Abriss in Nördlingen?

Tourist:innen schätzen an Nördlingen den noch sichtbar erhaltenen Stadtmauerring. Außerhalb dieser historischen Grenzziehung entstand in den 1950er Jahren ein Neubaugebiet mit neuer Kirche. Für St. Josef konnte der Architekt Hansjakob Lill (1913-1967) gewonnen werden, der sich im süddeutschen Raum nach dem Zweiten Weltkrieg einen Namen im katholischen Kirchenbau machte. Nach seinen Entwürfen wurde die Nördlinger Kirche 1962 fertiggestellt wurde. Jetzt soll das neben der Kirche gelegene Pfarrheim, ebenso von Lill entworfen und ebenso denkmalgeschützt wie die Kirche selbst, einem Neubau weichen. Das gesamte Areal um St. Josef herum soll neu erschlossen werden – für eine Kindertagesstätte (nach dem Abriss des bisherigen 1950er-Jahre-Baus), eine Versammlungsstätte, ein Hospiz und ein Sozialzentrum. Für die Katholische Kirchenstiftung St. Josef Nördlingen ist auch das bestehende Pfarrzentrum im Weg, da eine Sanierung unzumutbar sei.

Nun hat der Stadtrat über den Fall beraten. Wie die Presse berichtet, spreche aus der Sicht des Stadtbauamts Vieles für den Abriss: die fehlende Barrierefreiheit, die niedrige Deckenhöhe der Kellerräume, eine mögliche Schadstoffbelastung. „Außerdem sei der Denkmalschutz auf die Verbindung von sakralem Bau und Pfarrheim mit Versammlungsstätte und Pfarrwohnung für die Seelsorge zurückzuführen, das sei auch beim Nachfolgebau gegeben.“ Die Gegenargumente des Stadtheimatpflegers – ein Abriss beeinträchtige das Einzeldenkmal Kirche und die Architektursprache der 1950er/60er Jahre werde zunehmend von den Fachleuten geschätzt – konnten den Stadtrat am Ende nicht überzeugen. Das Vorhaben soll insgesamt vier Millionen Euro kosten und bis 2023 fertiggestellt werden. (kb, 4.10.21)

Nördlingen, St. Josef mit Pfarrheim (Bild: J.Richter, CC BY 3.0, 2004)

Kirchenbau im Bistum Hildesheim

Die Liturgie bestimmt den Kirchenbau, so eine seit Jahrzehnten zwischen Architekt:innen und Theolog:innen diskutierte These der Moderne. In einer neuen Publikation folgt Roland Baule, Theologe und Leiter des Fachbereichs Liturgie im Bischöflichen Generalvikariat in Hildesheim, eben diesem Leitsatz. Anhand der Kirchenlandschaft seines Bistums beleuchtet er die praktischen Konsequenzen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dabei stellt er die prägenden Verlautbarungen aus Rom und der Diözese ebenso in den Mittelpunkt wie zeitgeschichtliche Marken. Denn gerade in diesem Bistumsgebiet mussten zahlreiche Flüchtlinge katholischen Glaubens in der Diaspora mit Räumen versorgt werden.

Baule fragt nach dem damals wirksamen Kirchen- und Gemeindeverständnis, indem er sich zwei konkreten Beispielen widmet: Ahrbergen bei Hildesheim mit dem Neubau St. Maria, Mutter der Kirche (1968, Eberhard Kleffner, Turm 1978) und die Braunschweiger Weststadt mit dem neuen Gemeindezentrum St. Cyriakus (1973, Bernhard Schneemann/Günther Schniepp). Dabei will der Autor nicht allein eine Quellensammlung, eine theologie- und zeitgeschichtliche Studie liefern, sondern ebenso Empfehlungen für künftige Kirchen(um)bauten ableiten. Hier darf sich das Bistum Hildesheim weiterhin auf stürmische Zeiten gefasst machen, denn (so das erklärte Ziel der Diözese) man will sich mittelfristig von der Hälfte der Immobilien trennen – ein großer Teil davon wird die Diasporakirchen der (nach)konziliaren Zeit betreffen. (kb, 18.9.21)

Baule, Roland, Kirchenbau und gottesdienstliches Leben in Kirchengemeinden des Bistums Hildesheim. Ein Beitrag zur Erforschung der ortskirchlichen Rezeption der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils (Quellen und Studien zur Geschichte und Kunst im Bistum Hildesheim 14), Schnell und Steiner, Regensburg 2020, 44 Schwarz-Weiß-Abbildungen, Hardcover, 592 Seiten, 17 x 24 cm, ISBN: 978-3-7954-3587-5.

Titelmotiv: Wolfsburg, St. Joseph, 1957, Peter Koller, 2015/16 abgegeben an ChristusBrüderGemeinde (Bild: Kirchenfan, CC0 1.0, 2015)

Die Welle ist verkauft

Wenn es darum geht, das Werk des Architekten Johannes Peter Hölzinger zu beschreiben, landen die Annäherungsversuche irgendwo zwischen „Psychodynamische Raumstrukturen“ und „Wellenförmiges Dilemma“. Denn Hölzinger, 1936 geboren im hessischen Bad Nauheim, bewegt sich mit seinen Bauten lustvoll an der Nahtstelle zwischen Architektur und Skulptur – nicht umsonst arbeitete er fast 20 Jahre mit dem Zero-Künstler Hermann Goepfert in einer Planungsgemeinschaft zusammen. Seit rund 10 Jahren wird Hölzingers Schaffen in der Fachwelt neu gewürdigt: vom Symposion bis zur Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum. Auch im hessischen Friedberg schuf das Duo Goepfert-Hölzinger eine außergewöhnliche Bauform. Das evangelische Gemeindezentrum diente der Gruppen- und Gottesdienstarbeit, als Wohnung und Kindergarten.

Doch seit Monaten ringen die Verantwortlichen um das 2008 zum Kulturdenkmal erhobene Ensemble: Hübsch anzusehen sei das ja alles, aber die Folgekosten aus eindringender Feuchtigkeit für die Kirchengemeinde nicht mehr zu stemmen. Lange wurde verhandelt, wie es mit dem langgestreckten Ensemble mit viel Grundstück weitergehen könne. Nun ist die Entscheidung gefallen: Wie die Presse berichtet, hat ein Investor aus Gießen die Welle Mitte August erworben. Als Ziel gibt er die Umgestaltung zu 13 Wohnungen an. Zuvor hatte die Kommune Interesse angemeldet, um in den Räumen weiterhin eine Kindertagesstätte zu betreiben, doch diese Option zerschlug sich wieder. Zuletzt soll ein zweiter Interessent im Spiel gewesen sein, doch für die Gemeinde gab ein Detail den Ausschlag: Der Gemeindesaal wird an eine rumänisch-orthodoxe Gemeinde verkauft. Für die evangelische Kirchengemeinde hingegen wird aktuell ein räumlicher Schwerpunkt in der Kaiserstraße ausgebildet. (kb, 17.9.21)

Friedberg, Gemeindezentrum West (Bild: K. Berkemann, Mai 2021)

Friedberg, Gemeindezentrum West (Bilder: K. Berkemann, 2021)