Herten: Kaufhaus wird Kulturhaus?

Die Hertener nennen ihn liebevoll “Wolli”: Nun stehen die Räume des ehemaligen Kaufhauses Woolworth in der Fußgängerzone Ewaldstraße leer. Von Abriss des 1970er-Jahre Bauwerks ist die Rede, alles zugunsten eines Umbaus der südlichen Innenstadt. Doch während der Hertener Sommerakademie in diesem Jahr fanden sich hier zwei Wochen lang rund 30 Studenten aus Deutschland, Belgien, Holland oder Chile mit Hertener Akteuren an Kunst- und Kulturprojekten zusammen.

Seit Anfang September können nun Kunst- und Kulturschaffende das Gebäude als Zwischennutzer für ihre Projekte mieten. Dafür erhebt die Stadt Herten als Eigentümerin der Immobilie keine Gebühren oder Miete – sie bittet nur darum, die Räume nach der Benutzung zu reinigen. Für die kommenden Wochen und Monaten haben sich unter anderem bereits eine Ausstellung gegen rechte Gewalt oder eine bildende Künstlerin angemeldet. Falls eine neue, dauerhafte Nutzung gefunden wird, könnte – so hofft die Initiative Kreativ.Quartier Herten – ein Abriss vermieden werden. Bis zu dieser Entscheidung können sich an einer Zwischennutzung Interessierte bei der Stadt Herten melden, um ihr Projekt kurz vorzustellen und Termine abzusprechen: Claudia Heinrichs, 02366/303300, c.heinrichs@herten.de. (kb, 3.10.15)

Von der Kaufhalle zum Kunstraum, zumindest vorübergehend: der ehemalige Woolworth in Herten (Bild: HER10, Blog Kreativ.Quartier Herten)

Die Wiederauferstehung von Neukölln?

“Philipp Schaefers bauliche Gestaltungskraft wird durch die eigenartigen Vertikal-Formen seiner Karstadt-Häuser nicht erschöpft.” Zu diesem Lob mit Widerhaken kam 1929 der Architekturkritiker Werner Hegemann. Wie zeitgemäß sei dieser deutsche Anschluss an die “gotisierende Baumode” Amerikas, an die “utopischen Welten der Technik” eines Jules Verne oder H. B. Wells. Für Schaefers Warenhochhaus in Berlin-Neukölln – ein filmreifes Ensemble mit Lichtsäulen, Dachterrasse und U-Bahnanschluss – titelte der “neuköllner” rückblickend: “King Kong am Hermannplatz”. Noch kurz vor Kriegsende, im Frühjahr 1945 hatten SS-Einheiten das Karstadthaus gesprengt. In diesen Tagen nun stellt die Signa-Investorengruppe ihre Pläne zum Umbau des denkmalgeschützten Kaufhauses vor. Das Büro ChipperfieldArchitects will dabei nicht weniger, als den alten Glanz zurück – auch auf Kosten des betont nüchternen Wiederaufbaus von 1951/52 (Alfred Busse). Bereits bei der letzten Sanierung von 1998 bis 2000 (Helmut Kriegbaum/Udo Landgraf) hatte man mit einer Spiegelfassade an die ursprüngliche Symmetrie angeknüpft. Mit der Fertigstellung des Chipperfield-Projekts wäre, sollten die Investorenpläne umgesetzt werden, nicht vor 2024 zu rechnen. Wie stimmig die Wiederauferstehung von Neukölln ausfallen würde, bliebe abzuwarten – Vorher-Nachher-Bilder gibt es jetzt schon bei uns … (kb, 29.5.19)

Literatur

Schaefer, Philipp, Neue Warenhausbauten der Rudolph Karstadt A.-G. Mit einem Vorwort von Werner Hegemann, Berlin u. a. 1929.

Das Warenhaus Karstadt am Hermannplatz in Berlin-Neukölln, in: Deutsche Bauzeitung 63, 7. August 1929, S. 545-552.

Das Warenhaus Karstadt am Hermannplatz in Berlin-Neukölln, in: Konstruktion und Ausführung (Monatsheft zur Deutschen Bauzeitung) 8, August 1929, S. 85-89

Titelmotiv: Berlin-Neukölln, Karstadt (Bild: historische Postkarte).