Dessau: Betonglasfenster in Gefahr

Im Mai diesen Jahres nutzten Badegäste die letzte Chance in der alten Schwimmhalle am Brauhausberg in Potsdam zu schwimmen. Der moderne DDR-Bau von 1969 wird abgerissen. Zumindest die baugebundene Kunst wird jedoch überleben – indem man sie an den Neubau nebenan „bindet“. Auch die Dessauer Südschwimmhalle von 1976 soll abgerissen werden. Der Ersatzbau feierte bereits Richtfest. Auch hier findet sich ein „Kunstschatz“, nämlich ein Betonglasfries zum Thema „Wasser und Mensch“. Anders als in Potsdam, soll dieses Werk nach Angaben der Stadtverwaltung Dessau keinen Platz im Ersatzbau finden, denn es gäbe hier „einen schönen Ausblick auf Grünflächen, die bei einer farbigen Verglasung nicht mehr zur Geltung kommen würden“.

Obwohl die Stadt das Bild beim Abriss „sichern“ will, bleibt dessen Zukunft fraglich. Ihm wurde „keine überregionale Bedeutung“ zugesprochen. In Beton gegossene Dallglasstücke zierten viele öffentliche Bauten der 1960er und 1970er Jahre. Mit den Bauten verschwindet oft auch die Kunst. Besonders in den 1990er Jahren ging ein großer Teil der DDR-Betonglaskunst dieser Zeit verloren: Der Künstler Reginald Richter war neben dem Dessauer Bild beispielsweise auch an der Blume im Palast der Republik beteiligt. Eingelagerte Kunstwerke kommen nur noch selten ans „Licht“ – beispielsweise in einer Ausstellung in Frankfurt/Oder. (df, 15.6.17)

Bilder: Dessau, Südschwimmhalle/“Volksschwimmhalle“ (Titelmotiv: Martin Maleschka, Galerie: Martin Maleschka/Martin Schramme) – und eine Farb-Innenaufnahme gibt es bei flickr

Karl-Heinz Adler: „systeme / systems“

Karl-Heinz Adler: „systeme / systems“

Impression aus dem Ausstellungsaufbau zu "Karl-Heinz Adler. systeme / systems" (Bild: Galerie eigen + art, Berlin)
Bau-Kunst von Karl-Heinz Adler in Serie: Impression aus dem Aufbau der Berliner Ausstellung „systeme / systems“ (Bild: Galerie eigen + art, Berlin)

Oft, leider schon viel zu oft, haben wir an dieser Stelle über ein Werk des Künstlers Karl-Heinz Adler berichten müssen: die seriell-reliefierte Wandgestaltung am Verwaltungsgebäude auf dem Dresdener Robotron-Gelände, das aktuell weiter „gerupft“ wird und seiner künstlerischen Ausgestaltung beraubt wird. Der 1927 in Remtengrün im Vogtland geborene Adler lernte und studierte im und nach dem Krieg in Plauen, Berlin und Dresden. In seinen Collagen, Zeichnungen, Gemälden und (bau)plastischen Arbeiten, in seinen „Schichtungen“ und „Seriellen Lineaturen“ suchte er als konstruktiv gestaltender Künstler die Ordnung hinter den Dingen.

Ab 1960 wurde Adler aktiv in der  einflussreichen Produktionsgenossenschaft bildender Künstler „Kunst am Bau“ Dresden. Besondere Wirkung entfaltete er, als er 1968 mit Friedrich Kracht ein vielfach eingesetztes Betonformsteinsystem entwickelte. Nun wird Adlers Werk in Berlin mit der Ausstellung „systeme / systems“ einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Die Vernissage findet am 13. Oktober 2016 von 17 bis 21 Uhr in der Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin (Auguststraße 26, 10117 Berlin) statt. Im Anschluss wird die Präsentation bis zum 19. November 2016 zu sehen sein. (kb, 12.10.16)

Dresden: Kunst im Stadtraum 1945-89

Der Begriff „Kunst am Bau“ hat es nach jahrzehntelanger gießkannenartiger Förderung häufig betulicher Straßenmöbel eher zum zum Schimpfwort gebracht. Aber streift man die eigenen Vorurteile probehalber ab, ist die eigene Umgebung voller bemerkenswerter architekturbezogener Kunst (klingt doch gleich viel besser). Auch so in Dresden, auch so für die Jahre zwischen Kriegsende und Wende. Die Pusteblumen-Brunnen auf der Prager Straße, der Rutschelefant am Altmarkt … Reliefs, Wandverkleidungen, Säulen und viele Plastiken prägen den öffentlichen Raum der Stadt – allesamt dem Blick vertraut und zugleich doch seltsam unbekannt. Autorin Antje Kirsch zieht den Schleier von so manchem verborgenen Schatz der baugebundenen Kunst und lädt dazu ein, diese „schönen Nebensächlichkeiten“ als bewahrenswerte Begleiter unseres Lebens näher zu betrachten.

Kirsch steht für die Freie Akademie Kunst + Bau e. V. in Dresden. Am 15. August 1958 gründeten die Maler Rudolf Sitte, Siegfried Schade, Bruno Dolinski und Bruno Groth eine Produktionsgenossenschaft der angewandten Künste in Dresden. Sie erarbeiteten ein Musterstatut und alle Honorare wurden auf das Genossenschaftskonto überwiesen. Unter dem Dach der Genossenschaft entstand ein besonderes Experimentierfeld für baugebundene Entwicklungen wie Strukturwände, Formsteinsysteme, Spielplatzgeräte und spezielle, auch patentierte Verfahren zur Oberflächenbeschichtung von Beton. Und eben jene Innovationen lassen sich nun vom Bücherregal aus neu entdecken. (kb, 4.10.15)

Kirsch, Antje, Dresden. Kunst im Stadtraum. Architekturbezogene Kunst 1945 – 1989, Saxophon-Verlag, Dresden 2015, Softcover, 180 Seiten, 22 x 26 cm.

Titelmotiv: Buchcover