Es ist kompliziert

Wissenschaftliches Schreiben erklärt, was es tut, bevor es dasselbe tut, und sinniert im Nachgang noch einmal darüber, was es da eben getan hat. Das macht das Lesen solcher Texte zu einer äußerst transparenten, aber gelegentlich etwas langwierigen Angelegenheit. Doch im Fall der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift “Forum Stadt” ist der Kern des Ganzen alle Mühen wert. Denn es geht um nicht weniger als die Frage, warum wir uns mit den Dingen und Lebensweisen der vorangegangenen Generationen auseinandersetzen müssen, um das Schöne und Verstörende, das Herausfordernde und Wertvolle herausfiltern und weitertragen zu können. Dafür haben der Arbeitsbereich Denkmalpflege des Kompetenzzentrums Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien (KDWT) der Uni Bamberg und das Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) die Beiträge der gemeinsamen Tagung „Ort und Prozess“ von 2020 zusammengestellt.

Szumin bei Warschau, Hansen-Haus, 1970, Oskar und Zofia Hansen (Bild: Mariusz Cieszewski, CC BY NC 2.0, via flickr)

Szumin bei Warschau, Hansen-Haus, 1970, Oskar und Zofia Hansen (Bild: Mariusz Cieszewski, CC BY NC 2.0, via flickr)

Kulturerbe entsteht unterwegs

Zu Beginn dieser Ausgabe definieren die beiden Herausgeberinnen – die Oberkonservatorin Dr. des. Judith Sandmeier (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege) und die Kunsthistorikerin Lisa Marie Selitz M. A. (LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen) – die drei Kernbegriffe: Erbe, Ort und Prozess. Das kulturelle Erbe wird demnach zwischen den Generationen weitergegeben, jeweils neu ausgehandelt und gedeutet. Wenn sich solche räumlichen Bezüge an ein konkretes Stück Erde oder Architektur knüpfen, könne man von einem Ort sprechen. Die damit verbundenen Prozesse zwischen den einzelnen Akteur:innen prägen auch den Städtebau. Um diese drei Faktoren gut greifbar zu machen, eignen sich besonders historische Orte, da sich mit ihnen viele identifizieren können und Veränderungen so besonders sichtbar werden.

Szumin bei Warschau, Hansen-Haus, 1970, Oskar und Zofia Hansen (Bild: Mariusz Cieszewski, CC BY NC 2.0, via flickr)

Szumin bei Warschau, Hansen-Haus, 1970, Oskar und Zofia Hansen (Bild: Mariusz Cieszewski, CC BY NC 2.0, via flickr)

Mitmachen als Kunstform

Mit einer ironischen Wendung erschließt Jun.-Prof. Dr.-Ing. Daniela Zupan (Uni Weimar) große städtebauliche Projekte der 1980er und 1990er Jahre in Linz und Wien: Für diese raumgreifenden Neubauten habe man sich je ganz unterschiedlich auf die eigene lokale Baugeschichte bezogen. Einen ganz anderen Blick in die Vergangenheit der Moderne wirft Karolina Hettchen M. Sc./M. A., indem sie die Wiederentdeckung der Architekturen von Oskar und Zofia Hansen im polnischen Lublin umreißt. Das dortige Museum der Wohnsiedlungen übersetzt Hansens Konzept der Offenen Form in eine partizipativ aufgebaute Sammlungsstruktur. Auch der Kulturanthropologe Uwe Baumann M. A. (Uni Freiburg) setzt sich mit einem Mitmachkonzept auseinander: einem hybriden Museum für die Architekturen des Verfalls in der italienischen Emilia-Romagna. Wie solche Bewertungs- und Deutungsbilder bis ins heutige Stadtbild fortwirken, belegt Dr.-Ing. Carmen M. Enss (Uni Weimar) anhand bundesdeutscher (Wieder-)Aufbauplanungen der 1940er Jahre.

Szumin bei Warschau, Hansen-Haus, 1970, Oskar und Zofia Hansen (Bild: Mariusz Cieszewski, CC BY NC 2.0, via flickr)

Szumin bei Warschau, Hansen-Haus, 1970, Oskar und Zofia Hansen (Bild: Mariusz Cieszewski, CC BY NC 2.0, via flickr)

Der neue Blick

Zwei Autorinnen des Hefts wenden sich den nichtmateriellen Ausdrucksformen zu: Dipl.-Ing. Sabrina Florke (Uni Siegen) versteht die 750‑Jahr‑Feier Westberlins als Wiederentdeckung der eigenen Stadt. Unter dem Schlagwort “dificult heritage” schaut die Kulturwissenschaftlerin Dr. Henriette Bertram (Uni Kassel) auf das Belfast der Post-Konflikt-Zeit und seinen Umgang mit den Relikten der scheinbar überwundenen Gräben. Abschließend werden verschiedene Projekte zum Erhalt und zur Vermittlung des kulturellen Erbes ausgelotet: Prof. Dr. habil. Heike Oevermann (Uni Bamberg, Uni Weimar), Dr.-Ing. Mark Escherich (Uni Weimar/Denkmalbehörde Erfurt) und Dr.-Ing. Iris Engelmann (Uni Weimar) schildern studentische Annäherungen an das industrielle Erbe im Sinne eines community-orientierten, forschenden Lernens. Nicht zuletzt porträtiert der Architekt Dipl.-Ing. Achim Schroer für das Denkmalnetz Bayern, wie sich unterschiedliche Akteur:innen vom Artenschutzaktivismus bis zur Anti-Gentrifizierungsbewegung partnerschaftlich für ein Baudenkmal einsetzen können. Denn so kompliziert die Beweggründe in der akademischen Analyse auch erscheinen mögen, am Ende zählt die gemeinsame Begeisterung für die ererbten Kulturzeugnisse. (kb, 10.5.22)

Sandmeier, Judith/Selitz, Lisa Marie, Erbe – Ort – Prozess. Dimensionen des Historischen (Forum Stadt49, 1), Esslingen 2022.

Szumin bei Warschau, Hansen-Haus, 1970, Oskar und Zofia Hansen (Bild: Mariusz Cieszewski, CC BY NC 2.0, via flickr)

oben/Titelmotiv: Szumin bei Warschau, Hansen-Haus, 1970, Oskar und Zofia Hansen (Bild: Mariusz Cieszewski, CC BY NC 2.0, via flickr)

Identität und Erbe

Bauwerke sind ein Spiegel der Gesellschaft. Sei es der Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam, die Neue Frankfurter Altstadt oder das Bismarck-Denkmal in Berlin – auf die ein oder andere Weise konstruieren sie eine Identität und sind Bedeutungsträger eines gesellschaftlichen Erbes. Wo auf der einen Seite womöglich positive Effekte der Erinnerungskultur entstehen, sind auf der anderen Seite auch Konflikte vorprogrammiert: Historisierende Rekonstruktionen sind oft heftiger Kritik ausgesetzt, Denkmäler und Statuen werden immer wieder beschmiert und zu Boden gestürzt. Die Debatte um den Postkolonialismus ist auch in der Architekturwelt in vollem Gange. 

Als gemeinsame Einrichtung der Technischen Universität Berlin und der Bauhaus-Universität Weimar forscht das DFG-Graduiertenkolleg 2227 zu eben diesem Thema: Identität und Erbe. Eine gleichnamige Ringvorlesung gibt nun einen Überblick über die verschiedenen Facetten von gebautem Kulturerbe. Als nächstes referiert Johan Lagae am 7. Dezember in Weimar zum Thema “Sorry Congo !? On the positionality of architectural history in dealing with Congo’s colonial past”. Bis Anfang 2022 finden noch weitere Vorträge in Berlin, Weimar, Erfurt und Dessau-Roßlau statt. Im Podcast des Kollegs können sie zudem nachgehört werden. (re, 2.12.21)

Bismarck Denkmal in Berlin Tiergarten (Bild: jensdarup, CC BY-SA 3.0, 2012)

Von der Idee eines “sozialistischen Erbes”

Die Geschichte des Denkmalschutzes versteht sich heute rückblickend als Produkt der westlichen Moderne – und lässt dabei die sozialistische Welt weit außen vor. Doch nach 1945 war der Umgang mit dem kulturellen Erbe auch in den sozialistischen Staaten – von China, den UdSSR, des Ostblocks bis zu Asien, Lateinamerika und Afrika – ein identitätsstiftender Faktor. In der aktuellen Forschung bleibt Beitrag der Experten aus diesem Teil der Welt zumeist unbeachtet. Diesem Mangel will jetzt eine Tagung abhelfen.

Für die Konferenz “State Socialism, Heritage Experts and Internationalism in Heritage. Heritage Protection after 1945”, die vom 21. bis 22. November 2017 in Exeter stattfinden soll, werden bis zum 20. Juni noch Themenvorschläge gesucht. Mögliche Schwerpunkte könnten sein: das erwachende Interesse am baulichen Erbe in der sozialistischen Welt nach 1945, die transnationale und transkulturelle Verbreitung der Idee des Kulturerbes über den Eisernen Vorhang hinweg, die Rolle sozialistischer Experten im internationalen Diskurs, die Rolle internationaler Institutionen wie UNESCO, ICOMOS, ICCROM oder UIA, die Rolle des Kalten Kriegs, nationaler Traditionen, und internationaler Kooperationen bei der Entwicklung der Idee eines “sozialistischen Erbes”. Willkommen sind Abstracts (300-500 Worte) mit einem begleitenden Kurz-CV unter der Adresse: Natalie Taylor, N.H.Taylor@exeter.ac.uk. Ausgewählten Teilnehmer werden bis zum 20. Juli 2017 benachrichtigt. (kb, 5.5.17)

Buzludzha (Bild: Mark Ahsmann, CC BY SA 4.0)