Schlagwort: Kirche

Malermeister (Bild: Lukeroberts, GFDL oder CC BY SA 2.5, 2005)

Das ewige Problem mit den Bildern

Protestanten und Kunst verbindet ja bekanntlich keine wirklich enge Liebe. Doch das könnte sich diesen November gleich doppelt ändern. Vom 9. bis 10. November 2018 findet in Marburg – nach dem Vorbild des jahrzentelang bewährten Kirchbautags – der „Erste Evangelische Bildertag“ statt. Das Marburger EKD-Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart lädt alle Interessierten mit Vorträgen und Diskussionsrunden dazu ein, neue „Bildkompetenz“ zu erwerben. Denn, so die These, die intensive Beziehung zum Wort beruhe auf einer intimen Beziehung zum Bild, „die weithin unbemerkt die religiöse Kommunikation im Protestantismus steuert“.

Auch im Ruhrgebiet fragt eine Tagung nach der „Ambivalenz der Bilder in Kunst und Religion“. In Bochum (Kunstmuseum Bochum, Kortumstraße 147, 44787 Bochum) will das CERES-Institut (Centrum für Religionswissenschaftliche Studien) der Ruhr-Universität vom 7. bis 9. November 2018 neu über die „Bilderfrage“ nachdenken. Die Tagung steht im Rahmen der Ausstellung „Bild Macht Religion“ im Kunstmuseum Bochum, die den jahrhundertealten Widerstreit zwischen Bilderkult und Bilderkampf neu aufrollt. Damit können die Tagungsbesucher eben nicht nur viel hören und reden, sondern auch viel schauen, was es mit den Bildern und dem Christentum wirklich auf sich hat. (kb, 29.10.18)

Maler bei der Arbeit (Bild: Lukeroberts, GFDL oder CC BY SA 2.5, 2005)

Farbenpracht in Nordhessen

Bad Sooden-Allendorf, St. Bonifatius (Bild: T. Wolf)
Bad Sooden-Allendorf, St. Bonifatius (Bild: T. Wolf)

Vor 40 Jahren starb Richard Süßmuth, der ungezählte katholische Kirchen Nordhessens in kräftige Farben tauchte. Geboren wurde er 1900 in Ruhland/Schlesien. Durch den Zweiten Weltkrieg verschlug es den gelernten Glasschleifer nach Nordhessen, wo er die Glashütte Immenhausen wiederaufbaute. Seine Arbeiten waren u. a. 1964 auf der documenta III vertreten. In Nordhessens modernen Kirchen kann man sein Schaffen bis heute bewundern.

Die katholische Kirche St. Clemens-Maria in Immenhausen etwa – 1952 von den Architekten Lipsmeier und Reuter gestaltet – besticht durch ihre Fenster und eine Wandmalerei von Süßmuth. Grund genug, zum diesjährigen Tag des offenen Denkmals das Thema „Farbe“ auch in Immenhausen mit einer Führung durch Prof. H. Heiduk zu würdigen. Ebenso kam an diesem Tag die Kirche St. Bonifatius in Bad Sooden-Allendorf (1958) zu verdienter Aufmerksamkeit – vor allem für die Buntglasfenster (1960), die Heinz Hindorf entwarf und die Groß-Umstädter Werkstatt Münch ausführte. (tw, 21.9.14)

Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Wörth: Boom-Town am Rhein

von Tobias Flessenkemper mit Fotos von Gregor Zoyzoyla

Das einst beschauliche Fischerdorf Wörth am Rhein wurde 1977 zur Stadt. Im neu gegründeten Rheinland-Pfalz waren die pfälzischen Landesteile in der Nachkriegszeit wirtschaftlich unterentwickelt. Ziel der Ministerpräsidenten Peter Altmeier (1947-69) und Helmut Kohl (1969-76) war die (industrielle) Entwicklung des gesamten neuen Bundeslands. In Wörth gelang der Coup, als sich hier in den 1960er Jahren das weltweit größte Mercedes-Benz LKW-Montagewerk ansiedelte. Die Region wurde zudem europäisches „Ölkreuz“, an dem Pipelines aus Marseille, Triest und Genua zusammenliefen. 1970 eröffnete dann Mobil Oil eine Groß-Raffinerie. Industrieansiedlungen und das Wachstum der Oberrhein-Region um Karlsruhe ließen die Bevölkerung explodieren: Zwischen 1950 und 1970 verdoppelte sie sich und wuchs auf heute über 17.000 Menschen an. Wörth war zur Boom-Town des Ölzeitalters geworden.

 

Die „neue Stadt“ im Wald

Wörth entschloss sich, einen neuen Stadtteil auf dem östlich gelegenen Dorschberg „im Wald“ oberhalb des am Altrhein gelegenen historischen Orts zu errichten. Mit dem neuen Rathaus wurde aber auch signalisiert, dass der Dorschberg mehr als eine Trabantenstadt sein sollte. Er erhielt wichtige Schulen und Kirchen, eine Einkaufspassage, Sport- und Grünanlagen. In zwei Bauabschnitten entstand zwischen 1967 und 1975 das heutige Europa-Gymnasium nach Entwürfen des Architekten Egon Seidel. Die Jury lobte den Entwurf als gelungenen Schwerpunkt eines zukünftigen Stadtzentrums.

In der Wörther Ortschronik heißt es weiter: „Kultusminister Dr. Bernhard Vogel bezeichnete in seiner Festrede den Bau des Gymnasiums in Wörth als so bedeutsam für das südostpfälzische Industriegebiet wie die Gründung der Universität in Kaiserslautern in der Pfalz“. Außerdem entstanden Anfang der 1970er Jahre das Rathaus gegenüber dem Gymnasium, die katholische Pfarrkirche St. Theodard (1969-73) von Alois Atzberger und verschiedene Wohnquartiere für leitende und höhere Angestellte der Industrie und Arbeiterfamilien. Die moderne Stadtlandschaft auf dem Dorschberg wurde natürlich autogerecht angelegt, zum Ausgleich gab es u. a. einen zentralen Stadtpark und eine autofreie Fußgängerzone.

 

Amtlich geprüft

Vor Ort ist man heute besorgt um den Erhalt dieses qualitätvollen Erbes. Auch der Arbeitskreis Nachkriegsmoderne des RVDL (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz) engagiert sich für die nachkriegsmodernen Bauten auf dem Dorschberg. Vor diesem Hintergrund prüft die Generaldirektion für Kulturelles Erbe des Landes Rheinland-Pfalz (GDKE) seit August 2018 die Denkmalwürdigkeit des Europa-Gymnasiums und anderer Teile des Ensembles. Eine Inventarisation hat noch nicht begonnen und auch die Namen von Architekten und Künstlern sind noch nicht alle bekannt. Doch bereits jetzt überzeugen die Bauten – entstanden zu einer Zeit, als die Steuereinnahmen noch flossen, als Kunst am Bau verpflichtend war für öffentliche Projekte – durch ihre hohe Qualität vom architektonischen bis zum ausstattenden Detail. (24.8.18)

 

Literatur

Orts-Chronik Wörth am Rhein, Band 1, 1983, hierin: S. 1690.

Der Arbeitskreis Nachkriegsmoderne des RVDL (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz) freut sich über Hinweise, Bilder, Zeitungsausschnitte oder weitere Informationen über Wörth am Rhein und Dorschberg.

Der Dank des Autors für erste Informationen geht an Gregor Zoyzoyla, Philipp Ost, Cordula Schulze und Sascha Köhl.

„Nicht schubsen. Treten!“

Ich war auf einer Kirchbautagung. Es war sogar eine von den schönen – mit klugen Menschen, kalten Getränken und warmen Gesprächen. Wir haben uns gegenseitig unsere neuesten Bücher vorgestellt, haben fleißig diskutiert und waren uns furchtbar einig, dass jede gute moderne Kirche unsere Schützenhilfe braucht. Dass wir nicht nur emsig forschen, sondern die Entscheidungsträger im Dienst der guten Sache auch mal „schubsen“ müssen. Am Ende sollte eine pensionierte Kollegin alles auf den Punkt bringen und uns in den Abend verabschieden. Sie schloss mit dem ihr eigenen energischen Erstaunen darüber, wie verzagt der akademische Nachwuchs geworden sei. Gegen Borniertheit helfe nur Entschlossenheit: „Nicht schubsen. Treten!“

 

Früher hatten wir Lagerfeuer, …

Frankfurt am Main, Kirchentag, 1975 (Bild: B 145, Bild F045686-0005, CC BY SA 3.0)
Wunderbar geborgen? H. Schmidt, L. Funcke und E. Maseberg 1975 auf dem 16. Evangelischen Kirchentag in Frankfurt (Bild: B 145, Bild F045686-0005, CC BY SA 3.0)

Vieles ließe sich einwenden. Dass es sich mit einer sicheren Beamtenpension leicht zur Revolution aufrufen lässt. Dass das alles heute viel komplizierter ist. Denn eines ist unbestreitbar: Die Zeiten haben sich geändert. Wir wurden religiös sozialisiert von denen, die der kürzlich verstorbene Kirchenbauer Helmut Striffler die „Gitarrenspieler und Flaschenbierverkäufer“ nannte. Von den friedensbewegten Pastoren, die uns keine Märchen vom Christkind mehr verkaufen wollten. Und uns stattdessen am christlichen Lagerfeuer vorsangen, was das weiche Wasser mit dem Stein macht. Also warfen wir selbigen nicht mehr gegen die Dinge, die uns hätten kaputtmachen können, sondern ins Wasser und warteten auf die versprochenen Kreise – teilweise bis heute.

 

… heute haben wir Angst

Heute haben wir Angst, die Stelle zu verlieren (oder gar nicht erst zu bekommen), einen Auftraggeber zu vergraulen (oder gar nicht erst zu finden). Angst vor „den“ Entscheidungsträgern, vor Vater Staat und Mutter Kirche. Denn beide schließen sich gerade zur jeweils eigenen Wagenburg zusammen. Längst sind die Nischenstellen (vom universitären Perlenfach bis zum Jugenddiakon) für Elfenbeintürmer und geistbegabte Sonderlinge wegrationalisiert. Längst sind alle Räume (vom zuschussbedürftigen Bürgerhaus bis zum herben Kirchenzentrum) auf ihre Verwertbarkeit hin katalogisiert – und erste Exemplare aussortiert. Je kälter der Wind der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit um die institutionellen Nasen weht, desto eisiger werden die dazugehörigen Gesichter am Verhandlungstisch. Entscheidungen werden hier nicht mehr getroffen, sondern mitgetragen. Verantwortung wird nicht mehr übernommen, sondern höchstens noch geteilt.

 

Gegen Gummiwände rennt sich schlecht

Die britische Armee fertigt Molotowcocktails gegen die deutsche Invasion von 1940 (Bild: Kessell, IWM Non Commercial Licence)
Statt Apfelbäumchenpflanzen: Soldaten der britischen Armee fertigen 1940 Molotowcocktails in Serie gegen die gefürchtete Invasion der deutschen Kriegskollegen (Bild: Kessell, IWM Non Commercial Licence)

Der Beton der 1970er Jahre brannte schlecht, aber er ließ sich wenigstens sprengen (Liebe Immobilienentwickler, das ist eine Metapher!). Noch nicht einmal heldenhaft blaue Augen gibt es bei unseren heutigen Gummiwänden – und selbst die hat man längst in „Weichzelle“ umbenannt, damit sich auch wirklich niemand daran stößt. Vielleicht gründet die Scheu vor dem Aufstampfen nicht nur in unserer anersungenen Beißhemmung. Vielleicht liegt es auch an dem, was der Journalist Ruben Donsbach den „neoliberalen Schaumteppich“ nennt. Gegen gesamtgesellschaftliche Watte hilft weder Treten noch Schubsen. Vielleicht Pusten? Dann wird bestimmt alles wieder gut! (kb, 19.11.15)

„Mächtig stolz auf meine Gemeinde“

INTERVIEW: Von der Kirche zur Synagoge

 

Sigrid Lampe-Densky und Ingrid Wettenberg (Bild: U. Knufinke)
Ingrid Wettberg (links), Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, im Gespräch mit Dr. Sigrid Lampe-Densky, Pastorin der Evangelischen Gemeinde, zu der 2007 auch die Gustav-Adolf Kirche gehörte (Bild: U. Knufinke)

Als am 7. Mai 2007 Pastorin Dr. Sigrid Lampe-Densky die Türen der evangelischen Gustav-Adolf-Kirche in Hannover-Leinhausen zum letzten Mal schloss und die Gemeinde endgültig in die Herrenhäuser Kirche umzog, war dies ein Moment gemischter Gefühle:

Sigrid Lampe-Densky: „Als bei der Entwidmung zwei ehemalige Kirchenvorsteher das Abendmahlsgerät aus der Kirche heraustrugen, das sie bei der Einweihung Jahrzehnte vorher hineingebracht hatten, wusste ich, ich kann die Tür abschließen. Ich hatte die Altarbibel auf dem Schoß, als wir dann zur Herrenhäuser Kirche fuhren. Das Haus ist nicht so wichtig, dachte ich mir, aber wohin ich auch gehe, nehme ich die Bibel mit, das ist das Entscheidende.“

36 Jahre nach der Einweihung verließ die Gemeinde ihre Kirche. Das Bauwerk, entworfen vom Architekten und Stadtplaner Fritz Eggeling (1913–66), ist ein spätes Beispiel des protestantischen Kirchenbaus der 1960er Jahre: Der Kirchensaal ist mit seiner markanten, turmartig ansteigenden Dachform („Sprungschanze Gottes“ wurde in Hannover geläufig) als wichtigster Baukörper ablesbar.

Auf eine Kennzeichnung als Kirche wurde ursprünglich ganz verzichtet, später brachte man ein Kreuz an. Im Erdgeschoss, unter dem Kirchenraum, befindet sich ein Gemeindesaal. Um ein anschließendes Atrium sind verschiedene Gemeindeeinrichtungen angeordnet, darunter ein Kindergarten. Nach der Grundsteinlegung 1965 verzögerte sich die Fertigstellung bis zum Jahr 1971.

Die Gustav-Adolf-Kirche vor ihrer Umnutzung (Bild: U. Knufinke)
Die Gustav-Adolf-Kirche vor ihrer Umnutzung (Bild: U. Knufinke)

Schwindende Mitgliederzahlen – 1998 waren es noch 1.776 – und steigende Unterhaltungskosten veranlassten die Gustav-Adolf-Kirchengemeinde in den frühen der 2000er Jahre, nach weiteren Nutzern zu suchen. Gleichzeitig war auch eine andere Gemeinde auf der Suche: Die 1995 gegründete Liberale jüdische Gemeinde Hannover wollte ihr damaliges Domizil verlassen und ein angemessenes Gemeindezentrum mit größerem Synagogensaal beziehen.

Ingrid Wettberg: „Bei unserer Gründung waren wir 79 Mitglieder, doch wir wuchsen ständig an. Unsere Räume, eigentlich eine Büroetage, waren bald zu eng. Heute hat unsere Gemeinde etwa 800 Mitglieder in Hannover und weit darüber hinaus.“

In der evangelischen Gemeinde dachte man lange über das Angebot der jüdischen Gemeinde nach, die Kirche zu übernehmen.

L.-D.: „Selbstverständlich musste die Gemeinde darüber diskutieren, die Kirche abzugeben. Nach einem intensiven Prozess des Nachdenkens stimmte eine Mehrheit des Kirchenvorstands für den Verkauf an die Liberale jüdische Gemeinde. Eine Rolle spielte sicherlich, dass die Kirche weiter eine religiöse Funktion haben sollte. Ich war mächtig stolz auf meine Gemeinde.“

W.: „Dass eine Kirche in eine Synagoge umgewandelt werden sollte – zum ersten Mal in Deutschland – erregte große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Heute, nach einigen weiteren Beispielen, würde das nicht mehr so breit diskutiert werden. Eine Gegnerschaft gegen die Umwandlung war hier in Hannover, anders als in anderen Orten, nicht offen zutage getreten.“

Die ehem. Gustav-Adolf-Kirche wurde auch nach außen sichtbar zur Etz-Chaim-Synagoge (Bild: U. Knufinke)
Die Gustav-Adolf-Kirche wurde – ohne Kreuz, mit neuem Eingang – wurde nach außen zur Etz-Chaim-Synagoge (Bild: U. Knufinke)

Den Vorstellungen der jüdischen Gemeinde von einem für die Umnutzung geeigneten Gebäude kam entgegen, dass die Gustav-Adolf-Kirche nicht betont „kirchlich“ aussah.

W.: „Für uns wäre es nicht in Frage gekommen, einen Kirchturm abzureißen. Wir sind uns bewusst: Die Menschen, die hier konfirmiert wurden oder ihre Kinder taufen ließen, bleiben emotional mit dem Gebäude verbunden. Und sie sind weiter willkommen.“

L.-D.: „Die Torarolle ist jetzt da, wo unser Altar war. Das ist für mich ein Zeichen einer religiösen Kontinuität, wie ja auch die Kirche mit der Synagoge durch die gemeinsame Grundlage des Ersten Testaments verbunden ist.“

Zwischen 2007 und 2009 fand der Umbau durch die Architekten Prof. Gesche Grabenhorst und Roger Ahrens (Hannover) statt. Sie ließen die „Sprungschanze“ bestehen, das Kreuz wurde abgenommen und ein hebräischer Schriftzug über dem Eingang angebracht – ein nicht für jeden auf den ersten Blick erkennbares Kennzeichen der jüdischen Bestimmung des Hauses. Innen veränderten die Architekten den Charakter des Kirchenraums durch eine abgehängte Decke und hell gestrichene Wände aber grundlegend.

Die ehem. Gustav-Adolf-Kirche/Syngoge Etz Chaim (Bild: U. Knufinke)
Die vollzogene Wandlung: In Hannover wurde der Kirchen- zum Synagogenraum – hier der geöffnete Toraschrein der Etz-Chaim-Synagoge in der ehemaligen Gustav-Adolf-Kirche (Bild: U. Knufinke)

Neben den üblichen Gemeinderäumen wurde auf der früheren Empore zusätzlich eine öffentlich zugängliche Bibliothek integriert. 2010 erhielt die Liberale jüdische Gemeinde Hannover als Bauherr der Umgestaltung den Niedersächsischen Staatspreis für Architektur. Der „in die Jahre gekommene“ Bau der 1960er Jahre, der nie den Rang eines Baudenkmals hatte, ist damit in die aktuelle Moderne der 2000er Jahre überführt – von der historischen Gestalt ist jedoch nur noch wenig mehr als die baukörperliche Anlage geblieben.

I. W.: „Nach einer Abstimmung entschied sich unsere Gemeinde für einen Namen für die Synagoge: ‚Etz Chaim‘, hebräisch für ‚Baum des Lebens‘. Der Baum ist ein Symbol: Der Stamm steht für die Tora selbst, die Zweige und Blätter sind die Mitglieder der Gemeinde in all‘ ihrer Verschiedenheit. Wir fühlen uns unter dem Lebensbaum der Tora geborgen, er ist unser Schutz. Die schöne Kastanie im Atrium, die uns die evangelische Gemeinde hinterlassen hat, wird viele davon überzeugt haben, dass ‚Etz Chaim‘ der richtige Name für unsere Synagoge ist.“

Das Gespräch führte Ulrich Knufinke (Heft 15/1).

 

Rundgang

Folgen Sie Ulrich Knufinke in Hannover durch alte und neue Synagogen, die ehemalige Gustav-Adolf-Kirche und die frisch eingeweihte Etz-Chaim-Synagoge.

PORTRÄT: Meine Kirchen

von Karin Berkemann (15/4)

Meine erste Kirche war unendlich groß, hatte warme Fenster und einen kalten Fußboden. Als Kindergottesdienstanfänger sollten wir nicht immer nur im Gemeindehaus singen und Collagen kleben. Wir sollten auch die „richtige“ Kirche kennenlernen. Zu Beginn erzählte der Alt-Pfarrer (dass es mein Großvater war, machte es nicht unbedingt besser) etwas zur Baugeschichte. Dann wurden wir (nicht von meinem Großvater) ermutigt, laut schreiend über die Bänke zu steigen. Um uns die „heilige Scheu“ auszutreiben. Hat funktioniert.

 

Unterm Zirkuszelt

Bad Sobernheim, Matthiaskirche, Kruzifix (Willi Hahn, 1966) vor den Chorfenstern (Georg Meistermann, 1965) (Bild: Karin Berkemann)
Der Sobernheimer Matthiaskirche brachten mein Großvater und Georg Meistermann (nicht ganz in dieser Reihenfolge) bis 1966 die Moderne bei (Bild: Karin Berkemann)

In dieser, meiner ersten Kirche (der Matthiaskirche in Sobernheim) war mir vieles fremd: Märchenhaft schienen verblasste Blumen und Köpfe in den Gewölben auf (Wandmalereien der Spätgotik). Ein wenig unheimlich setzte der vergoldete Ritter seine Füße schwer auf zwei Hunde (ein Grabdenkmal der Spätgotik). Und furchteinflößend litt der Gekreuzigte über dem Altar schwebend vor sich hin (eine Skulptur der Nachkriegsmoderne).

Doch waren da auch die vertrauten Dinge: Die schweren Holzstühle mit der geflochtenen Sitzfläche standen ähnlich um den heimischen Esstisch (dieselbe Möbelfabrik, ein Tipp meines Großvaters, der unsere mittelalterliche Kirche bis 1966 hatte komplett umgestalten lassen). Und die Kirchenfenster sahen aus wie das große Bild in unserem Wohnzimmer, das mit dem bunten Zelt (einer der seltenen kolorierten Fensterentwürfe von Georg Meistermann). Was Gott mit einem Zirkus zu tun hatte, blieb mir bei aller Bibelfestigkeit lange ein Rätsel (fast enttäuschend, dass es dann nur das „Zelt des Abraham“ meinte).

 

Kirche aus dem Koffer

Hamburg, Blick auf den Michel (Bild: K. Berkemann, 2014)
Alle Hamburger müssen jetzt ganz tapfer sein: Betrachtet man den Wiederauf-/Betonanteil, ist auch der (neu)barocke Michel eigentlich eine Nachkriegskirche – aber eine äußerst fotogene (Bild: K. Berkemann)

In den folgenden Wanderjahren hatten die Kirchen der wechselnden Wohn- und Studienorte kaum eine Chance, zur Heimat zu werden. Umso besser passte die hölzerne Kapelle in Bethel zum Lebensgefühl meiner ersten Semester. Die – so erzählte man sich – schweizerische Militärbaracke war über Umwege neben unserem Studentenwohnheim zu stehen gekommen. Ihre bestechende Vorläufigkeit bot den ersehnten Freiraum, den wir für experimentelle Andachten freudig mit Teelichtern und Batiktüchern füllten.

Die ersten (frei-)beruflichen Stationen brachten verschiedenste „Nebenwohnsitze“ – einer der schönsten lag in Hamburg. Auf vielen Streifzügen lehrte mich die Freie und Hansestadt, wie elegant moderner Kirchenbau sein kann. Mit einem Wermutstropfen, denn es waren die ersten Jahre der Fusionen, Aufgaben und Abrisse. Hinter mancher schönen Kirchentür („Was wollen Sie denn in meiner Kirche?“ „Beten?“) wartete ein schwermütiger, gar gebrochener Pastor, der sich bald ohne Kirche/Frau/Würde zurückbleiben sah.

 

Sone und solche Türme

Als das Kirchenanschauen/-bewerten zu meinem Beruf geworden war, galt ein Inventarisationsauftrag dem Mainmetropölchen. In der Schule hatte man uns noch vor den Frankfurtern gewarnt („Messerstecher“ war einer der freundlicheren Titel). Der bezahlte Blick in die Nachkriegskirchen jedoch führte mich zu äußerst liebenswerten südamerikanischen Marienorden, geistbewegten Eingeschworenen und bildungsbürgerlichen Vereinschristen. Viele von ihnen hatten sich in Frankfurt nach 1945 eine neue geistliche Heimat gebaut.

Frankfurt/Main, Matthäuskirche, 2009 (Bild: Melkom, GFDL oder CC BY SA 3.0)
Die Frankfurter Matthäuskirche (noch) vor der Skyline (Bild: Melkom, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Und mit jedem dieser Kirchenräume wurde die Stadt auch zu meinem Lebensmittelpunkt. Zu einer Heimat, die sich stetig veränderte. Kaum drehte ich einer Straße den Rücken zu, war an die Stelle des Kirchturms ein Hochhaus getreten. In der Stadt der Händler und Banker wurde auch ein Kirchengrundstück schnell zum Spekulationsobjekt. Wem gehörte die Stadt, wem gehörten die Kirchen? Heute ertappe ich mich öfter dabei, in der nächtlich erleuchteten Skyline gar nicht erst nach Kirchtürmen zu suchen. Schont die Nerven.

 

Sakralretro?

Über meine nächste Kirche zu spekulieren, wäre müßig. Verkleinert sich doch die Auswahl durch Gebäudemanagement- und Wärmedämmkampagnen. So manche Kirchentür öffnet sich für „Fremde“ nur noch zögerlich. Selbst amtlich „offene“ Kirchen registrieren sehr genau, wer hier wann wie andächtig wird. Vielleicht hilft ein autobiographischer Retroanfall? Ich treibe die letzten Reste „heiliger Scheu“ aus meinen älter werdenden Knochen und steige schreiend über die nächstbesten Kirchenbänke? Natürlich nur in meiner Freizeit.

 

Rundgang

Sobernheim – Hamburg – Frankfurt (in einer völlig subjektiven Auswahl).

 

Literatur

Berkemann, Karin, Nachkriegskirchen in Frankfurt am Main (1945-76) (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland; Kulturdenkmäler in Hessen), Stuttgart 2013 [zugl. Diss., Neuendettelsau, 2012].

Berkemann, Karin (Bearb.), „Baukunst von morgen!“ Hamburgs Kirchen der Nachkriegszeit, Ausstellungskatalog , Denkmalschutzamt Hamburg und Freie Akademie der Künste Hamburg, 6. September – 7. Oktober 2007, Freie Akademie der Künste Hamburg, hg. von der Kulturbehörde/Denkmalschutzamt Hamburg, München/Hamburg 2007.

Stribrny, Wolfgang (Bearb.), 1000 Jahre Matthiaskirche zu Sobernheim. 1000 Jahre christlicher Glaube an der mittleren Nahe, hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Sobernheim, Bad Sobernheim 2002.

ESSAY: Heimat Beton

von Martin Bredenbeck (Foto-Spezial 16)

Martin Bredenbeck nebst Schwester 1984/85: "Der Bungalow steht in Oostkapelle, Halbinsel Walcheren, südliche Niederlande. Da waren wir regelmäßig im Urlaub. Es war eine ganze Siedlung aus solchen Bungalows, super für uns Kinder mit all den Hecken und Gärten dazwischen. Im Haus stand eine afrikanische Trommel, die wir zur Freude der Eltern und Nachbarn eifrig betätigt haben. Der Bungalow heißt bei uns bis heute 'Trommelhaus'." (Bild: privat)
Martin Bredenbeck nebst Schwester 1984/85 in Oostkapelle: „Es war eine ganze Feriensiedlung aus solchen Bungalows. Im Haus stand eine afrikanische Trommel, die wir zur Freude der Eltern eifrig betätigt haben. Der Bungalow heißt bei uns bis heute ‚Trommelhaus‘.“

„Suchst Du mir bitte ein paar Kinderfotos vor der Johanniskirche raus?“ So die Anfrage an meine Mutter, um diesen Beitrag bebildern zu können. Aus den Kinderjahren in der evangelischen Johanniskirchengemeinde in Mülheim an der Ruhr musste es solche Aufnahmen geben, da war ich ganz sicher. Wie viele (Kinder-)Gottesdienste, Gemeindefeste, Frauenhilfsnachmittage und Bastelstunden hatten wir dort nicht als Pfarrfamilie erlebt! Aber leider fand sich in den Alben daheim kein einziges Foto, das mich und die Kirche gemeinsam zeigte. Es fand sich kaum eines, das überhaupt die Kirche zeigte. Hatten meine Eltern das Zentrum eines ganzen Lebensabschnittes so zurückhaltend fotografiert? Um nun nicht collagieren zu müssen, eingedenk früherer Bastelstunden, änderten wir die Suchstrategie: „irgendwas mit mir und moderner Architektur“. So lassen sich daran nun doch schöne Geschichten erzählen über meine Kindheit in und mit der Nachkriegsmoderne.

 

Bungalowbild nebst Mutter

Martin Bredenbeck nebst Mutter 1978/79 und 2016: „Unser Mülheimer Pfarrbungalow ist wegen der Hanglage zur Rückseite – was man hier auf den Fotos zur Straßenseite nicht sieht – zweigeschossig: ein ferner Nachhall der Villa Tugendhat.“

Das „Original“ zeigt Mutter und Sohn Bredenbeck (Jahrgang 1977) 1978/79 auf den Stufen zum Pfarrhaus. Anfang Oktober 1976 zogen die Eltern dort ein, denn für Horst Bredenbeck begann damals seine Verpflichtung als Pfarrer in Mülheim an der Ruhr. Johanniskirche und Pfarrhaus waren damals ziemlich junge Bauten. Umso mehr Beton die 1965 eingeweihte Kirche enthält, umso weniger das Pfarrhaus: Es handelt sich um einen wenige Jahre nach der Kirche errichteten Metallfertigteilbau mit Gipskartonplatten. Die Gemeinde kaufte damals übrigens direkt zwei Exemplare, aber nicht „auf Vorrat“, sondern beide wurden gleichzeitig für zwei Gemeindeteile aufgebaut und sind bis heute vorhanden.

Aus Beton besteht die Unterkonstruktion (insbesondere habe ich die große Sicherheitswanne für den Heizölbehälter in Erinnerung), aber dieses Material tritt ansonsten nicht in Erscheinung. Die Ästhetik wird geprägt durch Metall, Glas und Backstein sowie durch klare und nüchterne Formen. Wohl das aufwendigste Gestaltungselement ist der Eingang, durch das Vordach mit seinen recht feingliedrigen Metallprofilen, die passende Tür und die offenen Treppenstufen. Die Backsteinhülle des Bungalows war übrigens ein Extra, das sich die Gemeinde damals geleistet hat.

 

Wohnzimmer nebst Keramikananassen

Martin Bredenbeck 1984/85 vor einem hölzernen Kunstding: "Das müsste der Skulpturenpark in Willebadessen sein. In der Gegend waren wir oft im Urlaub." (Bild: privat)
Martin Bredenbeck nebst Kletterarchitektur 1984/85: „Das müsste der Skulpturenpark in Willebadessen sein. In der Gegend waren wir oft im Urlaub.“

Was kann ich über das Innere sagen, was ausstattungsgeschichtlich (klingt wie im Dehio!) relevant wäre … In der Diele gab es eine grüne Textiltapete und Wandlampen mit verspiegelten Glühbirnen. Zwischen Küche und Essbereich bestand die Wand aus beidseitig zu öffnenden Schränken (Resopalplatten?) und einer eingebauten Durchreiche. Die hintere Diele – Verteiler zu den Schlafzimmern – hatte eine Kunststoff-Lichtkuppel und das Elternbad moosgrüne Wandfliesen. Das Beste war das Wohnzimmer mit Grastapete und dunkelbraunen Cordsofas. Die gibt’s leider nicht mehr, aber die Kirschholzmöbel sind geblieben.

Die Einrichtung enthielt auch einige ältere Stücke aus dem 19. Jahrhundert, darunter ein raumhoher Wandspiegel im Flur, kleine Beistelltische mit goldgeprägter Lederoberfläche im Wohnzimmer, irgendwo eine Blumensäule und eine ehrfurchtgebietende Wanduhr (ein Geschenk von einem Männergesangsverein). Das alles war, wie ich mir das heute erschließe, eine um 1975 durchaus typische Mischung: einerseits Modernität (gemäßigt, gar nicht futuristisch oder schrill), andererseits das Wiederentdecken des Historismus durch Flohmärkte und Erbstücke. Besonders kurios waren die Lampen, die meine Eltern Anfang der 1970er für besagte Beistelltische erworben hatten: Für teures Geld und daher im Abstand von zwei Jahren kamen aus Italien zwei niegelnagelneue Keramikananasse (Welch seltene Gelegenheit für diesen Plural!), die aber irgendwie so schon 1875 hätten gemacht worden sein können.

 

Kirchturm nebst Kegelbahn

Mülheim, Johanniskirche im Jahr 2016 (Bild: Horst Bredenbeck)
Turm nebst Deutungsebene 2016: „Der Campanile der Johanniskirche zitiert den 1966 fertiggestellten, denkmalgeschützten Stadtwerketurm im nahen Duisburg – allgemein wollte die nachkriegsmodernen Sakralarchitektur gleichsam Erinnerung an die Alltagswelt sein, aber in künstlerisch überhöhter Form.“

Umso moderner war die zugehörige Kirche: Die Evangelische Johanniskirchengemeinde war ein Kind der Expansion des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, ausgepfarrt aus der Altstadtgemeinde mit ihrem historischen Kirchenbau. An der bergauf nach Essen führenden Aktienstraße hatte die Gemeinde 1913 eine neuromanische Kirche mit Werksteinfassade errichtet. Als der Zweite Weltkrieg endete, war dieser Bau kaum 30 Jahre alt und doch stilistisch veraltet. Zudem hatte ein Bombenangriff 1943 starke Schäden verursacht. Für einen zeitgemäßen Neubau war zunächst kein Geld da, aber bald nach 1960 wurde das Projekt in Angriff genommen. Vom ruinösen Altbau hat man sich wohl leichten Herzens getrennt, den stattlichen Neubau aus Glas, Stahl und Beton am 19. September 1965 eingeweiht. Der Entwurf des Architekten H. Stumpf beruht auf Dreiecksformen, vom straßenbildprägenden hohen Zeltdach bis zum weithin sichtbaren Campanile.

Das alte Gemeindehaus wurde in den 1980er Jahren abgerissen für einen zeittypischen Neubau, dessen polygonal gebrochener Grundriss und der in Einzelkompartimente zerlegte Baukörper überaus zeittypisch sind. Wenn ich an die vielen Extras denke, die man sich damals leistete: Kaminzimmer, Kellerbar, bewegliche Sonnensegel und Kegelbahn! All das ist mittlerweile längst „ad acta“ gelegt, außer Funktion und teilweise ausgebaut. In der Euphorie eines echten Gemeinde-Zentrums geplant, konnte das Haus nicht dauerhaft mit genug Leben gefüllt werden. Oder anders: In Bars geht man immer noch, man kegelt und feiert Familienfeste, aber eben nicht in Gemeindezentren. So ist das ja auch mit den Kirchen. Die Menschen sind 2016 wahrscheinlich nicht „spiritueller“ als 1965, 1975 oder 1985, aber sie haben dafür andere Wege gefunden. Und wenn wir in „spiritueller Stimmung“ sind, wollen wir das Andere, das Besondere erleben.

 

Umzug nebst Zeitsprung

Mülheim/Ruhr, Vorgängerbau der Johanniskirche (historische Aufnahme)
Vorgängerbau nebst Stilmix um 1913: „Die erste Mülheimer Johanneskirche entstand in einer ganz späten Neuromanik, mit einem Einschlag von Jugendstil und Reformarchitektur.“

Während die Johanniskirche im wesentlichen so dasteht wie 1965 und in meiner Erinnerung und mittlerweile vorsorglich vom Amt für Denkmalpflege im Rheinland begutachtet wurde, hat sich der Pfarrbungalow verändert. Viele Möbel wurden schon zu meiner Zeit, in der zweiten Hälfte der 1980er Jahren, gegen neue ausgetauscht. Die braunen Cordsofas, die heute wahrscheinlich ein Vermögen wert wären, wanderten von dannen, fröhlich pastellfarbene Veloursofas traten an ihre Stelle. Neue Wandverkleidungen wurden gespannt und ins Elternbadezimmer zog – natürlich – eine Hewi-Ausstattung ein.

Wir selber zogen 1989 in einen anderen Stadtteil um, wo fortan ein Wohnhaus aus der Zeit um 1910 und eine neugotische Kirche von 1883 unsere Ankerpunkte wurden. Es wäre spannend, darüber nachzudenken, in welche Richtung die Sozialisation unkomplizierter war: Es war für uns wohl leichter, von 1970 zu 1880 zu wechseln als umgekehrt. Von Anfang an im Altbau aufgewachsen und gebetet, da hätte ich mich wohl schwerer getan mit einem modernen Pfarrhaus und einer modernen Kirche. Das liegt auch daran, dass es die Moderne irgendwann seit den späten 1970er Jahren allgemein zunehmend schwerer hatte. Schon das neue Gemeindehaus der 1980er Jahre war ja ein Kind eben jener Veränderung: kein bewusst querstehender Solitär, sondern geprägt durch Einfügung, Maßstäblichkeit und angepasste Materialität (Backstein …).

 

Erinnerung nebst Realitätsabgleich

Mülheim/Ruhr, ehemaliger Pfarrerbungalow Bredenbeck im Jahr 2016 (Foto: Horst Bredenbeck)
Pfarrbungalow nebst Wärmedämmverbundsystem: „Neu ist z. B. das Türblatt – von modern zu postmodern – und die Außendämmung mit hellcremigem Farbanstrich sowie einer verschieferten Traufkante.“

Nach unserem Weggang aus der Gemeinde 1989 verloren wir den Bungalow jahrelang aus den Augen. Beim Wiedersehen 2016 ist die äußere Grundstruktur gleich geblieben, ja, der ganze Treppenvorbau ist nahezu unverändert. Verändert haben sich indes viele Details. Wenn ich die Bilder vergleiche, kommt mir der alte Zustand gestalterisch konsequenter vor, irgendwie stimmiger. Der neue Zustand hat auch sein Recht, einmal wärmetechnisch, einmal ästhetisch. Der alte jedoch war es, mit dem ich aufwuchs und der mich geprägt hat.

Diese Erinnerung ist die Heimat, weniger das heute ja immer noch stehende Gebäude. Bei der Kirche gibt es diese Diskrepanz nicht – aber der persönliche Bezug zum Pfarrbungalow und zum Gemeindezentrum war insgesamt stärker als zur Kirche, einem Sonderbau. Auch wenn wir Pfarrerkinder die Kirche natürlich in- und auswendig kannten: Vielleicht wird man eines Tages dort die Orgel ausbauen (wenn, dann hoffentlich wegen Renovierung, nicht wegen Schließung). Dann wird man in ihrem Innenleben einen Flummi wiederfinden, den meine Schwester und ich in Kindertagen im spielerischen Ungestüm hineinmanövriert haben. Falls der Kunststoff die Jahrzehnte überstanden haben sollte, muss ich mir diesen Flummi zurückholen – er ist auch ein Baustein aus der Heimat.

Wir danken dem Vater, Pfarrer i. R. Horst Bredenbeck, und der Mutter, Christa Bredenbeck, für die aktuellen Aufnahmen.