“Lass die Kirche im Dorf” vs. “Urbino”

Wer beim Bau seines Dorfes nicht weiter weiß, kann den Pfarrer um Hilfe anrufen (und bekommt geholfen). Unrealistisch? Vielleicht, aber auf dem Spielbrett gelten klare Regeln, so auch bei “Lass die Kirche im Dorf!”. Das liebevoll aus heimischen Hölzern erstellte Strategiespiel stellt zwei Personen vor die Aufgabe, je ein Dorf zu planen und dabei mit der Kirche zu beginnen. Die mitgegebenen Häuser müssen auf dem schachbrettartigen Grundriss so arrangiert werden, dass sie am Ende eine zusammenhängende Siedlung ergeben. Da beide Spieler:innen gegeneinander vorrücken, kann eine:r rasch in die Klemme geraten, aus der nur der Pfarrer – eine schwarze Holzfigur mit breitkrempigem Hut – die Rettung bringen kann. Das ungewöhnliche Thema war für die kleine Manufaktur von Ludwig Gerhards im Westerwald eine Auftragsarbeit, gestellt vom Verlag Chrismon. Aus dem puren Titel, zu dem ein passendes Spiel zu erfinden war, entwickelte Dieter Stein 2017 einen erfolgreichen Klassiker, der gerade frisch aufgelegt wurde.

Im Programm von “Gerhards Spiel und Design” findet sich ein zweites, ähnlich aufgebautes Angebot. Mit “Urbino”, wieder nach einem Konzept von Dieter Stein, wechselt die Szenerie ins Städtische. Dieses Mal müssen zwei Architekten eine Metropole errichten, mit möglichst vielen Häusern, interessanten Quartieren und schönen Leitbauten – wie Palast und Turm, eine Kirche fehlt hier. Der eigentliche Streitapfel sind die Grundstücke, ohne die kein Weiterbauen möglich ist – zudem muss jede neue Setzung in der Blickrichtung des zweiten Architekten entstehen. Himmlische oder geistliche Hilfe kann nun nicht angerufen werden, jede:r bleibt bei sich und seinen weltlichen Gegebenheiten. Passenderweise sind die beiden Spielfiguren für die Architekten in diabolisches Rot gehüllt. Es mag als versöhnlicher Ausblick gelten, dass Chrismon auch dieses Spiel in sein Verkaufsprogramm aufgenommen hat – und auf dem Gabentisch bzw. unter dem Weihnachtsbaum sind sowieso alle Weltdeutungs- und Siedlungskonzepte gleich. (kb, 17.12.21)

Titelmotiv: “Lass die Kirche im Dorf” und “Urbino” (Bilder: Gerhards Spiel und Design)

Griff zum Himmel

Otl Aicher, Designlegende und Mitbegründer der Hochschule für Gestaltung Ulm, entwickelte für das nordrhein-westfälische Unternehmen FSB (Franz Schneider Brakel GmbH + Co KG) in den 1980er Jahren die „Vier Gebote des Greifens“: Daumenbremse, Zeigefingerkuhle, Ballenstütze und Greifvolumen. Anhand dieser Merkmale sollte die ebenso ästhetische wie ergonomische Gestaltung eines guten Türgriffs beurteilt werden, denn mit Klinken und Co. verdient die Firma seit 140 Jahren ihr Geld. FSB sollte auf Basis der Aicher-Gebote im Eigenverlag 16 Bände zum Thema herausgeben. Nun ist hier eine neue Publikation erschienen, die sich der geistlichen Seite des eigenen Produkts widmet. Unter dem Titel „Griff zum Himmel – Handle to Heaven“ gibt es Grundlegendes zur Kirchenklinke, inklusive einer langen Fotostrecke.

Immer wieder hat man sich in den Gemeinden große Mühe gegeben, den ersten haptischen Kontakt zu einem Kirchenbau auch sinnfällig zu gestalten. Die Palette der möglichen Lösungen reicht von einer symbolhaften Darstellungen wie Engel und Fische bis zu abstrakten Formfindungen, von der prominenten Künstlerschöpfung bis zum Katalogprodukt. Nicht immer haben sich die einstigen Designstücke in ihrer ursprünglichen Klarheit erhalten – viele wurden mit Zetteln und Schildern verunklärt oder in neue humorvolle Zusammenhänge gerückt. Im Autor:innenteam der Publikation ist breratend mit dabei Wolfgang Reul, Leiter der Abteilung Kommunikation Architektur beim Unternehmen FSB, der unter seinen Berufsbezeichnungen auch den schönen Begriff des “Türklinkenphilosophen” führt. Mit diesem Thema ist er auch zu den Anfängen des 1881 begründeten Unternehmens zurückgekehrt, das mit Möbelbeschlägen und Devotionalien seine ersten Einnahmen erzielt hatte. (kb, 7.12.21)

Buch “Griff zum Himmel – Handle to Heaven” (Bild: FSB – Franz Schneider Brakel GmbH + Co KG)

“Überm See” wird gebetet

Seit 50 Jahren wird in Olpes Stadtteil Sondern zwischen “Überm See” und der Franz-Hitze-Straße die Messe gefeiert. Hier am Biggesee, einem in der Nachkriegszeit angelegten Stausee, entstand zwischen 1966 und 1969 – nach Plänen des Architekten und Essener Stadtbaurats Herman Gehrig – die katholische Kirche St. Maria Hilfe der Christen. Der verklinkerte Saalbau mit Betonglas- und Bleiglas-Fenstern erhebt sich über einem polygonalen Grundriss.

Obwohl das kleine Sondern keine 500 Einwohner zählt, bietet die Kirche satte 345 Sitzplätze. Eine Besonderheit ist zudem die Erweiterungsmöglichkeit durch ein bestuhlbares Atrium, das sich zum östlich gelegenen Biggesee orientiert. Dabei waren die Arbeiten holprig verlaufen: Kurz nach dem Baubeginn verstarb Gehrig und der lokale Architekt Heribert Klein musste sein Werk vollenden. Für die Kirchenglocken fehlte zunächst das Kapital. Erst seit 2003 läutet es aus dem skulpturalen Campanile. Umso mehr darf man sich bei einem Besuch über den 50. Kirchengeburtstag freuen und das gelungene Baukunstwerk bestaunen. (mk, 30.11.19)

Olpe-Sondern, St. Maria Hilfe der Christen (Bild: pv-olpe.de)