KLEINKIRCHEN-PILGERN: Mit Martin Bredenbeck zu den „fliegenden Kirchen“

Wer sich keine Kirche leisten kann, der leiht sich eine – und gibt sie weiter, wenn er sie nicht mehr braucht. Nach diesem Prinzip wurden im Rheinland in den 1960er Jahren „versetzbare Kleinkirchen“ produziert. Aus einem Wettbewerb (1959) hatte man – nach verschiedenen Probebauten auch anderer Architekten – zwei Montagesysteme für die Serienfertigung ausgewählt: Vom zeltförmigen Typ A (Helmut Duncker mit Martin Görbing, Düsseldorf) entstanden so mindestens 27 Stück, vom flachgedeckten Typ B (Otto Leitner mit Johann Huf, Unterpfaffenhofen bei München) waren es mindestens acht Exemplare. moderneREGIONAL sprach mit dem Kunsthistoriker Dr. Martin Bredenbeck (LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland) über die Besonderheiten der rheinischen Kleinkirchen. Die untenstehende virtuelle Karte gibt einen Überblick zu Standort, Nutzung und Wanderung von ausgewählten Modellen. (Text/Kartenrecherche: K. Berkemann, 14.4.21)

Interview mit Dr. Martin Bredenbeck (LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland)
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Kirche im Kohlhof

Niederbexbacher Straße 25, 66539 Neunkirchen-Kohlhof

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Die Typenkirche wurde 2015 geschlossen und 2018 bekannt gegeben, dass der Bau verkauft und privat genutzt werden soll.
1960

Ev. Kirche Eichenkreuzhöhe

Hopscheider Weg 33, 42555 Velbert-Langenberg

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Die Typenkirche wurde als Probebau errichtet, bevor der Typ später in Serie produziert wurde. 2003 hat man den Bau geschlossen, 2004 wurde er abgerissen.
1960

Friedenskirche

Friedensstraße 11-15, 53604 Bad Honnef-Aegidienberg

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Die Gemeinde entschied sich für dieses Typenkirchen-Modell auf einer landeskirchlichen Ausstellung zum Kleinkirchenwettbewerb. (Dieser Typus wurde von der Landeskirche später nicht in die Serienfertigung übernommen.) In Bad Honnef wurde die Kirchen 1966 um eine Gemeindehaus ergänzt, erhielt 1967 eine farbige Verglasung und 1980 einen Glockenträger.
1961

Orthodoxes Zentrum für Exil- und Diasporagemeinden

Werstener Feld 65, 40591 Düsseldorf-Wersten

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Die vom Diakonischen Werk errichtete Typenkirche wurde 2008 abgegeben an eine russisch-orthodoxe Gemeinde. 2016 stand der Bau zum Verkauf.
1962

Evangeliumskirche

Quellstraße 22-24, 46117 Oberhausen

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Die Typenkirche (Gemeinde Dellwig-Frintrop-Gerschede) wurde 2004 geschlossen und abgerissen. Auf einem Teil des Grundstücks errichtete ein Investor neue Wohnungen, daneben entstand 2010 ein neues Gemeindezentrum.
1964

Holzkirche Schönbeck

Feldberg 1, 28757 Bremen

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Die Typenkirche wurde 1965 um einen Glockenträger ergänzt.
1964
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Literatur

Archiv der Ev. Kirche im Rheinland. Bestand Landeskirchenamt ( LKA ). Sachakten Az. 11 bis Az. 131949-19711 OB 017 [Findbuch].

Bredenbeck, Martin, Die Zukunft von Sakralbauten im Rheinland (Bild – Raum – Feier 10), Regensburg 2015 (zugl. Diss., Bonn, 2012).

Buchholz, Bert/Klein, Tatjana, Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland Düsseldorf. 1OB 017. Landeskirchenamt Sachakten 2 : Az. 11 1972-1984, Düsseldorf 2015 [Findbuch].

Kirchen. Von der Stange, in: Der Spiegel, 3. April 1966.

Meys, Oliver, Projekt zur Erfassung des Kirchenbaus nach 1945 in NRW, in: Beckmann, Eva-Maria (Bearb.), Zwischen Stolz und Vorurteil: Nachkriegskirchen im Rheinland. Dokumentation zum 4. Rheinischen Tag für Denkmalpflege in Düren, 10. Mai 2015 (Mitteilungen aus dem LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland 22), S. 33-44.

Ludwig, Matthias, „Lieb‘ Holstein, mußt mehr Kirche bauen!“ Zum Kapellenbauprogramm der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schleswig-Holsteins, in: Ludwig, Matthias (Bearb.), „… viele kleine Kirchen“. Das Kapellenbauprogramm der 1960er Jahre in Schleswig-Holstein (Beiträge zur Denkmalpflege in Schleswig-Holstein 2), hg. vom Landesamt für Denkmalpflege, dem Evangelisch-Lutherischen Kirchbauverein für Nordelbien und dem Nordelbischen Kirchenamt Kiel, Kiel 2011, S. 34–76.

Lütters, Herbert (Hg.), Neue Kirchen im Rheinland, hg. von der Evangelischen Kirche im Rheinland, Düsseldorf 1963.

Nieser, Günther, Die evangelische Kirche von Bliesransbach. Chronik, o. J.

Wimmenauer, Karl, Über (un-)versetzbare Kleinkirchen, oder die Trägheit, Provisorien zu überwinden, in: kunst und kirche 33, 1970, S. 164-171.

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Typenmodell Typ A (Bild: kunst und kirche 1960, eingefärbt)

Titelmotiv/unten: Modell der Typ-A-Kleinkirche (Titelmotiv) nach einem Entwurf von Helmut Duncker und der Typ-B-Kleinkirche nach einem Entwurf von Otto Leitner (Bilder: kunst und kirche 1960, eingefärbt)

Sundern: Markuskirche wird zur Tagespflege

Weniger Mitglieder, weniger Geld: Schon 2015 sah sich die evangelische Gemeinde im sauerländischen Sundern gezwungen, zwei Kirchen aufzugeben, um am Ende eine neue zu errichten. 50 Jahre vor der Entwidmung hatte man im Ortsteil Langscheid die Einweihung der Markuskirche begangen. Der Kirchenraum wurde 1965 auf dreieckigem Grundriss errichtet, in dessen Spitze man den Altarraum verortete. Die verglasten Seitenwände hatte der Maler Emil Kiess in bemerkenswerte abstrakt-farbige Formen gehüllt. Mit dem zur Seite gestellten Glockenträger wiederholte sich die Prismenform am Kirchenbau. Schon 2019 gab es hatte man in Sundern um das Schicksal eines evangelischen Gottesdienstraums gerungen: um den Abriss der Lukaskirche (1950) – immerhin eine der Bartning-Diasporakapellen. Zuletzt einigte man sich auf eine Teilsicherung von Holzelementen, um eine spätere Rekonstruktion grundsätzlich möglich zu machen.

Auch für die Markuskirche standen die Zeichen schon auf Abriss, als die Westfalenpost 2019 den Verkauf des Gebäudes meldete. Ein Investor wolle hier 2020 zur Tat schreiten und den Kirchenbau durch Mehrfamilienwohnhäuser ersetzen. In diesen Tagen lautet die Nachricht positiver: In der ehemaligen Kirche wolle die Caritas eine Tagespflege für 18 Personen einrichten. Um das Gemeindeleben künftig auf die Lukaskirche konzentrieren zu können, wurde anstelle der abgerissenen Bartning-Diasporakapelle ein Neubau (Büro Zamel Krug) errichtet und 2020 eingeweiht. Aus der programmatisch bescheidenen Geste der Notkirche wurde ein selbstbewusster, zur Straße hin vorgerückter Baukörper mit markantem Turm. Ob die entwidmete Lukaskirche wiederum auch in der angekündigten neuen Nutzung als Baukunstwerk erfahrbar sein wird, bleibt abzuwarten. (kb, 28.3.21)

Sundern-Langscheid, Markuskirche (Bild: Cancun, CC BY SA 3.0, 2009)

Streit um „Hakenkreuz-Dekor“ geht weiter

Der Streit schwelt seit zwei Jahren: Ab 2019 wollte man in Essen die Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung umgestalten – und in ein neues, weiß-neutrales Gewand hüllen. Erbaut 1937 von den Architekten Carl Conradi und Paul Dietsch, zeigte der Gottesdienstraum typische Merkmale seiner Zeit: eine neoklassizistische Wandgliederung und viel Holz. Doch dann schlug die Debatte um die figurative bzw. zeichenhafte Ausstattung der Kapelle hohe Wellen. Das Altarbild mit dem blondgelockten Jesus wurde bereits 1994 entfernt. Für die Glasgestaltung hatte Carl Bringmann eine ähnlich herbe Formensprache der 1930er Jahre gewählt. Und die Balkendecke schmückte man mit christlichen Symbolzeichen in ornamentalen, hakenkreuzartigen Verschlingungen. Trotz anhaltender Proteste wurde die Kapellendecke im Mai 2019 „aus Gründen des Brandschutzes“ abgenommen und eingelagert.

Inzwischen steht die Kapelle unter Denkmalschutz (samt Decke), aber ihr Schicksal ist weiterhin offen und macht Schlagzeilen. Vor zwei Tagen meldete „Bild“, dass der Denkmalschutz die Wiedereinweihung der Kapelle verzögere. Superintendentin Marion Greve äußerte gegenüber der Zeitung: Sollten die Hakenkreuze bleiben müssen, sei für sie eine Weiternutzung des Raums als Kapelle „ganz unvorstellbar“. Das LVR-Denkmalamt hingegen empfahl gegenüber „Bild“ eine öffentliche Diskussion, ob eine „nur teil- oder zeitweise Sichtbarmachung der Decke“ eine Alternative sein könne – und bot damit schon eine weitreichende Kompromisslösung an. Der Totalverlust könnte Essen um eine prägende Dimension seiner modernen Geschichte berauben, denn gerade solch spannungsvolle Räume lehren die Betrachter:innen – über altes Schubladendenken von „guter“ und „schlechter“ Moderne hinaus – viel über eine vielschichtige Stilepoche. (kb, 14.3.21)

Titelmotiv: Essen, Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung (Bild: StagiaireMGIMO, CC BY SA 4.0, 2018). Facebookbild: Essen, Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung (Bild: Wiki05, gemeinfrei, 2009).