an der Universität Kassel an. An seiner Antrittsvorlesung am 21. Oktober 2021 um 18 Uhr im Campus Center der Universität Kassel (Moritzstraße 18, Hörsaal 6) können Interessierte im digitalen Livestream teilnehmen. In seinen jüngsten Forschungen befasste sich van Pelt mit der Globalgeschichte der Holzbaracke sowie mit der Konzeption des „jüdischen Raumes“. Er ist architektonischer Berater des Babyn Yar Holocaust Memorial Center und Professor für Architekturgeschichte an der Waterloo University, Canada. Zu Ehren von Robert van Pelt veranstaltet die Universität Kassel vom 21. bis zum 23. Oktober 2021 das Symposion „Denkmal-Kontroversen“ über umstrittene Gedenkorte in Kassel – mit einem Stadtspaziergang, acht Diskussionen und Streitgesprächen zum Thema. Das detaillierte Programm und die Daten zum Livestream sind online zugänglich. (kb, 19.10.21)

The Evidence Room mit 1:1 Modellen und Gipsabdrücke der Gassäule, gasdichter Tür und Luke von Auschwitz (Konzeption: Robert van Pelt und Studierende der University of Waterloo School of Architecture. 15. Architekturbiennale Venedig 2016, Bild: Uni Kassel)

30 Jahre Bahnhof Wilhelmshöhe

Am 29. Mai 1991 begann bei der Deutschen Bahn ein neues Zeitalter: Der ICE wurde in Betrieb genommen. Mit einer Sternfahrt von Bonn, Hamburg, Mainz, Stuttgart und München nach Kassel-Wilhelmshöhe wurde die neue Zuggattung eingeweiht. Nachdem die Züge parallel in den Bahnhof eingefahren waren, stellte Bundespräsident Richard von Weizsäcker um Punkt 12 Uhr symbolisch das Ausfahrsignal auf „freie Fahrt“. Dies war zugleich der Start für den Betrieb in dem Bahnhof, in dem wohl jeder schon einmal den Anschlusszug verpasst hat. Ebenso lange, wie an den neuen Hochgeschwindigkeits-Zügen getüftelt wurde, wurde auch um den neuen Kasseler Fernbahnhof Wilhelmshöhe gerungen. Der „Palast der tausend Winde“ (und der endlos langen Wege zu den Bahnsteigen) wird 30 – obwohl seine Planung schon zehn Jahre zuvor begann.

Den Wettbewerb für den Bau des Nachfolgers des schwer anbindbaren, innerstädtischen Hauptbahnhofs gewann 1982 ein Architektenkollektiv. Zu ihm gehörten der 2014 verstorbene Andreas Brandt, Giovanni Signorini und Yadegar Asisi. 1985 wurde ihnen der Auftrag entzogen und diverse weitere Architekten und Ingenieure engagiert. Das Büro Dietrich Guggenberger Waning führte die Planungen schließlich fort. So geriet das ehrgeizige Projekt zum Werk mit vielen Vätern. Und gewinnt heute allmählich – aller dysfunktionalen Details zu Trotz – an Charme: Reiner Nagel, Vorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, prophezeihte im Interview mit der HNA dem Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe eines Tages den Denkmalschutz. Bleibt nur zu hoffen, dass der postmoderne Umsteigebahnhof nicht vorher überehrgeizigen Umbauplänen zum Opfer fällt. Allzu viele PoMo-Bahnhöfe hat Deutschland nicht vorzuweisen. (db, 29.5.21)

Kassel, Bahnhof Wilhelmshöhe (Bild: Ralf Roletschek, GFDL 1.2)

Die „Gläserne Stadt“ leuchtet wieder

Zur Documenta 14 im Jahr 2017 war das Betonglasmosaik unter dem Hauptbahnhof Kassel eine der großen Überraschungen: Für kurze Zeit hatte man den unterirdischen Bahnhof für eine Ausstellung geöffnet. Über 14 Meter hinweg hatte der Künstler Dieter von Adrian hier den Stadtplan in ein abstrahiertes Relief umgesetzt. Diese „Gläserne Stadt“ zierte ab 1968, pünktlich zur documenta 4, einen unterirdischen Zugang zur Stadtbahn. Adrian, Assistent von Documenta-Begründer Arnold Bode, hatte sich in den 1950er und 1960er Jahren einen Namen als Gebrauchsgrafiker für die Deutsche Bundespost und -bahn gemacht.

Doch mit der Schließung des Tunnels war auch Adrians Installation unzugänglich geworden. In den letzten Jahren schien bereits ein Fall von Vandalismus zum Handeln zu zwingen. Verschiedene Modell wurden diskutiert, die immer wieder am Geld oder am Standort oder an rechtlichen Auflagen scheiterten. Jetzt kann das Kunstwerk wieder – und nun oberirdisch – bestaunt werden: Gestern eröffnete die Stadt offiziell die Neu-Installation an der Friedrich-Ebert-Straße. Dafür war die „Gläserne Stadt“ geborgen und in Bad Arolsen vom Künstler Dieter Blum aufgearbeitet worden. Finanziert wurde die Maßnahme in Höhe von rund 70.000 Euro durch die Wohnungsbaugesellschaft GWH. Nun ziert das Kunstwerk, pünktlich zum Jahresabschlussfest, den neu gestalteten Stadtplatz an der Friedrich-Ebert-Straße. Vor neuem Vandalismus sollen zwei Panzerglasscheiben schützen. (18.12.19)

Kassel, U-Bahnhof „Hauptbahnhof“, Relief „Gläserne Stadt“ (Bild: ABWS6, CC BY SA 4.0, 2017)