Köln: St. Hildegard in der Au kommt weg

Selbst routinierte Kirchenabrissbeobachter*innen reiben sich gelegentlich verwundert die Augen: In Köln-Nippes soll die römisch-katholische Kirche St. Hildegard in der Au im September diesen Jahres nicht nur geschlossen, sondern in der Folge auch zugunsten neuer Wohnbauten niedergelegt werden. Der organisch geschwungene Bau auf einem Grundriss, der elegant aus zwei breitgespreizten Parabelbögen gefügt wurde, entstand bis 1961 nach Plänen des rheinischen Architekten Stefan Leuer (1913-79). Im Rheinland ist Leuer kein Unbekannter, wo er den Kirchenbau lehrte und ebenso zahlreiche kirchliche Projekte als Architekt umsetzen konnte.

In Nippes entstand der Gottesdienstraum gemeinsam mit der neuen Gemeinde, die 1960 zunächst die Seitenkapelle für kleinere liturgische Formen in Besitz nehmen konnte. Für die Innenausstattung des 1961 geweihten Kirchenraums, der über knapp 150 kleinformatige Fensteröffnungen belichtet wird, sorgten klangvolle Künstlernamen wie Klaus Balke, Hubert Schaffmeister und Jochem Pechau. (kb, 18.6.20)

Köln-Nippes, St. Hildegard in der Au (Bild: Elke Wetzig, CC BY SA 4.0, 2020)

Köln-Nippes, St. Hildegard in der Au (Bild: Elke Wetzig, CC BY SA 4.0, 2020)

Köln-Nippes, St. Hildegard in der Au (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, 2020)

Köln-Nippes, St. Hildegard in der Au (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, 2020)

Köln-Nippes, St. Hildegard in der Au (Bild: © Elke Wetzig, 2020)

Köln-Nippes, St. Hildegard in der Au (Bild: © Elke Wetzig, 2020)

Titelmotiv: Köln-Nippes, St. Hildegard in der Au (Bild: wiki06, CC0 1.0, 2020)

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Stillstand statt Bewegung

Wenn man durch Kölns Fußgängerzone bummelt, entdeckt man unweigerlich zwischen den Einzelhandelspalästen einen silberglänzenden Kunstschatz. Extravagant und futuristisch gibt sich die Fassade des ehemaligen Kaufhauses Wormland an der Hohe Straße/Ecke Salomongasse. Die Edelstahlhaut, die den Baukörper komplett umschließt, bildet den Hintergrund für die kinetische Plastik „Licht und Bewegung“ des ZERO-Künstlers Otto Piene, die jüngst in die Rote Liste des Kunsthistorikerverbands aufgenommen wurde. Ab 1966 tanzten Aluminiumkugeln begleitet von Lichteffekten auf der Fassade. Der damalige Inhaber des Herrenbekleidungshauses Theo Wormland beauftragte den Architekten Peter Neufert mit der Neugestaltung seines Geschäftes. Bauherr und Architekt verband ihre Kunstsinnigkeit: Hochkultur und Kaufkultur als symbiotisches Miteinander.

Von solchem Verständnis kann heute keine Rede mehr sein. Seit Jahren leuchtet und bewegt sich nichts mehr. Für den aktuellen Eigentümer scheinen die Leichtmetallkugeln lästig zu sein. Die fensterlose Fassade macht eine profitable Nutzung als Bürofläche unmöglich. Dem Denkmalschutz wird wieder die Rolle als Verhinderer aufgezwungen. Unterdessen zerfällt der ungenutzte Bau hinter der schillernden Haut – es zeichnet sich gar der mögliche Abriss ab. Doch die einzigartige Fassadenschöpfung hat tatkräftige Unterstützer. Die Galeristin Martina Kaiser zeigt sich umtriebig und treibt Sponsoren auf, um die Restaurierung und von Pienes Plastik finanzieren zu können. Der Eigner allerdings ließ sich noch nicht für die kühle Fassade erwärmen. (jm, 6.5.20)

Köln, Wormland-Haus (Bild: Raimond Spekking, CC BY-SA 3.0)

Köln? Zoyzoyla!

Karnevalsallergie? Da müssen Sie jetzt durch! Denn sonst verpassen Sie eine wirklich formidable Ausstellung: „Concrete:Imagination – Die Ästhetik des Brutalismus“ in der Kölner Universitäts- und Stadtbibliothek (Universitätsstraße 33, Köln). Heute war Vernissage, so konnten wir uns von der Qualität der Fotografien persönlich überzeugen. Es sprachen Dr. Hubertus Neuhausen (Leiter der Universitäts- und Stadtbibliothek), der Künstler Gregor Zoyzoyla höchstselbst, der Architekturhistoriker Felix Torkar und Tobis Flessenkemper vom Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz. Das Spektrum der Voten reichte von „da liegt schon mal ein Betonbrocken auf dem Schreibtisch eines Kollegen“ bis hin zu „das Gebäude ist so beliebt, dass Sperren eingerichtet werden mussten“.

„Concrete:Imagination“ (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Genau der richtige Ort

Damit ist die Ausstellung genau am richtigen Ort: Hier entstand 1966 nach Entwürfen des Stuttgarter Architekten Rolf Gutbrod ein ehrgeiziges Gesamtkonzept – mit Benutzungsbereich, einem Verwaltungstrakt und wabenverkleidetem Magazinkubus. Ein Stil, der damals und heute wieder unter dem Begriff Brutalismus bekannt ist. Auf den Spuren der betonplastischen Baukunst reiste der Frankfurter Fotograf Gregor Zoyzoyla nach Belgrad, London, Marseille oder Köln. Seine Instagram-Spezialität: Grau vor Postkartenblau. Doch die Spanne der in Köln gezeigten Fotografien ist sehr viel beiter – bis hin zu reich bestückten Vitrinen.

„Concrete:Imagination“ (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Weit rumgekommen

Nicht umsonst war Gregor Zoyzoyla mal ein Geheimtipp – inzwischen ist er angekommen und nicht nur im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt in der aktuellen „Böhm100“-Präsentation prominent zu sehen. Schon als Schüler hatte er sich geärgert, wenn ein Lehrer Betongrau als langweilig bezeichnete. Mit dem Rheinischen Verein setzt er sich daher für den Erhalt dieser Stilepoche ein – er organisierte zum Beispiel mit dem Kunst-Leistungskurs des Europagymnasiums Wörth eine Fotografie-Tour zum Thema. Eine Initiative, die zur Unterschutzstellung des Schulgebäude beigetragen hat. Auch unjecke Besucher sind noch bis zum 30. April willkommen in der Kölner Ausstellung. (kb, 7.2.20)

Titelmotiv: Köln, Universitäts- und Stadtbibliothek (Bild: Gregor Zoyzoyla, Vernissagefotos: Karin Berkemann)