Trotz Verkauf: Die Theresienkapelle soll weg

Der Streit schwelt schon einige Jahre: In Mannheim soll das Theresienkrankenhaus erweitert werden. Dem müssten einige Gebäudeteile weichen, darunter auch die 1929 geweihte Theresienkapelle. 2014 hatte die Stadt Mannheim erklärt, dass die bereits 1998 erteilte Abrissgenehmigung weiter gelte, die Kapelle also nicht an ihrem angestammten Ort bleiben könne. Dabei kämpften zu diesem Zeitpunkt gleich zwei Bürgerinitiativen um eine Zukunft für den Gottesdienstraum. Einer der Lösungsvorschläge sieht vor, die Kapelle in den Unteren Luisenpark zu verschieben, wo man sie als Kolumbarium nutzen könne.

Doch einer Versetzung der Kapelle steht die Stadt als Eigentümerin des betreffenden Parkgrundstücks skeptisch gegenüber. Man fürchtet Umweltschäden (einige Bäume müssten fallen) ebenso wie Konkurrenz für die bestehenden kommunalen Friedhöfe (bei einer Urnenwand in der translozierten Kapelle). In diesen Tagen nun wurde bekannt, dass das lange von den Vinzentinerinnen betriebene Theresienkrankenhaus zusammen mit der St.-Hedwig-Klinik an die Trier Brüder verkauft werden soll. Damit will man das Haus in christlicher, in diesem Fall katholischer, Führung halten. Dieser Verkauf soll aber, so die ausdrückliche Aussage, nichts ändern an den Erweiterungs- bzw. Neubauplänen – und damit am Abriss der Theresienkapelle. (kb, 15.6.18)

Mannheim, Theresienkapelle (Bild: Andreas Praefcke, CC BY SA 4.0, 2015)

Neue Medizin in alten Mauern?

Neue Medizin in alten Mauern?

Kinderklinik Magdeburg (Bild: Gregor Rom)
Die Kinderklinik Magdeburg ist ein bau- und medizinhistorisches Zeugnis (Bild: Gregor Rom)

Kaum eine Architektur altert so schnell wie die des Krankenhauses. Ist ein Bau heute noch auf dem neuesten Stand der Medizin, kann er ärztlichen Standards oft schon kurze Zeit später nicht mehr genügen. Die Konsequenz sind oft umfassende Umbauten oder auch der Abriss. Obwohl Krankenhäuser aufschlussreiche Quellen der Medizin- und Baugeschichte darstellen, gestaltet sich ihr Erhalt also komplexer als der anderer Baudenkmäler.

Die Konferenz “Neue Medizin in alten Mauern? Krankenhaus und Denkmalpflege” widmet sich diesem Themenkomplex vom 6. bis zum 8. Oktober 2016 und fragt nach spezifischen Strategien der Denkmalpflege. Die Tagung findet in Magdeburg statt, die Tagungsorte können selbst Denkmalwert beanspruchen. Dies sind die 1889 gegründeten Pfeifferschen Stiftungen sowie das Magdeburger Universitätsklinikum. Neben Vorträgen und Diskussionen umfasst die Konferenz auch Rundgänge und Führungen auf den historischen Arealen. Anmeldungen werden bis 31. Juli unter info@dgkg.de entgegengenommen. Die Tagungsgebühr beträgt 95 Euro und enthält alle Führungen, Begrüßungsempfang, Abendessen und Bewirtungen. (jr, 16.7.16)

LEITARTIKEL: Bauen und Pflegen für das Wohlbefinden

von Jürgen Tietz (22/2)

„Bleiben Sie gesund!“ Mit diesem herzlichen Wunsch endeten während der Corona-Pandemie zahlreiche Gespräche, egal ob sie vor Ort geführt wurden oder digital. Die Pandemie hat der gesamten Gesellschaft verdeutlicht, was all jene schon vor Ausbruch der SARS-CoV-2 Pandemie leidvoll erfahren hatten, die an einer schweren Krankheit leiden: Gesundheit ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist kostbar und ein verletzliches Gut. Doch seit Anfang 2020 lagen Krankheit und Tod für alle im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft. Mit den Aerosolen, die wir einatmen, nahmen wir zugleich jene Coronaviren auf, die bisher allein in Deutschland über 100.000 Menschen das Leben gekostet haben.

Zürich, Universitätsspital, Rämitrakt

Zürich, Universitätsspital, Rämitrakt (Bild: Roland zh, CC BY SA 3.0, 2011)

Weil Stadtluft krank machte

Mit der Pandemie rückte zugleich die zentrale Rolle in den Blick, die gesundheitliche Überlegungen für Architektur und Stadtplanung seit der frühen Moderne besitzen. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Für die Verwendung von gesunden Baustoffen ebenso wie für die Art und Weise, wie wir in Stadt und Land bauen und unser räumliches Umfeld gestalten. In Europa betrafen die Maßnahmen zu gesundheitlichen Aspekten neben den Mietskasernen des 19. Jahrhunderts besonders die Altstädte. Sie waren eben keine Postkartenidyllen, wie es die fast schon mythisch anmutende Erzählung der ‘kompakten europäischen Stadt’ nahelegt. Viele Altstädte waren in erster Linie eng und unhygienisch. Nicht umsonst galten sie seit Jahrhunderten als Hort von Krankheiten und Seuche. Stadtluft mochte zwar frei machen, aber eben auch krank. Dagegen bezog die architektonische Moderne des 20. Jahrhunderts kraftvoll Position. Gesunde und hygienische Wohn- und Arbeitsverhältnisse wurden für sie zentraler Antrieb im Kampf gegen Verelendung und Dreck in vielen heruntergekommenen Altstädten und Mietskasernen, in denen Krankheitserreger der Cholera, Tuberkulose und Diphtherie einen idealen Nährboden vorfanden.

Der weite Bogen einer ‘gesunden’ Baukunst reicht von der Reformarchitektur um 1900 über das Neue Bauen der 1920er Jahre bis hin zu den durchgrünten und aufgelockerten Siedlungsstrukturen der Nachkriegsmoderne. Zugleich rückte seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert eine bessere Versorgung der Kranken selbst immer stärker in den Blickwinkel. Beispielhaft dafür stehen die in einer weitläufigen Parklandschaft gruppierten Pavillonkrankenhäuser, wie sie Berlins Stadtbaurat Ludwig Hofmann beim Rudolf-Virchow-Klinikum (1899–1906) in Berlin-Wedding realisierte. Kompakter in der Form waren jene Spitalbauten der 1920er und frühen 1930 Jahren, wie sie der in Berlin und der Schweiz aktive Otto Rudolf Salvisberg verwirklichte. Großzügige Terrassen für die Luftbäder der Kranken inklusive. Vorbildhaft war aber auch der 1942/45 nach Entwurf der Architekten Häfeli, Moser, Steiger, errichtete Rämitrakt des Zürcher Universitätsspitals, der bis heute als „eines der Hauptwerke der modernen Architektur der Schweiz“ gilt.

Braunlage, Sanatorium Dr. Barner (Bild: historsiche Postkarte)

Braunlage, Sanatorium Dr. Barner (Bild: historische Postkarte)

Neue Nervenleiden

In der Zeit um 1900 traten zunehmend neue Krankheitsbilder auf, nervöse Nervenleiden, die mit den Folgen von Industrialisierung, Verstädterung und einer generellen Beschleunigung des Lebens in der Moderne in Zusammenhang gebracht wurden. Der medizinisch begleitete Kuraufenthalt, im Besonderen für die wohlhabende Großstädter und Großstädterinnen, entwickelten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem wichtigen Fluchtpunkt. Ein wenig von dieser Zauberberg-Atmosphäre, die Thomas Mann so unvergleichlich beschrieben hat, lässt sich noch heute in dem großartigen Sanatorium Barner in Braunlage erahnen. Der gelernte Tischler Albin Müller (1871–1941), der sich bald nur noch Albinmüller nannte, wurde dort schnell vom Gast des Sanatoriums, das er 1903 erstmals besuchte, zu dessen Gestalter. Mit seinen Entwürfen verwandelte er das „Rekonvaleszentenheim für die gehobenen Stände“ vor dem Ersten Weltkrieg in ein Gesamtkunstwerk der Gesundheitsarchitektur. In den letzten Jahren ist es David Chipperfield Architects gelungen, dieses herausragende Denkmal der modernen Gesundheitsarchitektur mit liebevoller Behutsamkeit zu restaurieren. Nicht nur die Linoleum-Böden und Lincrusta-Tapeten im schönsten Jugendstildekor vermitteln dort einen Eindruck vom Aufblühen einer keimfreien, hygienischen Moderne. Positiven Einfluss auf die Gesundheit versprach auch die ‘Luftbadehütte’, die Albinmüller in Holz-Fertigbauweise im Garten des Sanatoriums errichtete.

Die Gesundheit in den Blick zu nehmen, bedeutete einerseits, hygienische Materialien zu verwenden, wie sie eben jenes Naturmaterial Linoleum bot, das Keimen, Bakterien oder Viren keinen zusätzlichen Nährboden lieferte. Zum anderen bedeutete es, das Verhältnis zwischen städtischer Architektur und natürlicher Umgebung neu zu ordnen. Statt immer engere und dunklere Innenstädte zu schaffen, ging es nun um Sonne, Licht und Luft in gut durchlüfteten Wohnzeilen, die dafür in Ost-West-Richtung und mit ausreichendem Abstand positioniert wurden. Parallel zur Industrialisierung, Technisierung und Normierung des Bauens wurde das Verhältnis von Mensch und Natur als wichtiger Aspekt für körperliches Wohlbefinden und Gesundheit erkannt. Mit Wirkungen, die bis in die Gegenwart hineinreichen. Während der aktuellen Pandemie offenbarte sich für die Stadtbewohner die hohe Bedeutung, die weitläufigen innerstädtischen Parkanlagen zukommt. Wer in den Zeiten des Lockdowns ohne Garten oder Terrasse auf engstem Raum bei Homeoffice und Homeschooling die Tage zubringen musste, der war froh, wenigstens zeitweilig in die städtischen Grünanlagen ausweichen zu können. So gut besucht waren die Parks vielfach, dass dort die geforderte soziale Distanz, die ja vor allem eine räumliche Distanz meinte, kaum zu wahren war.

Berlin-Charlottenburg, Park Lietzensee (Bild: historische Postkarte, Zenodot-Verlag, PD, via wikimedia)

Berlin-Charlottenburg, Park Lietzensee (Bild: historische Postkarte, 1908, Zenodot-Verlag, PD, via wikimedia commons)

Gesundes Grün

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts besaßen die gerade neu angelegten öffentlichen Grünanlagen und weitläufigen Volksparks eine wichtige Funktion beim Erhalt der Gesundheit wie der Freizeitgestaltung der unterschiedlichen Bevölkerungsschichten.

In Berlin ist die Entstehung der großen Volksparks wie dem Friedrichshain (seit 1846) oder dem Humboldthain (seit 1869) mit den Namen bedeutender Gartenkünstler wie Peter Joseph Lenné oder seinem Schüler Adolf Meyer verbunden. Eine Entwicklung, die sich in der Moderne mit den Arbeiten von Erwin Barth fortsetzte, erster Gartendirektor des Berlin benachbarten Charlottenburg. Zu Barths Werken zählen die malerischen Anlagen des heutigen Mierendorfplatzes (1911/12) sowie des Parks am Lietzensee (1919/20). Erst Ende der 1970er Jahre gerieten diese Parkanlagen ins Blickfeld der sich damals konstituierenden Gartendenkmalpflege. Inzwischen werden sie im stets neu auszulotenden Widerstreit der Nutzungs- und Erhaltungsinteressen durch Parkpflegewerke geschützt.

Berlin-Steglitz, Benjamin-Franklin-Klinikum (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2018)

Berlin-Steglitz, Benjamin-Franklin-Klinikum (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2018)

Eine besondere Bauaufgabe?

Sonderbauaufgaben wie Krankenhäuser, Altenwohnen, Kur- und Freianlagen oder Apotheken beschritten innerhalb der Architekturgeschichte keine Sonderwege. Vielmehr waren sie jeweils Kinder ihrer Zeit, mal besser, mal schlechter, mal aber auch sensationell wie das Klinikum in Aachen, das zu den besonderen High-Tech-Bauten Europas zählt. Wie sehr an Gesundheitsbauten zugleich Zeitgeschichte ablesbar ist, verdeutlicht auch das Klinikum Benjamin-Franklin in Berlin-Steglitz, das heute zum FU-Campus der Charité gehört. 1968 nach Entwurf der beiden Amerikaner Curtis und Davis sowie ihres deutschen Kontaktarchitekten Mocken errichtet, galt es als ein Meilenstein der Krankenhausplanung. Dem Mitteltrakt des Klinikums mit den Behandlungsräumen waren seitlich zwei fünfgeschossigen Bettenhäuser für ursprünglich 1426 Patienten und Patientinnen angegliedert. Wie schwierig sich hier ein denkmalgerechter Umgang darstellt, wird nicht nur an den zauberhaften, aber dringend sanierungsbedürftigen ‘Betonwirbeln’ der vorgesetzten ‘brise soleil’ deutlich. Es zeigt sich auch in den steigenden Anforderungen an die Ausstattung der Zimmer, die sich seit der Erbauung ebenso grundlegend gewandelt haben wie die technische Ausrüstung der Behandlungs- und Operationssäle. Der bemerkenswerte medizinische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte geht mit einer Verbesserung der gesundheitlichen Vorsorge und Behandlung einher, die der gesamten Gesellschaft zugutekommt. Zugleich spiegelt sich in ihm ein tiefgreifender Wandel der Gesundheitsarchitektur. Ihre zumeist weit umfangreicheren funktionalen und technischen Anforderungen, können für die denkmalgerechte Erhaltung und Weiterentwicklung an Gesundheitsbauten der Moderne unter Umständen hohe Hürden darstellen, die nur durch gelegentlich schmerzhafte Kompromisse überwunden werden können.

Titelmotiv: Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

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Inhalt

LEITARTIKEL: Bauen und Pflegen für das Wohlbefinden

LEITARTIKEL: Bauen und Pflegen für das Wohlbefinden

Jürgen Tietz über die große Verheißung der Moderne.

FACHBEITRAG: Opas Heilbad ist tot!

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Oliver Sukrow über Kurorte und ihre Architektur in der Nachkriegsmoderne.

FACHBEITRAG: Das Bundes­­wehr­­kranken­haus in Ulm

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Peter Liptau über ein “zukunftsoffenes Krankenhaus” des Architekten Robert Wischer.

FACHBEITRAG: Brutalismus für Betagte

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Gerhard Kabierske über einen Karlsruher Bau von Reinhard Gieselmann.

PORTRÄT: Bahnhof-Apotheke Lübbecke

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Karin Berkemann über einen der ersten Bauten der Postmoderne in Deutschland.

INTERVIEW: "Nach wie vor verliebt in dieses Klinikum"

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Die Architektin Petra Wörner (wtr) über die Sanierung des Aachener Klinikums.

FOTOSTRECKE: Auf Kur mitten im Krieg

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Peter Raaf besuchte Kuranlagen der 1930er bis 1950er Jahre.

Der Best-of-90s-Beitrag