Wohnmaschinen

Für unter den moderneaffinen Weihnachtsbaum ist vorgesorgt, denn im Jovis-Verlag widmet sich eine neue Publikation der guten alten Wohnmaschine: Le Corbusiers Unité d’habitation „Typ Berlin“ enstand 1958 nahe dem Olympiastadion. Was ursprünglich wie die Wohnmaschine in Marseille aussehen sollte, geriet in der Hauptstadt – dank rigider Vorgaben der Auftraggeber – zum eigenständigen Bauwerk. Dieser „Typ Berlin“ nimmt eine „Außenseiterposition“ im Werk des Architekten ein.

Vor diesem Hintergrund haben sich Autoren aus Architektur, Stadtplanung, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft zusammengetan, um die Entstehungsgeschichte des Kulturdenkmals zu entschlüsseln. Hierfür wird die Entwicklung der klassischen Wohnmaschine von Marseille nachgezeichnet und die besondere Farbgebung ihrer kleinen Berliner Schwester näher untersucht. (kb, 15.12.19)

Högner, Bärbel (Hg.), Le Corbusier: Unité d’habitation „Typ Berlin“, Jovis-Verlag, Berlin 2019, Klappenbroschur, 17 x 24 cm, ca. 256 Seiten, ca. 180 Farbabbildungen, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-86859-563-5.

Berlin, Corbusierhaus (Bild: Jean-Pierre Dalbéra, CC BY 2.0)

Le Corbusier am Plärrer

Zu den ersten nachkriegsmodernen Bürogebäuden, die in Bayern unter Denkmalschutz gestellt wurden, zählte 1988 das Plärrerhochhaus. Es war seinerzeit gerade einmal 35 Jahre alt und heißt eigentlich „Geschäfts- und Werkstättengebäude der Städtischen Werke Nürnberg am Plärrer“. Architekt war Wilhelm Schlegtendal (1906-1994), der etliche Gebäude in der Frankenstadt entwarf. Unter ihnen sind die Passionskirche (1965-68), das „Sonnenwohnheim“ (1955-57) und das Nicolaus-Copernicus-Planetarium (1961), das sich direkt ans Plärrerhochhaus anschließt. Bis heute ist das mit 56 Metern einst höchste Gebäude Bayerns in Besitz der Stadtwerke. Und wie üblich sorgten die Brandschutzbestimmungen im Lauf der Jahrzehnte für Probleme, sodass seit 2016 eine Grundsanierung durchgeführt wird.

Was hat das jetzt mit Corbu zu tun? Es ist recht simpel, wie aus heutiger Sicht eine positive Überraschung: Bei der denkmalgerechten Sanierung des Hochhauses kamen die Originalfarben, in denen einzelne Wände gestrichen waren, wieder zum Vorschein. Und sie basieren auf dem 1931 und 1959 von Le Corbusier entwickelten, beliebig kombinierbaren Farbkonzept – an dem man sich jetzt wieder orientieren wird: Insgesamt 28 Töne werden das Hochhaus am Plärrer beleben. Jedes Stockwerk erhält an der konvexen Rückwand des Treppenhauses seine eigene Farbe. Die jeweilige Komplementärfarbe dazu findet sich in den nach Plänen des Büros Knerer und Lang neu gestalteten Büroräumen. (db, 7.9.19)

Nürnberg, Plärrerhochhaus (Bild: Andreas Praefcke, CC BY 3.0)

Le Corbusier trifft Fernand Léger

Angeblich lernten sie sich 1920 im „Café de la Rotonde“ in Montparnasse kennen: Le Corbusier und Fernand Léger. In den nächsten Jahren entspann sich eine intensive Freundschaft zwischen dem Maler und dem Architekten, die sich auch auf ihre jeweiligen Arbeiten auswirkte. Die Ausstellung „Le Corbusier et Léger. Visions polychromes“ im lothringischen Briey nimmt die auf Inspiration und Austausch basierende Beziehung in den Blick. Den Besuchern steht hier die von Le Corbusier gestaltete Cité Radieuse offen – inklusive Musterwohnung! Die von 1959 bis 1961 erbaute Hochhausscheibe rekurriert in ihrer farbenfrohen Gestaltung auf die Ansätze Fernand Légers.

Bei anderen Projekten arbeiteten Corbusier und Léger auch direkt zusammen. 1925 lud der Architekt seinen Freund Léger ein, ein Gemälde in seinem „Pavillon de l’Esprit Nouveau“ auf der Weltausstellung des Kunstgewerbes zu präsentieren. Auch in Corbusiers Pavillon für die Pariser Weltausstellung 1937 fand sich eine monumentale Fotomontage Légers. Die Ausstellung in Briey flankiert die Retrospektive „Fernand Léger. Le Beau est partout“ im Centre Pompidou im 40 Kilometer entfernten Metz. Sie ist noch bis zum 24. September zu sehen. (jr, 16.6.17)

Le Corbusier, Cité Radieuse de Briey (Bild: Jony54, CC BY SA 3.0)