FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

von Philipp Stoltz (15/4)

„Ich habe kürzlich einen im Ausbau begriffenen ökumenischen Kirchenbau in München angesehen. Mein Mitarbeiter und ich haben zunächst […] angenommen, daß es sich um einen Supermarkt handelte.“ Diese abfällige Bemerkung über das ökumenische Gemeindezentrum im Olympischen Dorf München stammt nicht etwa von einem konservativen Passanten, der Spitzbogenfenster und Glockenturm vermisste, sondern vom Architekten Reinhard Gieselmann, der gerade selbst ein Buch über „Neue Kirchen“ veröffentlicht hatte. Der moderne Sakralbau war innovativ, progressiv und er polarisierte, auch unter Fachkollegen. Vor allem dann, wenn er mit den traditionellen Formen brach und neue Impulse aus der „profanen“ Architektur aufgriff. Lange waren Historismus und Tradition für den Kirchenbau maßgeblich gewesen, sowohl in den Entwürfen der Architekten als auch in den Köpfen der Gemeinden und den Vorgaben der kirchlichen Bauherren. Neue Konzepte wurden sowohl durch die moderne Architektur als auch durch theologische, kirchliche und gesellschaftliche Umbrüche angestoßen: Sie führten zu einer Annäherung zwischen den beiden Konfessionen und machten so die Entstehung Ökumenischer Zentren möglich.

Keine Spur von Spitzbogen oder Glockenturm: das Ökumenisches Zentrum (links im Bild) im Münchener Olympiadorf (Bild: P. Stoltz)

Annäherung auf evangelischer …

Im evangelischen Kirchbau waren drei Faktoren ausschlaggebend: Erstens war an die Stelle der Tradition die „Liturgie als Bauherrin“ getreten. Die Berneuchener Bewegung hatte das Altarsakrament neu entdeckt und den ökumenischen Austausch gesucht, beides wollte man auch baulich umsetzen. Zweitens rang man im Protestantismus gerade um das eigene Selbstverständnis und Verhältnis zur Gesellschaft – Innovationen gab es vor allem am Rand der kirchlichen Institutionen, auf den Kirchentagen und in den Evangelischen Akademien. Hier verstand man sich als Forum und Faktor in der Welt und entwickelte neue Konzepte für den Kirchenbau.

Kirche sollte und wollte sich nun zum städtischen Raum öffnen (Bild: P. Stoltz)

Damit ging drittens einher, dass sich die konkreten Gemeinden deutlich veränderten. Sie entdeckten neue Formen des Gemeindelebens und brachten sich immer engagierter in die Gesellschaft ein. Dafür wurden auch neue, möglichst vielseitige Räume notwendig. Die Kirchen sollten sich nicht abheben, sondern als „Agora“ zu ihrer Siedlung öffnen und einen niederschwelligen Zugang ermöglichen.

Gemeindezentren verzichteten darum auf repräsentative Elemente wie Kirchtürme, teils sogar ganz auf den dezidierten Sakralraum. Stattdessen orientierten sie sich bewusst mehr am städtebaulichen Umfeld und an der profanen Architektur: Die Gemeinden wollten zum Alltag der Siedlung gehören, nicht mehr nur zum Sonntag. Ein bekanntes Beispiel war das Projekt des Theologen Ernst Lange, dessen Berliner Gemeinde sich in einem Ladenlokal einmietete. Dass man Gemeindezentren leicht mit Supermärkten verwechseln konnte, war also durchaus beabsichtigt.

… und auf katholischer Seite

Mit den Reformen – hier ein Blick in die katholische Sakristei – sollte mehr Gemeinschaft in die Messfeier einziehen (Bild: Andreas Poschmann/Straße der Moderne)

Ähnliche Entwicklungen hin zu Pfarrzentren hatten sich auch im modernen Katholizismus vollzogen, wenn auch nicht ganz so radikal. Die Volksliturgische Bewegung und Persönlichkeiten wie Dominikus Böhm und Rudolf Schwarz hatten die Gemeinde stärker berücksichtigt. In der Ersten Deutschen Liturgischen Konferenz und vor allem im Zweiten Vatikanischen Konzil erfuhr die Gemeinde schließlich große Wertschätzung, die sich auch deutlich im katholischen Kirchenbau niederschlug – vor allem in der Stellung von Altar und Gemeinde. Laien engagierten sich zunehmend in den Pfarreien und in der Gesellschaft und benötigten dafür neue Orte – es entstanden Pfarrzentren. Ähnlich wie der Protestantismus wandte sich auch der moderne Katholizismus stärker der Gesellschaft zu und erschloss sich öffentliche Räume.

Städtebauliche Allianzen

Die räumliche Verdichtung kirchlicher Angebote entsprach dem allgemeinen Trend zur städtebaulichen Zentrenbildung: Gebäude im Kern einer Siedlung wurden funktional und architektonisch aufeinander bezogen. Kirchliche Zentren fügten sich in diese Situation ein, erhoben aber zugleich einen Anspruch auf Dominanz. Diese war jedoch nicht mehr ohne Weiteres gegeben, vor allem nicht in urbanen Neubausiedlungen. Auch architektonisch fiel es zunehmend schwer, sich zwischen Hochhäusern durch einen Kirchturm zu behaupten.

In Neubausiedlungen wie dem Münchener Olympiadorf wurden öffentliche Funktionen gebündelt (Bild: Douglas Whitaker, CC BY SA 2.5)

Der beschriebene theologische Rollenwechsel forderte offene, leicht zugängliche und vielseitige Räume. Dominanz sollte nicht mehr durch gestalterische Selbstdarstellung eingelöst werden, sondern durch funktionale Verdichtung zur „Agora der Siedlung“. Hier kam es vor allem in Neubaugebieten ab Ende der 60er Jahre zu strategischen Allianzen zwischen evangelischer und katholischer Kirche. Zusammen ließen sich ein noch vielfältigeres Raumprogramm und eine noch stärkere Verdichtung erzielen. Ein gemeinsamer Sakralraum blieb hingegen tabu.

Auf diese Weise hatten sich evangelische und katholische Kirche deutlich angenähert: Der protestantischen Wiederentdeckung der Liturgie entsprach die katholische Wiederentdeckung der Gemeinde. Die engagierten selbstbewussten Gemeinden beider Konfessionen benötigten neue, vielfältig nutzbare Räume, die man schließlich sogar in gemeinsamen Zentren zusammenzog. Es war nur konsequent, dass sich 1971 zwei der beiden wichtigsten Fachzeitschriften „Christliche Kunstblätter“ (katholisch) und „Kunst und Kirche“ (evangelisch) zusammenschlossen. Im ersten gemeinsamen Heft wurde auch das ökumenische Zentrum des Olympischen Dorfs in München vorgestellt.

Das Olympische Dorf in München …

Ein Blick über die berühmten Dächer des Münchener Stadions auf das Olympisches Dorf (Bild: Sansculotte, CC BY SA 2.0)

Zu den XX. Olympischen Spielen 1972 in München wurde neben den bekannten Sportstätten eine Mustersiedlung errichtet, die zu den letzten großen Höhepunkten der städtebaulichen und architektonischen Moderne in Deutschland zählt. Sie zeugt von Planungseuphorie, Zukunftsoptimismus und dem Willen, eine ebenso innovative wie humane Siedlung zu schaffen. Stadtplanung sollte Kommunikation und Gemeinschaft fördern: Der gesamte Straßenverkehr ist eingehaust und so horizontal von den Fußwegen getrennt. Die Oberfläche der Siedlung – die eigentlich fünf Meter über dem Erdboden liegt – ist komplett autofrei, mit Grünflächen verzahnt und von Spielplätzen und Brunnen durchzogen. (Halb-)Öffentliche und private Zonen sind komplex miteinander verschachtelt.

Orientierung bieten die „Medialinien“, eine Installation des (Bau-)Künstlers Hans Hollein aus oberirdischen Rohren. Sie dienen als Wegweiser und Medienträger, zur Straßenbeleuchtung und angeblich (noch vor der Ölkrise!) Beheizung der Fußwege. Alle wichtigen Einrichtungen konzentrieren sich im Siedlungskern, der als Nadelöhr zwischen Wohnungen und U-Bahn-Station unumgänglich ist. Ganz im Geiste der Zeit liegen hier eng miteinander vernetzt Läden, Kindergärten, Arztpraxen und direkt am Marktplatz auch das ökumenische Gemeindezentrum.

… und sein Gemeindezentrum

Die allgegenwärtigen „Medialinien“ des Olympischen Dorfs führen auch zum Ökumenischen Zentrum (Bild: P. Stoltz)

Für ihr erstes ökumenisches Zentrum in Bayern hatten sich die Kirchen wohl vom olympischen Geist inspirieren lassen. Noch in der Ausschreibung war man von einem Ensemble getrennter Kirchbauten ausgegangen, die durch „Zusammengehörigkeit und Hinordnung“ aufeinander bezogen werden sollten. Schließlich entscheid man sich jedoch für den Entwurf der Architektengemeinschaft Bernhard Christ und Josef Karg. Er verkörpert in ästhetisch ansprechender Weise eine moderne, innovative Annäherung zwischen den beiden Konfessionen und zwischen Gemeinde und Gesellschaft, der beide Konfessionen und auch alle gemeindliche Funktionen unter einem gemeinsamen Dach vereinigt.

Das auffälligste Merkmal des Zentrums ist sein Dach, das aus dem Stahlrohr-System „Mero“ konstruiert wurde und als offenes einheitliches Raumfachwerk das gesamte Gebäude überkragt. Es ruht auf zwölf Betonsäulen, die Wände aus Eternitplatten sind nicht tragend und reichen nicht bis an die Decke. So ist der weite Blick frei auf den über die Räume hinausgehenden, sie verbindenden, Dachstuhl. Besuchern drängt sich der Eindruck auf, als könnten die provisorisch trennenden Wände jederzeit ausgebaut und so beide Kirchen vereinigt werden.

Ein Eingang, zwei Kirchenräume

Der farbenfrohe Zugang zum katholischen Kirchenraum (Bild: P. Stoltz)

Das Zentrum wird über ein gemeinsames Portal betreten, innen gehen nach rechts der evangelische und nach links der katholische Kirchenraum ab. Die Katholische Kirche verfügt zusätzlich zu ihrem großen Kirchenraum über eine separat zugängliche Werktagskapelle. Alle Sakralräume sind funktionalistisch und modern gestaltet. Die freistehende Altarinsel der katholischen Kirche steht deutlich unter dem Einfluss des Zweiten Vatikanischen Konzils: nur leicht erhöht und von der Gemeinde umgeben.

Erst in den 1990er Jahren wurde der Altarbereich durch eine Lichtinstallation an der Decke deutlicher gekennzeichnet. Abgesehen von diesem blauen Lichtband findet sich hier nur ein einfaches Kreuz, über ein ähnliches Kreuz verfügte auch der evangelische Kirchenraum. In seiner Ausstattung war er jedoch noch radikaler auf die wichtigsten Elemente beschränkt und noch mobiler konzipiert. Auf bildliche Darstellungen wurde bewusst verzichtet, dafür umso mehr Wert auf Farben und Formen gelegt. Der katholische wie der evangelische Altar bestanden aus Eternit-Halbrohren und unterschieden sich nur farblich, ebenso wie die übrigen Prinzipalstücke und Abendmahlsgeräte. Leider wurde der evangelische Kirchenraum später bei einer Generalsanierung völlig neu ausgestattet.

Ohne Schwelle

Erst in den 1990er Jahren wurde der Altarbereich im katholischen Kirchenraum durch eine Lichtinstallation besonders ausgezeichnet (Bild: P. Stoltz)

Die Ausstattung orientiert sich am einheitlichen Farbkonzept des Olympischen Dorfs. Ebenso fügt sich die gesamte Gestaltung des Zentrums ins geschlossene Konzept der Siedlung, zitiert die profanen Bauformen und Materialien seiner Umgebung: So begegnet z. B. das „Mero-System“ aus dem Dach des Zentrums auch im Verwaltungsgebäude am anderen Ende der Hauptstraße, in der heutigen Mensa der Studentensiedlung. Ohne Schwelle gehen Marktplatz, Eingangsbereich und Kirchenraum ineinander über, das Zentrum erscheint so als integraler Bestandteil der Siedlung.

Es fehlen die klassischen Formen kirchlicher Repräsentation wie ein Glockenturm. Auch das Kreuz über dem Haupteingang ist diskret aus der Fassade herausgearbeitet. Das zweite, sichtbarere Kreuz über dem Eingang der Werktagskapelle kam erst in den 80er Jahren hinzu. Statt der Glocken locken im Olympiadorf die „Medialinien“ in die Kirche: Zwei der Hauptrohre enden direkt vor dem Portal.

Verzicht als Gewinn

Mit seiner bungalowartigen Form behauptet sich das Zentrum gestalterisch gegenüber den umgebenden Hochhäusern (Bild: P. Stoltz)

Der Verzicht auf die klassische kirchliche Symbolik und die stilistische Angleichung an die umliegende Siedlung bedeutet jedoch nicht, dass das Zentrum auf einen städtebaulichen Akzent verzichtet. Seine horizontale bungalowartige Anlage kontrastiert die vertikalen Hochhäuser, fast als wäre die traditionelle Stadt-Silhouette auf den Kopf gestellt. Der Verzicht bedeutet auch keine Traditionslosigkeit, sondern eine moderne kreative Neuinterpretation – z. B. durch zwölf Säulen für das gesamte Gebäude. Dennoch konnte sich nicht jeder mit dieser modernen Form anfreunden, wie das Zitat vom Anfang zeigt. Und so erklärte auch der katholische Pfarrer des ökumenischen Zentrums zu dessen Einweihung im März 1974: „Es ist gewiß für viele nicht leicht, aus einem bisher gewohnten Kirchenraumverständnis heraus zu diesem Kirchenraum Zugang zu finden. Denn all‘ das, was eine ’schöne Kirche‘ von früher ausmacht, finden Sie hier nicht.“ Aber war der leichtere Zugang nicht das eigentliche Ziel des Verzichts gewesen?

Rundgang

Mit Bilder der „Straße der Moderne“ und von Philipp Stoltz durch die Räume beider Konfessionen im Ökumenischen Zentrum München …

Literatur

Volp, Rainer/Schwebel, Horst (Hg.), Ökumenisch planen. Dokumentation und Beiträge, Gütersloh 1973.

Römisch, Monika, Ökumenisches Kirchenzentrum „Frieden Christi“ und evang.-luth. Olympiakirche, Olympiadorf München, Lindenberg 2003.

Wittmann-Englert, Kerstin, Zelt, Schiff und Wohnung. Kirchenbauten der Nachkriegsmoderne, Lindenberg 2006.

Römisch, Monika, Das ökumenische Kirchenzentrum im Olympiadorf München, in: Hildmann, A./Jocher, N. (Hg.), Die Münchner Kirchen. Architektur – Kunst – Liturgie, Regensburg 2008, S. 110–115.

Heger, Natalie, Das Olympische Dorf München Planungsexperiment und Musterstadt der Moderne, Berlin 2014.

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FACHBEITRAG: Straße der Moderne

von Andreas Poschmann (15/4)

Für jeden zweiten Bundesbürger zählt der Besuch von Kirchen und Klöstern zu den beliebtesten Urlaubsaktivitäten. Dabei werden sie eher als eindrucksvolle Sehenswürdigkeiten betrachtet, weniger als lebendige Orte des Glaubens. Zu diesem Ergebnis kam 2011 eine Studie der Akademie Bruderhilfe-Pax-Familienfürsorge in Zusammenarbeit mit der Universität Paderborn. Oft sind Kirchen die markantesten Gebäude, zentral gelegen, öffentlich zugänglich und kostenfrei. Auch die meisten Stationen der sachsen-anhaltinischen Touristikroute „Straße der Romanik“ sind Kirchenbauten (mit ganz besonderen Qualitäten bei 35 Grad Celsius Außentemperatur wie in diesem Sommer).

Eine der ausgewählten rund 200 sehenswerten Kirchen: Köln-Riehl, St. Engelbert (Dominikus Böhm, 1932) (© Raimond Spekking, CC BY SA 4.0)

Moderne Kirchen hingegen sind schwieriger aufzufinden, nicht nur weil sie meist nicht dem Klischee entsprechen, das am Ortseingang ausgeschildert wird: ein traufständiger Bau mit seitlichem Turm und steilem Helm. Nachkriegskirchen stehen oft außerhalb der Stadtzentren. Nur wenige haben es bislang in einschlägige Reiseführer geschafft. So gestaltet sich die spontane Suche nach einem modernen Kirchenbau mitunter schwierig. Auch solche persönlichen Erlebnisse waren mit ausschlaggebend für die Idee zur „Straße der Moderne“.

Eine Idee

Das Projekt ist im Deutschen Liturgischen Institut (DLI) in Trier entstanden und wird dort koordiniert. Bei der Kirchenauswahl wird das Institut von einem ökumenisch besetzten Kuratorium beraten. An der konkreten Umsetzung sind freie Textautoren und Fotografen beteiligt. Insgesamt 200 moderne Kirchen aus ganz Deutschland werden in gut lesbaren, knappen und wissenschaftlich fundierten Portraits vorgestellt. Die Inkunabeln moderner Sakralbaukunst sind ebenso vertreten wie bisher kaum bekannte Räume.

Seit 1947 fördert das DLI wissenschaftlich und praktisch das gottesdienstliche Leben – auch die Feiergestalt und Ästhetik der Liturgie: So koordinierte das DLI etwa die bischöflichen „Leitlinien für den Bau und die Ausgestaltung von gottesdienstlichen Räumen“ oder die Arbeitshilfe „Liturgie und Bild“. Darüber hinaus wurden unter dem Label „Kirche und Design“ internationale Gestaltungswettbewerbe und Ausstellungen zu liturgischen Geräten und Gefäßen (ab 1997) und gottesdienstlichen Gewändern (ab 2003) durchgeführt. Ebenso beteiligte sich das DLI am Ausstellungsprojekt „Schätze! Kirchen des 20. Jahrhunderts“ (2007-10).

Eine Lobby für moderne Kirchen

Das Projekt will die sehenswerten Details entdecken helfen: Berlin-Pankow, St. Augustinus (Josef Bachem/Heinrich Horvatin, 1928), Fenstergestaltung (Bild: S. Angerhausen)

Die „Straße der Moderne“ ist eine Online-Ausstellung, eine Präsentation von Meisterwerken des Kirchenbaus im 20. und 21. Jahrhundert. Noch mehr aber ist die Internetseite eine Einladung, Architektur zu erleben. Durch die exemplarische Auswahl sollen die kunst- und liturgiehistorischen Entwicklungen der vergangenen rund 100 Jahre erfahrbar werden. Zugleich will das Projekt für aktuelle liturgische und architektonische Tendenzen sensibilisieren: Angesichts demographischer und gesellschaftlicher Entwicklungen wird derzeit eine Reihe von Kirchen nicht mehr in der bisherigen Weise benötigt. Auch deshalb soll auf großartige moderne Kirchenbauten hingewiesen werden, damit deren Potenzial erkannt wird und – wenn nötig – kreative Nutzungserweiterungen gefunden werden können.

Zugleich regt die vernetzte Präsentation moderner Kirchbauten dazu an, die Architektur vor Ort besser zu erschließen. Pfarrgemeinden werden motiviert, sich mit ihrem konkreten Kirchenraum zu befassen und ihn neu zu entdecken. Das Projekt „Straße der Moderne“ soll das Verständnis für moderne Kirchenbauten, die Identifikation mit dem Bau und seiner Ausstattung, letztlich mit der Gemeinde selbst fördern – eine pastorale, liturgische, denkmalpflegerische und ästhetische Information und Sensibilisierung zugleich.

Eine Auswahl

Kirchen mit besonderen Qualitäten: Emmerich-Leegmeer, Heilig Geist (Dieter Georg Baumewerd, 1966) (Bild: S. Angerhausen)

Für die Auswahl von insgesamt etwa 200 Kirchen hat das DLI nicht nur Veröffentlichungen und eigene Erfahrungen, sondern vor allem Experten befragt: kirchliche Bauämter, Kunstreferate, Denkmalbehörden. Gesichtet wurden die vorläufigen Ergebnisse von einem wissenschaftlichen Beirat, in dem sowohl architektur- und kunsthistorischer als auch theologisch-liturgiewissenschaftlicher Sachverstand vertreten ist. Entscheidend sind architektonische, liturgische und emotionale Qualitäten: Wie zeitgemäß bzw. innovativ war der Kirchenbau zur Entstehungszeit (Raumform, Material, Bauweise, Lichtführung …)? Welche Tradition und welches Raumkonzept werden aufgenommen? Welche bauhistorische Entwicklung hat der Bau angestoßen und welche lokalgeschichtliche Bedeutung kommt ihm zu?

Gefragt wird ebenso nach der Erfahrungsqualität der Architektur: Wie prägend ist die Kirche städtebaulich? Welche Identifikationsmöglichkeiten bietet sie, welche Präsenz hat sie in der Öffentlichkeit? Welche Eigenschaften von Architektur und Ausstattung sind raumprägend? Wie hoch ist die sakrale Qualität? Eröffnet die Kirche einen Raum für Transzendenzerfahrungen? Wie hoch ist ihre kommunikative Qualität für die unterschiedlichen liturgischen Feiern? Welches theologisch-liturgische Raumkonzept liegt zugrunde, wie eignet es sich für Verkündigung, Gebet (gemeinschaftlich und individuell), Gesang und Musik, Zeichen und Gebärden? Bilden Raum und Ausstattung ein Ensemble? Findet sich die gestufte Wertigkeit der liturgischen Zeichen in der künstlerischen Ausgestaltung wieder?

Eine Online-Ausstellung

Die Homepage der „Straße der Moderne“ ist nach Regionen untergliedert (Bild: DLI)

Gegliedert ist die Präsentation in sechs Regionen, die eine jeweils etwa gleiche Anzahl von 30 bis 40 modernen Kirchenbauten aufweisen, die vorgestellt werden: Kirchen im Westen (Nordrhein-Westfalen), im Osten (Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt), im Norden (Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein), der Mitte (Hessen, Thüringen), im Südwesten (Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland) und Süden Deutschlands (Bayern).

Seit Juli 2015 ist die Präsentation der „Straße der Moderne“ online und stellt Woche für Woche eine neue Station, einen neuen Kirchenbau vor. So wird das Straßennetz Schritt für Schritt erweitert. Eine Facebook-Seite informiert über neu hinzugekommene Bauten und aktuelle Entwicklungen. Weitere unterschiedliche Formen der Präsentation sind geplant: Im Jahr 2016 z. B. werden die Highlights der Kirchbaumoderne im Bistum Mainz (die dortigen Kirchen der „Straße der Moderne“) in einer Ausstellung im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Mainz gezeigt.

Erleben, entdecken, ankommen

Deutschland ist das Land einer weltweit einzigartigen Dichte moderner Kirchenbauten. Nahezu alle großen Architekten der Moderne haben mit insgesamt über 5000 Kirchen in Deutschland ihre Spuren hinterlassen. Dabei sind die qualitativ erstklassigen deutschen Sakralbauten nicht nur Spiegel, sondern auch Motor der internationalen Architekturgeschichte.

Kirchen als Orte von Spiritualität und Liturgie: Weimar-Schöndorf, St. Bonifatius (Johannes-Reuter, 1957) (Bild: S. Angerhausen)

Es geht darum, Kirchen als Orte von Spiritualität und Liturgie zu zeigen: „Offene Kirchen bieten Raum: Raum für die Stille inmitten der Hektik des Alltags, Raum für das Betrachten von Architektur und Kunst, insbesondere aber Raum für die Freude und Hoffnung, die Bedrängnis und Trauer, die Menschen mitbringen, wenn sie der Einladung einer offenen Kirche folgen. Die Anliegen und Gebete, die Menschen im Raum einer Kirche vor Gott hintragen […], erwecken das architektonische Zeugnis eines Glaubens der Vergangenheit zu einem lebendigen Ort der Begegnung mit Gott.“ (Karl Kardinal Lehmann)

Interessierten sollen hilfreiche Informationen (Adressen, Öffnungszeiten …) an die Hand gegeben werden, um die Kirchen kennenzulernen. Eine Umkreissuche ermöglicht das rasche Auffinden naheliegender Reiseziele auf einer virtuellen Karte. Die Kirchen können aber auch innerhalb der einzelnen Region angezeigt werden – sortiert nach Architekt, Bauzeit oder Ort.

Lieblingskirchen

Ihre neue Lieblingskirche? Trier-Mariahof, St. Michael (Konny Schmitz, 1970) (Bild: S. Angerhausen)

Das Institut für Demoskopie Allensbach fragte 2009, welches Verhältnis die Deutschen zu den Kirchenbauten haben: Für 59 % der Deutschen sind sie vor allem Orte, in denen sie zur Ruhe kommen, 48 % fühlen sich sofort anders, wenn sie einen Kirchenraum betreten. Für 50 % der Westdeutschen und 39 % der Ostdeutschen verändern sich das Empfinden und die mentale Verfassung, wenn sie sich in einer Kirche aufhalten.

Ihre Lieblingskirche beschreiben 54 % als Ort der Ruhe, 27 % ordnen ihr eine mystische Atmosphäre zu, 25 % die Aura des Geheimnisvollen. Bei der Frage nach der Lieblingskirche konnte man aus verschiedenen Vorgaben auswählen: romanisch, gotisch, barock. Das Institut für Demoskopie war also der Meinung, eine moderne Kirche komme von vornherein nicht als „Lieblingskirche“ infrage. Vielleicht können wir das ja bald ändern.

Literatur

Zahner, Walter/Berkemann, Karin (Hg.), Schätze! Kirchen des 20. Jahrhunderts. Eine Ausstellung der DG Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst, München, in Verbindung mit dem EKD-Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg und dem Deutschen Liturgischen Institut, Trier, München 2007.

Statt Rundgang

5_Strasse der Moderne, Homepage

Stöbern Sie sich doch selbst durch das Online-Angebot der „Straße der Moderne“

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Frankfurts Kirchenlandschaft im Umbruch: Was kommt nach dem Abriss bzw. nach der Entwidmung? (Bild: K. Berkemann, eh. Ev.-Ref. Zentrum bei Teilabbruch/Umnutzung, 2015)

Der Nachmittag war sonnig, die Kamera frisch geladen und der Volvo gerade mal wieder repariert – Grund genug für einen Foto-Streifzug durch Frankfurt. Genauer gesagt, durch einen unsichtbar gewordenen Teil der Frankfurter Kirchenlandschaft. Wir lichteten Orte ab, an denen einmal Nachkriegskirchen standen, die in den letzten Jahren umgenutzt oder abgerissen wurden. Sehen die Bauten noch wie eine Kirche aus? Oder was steht heute an ihrer Stelle?

 

Zum Nachlesen

HeilandskircheGutleutkircheSankt GeorgenDornbuschkirche – Neuapostolische Kirche Sachsenhausen – Bethanienkrankenhaus Evangelisch-Reformiertes Zentrum NordweststadtGemeindezentrum HaeberlinstraßeHaus LeonhardGemeindezentrum Archeehemaliges Haus DunantAlfred-Delp-HausKirchenpavillon Nordweststadt Gemeindehaus am Kellerskopfweg (mit der benachbarten Heimatkirche)

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