Mainz: Die Kinos retten

Den Filmtheatern geht es in Zeiten von Netflix und Co. nicht mehr gut. Auch die einst blühende Programmkinolandschaft von Mainz ist zusammengeschrumpft – auf zwei Überlebende: Das „Palatin“ und das „Capitol“ , die seit 2009 unter dem Motto „Kino für Mainz“ vereint sind. Doch nun droht auch ihnen das Ende, denn das Palatin könnte möglicherweise abgerissen werden – was zugleich das Aus fürs Capitol bedeuten würde. Dies jedenfalls befürchten Mitarbeiter der beiden Kinos. Denn das Palatin-Gebäude in der Hinteren Bleiche nahe des Hauptbahnhofs hat einen neuen Eigentümer: Die Baufirma Fischer & Co., die bereits 2017 die Residenz-Passage samt Kino gekauft und den 1950er-Jahre Bau dem Erdboden gleich gemacht hat, und im entstehenden Neubau keinen Platz mehr für ein Lichtspielsaal hat. Man habe also allen Grund für die Annahme, dass auch das Palatin zugunsten eines Neubaus agerissen werden solle, heißt es nun in einem Offenen Brief der Initiative Mainz für Kino, der unter anderem auch von den Regisseuren Volker Schlöndorff und Edgar Reitz unterzeichnet worden ist. Es drohe der Verlust der letzten Programmkinos mit fünf Kinosälen, über 600 Sitzplätzen und obendrein dem ältesten bestehenden Kino der Stadt, der Pachtvertrag des Palatin läuft im April 2022 aus, bislang wurde wenn überhaupt eine Verlängerung um ein Jahr seitens der neuen Eigentümer angeboten.

Der Argwohn wächst: „Capitol & Palatin erhalten“ lautet der Titel einer Online-Petition, die Mitarbeiter der Programmkinos Ende August starteten, und die mittlerweile mehr als 10.000 Menschen unterzeichnet haben. Die Petition richtet sich in erster Linie an die Geschäftsführung der Baufirma Fischer & Co., an den Oberbürgermeister Michael Ebling und die Baudezernentin Marianne Grosse (beide SPD) sowie den gesamten Mainzer Stadtrat. Tatsächlich droht bei einer möglichen Schließung ein erheblicher Kulturverlust in Mainz: In den vergangenen Jahren wurde insbesondere im Palatin, einem Bau aus den 1930er Jahren, ein anspruchsvolles Programm realisiert: Neben Filmen gab es auch diverse Lesungen, Diskussionsveranstaltungen und Konzerte. Zu Gast waren etwa Multitalent Heinz Strunk sowie die Regisseure Uwe Boll, Olivier Assayas, Peter Greenaway oder Christian Petzold. (db, 4.9.21)

Mainz, Palatin-Kino 2021 (Bild: D.Bartetzko)

TIPPS ZUM TOFD: Kinotour durch Berlin

Am 11. und 12. September 2021 lädt Berlin wieder zum Tag des offenen Denkmals – das stadtweite Programm ist bereits jetzt online abrufbar (teils ist eine frühe Anmeldung zu den Terminen erforderlich). Mit Blick auf die Moderne lassen sich drei Angebote rund um das Thema Kino herausgreifen: Am Samstag, 11. September, lädt das 1928/29 von Hans Poelzig erbaute Kino „Babylon“ um Mitternacht zur Filmvorführung mit Orgelbegleitung. Das 2001 renovierte Gebäude kann mit der ebenfalls überholten originalen Philipps-Orgel aufwarten, der einzigen in Deutschland am ursprünglichen Ort erhaltenen Stummfilmorgel. Gezeigt wird der „Der müde Tod“ von Fritz Lang – digital restauriert und live begleitet von der Organistin Anna Vavilkina. (Neue Babylon Berlin GmbH, 030 24727804, Timothy Grossman, grossman@babylonberlin.de Rosa-Luxemburg-Str. 30, Nähe U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz).

Wo heute regelmäßig die Berlinale ausgerichtet wird, gaben sich schon zu DDR-Zeiten die Premierengäste die Klinke in die Hand. 1963 errichtet nach Entwürfen des Architekten Josef Kaiser, kann der moderne Vorzeigebau u. a. mit dem Betonrelief „Aus dem Leben heutiger Menschen“ von Waldemar Grzimek, Karl-Heinz Schamal und August Schievelbein aufwarten. Am Samstag, 11. September, führt Knut Steenwerth um 10, 12 und 14 Uhr durch das Kino. Eine Anmeldung ist erforderlich bis zum 9. September. (Kino International, denkmal@yorck.de, Karl-Marx-Allee 33, nahe dem U-Bahnhof Schillingstraße) Das Renaissance-Theater wurde von 1901 bis 1902 als Vereinshaus errichtet – nach Plänen des Büros Reimer & Körte. Erst 1926/27 machte der Architekt Oskar Kaufmann aus dem Kino ein Theater im Stil des Art déco. Am Sonntag, 12. September, werden um 11.30 und um 14 Uhr Führungen angeboten. Eine Anmeldung ist erforderlich bis zum 30. August. (Treffpunkt: Kassenhaus, Vicki Spindler, Renaissance-Theater Berlin 030 31597315, Azizeh Nami, presse@renaissance-theater.de Hardenbergstraße 6, nahe dem U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz). (kb, 23.8.21)

Berlin, Kino „Babylon“ (Bild: Truus, Bob & Jan too!, CC BY NC 2.0, via flickr.com)

Gießen: Initiative gegen Abriss des Kino-Centers

Die Eigentümerin des Kino-Centers in der Bahnhofstraße, die Adam Henrich Lichtspiel GmbH, sieht ihre Pläne als Aufwertung. Von „Schmuddelecke“ und „Schandfleck“ ist die Rede, immerhin steht der zweigeschossige, im Inneren zu vier Kinosälen verschachtelte Bau in einer (ehemals) etwas rotlichtigen Straßenzeile. Anstelle der Kultureinrichtung sollen bis 2022 Neubauten entstehen, mit Gewerbe- und Wohneinheiten. Schon im Februar wurde dafür die Änderung des Bebauungsplans in die Bahnen geleitet. Als Grund für die Kinoschließung werden vom Betreiber, dem Unternehmen Kinopolis, die Corona-Beschränkungen und die damit verbundenen finanziellen Verluste angeführt. Schon seit der Eröffnung des Großkinos am Berliner Platz sei der Standort in der Bahnhofstraße in Bedrängnis gekommen waren – beide Spielstätten werden von Kinopolis unterhalten. In dieser Gemengelage sollte sich das Haus in der Bahnhofstraße als Programmkino profilieren.

Doch nun regt sich Widerstand gegen den avisierten Abriss – Mitte April versammelte man sich online, um Unterstützer:innen zu sammeln und Strategien zu besprechen. Ein Online-Aufruf, das Kino zu besetzen, wurde weder bestätigt noch umgesetzt. Gesucht sind Ideen und Alternativen, gerne so utopisch wie möglich. Die Spannweite reiche von gastronomischen Zwecken über andere Kulturveranstaltungen bis hin zu einem Förderverein, der öffentliche Gelder einwerben könne. Denn man will den Streamingdiensten nicht kampflos das Feld überlassen, stattdessen (neu) an eine lange örtliche Kinokulturtradition anknüpfen. Mit einer Online-Petition (#kinocenterbleibt), gerichtet an die Adam Henrich Lichtspiel GmbH, werden Unterschriften für den Erhalt gesammelt, inzwischen sind über 1.700 zusammengekommen. Eine ganz analoge Demonstration soll folgen, sobald Corona dies wieder zulässt. (kb, 27.4.21)

Gießen, Kino-Center (Bild: change.org)