„Eine vornehme Ruhe“

von Philipp Sturm (19/2)

Die Siedlung Bruchfeldstraße – besser bekannt als „Zickzackhausen“ – wurde 1926/27 auf freigebliebenen Flächen des Stadtteils Niederrad errichtet und war so eine der ersten Wohnanlagen des Neuen Frankfurt. Parallel zum Siedlungsbau ging der Neubau von Kirchen einher. 1924 hatte sich die Evangelische Landeskirche Frankfurt am Main gegründet, deren Mitglied auch die Niederräder Gemeinde war. Aufgrund der Inflation fehlten dieser zunächst die finanziellen Mittel für eine eigene Kirche. Erst 1927 konnte der Antrag für den Neubau bei der Stadtsynode gestellt sowie ein Grundstück südlich der Siedlung Bruchfeldstraße an der Gerauer Straße gekauft werden. Die direkte Umgebung bestand damals noch weitgehend aus Ackerland, aber eine städtische Planung für weitere Wohnbebauung lag bereits vor. So sah man Bedarf für eine neue Kirche, die von den Mitgliedern der evangelischen Gemeinde fußläufig zu erreichen war.

Ein Gemeindehaus für Zickzackhausen

Am 29. September 1929 wurde der Grundstein für das Paul-Gerhardt-Gemeindehaus gelegt. Als Architekten wählte man Gottlob Schaupp, einen freien Mitarbeiter aus dem Team von Ernst May. Schaupp, 1891 in Reutlingen geboren, schloss sein Studium an der Höheren Bauschule in Stuttgart ab und ließ sich 1925 als freier Architekt in Frankfurt nieder. Er entwarf Reihenhäuser für die Römerstadt und war an der Wohnhausgruppe Hügelstraße sowie an dem Pavillon im Huthpark beteiligt. In der Siedlung Riederwald errichtete er 1928 die evangelische Riederwaldkirche, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Sein Niederräder Gemeindehaus, das bereits am 2. November 1930 eingeweiht werden konnte, ist eine multifunktionale Kirche im Stil des Neuen Frankfurt. Das weiß verputzte Gebäude, errichtet als Skelettkonstruktion aus Stahlbeton, wird an der Ostseite zur Gerauer Straße geprägt durch einen von acht Pfeilern getragenen Portikus in klassizistischer Form. Über eine doppelläufige Freitreppe betritt man die Vorhalle. Hier führen zwei Türen, über denen ein großes Metallkreuz schwebt und der Schriftzug „Dein Reich komme“ angebracht ist, in den großen Gemeindesaal im ersten Obergeschoss. Die langen Nord- und Südfassaden sind durch imposante Fensterfronten charakterisiert, im Bereich des Erdgeschosses bestehen sie aus langen Fensterreihen und darüber befindet sich jeweils ein Raster aus sechs mal sechs quadratischen Öffnungen. An der südwestlichen Ecke wird die Kirche durch einen vorgesetzten Glockenturm überragt, dessen Schallöffnungen die gleichen Proportionen besitzen wie das Fensterraster des Hauptgebäudes.

Eine Kirche der kurzen Wege

Clou des Bauwerks ist der multifunktionale Gemeindesaal. In westlicher Richtung war dieser für Gottesdienste, in östlicher für sonstige Veranstaltungen eingerichtet. „Gerade durch die Einfachheit und Schlichtheit im Inneren wie im Äußeren“, so Gottlob Schaupp, „wird auch der fertige Bau eine vornehme Ruhe ausstrahlen. Beim Gottesdienst betritt der Besucher das Haus über eine hohe säulengeschmückte Vorhalle und hat beim Eintritt in den Saal den Altarraum und die Kanzel vor sich. Bei Gemeindefeiern und anderen Veranstaltungen betritt man das Haus unter der Freitreppe im Sockelgeschoss und kommt in den Saal mit Blick auf die Bühne.“ Die Altarwand war hellblau gestrichen, die der Bühne in Altrosa und die Seitenwände sowie die Brüstungen der seitlichen Emporen in Hellgrau. Durch diese Farbwahl zielte Schaupp darauf ab, „dass der Besucher gefühlsmäßig der Meinung sein wird, in zwei verschiedenen Räumen gewesen zu sein.“ Im Saal mit seinen Emporen sind bis zu 1.000 Personen unterzubringen.

Häufig wird auf die Ähnlichkeit zwischen dem evangelischen Gemeindehaus in Niederrad und der katholischen Heiligkreuzkirche (1928/29) am Bornheimer Hang von Martin Weber hingewiesen. Beide weiß verputzen Bauten des Neuen Frankfurt besitzen in ihrer schlanken hohen Form ein gotisches Element und sind durch Stützen in Form eines modernen Portikus sowie durch große Freitreppen geprägt.

Zurück in die 1920er Jahre

Nach dem Krieg nahm Schaupp 1947 an dem deutschlandweit bedeutenden Wettbewerb zum Wiederaufbau der Paulskirche teil und erhielt für seinen Entwurf den ersten Preis. Die Jury war jedoch mit allen eingereichten Beiträgen nur wenig zufrieden, sodass die Stadt Frankfurt für den Wiederaufbau eine eigene Planungsgemeinschaft zusammenstellte, die einen neuen Entwurf erarbeiten sollte. Mit dem Kölner Kirchenbauer Rudolf Schwarz, dem Frankfurter Architekten Johannes Krahn und dem Planungsdezernenten Eugen Blanck war Schaupp nun einer von vieren und spielte bei dem neuen und dann umgesetzten Entwurf nur noch eine nachrangige Rolle.

Die Bombenschäden aus dem Zweiten Weltkrieg wurden in den ersten Nachkriegsjahren beseitigt, sodass 1953 die Wiedereinweihung des Kirchenbaus gefeiert werden konnte. Wenig später errichtete man auf dem Gemeindegelände ein von Hans Bartolmes entworfenes neues Pfarrhaus und einen Kindergarten. Zwischen 2012 und 2014 wurde Schaupps Gemeindehaus vom Frankfurter Büro HGP Architekten saniert. Der Kirchsaal und die Gemeinderäume sind nun wieder frisch geweißt, Tür- und Fensterrahmen dagegen im ursprünglichen Grau gehalten. Dazwischen findet sich an den Treppengeländern und auf manchen Fußböden ein tiefes Rot, das ebenfalls der Farbgebung von 1929/30 entspricht. Auch erneuerten die Architekten bei der Sanierung die quadratischen Saalfenster und setzten – anstelle der farbigen Gestaltung der 1950er Jahre – wieder Klarglas ein.

Titelmotiv: Frankfurt-Niederrad, Philipp Sturm mit historischem Spazierstock vor dem Paul-Gerhardt-Gemeindehaus (Bild: Andreas Beyer)

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Frühjahr 19: Moderne Mobil

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Ein Blick auf die religiöse Landschaft der Mainmetropole.

"Ungemein sympathisch"

„Ungemein sympathisch“

Ina Hartwig mit einem Arcona-Fahrrad vor der Heilig-Kreuz-Kirche.

"Das ist komplizierter"

„Das ist komplizierter“

Wolfgang Voigt mit einem „Opel Super 6“ vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle.

"Eine vornehme Ruhe"

„Eine vornehme Ruhe“

Philipp Sturm mit historischem Spazierstock vor dem Paul-Gerhardt-Gemeindehaus.

"Mitunter garstig"

„Mitunter garstig“

Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche.

"Da Du mich nicht liebst"

„Da Du mich nicht liebst“

Karin Berkemann mit einer „DKW RT 125“ vor der Frauenfriedenskirche.

„Mitunter garstig“

von Daniel Bartetzko (19/2)

Wer in den 1930er Jahren vom Taunus aus zu Fuß Richtung Frankfurt unterwegs war, sollte nebst stabilem Schuhwerk auch wetterfeste Kleidung tragen – und am besten ein Köfferchen für empfindliche Dinge dabei haben. In Niederursel, dem 1910 eingemeindeten nordwestlichsten Stadtteil Frankfurts, kann das Wetter mitunter garstig werden: Die kühlen Winde des Mittelgebirges treffen hier unmittelbar auf den warmen Dunst der Rhein-Main-Ebene. Scheint in der City die Sonne, kann’s hier zünftig gewittern. Oder schneien. Oder stürmen – je nach Jahreszeit. Seit 1928 hält aber ein Ort allen Wettern stand: Wie eine Krone überragt die Gustav-Adolf-Kirche den historischen Dorfkern Niederursels – ein kantiger Betonbau, umgeben von einem kleinteiligen Fachwerk-Ensemble. Die Synthese von Alt und Neu ist so oft grandios gescheitert, doch ausgerechnet ein Bau des sonst so nüchtern-zurückhaltenden Neuen Frankfurt schafft an dieser Stelle den Spagat.

Betonfachwerk

Stadtbaudirektor Martin Elsaesser (in Gemeinschaft mit Gerhard Planck) entwarf das achteckige Gebäude, dessen Hanggrundstück von einer historischen Sockelmauer des Vorgängerbaus wie eine Terrasse herausgehoben wird. Durch die eng bebaute Dorfsituation ist die Gustav-Adolf-Kirche nie im Ganzen zu sehen. Und ist dennoch aus allen Blickwinkeln erkennbar: Der mit einem kupferbeschlagenen Zeltdach gedeckte Kirchraum aus Mauerwerk und Eisenbeton zeigt sich verputzt, vorwiegend ungegliedert und wird von Turm und Treppenhaus eingefasst.

Erst im oberen Bereich ist das Achteck des Zentralraums zweifelsfrei abzulesen. Hier bildet ein umlaufendes Fensterband – mit seinen Betonsprossen als Fachwerkzitat deutbar – über dem Altar fünf, ansonsten drei Zeilen aus. Auch das Treppenhaus und der rund 30 Meter hohe Turm weisen diese bandförmigen Öffnungen auf. Das abfallende Grundstück nutzend, führt ein Zugang von der Straße ebenerdig zur Sakristei sowie zu Konfirmanden- und Gemeindesaal, die sich unter dem Gottesdienstraum befinden. Zu diesem gelangt man über eine Treppe.

Demontiert und eingelagert

Den Krieg hat die Kirche nahezu unbeschadet überstanden – renoviert wurde sie in den 1950er Jahren, in den späten 1970ern und zuletzt bis 2017. Seine Anmutung hat dieser letzte von Martin Elsaesser entworfene Sakralbau nie eingebüßt, einige spätere Zutaten hat man zuletzt trotzdem wieder entfernt: Die Kelsterbacher Künstlerin Marianne Scherer-Neufahrth schuf in den 1950er Jahren abstrakt-farbige Bleigläser für das Fensterband und Arnold Rakete, Architekt der Bauabteilung, entwarf ein Altarkreuz. Beides wurde demontiert und eingelagert – schade eigentlich. Dafür hat die grüne, emaillierte Beschreibungstafel an der Sockelmauer überlebt. Mit ihnen wies die Stadt Frankfurt Ende der 1970er auf ihre Denkmäler hin, und allzu viele dieser Tafeln sind nach rund 40 Jahren nicht übrig geblieben.

Eine richtige Kathedrale?

Der Gustav-Adolf-Kirche kommt im Werk von Martin Elsaesser eine Sonderstellung zu: Sie ist nicht nur seine letzte Kirche, sondern auch die einzige Predigtstätte, die er als reinen Zentralraum verwirklichte. Okay, für eine richtige Kathedrale zeichnet der Architekt, zu Zeiten des Neuen Frankfurt vor allem für die repräsentativen Bauten zuständig, auch noch verantwortlich: Im selben Jahr wie die Gustav-Adolf-Kirche wurde die Frankfurter Großmarkthalle eingeweiht. Auch sie hält noch heute Wind und Wetter stand – und hat sogar den Eingangs-Prügel, den der EZB-Neubau durch sie treibt, verkraftet …

Titelmotiv: Frankfurt-Niederursel, Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche (Bild: Andreas Beyer)

Titelmotiv: Frankfurt-Niederursel, Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche (Foto: Andreas Beyer)

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Frühjahr 19: Moderne Mobil

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Ein Blick auf die religiöse Landschaft der Mainmetropole.

"Ungemein sympathisch"

„Ungemein sympathisch“

Ina Hartwig mit einem Arcona-Fahrrad vor der Heilig-Kreuz-Kirche.

"Das ist komplizierter"

„Das ist komplizierter“

Wolfgang Voigt mit einem „Opel Super 6“ vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle.

"Eine vornehme Ruhe"

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Philipp Sturm mit historischem Spazierstock vor dem Paul-Gerhardt-Gemeindehaus.

"Mitunter garstig"

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"Da Du mich nicht liebst"

„Da Du mich nicht liebst“

Karin Berkemann mit einer „DKW RT 125“ vor der Frauenfriedenskirche.

Im Gotteskäfig

von Karin Berkemann (19/3)

Geneigte Leserin, geneigter Leser, sehen Sie diesen Beitrag als „Text-Connection“ zum wundervollen Porträt von Heinrich Otten in diesem Themenheft. Darin führt er durch die Geschichte von St. Horten, vom modernen Schiff der Stadtpfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt in Ahaus. Abschließend empfiehlt er einen zweiten Spitznamen desselben Bauwerks zur weiteren Betrachtung: Gotteskäfig. Kirchen fordern offenbar wie kaum eine andere Baugattung zu Wortspielen heraus. Denn hier ließ man den Architekten gerade in den Nachkriegsjahrzehnten besonders viel Freiraum, ermutigte sie gar zu bildhaften Formschöpfungen. Da ist es bis heute einfach zu verlockend, derart bedeutungsschwere Bauten mit einem treffenden Spitznamen auf den Boden des Alltagslebens zurückzubringen – und damit gleich noch den ein oder anderen Vertreter des Bodenpersonals aus seinem selbstgewählten Gotteskäfig herauszuholen.

Die Rache der Haushälterinnen

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Rolle der Frau in den beiden großen christlichen Konfessionen – ebenso wie im Bauwesen – bekanntermaßen keine gleichberechtigte. Nicht umsonst fanden sich unter den drei K, die man der weiblichen Seite zuordnete, neben den Kindern ebenso Kirche und Küche. Da mag es eine kleine Dosis sprachlicher Wiedergutmachung enthalten, wenn viele augenzwinkernde Spitznamen für Kirchenbauten dem Haushalt zuzuordnen sind: Schon Zeitgenossen fühlten sich bei St. Engelbert in Köln-Riehl, von Dominikus Böhm 1932 als eine Folge von Parabelbögen gestaltet, an eine Zitronenpresse erinnert. Für die Auferstehungskirche, bei der Otto Bartning 1929 drei kreisrunde Zylinder übereinanderstapelte, prägte sich der Begriff Tortenkirche ein.

Nicht die Form, sondern ein legales Dopingmittel stand Pate für Sankt Mokka: Die Bewohner des Eifelörtchens Schmidt hielten sich nach Kriegsende mit dem Schmuggel von Mokkabohnen aus dem nahen Belgien über Wasser. Dieses kleine Laster wusste der damalige Pfarrer geschickt in Spenden für den Wiederaufbau der Kirche St. Hubertus umzulenken. Im mondänen Berlin hingegen beschrieben die Großstädter ihre neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, deren kriegszerstörtem Turm Egon Eiermann einen Campanile und einen modernen Achteck-Bau zur Seite gestellt hatte, als Lippenstift und Puderdose. Mit diesen Konsumartikel-Vergleichen hatte das Wirtschaftswunder auch sprachlich in den Kirchbau Einzug gehalten.

Im Krieg der Konfessionen

Doch lange Jahre blieb die Kriegserfahrung im Kirchenbau lebendig, wurde von der Wiederaufrüstung im ideologischen Kampf der beiden Blöcke weiter befeuert. Noch während der Kriegsjahre richten sich die in den Städten verbliebenen Gläubigen inmitten von Trümmern ein, feierten ihre Gottesdienste buchstäblich in den Ruinen. Später wurden die steinernen Überreste oft in den Neubau eingebunden oder als Gedenkstätte inszeniert. Otto Bartning schließlich prägte das Behelfswort Notkirche positiv um und adelte damit seine Serie hölzerner Systembauten zum Ideal der Nachkriegszeit.

Wortwörtlich eine Bunkerkirche entstand in Düsseldorf-Heerdt. Hier wurde in einem Hochbunker des Zweiten Weltkriegs 1949 der römisch-katholische Gottesdienstraum Sankt Sakrament (so der offizielle Name!) eingerichtet. Der Architekt Philipp Wilhelm Stang ergänzte den Bestand dafür 1952 noch um einen betonsichtigen Glockenturm. Eine ebenso sinnfällige wie baukünstlerisch überzeugende Lösung, die heute zu Recht unter Denkmalschutz steht. Das Wort vom Gottesbunker wurde später auch auf viele der wehrhaften brutalistischen Neubauten der 1960er und frühen 1970er Jahre angewendet, in denen die Gemeindeglieder nach Geborgenheit suchten.

Mit Schwung zu den Sternen

Im Zeitalter des Weltraum-Wettrennens übertrug sich die Begeisterung für die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts auch auf die Kirchen. Ungezählte Neubauten der Nachkriegsmoderne wurden unter Seelenabschussrampe, Seilbahn Gottes oder Nonnenrutsche geführt. Nicht zuletzt sprachen die Münchener bei der prominent gelegenen Matthäuskirche, deren Neubau Gustav Gsaenger 1955 in schwungvolle Nierentisch-Formen hüllte, von Luthers Achterbahn. Seinem spaßfreien Reformatoren-Kollegen Calvin hätte man hier wohl höchstens einen Parkplatz gewidmet.

Die ernsthaftere Variante solcher Vergleiche wurzelte schon zur Bauzeit in den Bereichen „Zelt, Schiff, Wohnung“, wie Kerstin Wittmann-Englert in ihrem gleichnamigen Standardwerk herausarbeitete. Demnach lagen Bilder des „Unbehausten“ in den Nachkriegsjahrzehnten in der Luft, wurden teils bereits in der architektonischen Planung angelegt, teils später im Bauprozess darauf projiziert. Solche Formen und Vergleiche fielen im kirchlichen Umfeld auf besonders fruchtbaren Boden, steckt die Bibel doch voller Anspielungen auf die „christliche Seefahrt“ und das „wandernde Gottesvolk“. Mit dem Aufkommen der programmatisch nüchternen Gemeindezentren, das auch im Profanbau mit dem Ende unbegrenzter Formenfreiheiten zusammenfiel, versiegte die Flut an Bei- und Spitznamen.

Sankt Schildkröt und falsche Flundern

Natürlich sind da auch die Spitznamen, die ganz profan einer formalen Ähnlichkeit folgen: Sankt Schildkröt (nach der Kuppel der Christuskirche in Meerbusch-Büderich), die HO-Kirche (nach den Betonformsteinen von St. Joseph in Berlin) oder der Hohle Zahn (für den Turmstumpf der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin). Doch am Ende aller vergnüglichen Sprachspiele ist zur Nüchternheit zu raten. Allzu gerne entert das hauptamtliche Bodenpersonal Kirchen-Kosenamen – und nimmt sie zum Anlass für launige Predigten und sinnfällige Büttenreden, untermalt durch ein oder zwei Tiki-Küstenmacher-Karikaturen. In dieser pastoralen Sportart häufen sich traditionsgemäß Vergleiche aus dem maritimen Umfeld. Nicht umsonst sah der Hamburger Architekt Friedhelm Grundmann solche Zuschreibungen mit großer Gelassenheit: „Schon bei meinen Kirchen hieß es immer: ‚Das ist das Zelt, das Schifflein Christi‘. Ich habe dann nur geantwortet: ‚Es könnte auch ein Fisch sein. Vielleicht eine Flunder?'“

Literatur

Heß, Regina, Brutalismus, Multifunktionalismus, „forma materna“. Katholischer Kirchenbau zwischen Zweitem Vaticanum und Postmoderne, in: Dies. u. a. (Hg.), Kirche und Kunst. Kunstpolitik und Kunstförderung der Kirchen nach 1945. Jahrbuch der Guernica-Gesellschaft (Kunst und Politik 14), S. 97-111.

Kappel, Kai, Memento 1945? Kirchenbau aus Kriegsruinen und Trümmersteinen in den Westzonen und in der Bundesrepublik Deutschland, München/Berlin 2008.

Müller, Felix, Religiöse Kunst im Konflikt zwischen Urheberrecht und Sacheigentum (Geistiges Eigentum und Wettbewerbsrecht 123), Tübingen 2017.

Wittmann-Englert, Kerstin, Zelt, Schiff und Wohnung. Kirchenbauten der Nachkriegsmoderne, Lindenberg im Allgäu 2006.

Titelmotiv: Ahaus, St. Mariä Himmelfahrt (Bild: LWL-Denkmalpflege, Landschafts-und Baukultur in Westfalen, Foto: Angelika Brockmann-Peschel, 2017).

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Sommer 19: Nicknames

Echo vom Bürgersteig

Echo vom Bürgersteig

LEITARTIKEL: Stefan Rethfeld über Architektur-Spitznamen.

So ein Theater

So ein Theater

FACHBEITRAG: Alexander Kleinschrodt nennt Bauten nach anderen Bauten.

Gib mir Tiernamen!

Gib mir Tiernamen!

FACHBEITRAG: Anke von Heyl über faunistische Artenvielfalt.

Im Gotteskäfig

Im Gotteskäfig

FACHBEITRAG: Karin Berkemann über Sakralsynonyme.

St. Horten

St. Horten

PORTRÄT: Heinrich Otten über eine „Kaufhaus-Kirche“ in Ahaus.

"Abhängig von Bildern"

„Abhängig von Bildern“

INTERVIEW: Der Architekt Peter Busmann über Metaphern.

Nickname-Bilderrätsel

Nickname-Bilderrätsel

FOTOSTRECKE: Welcher Bau passt zu welchem Spitznamen-Bild?