Köln? Zoyzoyla!

Karnevalsallergie? Da müssen Sie jetzt durch! Denn sonst verpassen Sie eine wirklich formidable Ausstellung: „Concrete:Imagination – Die Ästhetik des Brutalismus“ in der Kölner Universitäts- und Stadtbibliothek (Universitätsstraße 33, Köln). Heute war Vernissage, so konnten wir uns von der Qualität der Fotografien persönlich überzeugen. Es sprachen Dr. Hubertus Neuhausen (Leiter der Universitäts- und Stadtbibliothek), der Künstler Gregor Zoyzoyla höchstselbst, der Architekturhistoriker Felix Torkar und Tobis Flessenkemper vom Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz. Das Spektrum der Voten reichte von „da liegt schon mal ein Betonbrocken auf dem Schreibtisch eines Kollegen“ bis hin zu „das Gebäude ist so beliebt, dass Sperren eingerichtet werden mussten“.

„Concrete:Imagination“ (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Genau der richtige Ort

Damit ist die Ausstellung genau am richtigen Ort: Hier entstand 1966 nach Entwürfen des Stuttgarter Architekten Rolf Gutbrod ein ehrgeiziges Gesamtkonzept – mit Benutzungsbereich, einem Verwaltungstrakt und wabenverkleidetem Magazinkubus. Ein Stil, der damals und heute wieder unter dem Begriff Brutalismus bekannt ist. Auf den Spuren der betonplastischen Baukunst reiste der Frankfurter Fotograf Gregor Zoyzoyla nach Belgrad, London, Marseille oder Köln. Seine Instagram-Spezialität: Grau vor Postkartenblau. Doch die Spanne der in Köln gezeigten Fotografien ist sehr viel beiter – bis hin zu reich bestückten Vitrinen.

„Concrete:Imagination“ (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Weit rumgekommen

Nicht umsonst war Gregor Zoyzoyla mal ein Geheimtipp – inzwischen ist er angekommen und nicht nur im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt in der aktuellen „Böhm100“-Präsentation prominent zu sehen. Schon als Schüler hatte er sich geärgert, wenn ein Lehrer Betongrau als langweilig bezeichnete. Mit dem Rheinischen Verein setzt er sich daher für den Erhalt dieser Stilepoche ein – er organisierte zum Beispiel mit dem Kunst-Leistungskurs des Europagymnasiums Wörth eine Fotografie-Tour zum Thema. Eine Initiative, die zur Unterschutzstellung des Schulgebäude beigetragen hat. Auch unjecke Besucher sind noch bis zum 30. April willkommen in der Kölner Ausstellung. (kb, 7.2.20)

Titelmotiv: Köln, Universitäts- und Stadtbibliothek (Bild: Gregor Zoyzoyla, Vernissagefotos: Karin Berkemann)

O. M. Ungers programmatische Projekte

Unterm Titel „Programmatische Projekte“ gibt es vom 2. bis zum 27. September eine Ausstellung zu Planungen des Architekten Oswald Mathias Ungers (1926-2007), zu sehen im Ungers Archiv für Architekturwissenschaft. Thematisiert werden Wettbewerbsprojekte des Kölners: das Studentenwohnheim Enschede (1964), die Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl Rom (1965) und das Museum Preußischer Kulturbesitz Berlin (1965). Es sind (O-Ton Veranstalter!) „Projekte, die auf präzise und bewusste Art und Weise das konzeptuelle Wesen der architektonischen Form untersuchen, das Wesen der Form als Veranschaulichung einer Idee. Paradigmatisch werden dabei morphologische Grundkonzepte herausgearbeitet und weiterentwickelt, Themen wie Transformation oder Assemblage. Entgegen den Prinzipien des reduktiven Funktionalismus jener Jahre unterstreichen sie mit ihrer Bezugnahme auf Ort und Geschichte und mit ihrer rationalen Poesie die Autonomie der Architektur und die Bedeutung der Form. Sie kündigen damit einige wesentliche Fragestellungen der Architekturdebatte der folgenden Jahre an: Fragestellungen, die beispielsweise die Schlüsseltexte von Robert Venturi und Aldo Rossi aus dem Jahr 1966 charakterisieren“.

Die Ausstellung wurde von Stefan Vieths konzipiert. Sie ist nach der Schau „Erste Häuser“ die zweite von drei geplanten Ausstellungen, die sich dem architektonischen Werk von O. M. Ungers widmet. Die Ausstellung entstand in einer Kooperation des UAA Ungers Archiv für Architekturwissenschaft Köln, des Politecnico di Milano und des Architekturmuseums der TU Berlin. (db, 31.8.19)

O. M. Ungers, Entwurf 1964 (Bild: Ungers Archiv für Architekturwissenschaft)

Denkmalcornern

Die Stadt gehört allen, nur nicht immer: In meinem sich gentrifizierenden Heimatquartier lösen das die Bewohner rund um den lokalen Minisupermarkt im Schichtdienst. Auf die frühmorgendlichen Schulklassen (Schokokuss mit Brötchen) folgen die Fachkräfte des örtlichen Abrisstrupps (Wodka und Milch). Mittags kommen die Logistiker der nahen DB-Zentrale (einmal quer durch die Salattheke), nachmittags die Muttigruppen („Nein, jetzt nichts Süßes!“), deren angeheirateter Beruf nicht ganz für Berlin-Mitte gereicht hat. Neu ist die Abendschicht: Mittelalthipster, die mit Mehrwegbrause in der angrenzenden Grünanlage cornern gehen – mal wild, mal „antikapitalistisch“ mit weltanschaulichem Überbau.

Auch die Denkmalpflege hat die Zeichen der Zeit erkannt. Freie Stadtteilinitiativen besetzen immer öfter den öffentlichen Raum. Was letztes Jahr am Kölner Ebertplatz schon zum Erfolg führte (der Brunnen sprudelt wieder), versammelt in diesen Wochen auch in Hamburg die Denkmalretter. Auf der abrissbedrohten Cremon-Brücke wird gecornert, nicht nur der Alliteration wegen. Musik und andere niederschwellige Freizeitangebote helfen dabei, die Zielgruppe bei Laune zu halten. Hier tut Denkmalschutz mal das, was er am besten kann: Er verbessert den Lebensraum und damit die Stimmung.

Alt-Engagierte mögen sich verwundert die Augen reiben. Hatten wir alles schon mal, nach 1975, in den geistbewegten Zeiten der Denkmalpflege. So manche gesellschaftspolitisch brisante Aktion ließ sich mit Fanta und Butterkeks freundlicher gestalten. Zwar lag das stilistische Beuteschema damals mehr in Richtung Historismus, doch die Zeiten sind heute gar nicht mal so anders. Die institutionelle Denkmalpflege stößt an personelle, finanzielle und ideelle Grenzen, während die Innenstädte baulich von hinten aufgerollt werden. Da kann es nicht schaden, wenn jetzt die Modernisten ihre Ziele auf Straßen und Plätzen austragen – äußerst gechillt bei Yoga und Matemischgetränk. (11.8.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Hamburg, „Cornern auf Crémant“ (Bild: Denkmalverein Hamburg e. V., Kristina Sassenscheidt)