INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

„Das braucht Offenheit und Vertrauen“

Vergessen Sie für die nächsten 5.000 Zeichen, was Sie über Hannover zu wissen glauben. Es steht der Verfasserin nicht zu, ein Urteil über die dortigen Menschen, Manager oder Fußballer zu fällen. Aber die Nachkriegskirchen von Hannover gehören zum Besten, was wir bundesweit zu bieten haben. Heute stehen sie (wie vielerorts) im Umbruch: Die Gesamtbevölkerung schrumpft, so auch die Zahl der Kirchenmitglieder. Daher wird auf allen Ebenen fusioniert, gespart – und der Bestand an Nachkriegskirchen überprüft. Eine von ihnen, die evangelische Corvinuskirche (Roderich Schröder, 1962) brachte es kürzlich zu überregionaler Bekanntheit. Darüber (und über vieles mehr) sprach moderneREGIONAL mit Rocco Curti, Leiter des Regionalreferats Hannover im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, und Martin Krause, Leiter des Amts für Bau- und Kunstpflege Hannover der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Herr Krause, Herr Curti, die Corvinuskirche ging in den letzten Monaten mehrfach durch die Presse. Worüber wurde gestritten?

Martin Krause: Strittig war für die Eigentümerin, die Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Ledeburg-Stöcken, wie sie beim notwendigen Gebäudemanagement mit der Corvinuskirche umgehen soll: Einige wollten den Standort aufgeben, andere wollten ihn erhalten – und letztere wandten sich an die Denkmalpflege.

Rocco Curti: In diesem Jahr hatte man gerade das Denkmalschutzgesetz geändert, seitdem können Gebäudeeigentümer gegen Feststellungsbescheide klagen. Die Corvinuskirche war für uns 2011 der erste Bau überhaupt, der nach der neuen Gesetzeslage als Kulturdenkmal ausgewiesen wurde.

MK: Und genau diese Denkmaleigenschaft war für die Landeskirche strittig.

Und der Streit ging vor Gericht weiter …

MK: Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers sah keine ausreichende Grundlage: Eine übergreifende Inventarisation der zahlreichen Nachkriegskirchen gab es noch nicht. Die Kirchengemeinde klagte gegen die Unterschutzstellung, das Verwaltungsgericht Hannover gab der Klage statt, das Landesamt legte Berufung ein und das Oberverwaltungsgericht Lüneburg bestätigte 2014 die Denkmaleigenschaft der Corvinuskirche.

RC: Dazwischen lagen fast drei Jahre, in denen wir von außen immer wieder gefragt wurden: Welche Nachkriegskirche ist denn jetzt Denkmal – und welche nicht? Daher haben wir uns intensiv um ein abgestimmtes Verfahren mit den kirchlichen Stellen bemüht.

Dann hatte die – juristisch begleitete – Auseinandersetzung letztlich etwas Gutes?

MK: Sie hat uns bewusst gemacht, dass wir für das Gebäudemanagement auch die Denkmaleigenschaften kennen müssen. Daher hat die Landeskirche – in Abstimmung mit dem Stadtkirchenverband und der Landeshauptstadt – das Landesamt gebeten, die Nachkriegskirchen in Hannover zu inventarisieren und hat ihre Unterstützung angeboten.

RC: Bis 2014 untersuchten wir mit einer Arbeitsgruppe aus Landesamt, Landeskirche, Landeshauptstadt und Stadtkirchenverband 38 evangelische Nachkriegskirchen, diskutierten die Denkmaleigenschaften – und stritten uns darüber auch schon mal im Detail.

MK: Diese Arbeitsweise braucht viel Offenheit und Vertrauen – auf beiden Seiten.

Herr Krause, seit Napoleon/Bismarck/Ebert haben wir in Deutschland grundsätzlich die Trennung von Kirche und Staat. Trifft das auch für die Denkmalpflege an kirchlichen Bauten zu?

MK: In Niedersachsen regelt der Loccumer Vertrag von 1955, dass die Landeskirche für die Denkmalpflege an ihren Kulturdenkmalen selbst zuständig ist. Die Landeskirche hat das „Benehmen“ mit der staatlichen Denkmalpflege herzustellen.

Herr Curti, mit welcher „Brille“ schauen Sie als staatlicher Denkmalpflege auf eine Kirche?

RC: Grundsätzlich mit derselben Brille, mit der ich als Denkmalpfleger einen Hochbunker oder ein Hochhaus betrachte. Und doch habe ich gerade bei unseren Kirchenbesichtigungen viel Neues gelernt. So konnte z. B. der Stadtkirchenverband zu jedem Gottesdienstraum auch die Gemeindegeschichte einbringen. Am Ende mussten wir bewerten: Was bedeutet dieser konkrete Raum für „den“ evangelischen Kirchbau in Hannover? Zusammen erzählen die 11 Bauten, die wir dann tatsächlich unter Schutz gestellt haben, wieder eine eigene Geschichte: von der Notkirche über die moderne Ergänzung einer älteren Kirche bis zum Gemeindezentrum.

Wissen wir denn schon genug über unseren modernen (kirchlichen) Baubestand?

RC: Schon 2013 haben sich die Denkmalbehörden mit dem Bistum Hildesheim die katholischen Nachkriegskirchen in Wolfsburg angesehen. Für Hannover kennen wir jetzt den Bestand der Landeskirche. Was uns hier immer noch fehlt, sind die Kirchenräume der katholischen Gemeinden, der kirchlichen Stiftungen, Orden, Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten …

MK: Nach Hannover werden aktuell die evangelischen Nachkriegskirchen in Osnabrück untersucht, weitere Regionen sollen folgen. Auch wenn eine Gebäudedatenbank in der Landeskirche weiterhin fehlt, wissen wir hier viel über die jüngeren Gebäude. Es bleibt aber Aufgabe des Landesamts, zu inventarisieren und die Denkmaleigenschaft zu beurteilen. Dafür bieten wir weiterhin gerne unsere Unterstützung an.

Nach all dem Ortsterminen und Gesprächen, als 2014 ihre gemeinsame Kirchenauswahl in Hannover positiv durch alle Gremien war: Wie haben Sie das in der Arbeitsgruppe gefeiert?

RC: Es gab Kaffee (lacht) – und natürlich einen Pressetermin. Schön wäre es sicher, wir könnten das Ergebnis unserer Inventarisation noch publizieren. Und unsere gemeinsame Arbeit für den Erhalt dieser Kirchen geht ja gerade erst los.

Zu den Personen

(R. Curti (links) und M. Krause (rechts), Fotos: Lars Landmann/Netzwerk Baukultur in Niedersachsen)

Rocco Curti, Dipl.-Ing. (FH) Architektur, M. A. Denkmalpflege, Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege. Schreinerlehre und anschließendes Architekturstudium in München. 2003 freie Mitarbeit in Architekturbüros. Studium in Bamberg. 2006 Abschluss im Masterstudiengang Denkmalpflege. 2006-08 wiss. Volontär, ab 2008 Gebietsreferent im Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Ab 2011 Gebietsreferent im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, seit 2014 Leiter des Regionalreferats Hannover. Sprecher des Arbeitskreises AK 1960+ im Netzwerk Baukultur Niedersachsen.

Martin Krause, Dipl.-Ing. Architekt, Leiter des Amts für Bau- und Kunstpflege Hannover der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Die Landeskirche unterhält fünf regionale Bauämter, die Kirchengemeinden und -kreise in Fragen der Bau-, Kunst- und Denkmalpflege beraten und regelmäßig Baubegehungen durchführen. Zur Betreuung von Baumaßnahmen erbringen die Bauämter die erforderlichen Architektenleistungen. Bei kirchenaufsichtlichen Genehmigungsverfahren sind baufachliche bzw. denkmalpflegerische Stellungnahmen abzugeben. Die Bauämter beraten die Kirchengemeinden bei der Abfassung von Architekten- und Ingenieurverträgen.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (15/4).

Literatur

Zukunft Baukultur 1960 +. 12. Forum des Netzwerk Baukultur in Niedersachsen (netzwerkDOKUMENTATATION 8), Hannover, Historisches Museum, 14. April 2015, hg. vom Netzwerk Baukultur in Niedersachsen, Hannover 2015.

Grosse, Heinrich u. a. (Hg.), Kirche in bewegten Zeiten. Proteste, Reformen und Konflikte in der hannoverschen Landeskirche nach 1968, Hannover 2011.

Puschmann, Wolfgang (Hg.), Hannovers Kirchen. 140 Kirchen in Stadt und Umland, Hannover 2005.

Kirchliches Bauen in der Ev.-lutherischen Landeskirche Hannovers, gestaltet vom Landeskirchlichen Amt für Bau- und Kunstpflege Hannover, hg. vom Landeskirchenamt anlässlich der 13. Tagung für evangelischen Kirchenbau vom 3. bis 8. Juni in Hannover, Hannover 1966.

Titelmotiv: Hannover-Stöcken, Corvinuskirche, Entwurf des Kirchenbaus, Roderich Schröder, 1960 (Bild: Roderich Schröder (Archiv Roderich Schröder), FAL)

Heft als pdf

Herbst 15: Haus mit Turm

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

Ruben Donsbach über die Sehnsucht nach Räumen, die offen sind für andere Erfahrungen.

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

Philipp Stoltz über eine besondere Nachbarschaft in München.

FACHBEITRAG: Straße der Moderne

FACHBEITRAG: Straße der Moderne

Andreas Poschmann über ein Projekt, das verbindet – Kirchenbauten werden virtuell und analog zur Straße verknüpft.

FOTOSTRECKE: "Ich war eine Kirche"

FOTOSTRECKE: „Ich war eine Kirche“

Lichtbilder über das, was nach Abriss, Entwidmung oder Verkauf kommt: Daniel Bartetzko und Karin Berkemann auf Fototour zu Frankfurts verlorenen Kirchen.

FACHBEITRAG: Kirchen unter Honecker

FACHBEITRAG: Kirchen unter Honecker

Verena Schädler über katholischen Kirchenbau im Osten Deutschlands.

FACHBEITRAG: Erneuerung

FACHBEITRAG: Erneuerung

Matthias Ludwig über seine Beratungsarbeit mit Gemeinden und ihren modernen Kirchenräumen.

INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

Rocco Curti und Martin Krause über Gerichtsverfahren, Gespräche und gemeinsame Ergebnisse. Ein Interview über Kirche und Denkmalpflege in Hannover.

PORTRÄT: Meine Kirchen

PORTRÄT: Meine Kirchen

Karin Berkemann über ihre erste „sakrale“ Liebe – und was danach kam.

PORTRÄT: Meine Kirchen

von Karin Berkemann (15/4)

Meine erste Kirche war unendlich groß, hatte warme Fenster und einen kalten Fußboden. Als Kindergottesdienstanfänger sollten wir nicht immer nur im Gemeindehaus singen und Collagen kleben. Wir sollten auch die „richtige“ Kirche kennenlernen. Zu Beginn erzählte der Alt-Pfarrer (dass es mein Großvater war, machte es nicht unbedingt besser) etwas zur Baugeschichte. Dann wurden wir (nicht von meinem Großvater) ermutigt, laut schreiend über die Bänke zu steigen. Um uns die „heilige Scheu“ auszutreiben. Hat funktioniert.

Unterm Zirkuszelt

Der Sobernheimer Matthiaskirche brachten mein Großvater und Georg Meistermann (nicht ganz in dieser Reihenfolge) bis 1966 die Moderne bei (Bild: Karin Berkemann)

In dieser, meiner ersten Kirche (der Matthiaskirche in Sobernheim) war mir vieles fremd: Märchenhaft schienen verblasste Blumen und Köpfe in den Gewölben auf (Wandmalereien der Spätgotik). Ein wenig unheimlich setzte der vergoldete Ritter seine Füße schwer auf zwei Hunde (ein Grabdenkmal der Spätgotik). Und furchteinflößend litt der Gekreuzigte über dem Altar schwebend vor sich hin (eine Skulptur der Nachkriegsmoderne).

Doch waren da auch die vertrauten Dinge: Die schweren Holzstühle mit der geflochtenen Sitzfläche standen ähnlich um den heimischen Esstisch (dieselbe Möbelfabrik, ein Tipp meines Großvaters, der unsere mittelalterliche Kirche bis 1966 hatte komplett umgestalten lassen). Und die Kirchenfenster sahen aus wie das große Bild in unserem Wohnzimmer, das mit dem bunten Zelt (einer der seltenen kolorierten Fensterentwürfe von Georg Meistermann). Was Gott mit einem Zirkus zu tun hatte, blieb mir bei aller Bibelfestigkeit lange ein Rätsel (fast enttäuschend, dass es dann nur das „Zelt des Abraham“ meinte).

Kirche aus dem Koffer

Alle Hamburger müssen jetzt ganz tapfer sein: Betrachtet man den Wiederauf-/Betonanteil, ist auch der (neu)barocke Michel eigentlich eine Nachkriegskirche – aber eine äußerst fotogene (Bild: K. Berkemann)

In den folgenden Wanderjahren hatten die Kirchen der wechselnden Wohn- und Studienorte kaum eine Chance, zur Heimat zu werden. Umso besser passte die hölzerne Kapelle in Bethel zum Lebensgefühl meiner ersten Semester. Die – so erzählte man sich – schweizerische Militärbaracke war über Umwege neben unserem Studentenwohnheim zu stehen gekommen. Ihre bestechende Vorläufigkeit bot den ersehnten Freiraum, den wir für experimentelle Andachten freudig mit Teelichtern und Batiktüchern füllten.

Die ersten (frei-)beruflichen Stationen brachten verschiedenste „Nebenwohnsitze“ – einer der schönsten lag in Hamburg. Auf vielen Streifzügen lehrte mich die Freie und Hansestadt, wie elegant moderner Kirchenbau sein kann. Mit einem Wermutstropfen, denn es waren die ersten Jahre der Fusionen, Aufgaben und Abrisse. Hinter mancher schönen Kirchentür („Was wollen Sie denn in meiner Kirche?“ „Beten?“) wartete ein schwermütiger, gar gebrochener Pastor, der sich bald ohne Kirche/Frau/Würde zurückbleiben sah.

Sone und solche Türme

Als das Kirchenanschauen/-bewerten zu meinem Beruf geworden war, galt ein Inventarisationsauftrag dem Mainmetropölchen. In der Schule hatte man uns noch vor den Frankfurtern gewarnt („Messerstecher“ war einer der freundlicheren Titel). Der bezahlte Blick in die Nachkriegskirchen jedoch führte mich zu äußerst liebenswerten südamerikanischen Marienorden, geistbewegten Eingeschworenen und bildungsbürgerlichen Vereinschristen. Viele von ihnen hatten sich in Frankfurt nach 1945 eine neue geistliche Heimat gebaut.

Die Frankfurter Matthäuskirche (noch) vor der Skyline (Bild: Melkom, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Und mit jedem dieser Kirchenräume wurde die Stadt auch zu meinem Lebensmittelpunkt. Zu einer Heimat, die sich stetig veränderte. Kaum drehte ich einer Straße den Rücken zu, war an die Stelle des Kirchturms ein Hochhaus getreten. In der Stadt der Händler und Banker wurde auch ein Kirchengrundstück schnell zum Spekulationsobjekt. Wem gehörte die Stadt, wem gehörten die Kirchen? Heute ertappe ich mich öfter dabei, in der nächtlich erleuchteten Skyline gar nicht erst nach Kirchtürmen zu suchen. Schont die Nerven.

Sakralretro?

Über meine nächste Kirche zu spekulieren, wäre müßig. Verkleinert sich doch die Auswahl durch Gebäudemanagement- und Wärmedämmkampagnen. So manche Kirchentür öffnet sich für „Fremde“ nur noch zögerlich. Selbst amtlich „offene“ Kirchen registrieren sehr genau, wer hier wann wie andächtig wird. Vielleicht hilft ein autobiographischer Retroanfall? Ich treibe die letzten Reste „heiliger Scheu“ aus meinen älter werdenden Knochen und steige schreiend über die nächstbesten Kirchenbänke? Natürlich nur in meiner Freizeit.

Rundgang

Sobernheim – Hamburg – Frankfurt (in einer völlig subjektiven Auswahl).

Literatur

Berkemann, Karin, Nachkriegskirchen in Frankfurt am Main (1945-76) (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland; Kulturdenkmäler in Hessen), Stuttgart 2013 [zugl. Diss., Neuendettelsau, 2012].

Berkemann, Karin (Bearb.), „Baukunst von morgen!“ Hamburgs Kirchen der Nachkriegszeit, Ausstellungskatalog , Denkmalschutzamt Hamburg und Freie Akademie der Künste Hamburg, 6. September – 7. Oktober 2007, Freie Akademie der Künste Hamburg, hg. von der Kulturbehörde/Denkmalschutzamt Hamburg, München/Hamburg 2007.

Stribrny, Wolfgang (Bearb.), 1000 Jahre Matthiaskirche zu Sobernheim. 1000 Jahre christlicher Glaube an der mittleren Nahe, hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Sobernheim, Bad Sobernheim 2002.

Heft als pdf

Herbst 15: Haus mit Turm

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

Ruben Donsbach über die Sehnsucht nach Räumen, die offen sind für andere Erfahrungen.

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

Philipp Stoltz über eine besondere Nachbarschaft in München.

FACHBEITRAG: Straße der Moderne

FACHBEITRAG: Straße der Moderne

Andreas Poschmann über ein Projekt, das verbindet – Kirchenbauten werden virtuell und analog zur Straße verknüpft.

FOTOSTRECKE: "Ich war eine Kirche"

FOTOSTRECKE: „Ich war eine Kirche“

Lichtbilder über das, was nach Abriss, Entwidmung oder Verkauf kommt: Daniel Bartetzko und Karin Berkemann auf Fototour zu Frankfurts verlorenen Kirchen.

FACHBEITRAG: Kirchen unter Honecker

FACHBEITRAG: Kirchen unter Honecker

Verena Schädler über katholischen Kirchenbau im Osten Deutschlands.

FACHBEITRAG: Erneuerung

FACHBEITRAG: Erneuerung

Matthias Ludwig über seine Beratungsarbeit mit Gemeinden und ihren modernen Kirchenräumen.

INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

Rocco Curti und Martin Krause über Gerichtsverfahren, Gespräche und gemeinsame Ergebnisse. Ein Interview über Kirche und Denkmalpflege in Hannover.

PORTRÄT: Meine Kirchen

PORTRÄT: Meine Kirchen

Karin Berkemann über ihre erste „sakrale“ Liebe – und was danach kam.

„Eine vornehme Ruhe“

von Philipp Sturm (19/2)

Die Siedlung Bruchfeldstraße – besser bekannt als „Zickzackhausen“ – wurde 1926/27 auf freigebliebenen Flächen des Stadtteils Niederrad errichtet und war so eine der ersten Wohnanlagen des Neuen Frankfurt. Parallel zum Siedlungsbau ging der Neubau von Kirchen einher. 1924 hatte sich die Evangelische Landeskirche Frankfurt am Main gegründet, deren Mitglied auch die Niederräder Gemeinde war. Aufgrund der Inflation fehlten dieser zunächst die finanziellen Mittel für eine eigene Kirche. Erst 1927 konnte der Antrag für den Neubau bei der Stadtsynode gestellt sowie ein Grundstück südlich der Siedlung Bruchfeldstraße an der Gerauer Straße gekauft werden. Die direkte Umgebung bestand damals noch weitgehend aus Ackerland, aber eine städtische Planung für weitere Wohnbebauung lag bereits vor. So sah man Bedarf für eine neue Kirche, die von den Mitgliedern der evangelischen Gemeinde fußläufig zu erreichen war.

Ein Gemeindehaus für Zickzackhausen

Am 29. September 1929 wurde der Grundstein für das Paul-Gerhardt-Gemeindehaus gelegt. Als Architekten wählte man Gottlob Schaupp, einen freien Mitarbeiter aus dem Team von Ernst May. Schaupp, 1891 in Reutlingen geboren, schloss sein Studium an der Höheren Bauschule in Stuttgart ab und ließ sich 1925 als freier Architekt in Frankfurt nieder. Er entwarf Reihenhäuser für die Römerstadt und war an der Wohnhausgruppe Hügelstraße sowie an dem Pavillon im Huthpark beteiligt. In der Siedlung Riederwald errichtete er 1928 die evangelische Riederwaldkirche, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Sein Niederräder Gemeindehaus, das bereits am 2. November 1930 eingeweiht werden konnte, ist eine multifunktionale Kirche im Stil des Neuen Frankfurt. Das weiß verputzte Gebäude, errichtet als Skelettkonstruktion aus Stahlbeton, wird an der Ostseite zur Gerauer Straße geprägt durch einen von acht Pfeilern getragenen Portikus in klassizistischer Form. Über eine doppelläufige Freitreppe betritt man die Vorhalle. Hier führen zwei Türen, über denen ein großes Metallkreuz schwebt und der Schriftzug „Dein Reich komme“ angebracht ist, in den großen Gemeindesaal im ersten Obergeschoss. Die langen Nord- und Südfassaden sind durch imposante Fensterfronten charakterisiert, im Bereich des Erdgeschosses bestehen sie aus langen Fensterreihen und darüber befindet sich jeweils ein Raster aus sechs mal sechs quadratischen Öffnungen. An der südwestlichen Ecke wird die Kirche durch einen vorgesetzten Glockenturm überragt, dessen Schallöffnungen die gleichen Proportionen besitzen wie das Fensterraster des Hauptgebäudes.

Eine Kirche der kurzen Wege

Clou des Bauwerks ist der multifunktionale Gemeindesaal. In westlicher Richtung war dieser für Gottesdienste, in östlicher für sonstige Veranstaltungen eingerichtet. „Gerade durch die Einfachheit und Schlichtheit im Inneren wie im Äußeren“, so Gottlob Schaupp, „wird auch der fertige Bau eine vornehme Ruhe ausstrahlen. Beim Gottesdienst betritt der Besucher das Haus über eine hohe säulengeschmückte Vorhalle und hat beim Eintritt in den Saal den Altarraum und die Kanzel vor sich. Bei Gemeindefeiern und anderen Veranstaltungen betritt man das Haus unter der Freitreppe im Sockelgeschoss und kommt in den Saal mit Blick auf die Bühne.“ Die Altarwand war hellblau gestrichen, die der Bühne in Altrosa und die Seitenwände sowie die Brüstungen der seitlichen Emporen in Hellgrau. Durch diese Farbwahl zielte Schaupp darauf ab, „dass der Besucher gefühlsmäßig der Meinung sein wird, in zwei verschiedenen Räumen gewesen zu sein.“ Im Saal mit seinen Emporen sind bis zu 1.000 Personen unterzubringen.

Häufig wird auf die Ähnlichkeit zwischen dem evangelischen Gemeindehaus in Niederrad und der katholischen Heiligkreuzkirche (1928/29) am Bornheimer Hang von Martin Weber hingewiesen. Beide weiß verputzen Bauten des Neuen Frankfurt besitzen in ihrer schlanken hohen Form ein gotisches Element und sind durch Stützen in Form eines modernen Portikus sowie durch große Freitreppen geprägt.

Zurück in die 1920er Jahre

Nach dem Krieg nahm Schaupp 1947 an dem deutschlandweit bedeutenden Wettbewerb zum Wiederaufbau der Paulskirche teil und erhielt für seinen Entwurf den ersten Preis. Die Jury war jedoch mit allen eingereichten Beiträgen nur wenig zufrieden, sodass die Stadt Frankfurt für den Wiederaufbau eine eigene Planungsgemeinschaft zusammenstellte, die einen neuen Entwurf erarbeiten sollte. Mit dem Kölner Kirchenbauer Rudolf Schwarz, dem Frankfurter Architekten Johannes Krahn und dem Planungsdezernenten Eugen Blanck war Schaupp nun einer von vieren und spielte bei dem neuen und dann umgesetzten Entwurf nur noch eine nachrangige Rolle.

Die Bombenschäden aus dem Zweiten Weltkrieg wurden in den ersten Nachkriegsjahren beseitigt, sodass 1953 die Wiedereinweihung des Kirchenbaus gefeiert werden konnte. Wenig später errichtete man auf dem Gemeindegelände ein von Hans Bartolmes entworfenes neues Pfarrhaus und einen Kindergarten. Zwischen 2012 und 2014 wurde Schaupps Gemeindehaus vom Frankfurter Büro HGP Architekten saniert. Der Kirchsaal und die Gemeinderäume sind nun wieder frisch geweißt, Tür- und Fensterrahmen dagegen im ursprünglichen Grau gehalten. Dazwischen findet sich an den Treppengeländern und auf manchen Fußböden ein tiefes Rot, das ebenfalls der Farbgebung von 1929/30 entspricht. Auch erneuerten die Architekten bei der Sanierung die quadratischen Saalfenster und setzten – anstelle der farbigen Gestaltung der 1950er Jahre – wieder Klarglas ein.

Titelmotiv: Frankfurt-Niederrad, Philipp Sturm mit historischem Spazierstock vor dem Paul-Gerhardt-Gemeindehaus (Bild: Andreas Beyer)

ganzes Heft als pdf

Frühjahr 19: Moderne Mobil

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Ein Blick auf die religiöse Landschaft der Mainmetropole.

"Ungemein sympathisch"

„Ungemein sympathisch“

Ina Hartwig mit einem Arcona-Fahrrad vor der Heilig-Kreuz-Kirche.

"Das ist komplizierter"

„Das ist komplizierter“

Wolfgang Voigt mit einem „Opel Super 6“ vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle.

"Eine vornehme Ruhe"

„Eine vornehme Ruhe“

Philipp Sturm mit historischem Spazierstock vor dem Paul-Gerhardt-Gemeindehaus.

"Mitunter garstig"

„Mitunter garstig“

Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche.

"Da Du mich nicht liebst"

„Da Du mich nicht liebst“

Karin Berkemann mit einer „DKW RT 125“ vor der Frauenfriedenskirche.