FACHBEITRAG: Früher war mehr bunt

von Uta Winterhager (16/1)

… zumindest haben meine Kinderaugen das so gesehen. Vielleicht schaue ich mir die beiden bunten Hochhäuser in Köln deshalb so gerne an, weil sie von früher erzählen. Von großen Ideen und einfachen Mitteln – das haben das Herkuleshochhaus und das Funkhaus der Deutschen Welle gemeinsam. Und noch etwas teilen sie: das traurige Schicksal der Ungemochten und Unverstandenen. Dabei bieten die farbigen Fassaden mindestens zwei Gründe, sie zu mögen. Sie entschuldigen sich mit großer Geste dafür, dass sie den Blick verstellen und einen riesigen Schatten werfen. Und sie machen der Stadt ein großes Geschenk: konkrete Kunst auf über 50.000 Quadratmetern, öffentlich und weithin sichtbar und das seit vielen Jahrzehnten.

Der Geist der Stadt ist nicht grau

Über allen Gipfeln … ist Farbe! Das Herkules-Hochhaus kann alles außer Grau (Bild: Uta Winterhagher)

Jeder kennt das “Papageienhochhaus”, das dort so plötzlich und so unerwartet bunt steht, jeder fährt ständig daran vorbei aber niemals hin. Und jeder möchte dazu eine Geschichte erzählen, etwas Skurriles, etwas Unheimliches, Trauriges oder Fieses. Als Peter Neufert (1925-99), Sohn von Ernst Neufert, Ende der 1960er Jahre von der Dr. Rüger Immobilien Holding mit dem Entwurf eines Super-Wohnhauses beauftragt wurde, gab es in Köln zwar Beispiele der noch jungen Typologie des Wohnhochhauses. Doch sein 31-geschossiger Turm sollte sie um mehr als 30 Meter überragen und erstmals die 100-Meter-Marke überschreiten.

Obschon das städtebauliche Konzept vorsah, die Höhe von Neubauten im Stadtkern zu beschränken, waren Hochhäuser als Landmarken an den Ausfallstraßen ausdrücklich gewünscht. Die Stadt, die schnell und viel Wohnraum benötigte, genehmigte das Experiment mit der Vertikalen am nördlichen Autobahnzubringer. Einen Sicherheitsabstand zur Innenstadt gewährten der inzwischen zum Mediapark gewandelte Güterbahnhof Gereon und der Herkulesberg.

Provokativ perforiert

Eigentlich ist die Graeffstraße in Neuehrenfeld keine schlechte Ecke, innenstadtnah und direkt am Grüngürtel in einer bürgerlichen Nachbarschaft, doch die auf zwei Ebenen geführte Kreuzung von Autobahnzubringer und der Ringstraße bildet eine ungute Insellage aus. Neufert war dazu angehalten, wirtschaftlich und mit hoher Ausnutzung der Fläche zu planen und präsentierte einen hocheffizienten Komplex aus einem Wohnhochhaus, einem 14-geschossigen Büro- und Wohngebäude sowie einem Parkdeck. Das war groß, fast sogar schon im städtischen Maßstab gedacht. Dass hier etwas Neues entstanden war, zeigte das Herkuleshochhaus nicht nur durch demonstratives Desinteresse an seiner Nachbarschaft, sondern mit Höhe, Farbigkeit und einer systemimmanenten Ordnung.

Das Raster der Konstruktion überlagerte Neufert mit einer Vorhangfassade aus emaillierten Metallpaneelen, die das Gebäude von der ersten bis zur 31-Etage wie eine Haut vollkommen plan überzieht. So wurde das Haus zu einem abstrakten Körper, die Fassade zum Träger einer konkreten, dreidimensional gedachten Komposition oranger, roter und hellvioletter Quadrate auf blauem Grund. Farben, die er häufig verwendete, sofern man ihn ließ. Über die farbige Bildebene legte Neufert ein davon scheinbar unabhängiges Netz aus Fensteröffnungen, die dort liegen, wo die Wohnungsgrundrisse sie bedingen. Fast provokativ perforieren geöffnete Fensterflügel die perfekte Haut. Dennoch gibt es hier nur ein Raster, eine Ordnung aus halben und ganzen Quadraten, das die Fassade bestimmt. Dass es darin einen Rapport gibt, der sich nach 10 Etagen wiederholt, entzieht sich der Wahrnehmung.

Kölns bunter Geist

Die Nachbarn ständig im Blick, ohne sich für sie zu interessieren: Der Neufert-Bau überragt seine Umgebung um Längen (Bild: Uta Winterhager)

Zur Diskussion dieses Fassadenentwurfs hatte Neufert den von ihm sehr geschätzten Josef Albers in Amerika besucht. Die überraschende Empfehlung des Künstlers, das Bild zu verwerfen und die Fassade weiß zu machen, ignorierte er trotzig. Ihm war die Monotonie der deutschen Großstädte zuwider und er sparte nicht mit Kritik an denen, die ihn zwingen wollten, seine Haltung als Baukünstler aufzugeben: „Wo bleibt der Ausdruck des Geistes dieser Stadt, der in jedem seiner Bürger lebt? Diese Kölschen Bürger, die so heiter sind, voll des Sinnes für das Leben und den Fortschritt? Was wird aus ihr, wenn man jede Transponierung dieses Geistes in die wirklichkeitsnahe Architektur unterbindet? Was wird die Generation unserer Kindheit zu unseren Bauten sagen? Wie werden diese Kinder über die Farblosigkeit und die Mittelmäßigkeit dieser Bauten urteilen und wen werden sie zur Rechenschaft ziehen?“ klagte er 1966 auf dem Richtfest der Kölner Saarbachbauten.

Wenige Jahre später bildete die Fassade des Herkuleshochhauses den Geist der Stadt auf wunderbare Weise ab. Und dennoch funktioniert dieses Haus als Wohnhaus nicht gut. Für viele ist die Anonymität verlockend, während sie andere ängstigt oder deprimiert. Dabei hatte Neufert mit unterschiedlichen Wohnungstypen Vielfalt eingeplant, Begegnung in Lobby, Schwimmbad, Sauna, Partyraum und Waschküche arrangiert und Sicherheit mit einer rund um die Uhr besetzten Pförtnerloge vorgesehen, aber der Geist der Stadt ist in dieser Architektur nie zuhause gewesen. Und wenn sich viele im Vorbeifahren einfach nur daran stören, dass dieses Haus anders ist, als alle anderen …

In Farbe für alle

Der Abriss steht fest: das 1980 bezogene und 2003 geräumte Doppelhochhaus der Deutschen Welle (Bild: Riadismat, CC BY SA 3.0)

Während beim Herkuleshochhaus noch über Wanzenbefall, Selbstmorde, Messerstechereien und auch über Denkmalschutz und diskutiert wird, ist es für die bunten Hochhausgeschwister der Deutschen Welle bereits zu spät. In Anwesenheit des Bundespräsidenten Gustav Heinemann wurde 1974 am Raderberggürtel der Grundstein für die gemeinsame Funkhausanlage von Deutscher Welle und Deutschlandfunk gelegt, Landmarken für die südliche Stadteinfahrt.

Gerhard Weber und Partner setzten auf die Wirkung der Konstruktion und entwarfen für den Deutschlandfunk ein Hochhaus, dessen 15 Etagen mit einem freiliegenden Tragwerk von einem Stahlbetonkern abgehängt wurden, während die Planungsgruppe Stieldorf das Hochhausdoppel für die Deutsche Welle mit farbigen Fassadenelementen in Szene setzte. Die Türme der Sender bildeten ein eigenwilliges und wie gewünscht stadtbildprägendes Ensemble und setzten Zeichen für die Bedeutung, die Fernsehen und Rundfunk damals gerade zukam.

Nicht sehen, gesehen werden

Das schlanke Doppelhochhaus der Deutschen Welle steht auf einem ausgedehnten Unterbau mit Tiefgarage, Technikzentrale und Gemeinschaftseinrichtungen. Der 22-geschossige Studioturm und der 37-geschossige Büroturm wurden als Stahlskelettbauten um einen Betonkern gebaut. Zwischen ihnen steht statisch unabhängig ein Aufzugsturm, dessen oberste Geschosse mit einer Plattform für Parabolspiegel über den Büroturm hinausragen. So ist das Funkhaus mit 137,66 Metern das dritthöchste Hochhaus von Köln. Es ist jedoch nicht die Höhe, die es auszeichnet, sondern auch hier wieder die farbige Gestaltung der Fassaden. Zwischen außenliegenden Stürzen sitzen Fassadenelemente in einer warmen von Rot über Orange und Gelb zu Ocker abgestuften Farbpalette für den Studioturm und einer kalten, von Blau, über Petrol zu Grün- und Gelbtönen führenden für den Büroturm.

Wo so viel Farbe ist, bleibt allerdings nur wenig Fläche für Fenster – vielleicht egal, denn man wollte gesehen werden, nicht sehen. Anfang der 1970er Jahre war die Welt in den Medien noch überwiegend Schwarzweiß, so hätte sich der Sender kaum ein großartigeres Bild wünschen können, als diese Farbexplosion: ein Testbild für die Fernsehzukunft als Leuchtturm mitten in der Stadt. “Alles so schön bunt hier!” habe ich gerade Nina Hagen im Ohr. Während Peter Neufert beim Herkuleshaus Farbe als gesellschaftspolitisches Statement einsetzte und zu seinem persönlichen Markenzeichen machte, ist sie im monochromen und schwarzweißen Werk der Planungsgruppe Stieldorf eine in dieser Fülle einmalige, allein aus der Bauaufgabe generierte Erscheinung.

Von außen betrachtet

Bis 2003 arbeiteten die 1.400 Mitarbeiter der Deutschen Welle hier mit einem einzigartigen Blick über Köln, dann ging der Sender in die Horizontale und bezog den weißen Schürmannbau in Bonn. Seitdem steht das Doppelhochaus leer, wurde verkauft und wird 2017 abgerissen, um Platz für ein Wohnquartier zu machen. Es ist eine sperrige, schwierige Immobilie, über eine Umnutzung wurde aber trotz ihrer unbestrittenen Zeichenhaftigkeit kaum nachgedacht. Vergessen waren all die guten Vorsätze und Ideen, die in Workshops und Symposien diskutiert und durchgespielt wurden – von einer praktizierten Umbaukultur sind wir also doch noch weit entfernt.

Tritt ein, Fremder … Der Geist der späten 1970er blieb bis zuletzt erhalten (Bild: Clees Group)

“Die Welle”, wie das Projekt inzwischen heißt, wird eine technische Herausforderung. Weltweit ist nie ein höheres Hochhaus gesprengt worden und niemals zuvor gleich zwei, die unmittelbar neben einem dritten stehen, das keinen Schaden nehmen darf. Und es ist eine wirtschaftliche: Zwei Jahre wird es dauern, bis sämtlicher Spritzasbest von den Stahlträgern entfernt und entsorgt ist, das Gebäudeensemble gesprengt und die Trümmer geräumt sind. Viel Zeit, die viel kostet, bevor überhaupt gebaut werden kann. Und was danach kommt, wird wohl keine Architekturgeschichte schreiben.

Ich möchte weder im Herkuleshochhaus wohnen noch im Funkhaus arbeiten. Ich möchte sie von außen betrachten und mich daran freuen, wie hier Flächen bespielt wurden. Und mich an eine Zeit erinnern, in der Farbe genügte, um etwas zu sagen. Eine Ära fern aller entstellenden Dämmstoffe – bevor den Fassaden all das beigebracht wurde, was sie heute können müssen.

Rundgang

Literatur

Ghise-Beer, Anka, “Das Werk des Architekten Peter Neufert”, Dissertation, Bergische Universität/Gesamthochschule Wuppertal, 2000.

Titelmotiv: Fassade, Tapete oder Tischunterlage? Mit Farbe ließen sich manche Ähnlichkeiten erreichen. Fassadenentwurf Herkuleshochaus, 1972 (Bild: Uta Winterhager)

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von Turit Fröbe (16/1)

Originelle, gut gemachte Bausünden, die von Ambitioniertheit, Mut und Fantasie zeugen, sind leider viel seltener, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die große Mehrheit der Bausünden ist austauschbar, langweilig und macht aus unseren Städten Einheitsbrei. Diese “schlechten Bausünden” werden in der Regel übersehen, weil sie als einzelnes Objekt kaum Anstoß erregen. Sie sind unsichtbar und gefährlich.

SIEGEN: Liebevoll durchgestaltet wurde dieser Restaurant-Annex in Siegen an einer steil abschüssigen Straße. Auf Fußgängerniveau erscheint das Objekt als nahezu geschlossener Monolith – in den oberen Etagen öffnet es sich mit unregelmäßig angeordneten Plattformen und einem auskragenden Erker. Das System der Außenlaternen wird zum Ornament der Komposition (Bild: Turit Fröbe)

Meist entzündet sich der Volkszorn an gut gemachten Bausünden. Sie sind sichtbar und gefährdet! Diese jedoch vor der Abrissbirne zu schützen lohnt sich, da diese Sünden durchaus Potential für ihre Städte besitzen. Infolge ihrer Expressivität haben sie eine starke Bildqualität, die für Wiedererkennbarkeit und Orientierung sorgt, was, angesichts der kontinuierlich zunehmenden schlechten Bausünden, immer wichtiger wird.

Bei genauerer Betrachtung entfalten diese geschmähten Objekte außerdem eine überraschende ureigene Schönheit und einen ganz eigenwilligen Charme. Dabei zeigt sich, dass Bausünde nicht gleich Bausünde ist, sondern dass die Objekte ganz unterschiedliche Qualitäten und Entstehungsgeschichten aufweisen. So manche Bausünde ist einfach nur aus der Mode gekommen und erfreute sich in der Erbauungszeit möglicherweise sogar einmal gewisser Beliebtheit. Andere waren von vornherein vielleicht etwas verunglückt aber gut gemeint; ein sehr großer Anteil von gut gemachten Bausünden wurde erst nachträglich in den Stand der Bausünde erhoben durch Anbau, Umbau, Überformung, Dekoration oder sonst was. Die Spielarten sind so individuell wie die Bausünden selbst.

Kleine Parade der Bausünden (Bilder: Turit Fröbe)

ARNSBERG: Das Beispiel zeigt, wie sich einer aus der Mode gekommene Gründerzeitfassaden elegant ein modernes Antlitz geben lässt. Man hake sie rechts und links beherzt unter und gebe ihr eine neue Frisur, überforme ganz oder zumindest zum Teil die Erdgeschosszone …

PADERBORN: Dieses verspiegelte 70er-Jahre-Ufo in Paderborn reagiert nicht nur auf den urbanen Kontext, sondern nimmt ihn förmlich in die eigene Komposition auf.

HANNOVER: Die Bauaufgabe, die den Architekten in der Nachkriegszeit die größten gestalterischen Freiräume offerierte, war zweifellos das Parkhaus.

BIELEFELD: Der Fantasie der Parkhausplaner waren kaum Grenzen gesetzt. Zumindest in westdeutschen Städten sind sie ein relativ zuverlässiger Garant für gut gemachte, ausdrucksstarke Bausünden.

LÜNEBURG: Feine Fahrzeugbunker finden sich auch in Städten mit ansonsten intakter historischer Innenstadtbebauung. So in Lüneburg, wo ein Parkhaus an eines der Wahrzeichen der Stadt geklebt wurde. Klar, so ein Wasserturm wirkt aus der Ferne und wird nicht unbedingt im Stadtraum aufgesucht.

POTSDAM: Im Vergleich zum Potsdamer Wasserturm, um den der Hauptbahnhof herumgewuchert ist, hat der Lüneburger Turm jedoch viel Raum, um zu atmen.

MANNHEIM: Auch die Postmoderne war eine Hochphase guter Bausünden. Das Mannheimer Stadthaus widerlegt, dass diese Architekturen entweder postmodern oder hightech sein mussten – aber nicht beides. Hier kreuzte man den griechischen Tempel mit Barockschloss und Centre Pompidou.

BRAUNSCHWEIG: Wie fließend die Grenze zwischen guter Architektur und guter Bausünde ist, zeigt Gottfried Böhm, der zu Recht jahrzehntelang Deutschlands einziger Pritzker-Preisträger war. Seine Architekturen sind fantasievoll, expressiv und daher sehr anfällig für das Prädikat “Bausünde”. Aus seiner Feder stammt die wohl schönste Karstadt-Filiale.

MANNHEIM: Auch der Bibliotheksbau in Mannheim mit den überraschenden monumentalen Sandstein-Kugeln in den Schaufenstern, der sich jeglicher Einordnung entzieht, ist ein Werk Gottfried Böhms. Er hat sich niemals selbst zitiert, sondern für jeden Standort eine ganz eigene Eigenwilligkeit erfunden!

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“Abhängig von Bildern”

Interview mit dem Architekten Peter Busmann über die Macht der Metaphern (19/3)

Die bekanntesten Werke des Architekten Peter Busmann – das Museum Ludwig und die Philharmonie – stehen in Köln. Heute wohnt der 85-Jährige beschaulich auf halbem Wege nach Bonn, mit malerischem Blick auf den Rhein. Immer noch ist er so streitbar, wie man es ihm oft nachgesagt hat. Vor Kurzem erst hat er sich für den Erhalt des von ihm gestalteten Rathauses in Siegburg stark gemacht. Erfolgreich, der Bau wird nach einem Bürgerentscheid nun saniert. Welche Zuschreibungen seine Entwürfe ausgelöst haben und wie er heute über solche Sprachbilder denkt, erläutert er im Gespräch mit moderneREGIONAL:

moderneREGIONAL: Herr Busmann, die von Ihnen entworfene Gesamtschule Bonn-Beuel wird von rotlackierten Metallverkleidungen geprägt. Das hat ihr den Namen “Ketchup-Schule” eingebracht.

Peter Busmann: Die Schüler haben diese Bezeichnung damals gefunden. Meine eigenen Enkel kennen die Schule auch unter diesem Namen. Das finde ich okay. Rot ist eine aufreizende Farbe. Aber Erich Schneider-Wessling, mit dem ich das Büro BAUTURM gegründet habe, sagte immer: “Rot ist für mich neutral, nicht etwa Grau.” Rot wie das Blut, das ist eine Farbe des Lebens. Naja, sie brauchen sich ja nur hier umzusehen … (zeigt auf das rotlackierte Bücherregal im Hintergrund)

mR: Das Rot hatten Sie nicht als Provokation eingesetzt?

PB: So etwas fiel uns eigentlich immer ganz selbstverständlich ein, ohne irgendwelche Absichten. Es ist dann natürlich ein wenig unser Markenzeichen geworden – nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Büro-Kollegen. Wir nannten das immer das “Bauturm-Rot”.

mR: Auch Ihr Kölner Museum Ludwig (geplant gemeinsam mit Godfried Haberer) hat damals polarisiert – dieses Mal wegen der gezackten Sheddächer …

PB: … da fällt mir sofort das herrliche Titelblatt des Zeichners Peter Gaymann ein: Vor dem Bauwerk fotografiert ein Hahn den anderen. Der eine: “Interessante Dachgestaltung”. Darauf der andere: “Aber irgendwie geklaut!” Der Hahnenkamm als Anspielung auf das Museum Ludwig. Da war mir klar: Jetzt sind wir mit dem Bau in Köln angekommen.

mR: Manche sprachen auch von “Güterwaggons beim Gruppensex”. Wer hat dieses Bonmot in die Welt gesetzt?

PB: Der damalige Vorstandvorsitzende von Ford. Da habe ich schon ein bisschen geschluckt. Aber gut, das muss man akzeptieren. Wie Goethe bereits sagte: “Jedes Urteil eines Menschen über einen anderen ist auch ein Urteil über ihn selbst.” (lacht) Die Bevölkerung hat das übrigens nicht aufgegriffen, ein Spitzname ist daraus nicht entstanden.

mR: Haben Sie mit anderen Bauten ähnliche Erfahrungen gemacht?

PB: Ja, bei der Kölner Musikhochschule. Hier herrscht wieder Rot vor. Aber im Inneren findet sich die Komplementärfarbe Grün – bei der Mensa und in den dortigen Sitzgruppen. Dafür sorgte damals auch der Künstler, der mit uns gearbeitet hat: Barna von Sartory. Er liebte dieses Grasgrün und hat das auch viel bei seinen Skulpturen verwendet. Ich weiß von Musikstudenten, die sagten: “Wir treffen uns ‘in der Grünanlage’.” (überlegt) Als Vorsitzender bei Wettbewerben habe ich oft richtig autoritär verboten, Metaphern zu verwenden. Sonst setzt sich irgendein Eindruck zu einem Entwurf fest, ob negativ oder positiv. Das muss doch ganz offen bleiben. Man ist sonst so abhängig von diesen Bildern.

mR: Der Journalist Stefan Rethfeld schreibt im Leitartikel zu diesem Heft, ein guter Gebäude-Spitzname müsse “taxitauglich” sein.

PB: Sicher ist da immer etwas Volkstümliches. Beim Berliner Kanzleramt kann man ja durchaus an eine Waschmaschine denken. Oder “Zirkus Karajani” für die Berliner Philharmonie – das ist die Berliner Schnauze. Wenn Taxifahrer oder wer auch immer so etwas kreieren, dann macht sich das breit. Es wäre doch abartig, wenn man dagegen anrennen würde. Das muss man einfach so stehen lassen.

mR: Rückblickend wirkt die Architektur der 1970er Jahren eher wie eine reine Expertenkultur. Stimmt dieser Eindruck?

PB: Kurz nach der Einweihung mussten wir Architekten uns zu Gebäuden wie dem Museum Ludwig immer einiges anhören. In Köln gab es einen bekannten Architekturkritiker, dem irgendjemand sagte: “Aber schauen Sie, das wird doch akzeptiert von der Bevölkerung, die sind da gerne.” Darauf antwortete er: “Sprechen Sie etwa von der Abstimmung mit den Füßen?” Das war diese Haltung: Was alle toll finden, kann nicht gut sein. Dazu habe ich mich öffentlich oft unheimlich bissig geäußert. Die sogenannten Experten muss man schon kritisch sehen, vor allem in der Verkehrsplanung. Ein Satz wurde immer wiederholt: “Nicht machbar!”

mR: Gibt es einen Gebäude-Spitznamen, den Sie besonders mögen?

PB: Auf Anhieb fällt mir nur ein Zitat von Karl Kraus ein: “Schlagfertig bin ich immer zehn Minuten später.” (lacht) Dass Gebäude personifiziert werden, scheint mir besonders interessant. In Hamburg, wo ich herkomme, heißt die Michaeliskirche kurz “Michel”.

Das Gespräch führte Alexander Kleinschrodt.

Peter Busmann, geboren 1933, hat unter anderem bei Egon Eiermann Architektur studiert. Sein Denken und Entwerfen sei außerdem, wie er heute sagt, stark von dem Tischler, Pädagogen und Architekturkritiker Hugo Kükelhaus geprägt worden. Früh hat Busmann sich selbstständig gemacht, schloss sich dann aber ab den 1970er Jahren mit anderen Architekten zusammen: Er gehörte zu BAUTURM, in deren ehemaligem Kölner Haus bis heute das “Theater im Bauturm” seinen Platz hat. Später entstand das Büro Busmann & Haberer, heute als BHBVT in Berlin tätig.

Titelmotiv: Peter Busmann bei der Dani-Karavan-Vernissage in Köln (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 3.0, via wikimedia commons, 2011)

Bildmotiv: Köln, Musikhochschule (Bild: Uta Winterhager, koelnarchtitektur.de)

Dieser Beitrag wir zeitgleich veröffentlicht auf koelnarchitektur.de.

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Sommer 19: Nicknames

Echo vom Bürgersteig

Echo vom Bürgersteig

LEITARTIKEL: Stefan Rethfeld über Architektur-Spitznamen.

So ein Theater

So ein Theater

FACHBEITRAG: Alexander Kleinschrodt nennt Bauten nach anderen Bauten.

Gib mir Tiernamen!

Gib mir Tiernamen!

FACHBEITRAG: Anke von Heyl über faunistische Artenvielfalt.

Im Gotteskäfig

Im Gotteskäfig

FACHBEITRAG: Karin Berkemann über Sakralsynonyme.

St. Horten

St. Horten

PORTRÄT: Heinrich Otten über eine “Kaufhaus-Kirche” in Ahaus.

"Abhängig von Bildern"

“Abhängig von Bildern”

INTERVIEW: Der Architekt Peter Busmann über Metaphern.

Nickname-Bilderrätsel

Nickname-Bilderrätsel

FOTOSTRECKE: Welcher Bau passt zu welchem Spitznamen-Bild?