FOTOSTRECKE: „Ich war eine Kirche“

von Daniel Bartetzko und Karin Berkemann (15/4)

Frankfurts Kirchenlandschaft im Umbruch: Was kommt nach dem Abriss bzw. nach der Entwidmung? (Bild: K. Berkemann, eh. Ev.-Ref. Zentrum bei Teilabbruch/Umnutzung, 2015)

Der Nachmittag war sonnig, die Kamera frisch geladen und der Volvo gerade mal wieder repariert – Grund genug für einen Foto-Streifzug durch Frankfurt. Genauer gesagt, durch einen unsichtbar gewordenen Teil der Frankfurter Kirchenlandschaft. Wir lichteten Orte ab, an denen einmal Nachkriegskirchen standen, die in den letzten Jahren umgenutzt oder abgerissen wurden. Sehen die Bauten noch wie eine Kirche aus? Oder was steht heute an ihrer Stelle?

 

Zum Nachlesen

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INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

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FACHBEITRAG: Kirchen unter Honecker

von Verena Schädler (15/4)

Katholischer Kirchenbau traf in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) nicht nur auf eine ausgeprägte Diaspora. Er musste sich vor allem in einem atheistischen Staat mit Mangelwirtschaft behaupten. Trotzdem entstanden dort zwischen 1945 und 1989 etwa 350 neue katholische Kirchen. Als die Ära Honecker (1971-89) einsetzte, wandelte sich auch diese Architektur: Hatte der SED-Staat seine Einstellung zur katholischen Kirche geändert?

Erich Honecker als Freund der katholischen Kirche? (Fotomontage von Verena Schädler auf Basis von: Bundesarchiv Bild 183-1987-1023-049, CC BY SA 3.0, Foto: Rainer Mittelstädt (Erich Honecker 1987 im Gespräch mit Kardinal Dr. Joachim Meisner))

 West-Geld für den Kirchenbau

Seit den 1970er Jahren errichtete man Kirchen in der DDR zumeist als Neubauten – wie „Zum Guten Hirten“ in Berlin-Friedrichsfelde (Bauakademie, 1985) (Bild: Wolfgang Lukassek, 1980er Jahre)

Vor allem aufgrund der rund 2 Millionen Flüchtlinge, die mit dem Zweiten Weltkrieg in die SBZ bzw. DDR kamen, errichtete man katholische Kirchen: nicht nur als Neubau, sondern auch als Behelfsbau (z. B. Baracke), als Umbau einer profanen Anlage (z. B. Scheune) oder als Kirchenraum in einem anderweitig genutzten Bau. Vergleichsweise wenige katholische Kirchen entstanden in der DDR in den 1970er und 1980er Jahren, doch wurden sie nun zumeist vollständig neu gebaut, gerieten großzügiger und hochwertiger. Dabei hing man stets von der innerkirchlichen, finanziell-materiellen Unterstützung aus dem traditionell katholischen Rhein- und Donauraum ab.

Während diese Förderung in den 1960er Jahren durch die abgeriegelte Grenze erschwert wurde, schuf die DDR-Regierung in den frühen 1970er Jahren durch Sonderbauprogramme einen offiziellen Rahmen. Abgewickelt wurden die staatlich genehmigten Programme über die Ostberliner Außenhandelsunternehmen „Limex“ und „Intrac“: Die DDR erhielt D-Mark (West) aus der Bundesrepublik Deutschland (BRD), finanzierte und organisierte damit (zum lukrativen Wechselkurs von 1:1) Planung und Bau mit eigenen Materialien und Dienstleistungen. Von den 55 (in dieser Zeit in der DDR recherchierbaren) katholischen Kirchen entstanden 34 in solchen Sonderbauprogrammen – jenseits der sonst üblichen Genehmigungsschwierigkeiten.

Besondere Umstände, besondere Raumformen

In der späten DDR entstanden neue katholische Kirchen häufig in „Neuen Städten“ – wie „Von der Verklärung des Herrn“ (1988) in der Großwohnsiedlung Berlin Marzahn (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1988-0802-300, Foto: Peter Zimmermann)

Zum einen wählte man in der späten DDR Raumformen wie in Westeuropa (z. B. Zentralbauten), zum anderen findet sich jedoch auch Vieles, das für den katholischen Kirchenbau in Ostdeutschland charakteristisch ist („DDR-spezifische Sonderformen“): z. B. durchaus „profan“ aussehende Neubauten („Typ Haus“) oder in Höhe und Material stark reduzierte Saalkirchen.

Neue Kirchen entstanden in der späten DDR vorwiegend in Städten (32 von 55 in Bezirks- oder Kreisstädten), davon etwa die Hälfte in den „Neuen Städten“, den an Großstädte angelagerten Großwohnsiedlungen. Weit von den historischen Stadtkernen entfernt, sollten diese „auf der grünen Wiese“ meist 50.000 bis 100.000 Menschen (z. B. Halle-Neustadt oder Berlin-Marzahn) aufnehmen und damit den vorherrschenden Wohnungsmangel beheben. Dass hier viele neue Kirchen errichtet wurden, stand im deutlichen Widerspruch zu bisherigen sozialistischen Stadtneuplanungen (wie z. B. in Stalinstadt).

Neue Kirchen für „Neue Städte“

In Berlin-Hohenschönhausen entstand die Heilig-Kreuz-Kirche zwischen 1983 und 1986 auf einem annähernd regelmäßigen achteckigen Grundriss (Bild: Verena Schädler)

In einem Sonderbauprogramm wurde die Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin-Hohenschönhausen durch die Berliner Bauakademie der DDR (Friedrich Schüller/Waldemar Schwarz) zwischen 1983 und 1986 geplant und durch den Bildhauer Friedrich Press künstlerisch gestaltet. Von Anfang an arbeiteten hier Planer, Künstler und Theologen beratend zusammen. Für die Architekten der Bauakademie der DDR, die viele Kirchen in den Neubaugebieten entwarfen, war das Thema oft Neuland. Hier konnten sie jedoch eigenständige Ideen verwirklichen – eine willkommene Abwechslung in den auf standardisierten Platten-Wohnungsbau ausgerichteten Projektierungsabteilungen.

In den Großwohnsiedlungen brauchte es neue Kirchen und Gemeindezentren, da sich mit den Menschen auch die Gemeindearbeit dorthin verlagerte. Es ist bezeichnend, dass sich „Heilig Kreuz“ am Rand des neuen Siedlungsgebiets findet: Weiterhin waren Regierung und örtliche Entscheider sehr darum bemüht, die neuen Kirchen dezentral zu verorten. Im Gegensatz dazu ist „Heilig Kreuz“ durch den Turm mit einem großen Klinkerkreuz im Stadtraum als christlicher Sakralbau unübersehbar.

„Typ Haus“ auf dem Land

Im ländlichen Hersmdorf/Thüringen ist die katholische „Kirche“ – streng genommen ein Pfarrhaus mit einem kleinen Anbau für Kapelle und Gemeinderaum – nach außen kaum als „Sakralbau“ erkennbar (Bild: Verena Schädler)

Durch staatliche Programme konnten nun auch die Dörfer und Kleinstädte Kirchen und Kapellen erhalten, für die bis dahin kein Geld oder keine Genehmigung verfügbar war. Sie entstanden häufig als „Typ Haus“: So bemühte sich die katholische Gemeinde im thüringischen Hermsdorf ab 1970 verstärkt um ein eigenes Baugrundstück. Allerdings wurden alle Anträge abgelehnt, bis das Vorhaben 1976 in ein Sonderbauprogramm kam und endlich ein neues Pfarrhaus genehmigt wurde. Danach ergänzte man die Pläne rasch um einen Kapellenanbau mit Gemeinderaum im Kellergeschoss. Das Gebäude in Ortsrandlage wirkt nach außen wie ein gewöhnliches Wohnhaus und ist kaum als christlicher Sakralbau zu erkennen.

Außerhalb der Sonderbauprogramme

Durch die Sonderbauprogramme konnte nicht der gesamte Bedarf gedeckt werden, so dass auch weiterhin neue schlichte Kirchen mit viel gemeindlicher Eigenleistung entstanden: z. B. „Zu den heiligen Schutzengeln“ in Hennigsdorf nördlich von Berlin. Als der Ort im frühen 20. Jahrhundert zum Industriestandort aufstieg, zogen auch viele katholische Arbeitskräfte in die Region. Der erste, in den 1920er Jahren in einer Häuserreihe errichtete Sakralbau wurde immer als Notkirche verstanden. Allerdings verzögerten finanzielle und politische Schwierigkeiten wiederholt einen Neustart.

Die Breite von „Zu den heiligen Schutzengeln“ in Hennigsdorf richtete sich nach der Länge der verfügbaren Dachbinder (Bild: Verena Schädler)

Als die Hennigsdorfer Kirche in den 1970er Jahren stark baufällig wurde (durchhängende Deckenbalken mussten abgestützt werden), erhielt man endlich die Genehmigung. Der Architekt Lothar Feitel, der häufig ehrenamtlich für Kirche plante, entwarf einen Neubau an gleicher Stelle. Dessen Ausmaße orientierten sich an den Dachbindern, die nur in einer Länge von 17 m erhältlich waren. Dadurch geriet der Neubau deutlich breiter, jedoch niedriger als sein Vorgänger: 85 m² zusätzliche Nutzfläche ermöglichten einen größeren Altarraum.

Neue Kirchen, alte Einstellungen

In den 1970er und 1980er Jahren beherrschten neue Projekte den katholischen Kirchenbau der DDR. Die staatlich genehmigten, west-finanzierten Sonderbauprogramme ermöglichten sogar relativ hochwertige Gebäude in sozialistischen Großwohnsiedlungen. Jedoch blieb es dabei: Die Kirchen lagen abseits der Zentren. Der „Typ Haus“ und die reduzierte Saalkirche ließen sich unauffällig ins sozialistische Ortsbild einbringen. Außerhalb der Sonderbauprogramme drohten weiterhin die üblichen Genehmigungsschwierigkeiten.

Zunächst scheint es paradox, dass sich der atheistische SED-Staat überhaupt so intensiv mit dem Kirchenneubau beschäftigte: Er hoffte auf eine positive Außenwirkung und schätzte vor allem die begehrten Devisen aus den Sonderbauprogrammen. Es gab durchaus Rechtfertigungsprobleme, wenn es in den „Neuen Städten“ z. B. weder Kiosk noch Kino gab, aber eine neue katholische Kirche. Doch konnte sich der SED-Staat inzwischen die „Kirche neben der Großwohnsiedlung“ leisten, da dort die Säkularisierung schneller voranschritt. Insgesamt hatte sich zwar der Umgang der DDR-Regierung mit dem Kirchenneubau gewandelt, jedoch nicht ihre grundsätzliche Einstellung zur katholischen Kirche.

Rundgang

Hilfreiche Statistik und eine kleine, nicht repräsentative Auswahl von katholischen Kirchen der DDR-Zeit der 1970er und 1980er Jahre …

Literatur

Schädler, Verena, Katholischer Sakralbau in der SBZ und DDR, Regensburg 2013.

Lukassek, Wolfgang, Katholischer Kirchenbau in Ostdeutschland 1945 bis 1992, in: das münster 49, 1996, S. 186-193.

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INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

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„Das braucht Offenheit und Vertrauen“

Vergessen Sie für die nächsten 5.000 Zeichen, was Sie über Hannover zu wissen glauben. Es steht der Verfasserin nicht zu, ein Urteil über die dortigen Menschen, Manager oder Fußballer zu fällen. Aber die Nachkriegskirchen von Hannover gehören zum Besten, was wir bundesweit zu bieten haben. Heute stehen sie (wie vielerorts) im Umbruch: Die Gesamtbevölkerung schrumpft, so auch die Zahl der Kirchenmitglieder. Daher wird auf allen Ebenen fusioniert, gespart – und der Bestand an Nachkriegskirchen überprüft. Eine von ihnen, die evangelische Corvinuskirche (Roderich Schröder, 1962) brachte es kürzlich zu überregionaler Bekanntheit. Darüber (und über vieles mehr) sprach moderneREGIONAL mit Rocco Curti, Leiter des Regionalreferats Hannover im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, und Martin Krause, Leiter des Amts für Bau- und Kunstpflege Hannover der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Herr Krause, Herr Curti, die Corvinuskirche ging in den letzten Monaten mehrfach durch die Presse. Worüber wurde gestritten?

Martin Krause: Strittig war für die Eigentümerin, die Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Ledeburg-Stöcken, wie sie beim notwendigen Gebäudemanagement mit der Corvinuskirche umgehen soll: Einige wollten den Standort aufgeben, andere wollten ihn erhalten – und letztere wandten sich an die Denkmalpflege.

Rocco Curti: In diesem Jahr hatte man gerade das Denkmalschutzgesetz geändert, seitdem können Gebäudeeigentümer gegen Feststellungsbescheide klagen. Die Corvinuskirche war für uns 2011 der erste Bau überhaupt, der nach der neuen Gesetzeslage als Kulturdenkmal ausgewiesen wurde.

MK: Und genau diese Denkmaleigenschaft war für die Landeskirche strittig.

Und der Streit ging vor Gericht weiter …

MK: Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers sah keine ausreichende Grundlage: Eine übergreifende Inventarisation der zahlreichen Nachkriegskirchen gab es noch nicht. Die Kirchengemeinde klagte gegen die Unterschutzstellung, das Verwaltungsgericht Hannover gab der Klage statt, das Landesamt legte Berufung ein und das Oberverwaltungsgericht Lüneburg bestätigte 2014 die Denkmaleigenschaft der Corvinuskirche.

RC: Dazwischen lagen fast drei Jahre, in denen wir von außen immer wieder gefragt wurden: Welche Nachkriegskirche ist denn jetzt Denkmal – und welche nicht? Daher haben wir uns intensiv um ein abgestimmtes Verfahren mit den kirchlichen Stellen bemüht.

Dann hatte die – juristisch begleitete – Auseinandersetzung letztlich etwas Gutes?

MK: Sie hat uns bewusst gemacht, dass wir für das Gebäudemanagement auch die Denkmaleigenschaften kennen müssen. Daher hat die Landeskirche – in Abstimmung mit dem Stadtkirchenverband und der Landeshauptstadt – das Landesamt gebeten, die Nachkriegskirchen in Hannover zu inventarisieren und hat ihre Unterstützung angeboten.

RC: Bis 2014 untersuchten wir mit einer Arbeitsgruppe aus Landesamt, Landeskirche, Landeshauptstadt und Stadtkirchenverband 38 evangelische Nachkriegskirchen, diskutierten die Denkmaleigenschaften – und stritten uns darüber auch schon mal im Detail.

MK: Diese Arbeitsweise braucht viel Offenheit und Vertrauen – auf beiden Seiten.

Herr Krause, seit Napoleon/Bismarck/Ebert haben wir in Deutschland grundsätzlich die Trennung von Kirche und Staat. Trifft das auch für die Denkmalpflege an kirchlichen Bauten zu?

MK: In Niedersachsen regelt der Loccumer Vertrag von 1955, dass die Landeskirche für die Denkmalpflege an ihren Kulturdenkmalen selbst zuständig ist. Die Landeskirche hat das „Benehmen“ mit der staatlichen Denkmalpflege herzustellen.

Herr Curti, mit welcher „Brille“ schauen Sie als staatlicher Denkmalpflege auf eine Kirche?

RC: Grundsätzlich mit derselben Brille, mit der ich als Denkmalpfleger einen Hochbunker oder ein Hochhaus betrachte. Und doch habe ich gerade bei unseren Kirchenbesichtigungen viel Neues gelernt. So konnte z. B. der Stadtkirchenverband zu jedem Gottesdienstraum auch die Gemeindegeschichte einbringen. Am Ende mussten wir bewerten: Was bedeutet dieser konkrete Raum für „den“ evangelischen Kirchbau in Hannover? Zusammen erzählen die 11 Bauten, die wir dann tatsächlich unter Schutz gestellt haben, wieder eine eigene Geschichte: von der Notkirche über die moderne Ergänzung einer älteren Kirche bis zum Gemeindezentrum.

Wissen wir denn schon genug über unseren modernen (kirchlichen) Baubestand?

RC: Schon 2013 haben sich die Denkmalbehörden mit dem Bistum Hildesheim die katholischen Nachkriegskirchen in Wolfsburg angesehen. Für Hannover kennen wir jetzt den Bestand der Landeskirche. Was uns hier immer noch fehlt, sind die Kirchenräume der katholischen Gemeinden, der kirchlichen Stiftungen, Orden, Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten …

MK: Nach Hannover werden aktuell die evangelischen Nachkriegskirchen in Osnabrück untersucht, weitere Regionen sollen folgen. Auch wenn eine Gebäudedatenbank in der Landeskirche weiterhin fehlt, wissen wir hier viel über die jüngeren Gebäude. Es bleibt aber Aufgabe des Landesamts, zu inventarisieren und die Denkmaleigenschaft zu beurteilen. Dafür bieten wir weiterhin gerne unsere Unterstützung an.

Nach all dem Ortsterminen und Gesprächen, als 2014 ihre gemeinsame Kirchenauswahl in Hannover positiv durch alle Gremien war: Wie haben Sie das in der Arbeitsgruppe gefeiert?

RC: Es gab Kaffee (lacht) – und natürlich einen Pressetermin. Schön wäre es sicher, wir könnten das Ergebnis unserer Inventarisation noch publizieren. Und unsere gemeinsame Arbeit für den Erhalt dieser Kirchen geht ja gerade erst los.

Zu den Personen

(R. Curti (links) und M. Krause (rechts), Fotos: Lars Landmann/Netzwerk Baukultur in Niedersachsen)

Rocco Curti, Dipl.-Ing. (FH) Architektur, M. A. Denkmalpflege, Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege. Schreinerlehre und anschließendes Architekturstudium in München. 2003 freie Mitarbeit in Architekturbüros. Studium in Bamberg. 2006 Abschluss im Masterstudiengang Denkmalpflege. 2006-08 wiss. Volontär, ab 2008 Gebietsreferent im Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Ab 2011 Gebietsreferent im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, seit 2014 Leiter des Regionalreferats Hannover. Sprecher des Arbeitskreises AK 1960+ im Netzwerk Baukultur Niedersachsen.

Martin Krause, Dipl.-Ing. Architekt, Leiter des Amts für Bau- und Kunstpflege Hannover der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Die Landeskirche unterhält fünf regionale Bauämter, die Kirchengemeinden und -kreise in Fragen der Bau-, Kunst- und Denkmalpflege beraten und regelmäßig Baubegehungen durchführen. Zur Betreuung von Baumaßnahmen erbringen die Bauämter die erforderlichen Architektenleistungen. Bei kirchenaufsichtlichen Genehmigungsverfahren sind baufachliche bzw. denkmalpflegerische Stellungnahmen abzugeben. Die Bauämter beraten die Kirchengemeinden bei der Abfassung von Architekten- und Ingenieurverträgen.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (15/4).

Literatur

Zukunft Baukultur 1960 +. 12. Forum des Netzwerk Baukultur in Niedersachsen (netzwerkDOKUMENTATATION 8), Hannover, Historisches Museum, 14. April 2015, hg. vom Netzwerk Baukultur in Niedersachsen, Hannover 2015.

Grosse, Heinrich u. a. (Hg.), Kirche in bewegten Zeiten. Proteste, Reformen und Konflikte in der hannoverschen Landeskirche nach 1968, Hannover 2011.

Puschmann, Wolfgang (Hg.), Hannovers Kirchen. 140 Kirchen in Stadt und Umland, Hannover 2005.

Kirchliches Bauen in der Ev.-lutherischen Landeskirche Hannovers, gestaltet vom Landeskirchlichen Amt für Bau- und Kunstpflege Hannover, hg. vom Landeskirchenamt anlässlich der 13. Tagung für evangelischen Kirchenbau vom 3. bis 8. Juni in Hannover, Hannover 1966.

Titelmotiv: Hannover-Stöcken, Corvinuskirche, Entwurf des Kirchenbaus, Roderich Schröder, 1960 (Bild: Roderich Schröder (Archiv Roderich Schröder), FAL)

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