Suchbild mit Turm

Manchmal verdichten sich vier Tage in einem Bild, so auch am Samstag, am letzten Abend des 29. Evangelischen Kirchbautags in Erfurt. Zur Verleihung des Preises „Dorfkirchen“ der Wüstenrot Stiftung warf Stefan Krämer hier ein Foto der Frankfurter Skyline an die Wand. Zwischen den Wolkenkratzern wiesen rote Pfeile in die Tiefe, wo sich die Kirchtürme versteckten. Auch in vielen anderen Großstädten haben die Kirchenbauten ihre Wahrzeichenfunktion längst verloren (was nicht nur in den Hochhausneubauten, sondern ebenso in den Kirchenabrissen begründet liegt). Anders auf den Dörfern, deren Kirchen am Samstag für beispielhafte Bau- und Nutzungsprojekte ausgezeichnet wurden. Denn bliebe hier der Gottesdienstraum dauerhaft geschlossen, ginge damit oft der letzte öffentliche Raum verloren. Und genau das wollte Kirche an diesem Wochenende wieder sein: aufgeschlossener, öffentlicher Raum.

Anders, irgendwie

Neustadt am Rennsteig, Her(r)bergskirche (Bild: Renè Zieger, 2019)

Champing mit Stil: Her(r)bergskirche in Neustadt am Rennsteig (Bild: © René Zieger, 2019)

Mit Nachdruck diskutierte der Kirchbautag über Chancen und Gefahren der Nutzung: „Eine Grenze ist der religiöse Anspruch der Kirchen.“ Das liege auch im Interesse der außerkirchlichen Öffentlichkeit. Auf die Frage nach dem Lieblingsprojekt fiel auf den Erfurter Podien und in den Pausengesprächen immer wieder ein Name: Her(r)bergskirche. Die Initiative erschließt Gottesdiensträume im Thüringer Wald als ungewöhnliche Übernachtungsorte. Mit wenig Mitteln und viel Stil integriert das Architektenteam Sero in den Bestand eine einfache Schlafgelegenheit mit sakralem Ausblick. Die auf Nachahmung angelegte Idee bildet eines der Ergebnisse des Aufrufs „500 Kirchen – 500 Ideen“ zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen. Ein Konzept, das ähnlich auch in einem modernen Kirchenbau funktioniert, so z. B. in der Jugendkapelle von Nordrach im Schwarzwald, einer der Wüstenrot-Preisträgerinnen. Kirche auf Zeit, als Zaungast hat Konjunktur.

Wortfindungen

Köln, St. Gertrud während der Ausstellung "Fluch und Segen" (Bild: Michael Rasche)

Ausstellungsprojekt des Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW (M:AI) in Kooperation mit „StadtBauKultur NRW“: die Ausstellung „Fluch und Segen“ in St. Gertrud in Köln (Bild: © Michael Rasche, 2019)

Während vielerorts innovative Ansätze erprobt werden (was hat man schon zu verlieren), rangen die Experten in Erfurt noch nach Worten (es gibt so viel zu bedenken): „Nutzung“ schien zu trocken, zu funktional. Da war von „Nutzbarkeit“ die Rede, von „Nachnutzung“, „Quernutzung“ oder „sakralsäkularer Kühnheit“. „Aufgeschlossen“ will Kirche jetzt sein, anders, ein Erlebnis, ein öffentlicher Raum. Nicht nur vernetzt, sondern verbunden mit der nichtkirchlichen Öffentlichkeit. Diese hat sich derweil ihre eigenen Wege zu den Kirchenbauten gebahnt. Gerade die geschlossenen, verborgenen, fast verlorenen Räume üben einen besonderen Reiz aus: Kirchen als „Lost Places“. Vielleicht muss Kirche sich gar nicht sofort selbst finden, vielleicht darf sie sich dieses Mal einfach finden lassen. Als Brotkrumen am Weg sollte sie dafür im eigenen Interesse genügend ihrer Bauten stehen lassen. (23.9.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Frankfurt am Main, Skyline, mit dem roten Pfeil markiert: St. Antonius (1900, August Menken) (Bild: Leonhard Niederwimmer, via pixabay.com)

28. Kirchbautag in München

28. Kirchbautag in München

München, Matthäuskirche (Bild: Rufus46)
Die Münchener Matthäuskirche ist zentraler Treffpunkt beim 28. Evangelischen Kirchbautag (Bild: Rufus46)

Es ist eine moderne Veranstaltung mit Tradition, wurde der Evangelische Kirchbautag doch kurz nach Kriegsende im Jahr 1948 begründet. Schon zum 28. Mal trifft sich die Fachwelt, um über den aktuellen evangelischen Kirchenbau zu diskutieren. Vom 9. bis zum 12. Oktober 2014 laden die evangelische Landeskirche in Bayern und das Präsidium des Kirchbautages zum Thema „Evangelisch präsent – Kirche gestalten für die Stadt“ nach München ein. Experten aus der Soziologie, Architektur, Kunstgeschichte und Theologie referieren, wie protestantische Kultur in einer Großstadt wie München – in direkter Nachbarschaft zu anderen religiösen und kulturellen Räumen – aussehen kann.

Nach dem Krieg beantwortete der Architekt Gustav Gsaenger diese Frage schon einmal, als er die Matthäuskirche (1957) beim Sendlinger Tor unübersehbar in geschwungenen Formen gestaltete. Die Matthäuskirche bildet einen zentralen Veranstaltungsort des Kirchbautags, der am 9. Oktober mit Architekturführungen, Gottesdienst und Empfang eröffnet wird. Die Themen, die am 10. Oktober durch Vorträge und Exkursionen anklingen, können am 11. Oktober in Workshops vertieft werden. Am 12. Oktober endet die Fachtagung mit dem Abschlussgottesdienst in der Lukaskirche. (kgb, 7.6.14)