Horror Vacui – von der Tragkraft moderner Kirchen

Vorbei die Zeiten, als man sich in den Tagungspausen an einfallslos hussierten Stehtischen bei den Resten einer Aldi-Keksmischung analog über die Frisur der Vortragenden und die technischen Patzer des Orgateams austauschen konnte. Das dreitätige Herrenhäuser Symposium „Kirchenumnutzung“ kommt makellos virtuell daher. Hier hat man seit gestern (15. Februar 2021) das Schicksal – auch moderner – liturgischer Räume fest im Blick. Vorgestellt wurden bereits europaweite Vergleichsbeispiele (vorwiegend aus den Niederlanden, aus Belgien, Großbritannien und der Schweiz). Die von der Volkswagen-Stiftung geförderte Veranstaltung wird organisiert von Kerstin Gothe (KIT/Karlsruher Institut für Technologie), Paul Post (Tilburg University) und Johannes Stückelberger (Universität Bern).

Ladenburg, St. Johannes während des Abrisses (Bild: K. Berkemann, Februar 2021)

Ladenburg: Der 1958 eingeweihte Kirchsaal St. Johannes wurde 2020 abgerissen – nun soll an der Leerstelle der Kindergarten erweitert werden (Bild: K. Berkemann, Februar 2021)

Das Problem

Zum Auftakt fasste Kerstin Gothe den gemeinsamen Ausgangspunkt der Tagung zusammen: Es gibt mehr ungenutzte Kirchen als bekannt. Wie kann dafür die traditionelle Gemeinschaftsorientierung dieser Räume in eine neue, ebenfalls öffentlich ausgerichtete Nutzung übertragen werden? Vor diesem Hintergrund präsentierte Paul Post (Universität Tilburg) in der ersten, theologisch ausgerichteten Sektion einige Beispiele aus den Niederlanden – vom Supermarkt bis zum Kunstexperiment. Dennoch, so der Referent, sei die Zahl der liturgisch genutzten Kirchen insgesamt eher stabil. Denn vor allem in den Städten kämen durch Migrant:innen immer wieder Räume z. B. in den Gewerbegebieten dazu. Um die Umwandlung von Kirchen nicht durch den Begriff „Umnutzung“ von vorneherein abzuwerten, schlägt er als Alternative „Recasting“ vor.

In der Folge ergänzten sich die Theolog:innen Sabrina Müller (Universität Zürich) und Albert Gerhards (Universität Bonn) mit ihrer Vorstellung englischer, schweizerischer und deutscher Beispiele. In der Diskussion schälte sich zwischen Referent:innen und Teilnehmer:innen langsam die Erkenntnis heraus, dass die Kategorien sakral und profan vor Ort jeweils neu ausgehandelt werden (müssen). Kirchenräume definierten und formten sich in Bewegung – entsprechend müssten auch Nutzungsänderungen dort fächerübergreifend, offen und flexibel angegangen werden. Gerade die vermeintlich kleinen unspektakulären Beispiele böten aktuell die größte Hoffnung auf neue Erkenntnisse.

Castrop-Rauxel-Habigshorst, Neuapostol. Kirche (Bild. via mapio.net)

Castrop-Rauxel-Habigshorst: Die Neuapostolische Kirche von 1977 sollte 2020 schon zum zweiten Mal veräußert werden – hier auf den Verkaufsfotos inszeniert als hipper Wohnraum (Bild. via mapio.net)

Die Bauten

Den architektonisch-denkmalpflegerisch orientierten Nachmittag eröffnete der Sektionsleiter, Architekt Sen Sterken (KU Leuven), mit der Beobachtung: Bei all den Diskussionen um die inneren Werte der Kirchen werde oft vergessen, dass es sich dabei um ganz konkrete Gebäude handelt. Die beiden niederländischen Refrent:innen Charlotte Ardui (KU Leuven) und Albert Reinstra (The Cultural Heritage Agency of the Netherlands) präsentierten Strategien im Umgang mit – auch – modernen Kirchen. Gerade Räume der Nachkriegszeit, so Ardui, könnten dabei zum Ausgangspunkt einer bedarfsgerechten Neudefinition eines ganzen Viertels werden. Diesen Punkt bekräftigte Reiner Nagel (Bundesstiftung Baukultur) – vielerorts sei die Kirche der qualitätvollste Bau einer Siedlung. Daher müsse die Diskussion, so Josef Elders aus der britischen Perspektive, öffentlich geführt werden. Am Ende brachte es Sterken auf den Punkt: Je jünger eine Kirche, desto gefährdeter.

In einer zweiten Sektion des Nachmittags sprachen Jan Jaspers für die belgische, Marieke Kuipers für die niederländische und Nott Caviezel für die österreichische Denkmalpflege. Kuipers beeindruckte die Teilnehmer:innen durch ihr Votum, Kirchenbauten hätten Trag- und Spannkraft – sie könnten und müssten beweglich auf Veränderungen reagieren. Caviezel betonte: Wenn auch der geistliche Gehalt einer Kirche (samt seiner Ausstattung) verloren gehen könne, bliebe doch der geistige Wert bei einem denkmalfachlich behutsamen Umgang erhalten. Begegne man einem solchen Bau mit „Pietät“, besser „Respekt“, könne man gerade von einem Kirchenraum sehr viel auch für die weltliche Denkmalpraxis lernen.

Antenne (Bild: PD, via pixabay.com)

Das Abschlussplenum des zweiten Konferenztages wird heute im NDR übertragen (Bild: PD, via pixabay.com)

Das Radio

Noch stehen anderthalb digitale Konferenztage an, darin enthalten virtuelle Austellungen und ebensolche Exkursionen. Doch bereits jetzt ist absehbar, dass der große Ertrag des Symposions in seinem Teilnehmer:innenkreis liegt: Gut 400 Menschen aus Forschung, Kirche, Denkmalpflege und Praxis haben eine Schnittmenge gesucht und in den Kirchenräumen gefunden – hier funktioniert diese Baugattung noch in ihrem ursprünglichen gemeinschaftsstiftenden Sinne. Und für alle darüber hinaus Interessierten ist das Abschlussplenum des zweiten Veranstaltungstags sogar über das Radio zugänglich. Der NDR überträgt das „Herrenhäuser Gespräch“ heute (am 16. Februar 2021) ab 19 Uhr unter dem Titel „Vom Gotteshaus zur Sparkasse“. Es sprechen die Theologin Petra Bahr (Hannoversche Landeskirche), Stefan Krämer (Wüstenrot Stiftung) und der Architekt Tim Rieniets (Leibniz-Universität Hannover). Moderiert wird die Runde von Ulrich Kühl von NDR Kultur. Die Diskussion sucht sich also auch in dieser Form zunehmend den öffentlichen Raum. (16.2.21)

Die Nachlese

Das öffentliche Schlusspodium des zweiten Konferenztags hinterließ bei vielen Zuhörer:innen einen bleibenden Eindruck: Da warben zwei Vertreter dessen, was man die Zivilgesellschaft nennt, leidenschaftlich für den Erhalt von Kirchen als öffentliche Räume. Sowohl Stefan Krämer von der Wüstenrot Stiftung als auch der Architekt Tim Rieniets von der Leibniz-Universität Hannover (zuvor (Stadt)BauKultur NRW) hatten sich bereits mit erfolgreichen Initiativen für eine lebendige neue Nutzung auch moderner Kirchenräume stark gemacht. Während die römisch-katholischen Kirchenleitungen beim Podiumsgespräch nicht vertreten waren, stand Petra Bahr – promovierte Theologin, ehemalige EKD-Kulturbeauftragte und heute Hannoversche Regionalbischöfin – Rede und Antwort. Entsprechend rückte sie die institutionell-gemeindliche Perspektive in den Vordergrund: Kirchen seien keine Museen, auch keine Kulturdenkmale.

Für Petra Bahr könnte etwa eine Umgestaltung zum Kindergarten, eine Umbauung mit altersgerechtem Wohnen dem Ursprungssinn dieser Räume näherkommen als z. B. eine außerkirchliche Nutzung. Und gerade nach dem Zweiten Weltkrieg sei auch viel nicht besonders Wertvolles erbaut worden. An dieser Stelle schieden sich die Gesprächspartner:innen – ein Zwiespalt, der auch am Ende der gesamten Tagung zu spüren blieb. Da waren auf der einen Seite viele hilfesuchende Gemeinden und Bauverantwortliche, auf der andere Seite viele gutmeinende Forscher:innen und ganz weltliche Vertreter:innen. Doch der Faktor Kirchenleitung, die Entscheider:innen auf mittlerer und darüberliegender Ebene, fehlten in der virtuellen Konferenz fast völlig. Ein Problem, das sich hoffentlich in späteren Veranstaltungs- und Gesprächsformen wird lösen lassen. (kb, 20.2.21)

Titelmotiv: Andernach: Die Kirche St. Raphael, deren gotischer Teil 1977 vom Architekten Heinrich Otto Vogel um einen modernen Gottesdienstraum ergänzt wurde, soll wieder auf seinen historischen Rumpf „rückgebaut“ werden (Bild: Ralf Krob, 2020)