KLEINKIRCHEN: Die Ansgarkirche in Hamburg-Othmarschen

Bei moderneREGIONAL erscheinen in der Rubrik „invisibilis“ – neben der virtuellen Karte zu bedrohten Kirchen und aktuellen Meldungen – regelmäßig ausführlichere Beiträge zum Thema. Dazu zählt auch die Beitragsreihe „Kleinkirchen“, die bislang zu Unrecht übersehene Zeugnisse der Kirchbaumoderne in Einzelporträts vorstellt.

Manchmal hilft ein Perspektivwechsel dabei, alte Werte neu zu entdecken. Bei der Ansgarkirche in Hamburg-Othmarschen wäre dies der Blick aus einem der gegenüberliegenden Häuser – zumindest durch die Linse des Architekturfotografen Georg Baur, der den Bau kurz nach seiner Einweihung 1965 von schräg oben einfängt. Ihm öffnet sich ein weiter Vorplatz, links zur Straße hin gerahmt durch einen schlanken Stahlbeton-Glockenträger mit zarter Wendeltreppe. Dahinter beherrscht ein mediterranes Streifenmuster das Bild: Der langgestrecktes Pflasterbelag zielt mittig auf das hochgeschlossene Kirchenschiff auf sechseckigem Grundriss. Selbst die sich nach rechts anschließenden flachen Gemeindebauten zeigen einen Wechsel aus hell- und dunkelgrauen Granitsteinchen.

Links: Hamburg-Othmarschen, Ansgarkirche, Innenraum und Oberlicht (Bilder: links: historische Postkarte, Sammlung Karin Berkemann, nach 1965; rechts: Matthias Kaiser)

Die Ansgarkirche

Heute stellt sich das Äußere der Ansgarkirche anders dar: Zwar sind alle Grundformen noch vorhanden, sogar der Pflasterbelag zeigt sich unverändert. Aber die Bäume sind hochgewachsen, der Campanile wurde hell überstrichen, das Streifenmuster der Wände hat man mit braun-beigen Fliesen nachgestellt und das Flachdach neu kupferbeschlagen. Der Innenraum hingegen blieb weitgehend im Originalzustand erhalten. Hochgeschlossene, ganz in Weiß getauchte Ziegelwände werden erst ganz oben von einem umlaufenden Fensterband durchbrochen. Darüber ist eine Flachdecke aufgespannt, die von einem wabenförmigen Relief ihre grafische Struktur erhält – zum Himmel geöffnet durch ein sechseckiges Oberlicht.

Hamburg-Othmarschen, Ansgarkirche, Schema des Dachtragwerks und Grundriss (Bildquellen: Tabita-Kirchengemeinde/Soeffner 1998)

Hamburg-Othmarschen, Ansgarkirche, Schema des Dachtragwerks und Grundriss (Bildquellen: links: Tabita-Kirchengemeinde; rechts: Soeffner 1998)

So zurückhaltend der Innenraum auf den ersten Blick daherkommt, so raffiniert hat ihn der Architekt Otto Andersen 1965 durchgestaltet. Im Grundriss, vor allem im Tragwerksplan des Flachdachs wird deutlich, wie sich klare geometrische Formen wiederholen und das Grundmaß für jedes noch so kleine Detail bilden: In einen fiktiven Kreis eingeschrieben, lässt sich das Sechseck der Außenmauern wiederum auf Dreiecke reduzieren. Das Oberlicht rückt Andersen leicht aus der Mitte, nutzt es als Schnittmenge zwischen Altar- und Gemeinderaum. Hier ist auch der Taufständer der Bildhauerin Ursula Querner verortet. Die Schale wird sinnfällig von einem sternförmigen Einsatz gehalten. Für das ungewöhnliche Altarkreuz wählte Querner ein Quadrat, aus dem heraus der Auferstehende schreitet. Eine Überraschung wartet noch im angegliederten Sakristeiraum, wo der Künstler Ernst Günter Hansing ein farbiges Dallglasfenster einpasste.

links: Schulensee bei Kiel, Thomaskirche (Bild: Matthias Süßen, CC BY SA 4.0, 2020); rechts: Hamburg-Rahlstedt, Trinitatiskirche als Pappmodell (Bild: Faller-Magazin 54, 1966)

links: Schulensee (Kiel-Molfsee), Thomaskirche (Bild: Matthias Süßen, CC BY SA 4.0, 2020); rechts: Hamburg-Rahlstedt, Trinitatiskirche als Pappmodell (Bild: Faller-Magazin 54, 1966)

Die Kirchen von Otto Andersen

Der Architekt Otto Andersen (1924-1981) hat in rund zwei Jahrzehnten fast 20 Kirchen und Kapellen umgesetzt – vorwiegend im Raum Hamburg. Den prominenten Anfang diese Reihe bildet 1956 die Paul-Gerhardt-Kirche in Hamburg-Bahrenfeld, entworfen gemeinsam mit seinem Schwiegervater Alfred Behrmann. Während hier noch klassische, fast basilikale Motive die Oberhand haben, schwimmt sich Andersen 1959 gestalterisch frei: mit St. Peter in Hamburg-Groß Borstel auf parabelförmigem Grundriss und vor allem mit der organoid gedrungenen Thomaskirche in Schulensee (Kiel-Molfsee). Um 1960 folgen verschiedene, zumeist längsgerichtete Kirchenprojekte von Uetersen (1961, Erlöserkirche) bis nach Pinneberg (1964, Heilig Geist).

Otto Andersen entwickelt sich vom längsgerichteteten Raum um 1965 für kurze Zeit zum zentralisierenden Grundriss, um in den späten 1960ern über organoide Konzepte teils wieder zum längsgerichteten Konzept zurückzukehren: Hamburg, Paul-Gerhardt-Kirche (1956), Hamburg-Rahlstedt, Trintiatiskirche (1965), Hamburg-Othmarschen, Ansgarkirche (1965) und die Bonnuskirche in Osnabrück (1966) (Bilder: Grundrisse, teils schematisiert)

In den 1960ern hatte Andersen seine Kirchenkonzepte weiterentwickelt: vom längsgerichteten, häufig parabelförmig gestreckten Grundriss hin zu zentralisierenden Räumen auf vieleckiger Grundfläche. Dazu zählten 1965 die Trintatiskirche in Hamburg-Rahlstedt und die hier im Mittelpunkt stehende Ansgarkirche in Hamburg-Othmarschen. Nach einigen wenigen organoiden Grundrissen wie in Bliesdorf (Kapelle, 1966), konzentrierte sich Andersen bis in die frühen 1970er Jahre auf Varianten des langgestreckten Zelts wie bei der Bonnuskirche in Osnabrück (1967). Zuletzt näherte er diesen Typus in Bremen-Osterholz (Gemeindehaus Blockdiek) 1971 leicht einem Gemeindezentrum an, ohne jedoch von seiner Grundvorstellung eines sakralen lutherischen Gottesdienstraums abzuweichen.

Links: Tagungsband zum Ev. Kirchbautag in Hamburg 1961; rechts: Berlin, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (Bilder: links: Buchcover; rechts: historische Postkarte)

Links: Tagungsband zum Ev. Kirchbautag in Hamburg 1961 mit der Martinskirche in Hamburg-Rahlstedt auf dem Titel; rechts: Berlin, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche (Bilder: links: Buchcover; rechts: historische Postkarte)

Die Kirchbaumoderne

Otto Andersen war bestens vernetzt in der norddeutschen lutherischen Expert:innenszene. So ist u. a. seine Teilnahme am Evangelischen Kirchbautag in Hamburg belegt, der 1961 internationale Vergleichsbeispiele diskutierte. Immer wieder ließ sich Andersen in seinem engeren Umfeld inspirieren, um diesen Vorbildern dann eine eigene Prägung abzugewinnen. Am sichtbarsten sind die gestalterischen Bezüge zu Hamburger Kollegen, ob als respektvolle Annäherung an Gerhard Langmaack oder als freundliche Umarmung von Friedhelm Grundmann. Einiges erinnert auch an die rheinische Kirchbaumoderne der Zwischen- und Nachkriegszeit, wie sie prominent von Rudolf Schwarz, Hans Schilling und Fritz Schaller vertreten wurde. Und man denkt bei Andersen-Kirchen nicht zuletzt an die parabel- oder kreisförmigen Grundrisskonzepte eines Otto Bartning.

Ulm-Wiblingen, Versöhnungskirche, Olaf Andreas Gulbransson, 1963 – Visualisierung eines virtuellen 3D-Modells im Rahmen des Ausstellungsprojekts „Zwölf Kirchen“ der baden-württembergischen Denkmalpflege (Bild: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg im Regierungspräsidium Stuttgart)

Mit Blick auf die Ansgarkirche stechen drei überregionale Parallelen ins Auge: Als hätte Andersen den Flachdachbau auf polygonalem Grundriss von Egon Eiermann (Berlin, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, 1961) verknüpft mit der liturgisch ausbalancierten Raumordnung eines Olaf Andreas Gulbransson (Ulm-Wiblingen, Versöhnungskirche, 1963) – und zuletzt die strahlend weiße, indirekt belichtete Raumstimmung der Skanmoderne hinzugefügt. So prominent die Vorbilder der Ansgarkirche sein mögen, so sehr bedarf sie heute einer werbenden Vermittlung. Es ist kein Geheimnis, dass die Hamburger Kirchenlandschaft aktuell ausgedünnt wird. Die Ansgarkirche bittet gerade um Unterstützung für die Sanierung von Turm und Schiff. Zudem wird diskutiert, das Umfeld der Kirche für Wohnbauten auszunutzen. In jedem Fall sollte dabei die kongeniale Komposition von Otto Andersen, sein sensibles Wechselspiel aus Freifläche und umbautem Raum, behutsam neu zur Geltung gebracht werden. (kb, 19.2.21)

Bedrohte (hellgrün), geschlossene (schwarz), abgegebene (violett), umgenutzte (dunkelgrün) und abgerissene (rot) Kirchen in Hamburg (Auszug aus der moderneREGIONAL-Karte „invisibilis“)

Literatur und Quellen

Ev.-Luth. Tabita-Kirchengemeinde Hamburg; Hamburgisches Architekturarchiv.

Hotz, Walter (Bearb.), Moderne Kirchen, Bayreuth o. J. (1960er Jahre).

Gerhard Langmaack (Bearb.), Kirchenbau und Ökumene. Bericht über die Elfte Tagung für evangelischen Kirchenbau vom 8. bis 12.Juni 1961, hg. vom Arbeitsausschuß des Evangelischen Kirchbautages, Hamburg 1962.

Eine moderne Kirche in Hamburg, in: Faller-Magazin 54, 1966, 2, S. 1933–1937.

Poscharsky, Peter (Bearb.), Kirchen von Olaf Andreas Gulbransson, München 1966.

Schnell, Hugo, Kirchenbau des 20. Jahrhunderts. Dokumentation, Darstellung, Deutung, München/Zürich 1973.

Soeffner, Hans-Georg u. a., Dächer der Hoffnung. Kirchenbau in Hamburg zwischen 1950 und 1970, Hamburg 1995.

Nikula, Riitta, Bauen für die Staatskirche. Kirchenarchitektur in Finnland 1950-2000/Building for the State Church. Church Architecture in Finland 1950–2000, in: Stock, Wolfgang J. (Bearb.), Europäischer Kirchenbau 1950–2000/European Church Architecture 1950–2000, München u. a. 2001, S. 236–245.  

Rauterberg, Claus, Der Architekt Otto Andersen (1924–1981) und seine Kirchen in Schleswig-Holstein und Hamburg, in: DenkMal! 10, 2003, 1, S. 89–100.

Berkemann, Karin (Bearb.), „Baukunst von morgen“. Hamburgs Kirchen der Nachkriegszeit, hg. vom Denkmalschutzamt Hamburg, Hamburg 2007.

Ludwig, Matthias, „… viele kleine Kirchen“. Das Kapellenbauprogramm der 1960er Jahre in Schleswig-Holstein (Beiträge zur Denkmalpflege in Schleswig-Holstein 2), hg. vom Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein, Kiel 2011. 

Hamburg-Othmarschen, Ansgarkirche, Sakristeifenster und Altarkreuz (Bilder: Matthias Kaiser)

Hamburg-Othmarschen, Ansgarkirche, Sakristeifenster und Altarkreuz (Bilder: Matthias Kaiser)

Titelmotiv: Hamburg-Othmarschen, Ansgarkirche (Foto: Georg Baur, um 1965, Bild: Hamburgisches Architekturarchiv)

Die Kirchen der anderen

Eingefleischte Kirchenleute reiben sich seit Kurzem erstaunt die Augen: Mit einem Mal kümmern sich Experten von „außerhalb“ um ihre Räume. Denn Kirchenbauten sind angesichts der schwindenden Finanz- und Mitgliederstärke der beiden großen Konfessionen zunehmend auf dem Markt. Damit rücken sie in den Blick einer breiteren Öffentlichkeit – irgendwo zwischen Goldgräberstimmung, Lost-Places-Charme und denkmalfachlicher Besorgnis. Da tut es Not, dass sich die Fachleute dies- und jenseits der kirchlichen Mauern austauschen, wie eine gute Zukunft für kirchliche Räume aussehen kann.

Bedrohte (hellgrün), geschlossene (schwarz), abgegebene (violett), umgenutzte (dunkelgrün) und abgerissene (rot) Kirchen in Hannover (Auszug aus der moderneREGIONAL-Karte „invisibilis“)

Das breit aufgestellte Herrenhäuser Symposium „Kirchenumnutzung“ hat dieses Thema im Blick. Zunächst hatte man analog geplant und ist nun virtuell auf dem Schirm: vom 15. bis 17. Februar 2021. Vorgestellt werden europaweite Vergleichsbeispiele (vorwiegend aus den Niederlanden, aus Belgien, Großbritannien und der Schweiz) ebenso wie Beispielstudien aus Hannover. Eine Anmeldung ist erforderlich, erste Informationsunterlagen können heruntergelanden werden. Die von der Volkswagen-Stiftung geförderte Veranstaltung wird organisiert von Kerstin Gothe (KIT/Karlsruher Institut für Technologie), Paul Post (Tilburg University) und Johannes Stückelberger (Universität Bern). (kb, 28.1.20)

Hannover-Roderbruch, Dietrich-Bonhoeffer-Gemeindezentrum (Klaus und Gudrun Vogel, 1981) – eine der Modellstudien der Tagung (Bild: Klaaschwotzer, CC BY SA 4.0, 2020)

Ohne Abschied: Vicelinkapelle Riepsdorf verkauft

In den 1960er Jahren legte die nordelbische Landeskirche (heute Teil der Nordkirche) ein Bauprogramm für kleine protestantische Gemeinden auf: Mit Architekturwettbewerben, teils mit standardisierten Lösungen wollte man für ebenso qualitätvolle wie maßstäbliche Kirchenräume sorgen. Viele dieser Kapellen wurden später verändert und erweitert, einige von ihnen sind nicht mehr in gottesdienstlicher Nutzung. Auch im ostholsteinischen Riepsdorf hat die evangelische Vicelinkapelle – 1968 fertiggestellt nach einem Entwurf des Architekten Gert Johannsen, 1987 um einen Gemeinderaum ergänzt – zum 1. Februar einen neuen Besitzer gefunden.

Als Gründe für den Schritt nennt die Gemeinde klamme Kassen und ein Sanierungsstau. Bereits seit 2015 hatte man um den Erhalt der Kapelle gerungen. Am Samstag feierte man Abschied – coronagerecht nicht mit einem Gottesdienst, sondern lediglich mit einem Glockenläuten. Der Käufer stamme aus dem Ort, über die weitere Nutzung des Kapellenbaus ist noch nichts bekannt. Um zu klären, wie das kirchliche Leben vor Ort nun weiter aussehen könnte, soll – nach Corona – ein runder Tisch einberufen werden. (kb, 24.1.21)

Riepsdorf, Vicelinkapelle (Bild: kirchengemeinde.cismar.de)